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Ismaʿiliten

(arab. Ismāʿīlīya), auch Siebenerschia. Im Gegensatz zu den Zwölferschiiten (Schiiten) glauben die I., dass der vor seinem Vater, dem sechsten schiit. Imam Jaʿfar aṣ-­Ṣādiq, verstorbene Ismāʿīl oder dessen Sohn Muḥammad der siebte Imam gewesen sei und nicht etwa aṣ-­Ṣādiqs zweiter Sohn Mūsā al-­Kāẓim. Im Zentrum der ismaʿilit. Lehre steht die deutliche Unterscheidung zwischen dem allen Gläubigen zugänglichen Exoterischen (arab. ẓāhir) einerseits, d. h. den offensichtlichen, allgemein akzeptierten, geoffenbarten Schriften und den darin dargelegten religiösen Geboten, die sich mit der Offenbarung eines jeden Propheten ändern, und dem Esoterischen (arab. bāṭin) andererseits, d. h. den in den Schriften und Gesetzen verborgenen unveränderlichen Wahrheiten. Diese werden durch eine Interpretation kabbalist. Natur zugänglich gemacht. In einem zyklischen histor. Prozess von sieben Epochen bestimmen die «Verkünder» Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus und Mu­ḥam­mad, jeweils gefolgt von einem «Schweigenden», der das Verborgene der Offenbarung offenlegt, die ersten sechs Epochen. Erst der Mahdi, der in der Verborgenheit lebende siebte Imam, wird in der siebten Ära alle verborgenen Wahrheiten offenbaren. Die ismaʿilit. Pflichtenlehre weicht nur geringfügig von den Lehren der anderen Schiiten und der Sunniten ab. Die histor. bedeutendste ismaʿilit. Dynastie waren die Fatimiden. Von den zwischen dem 11. und 13. Jh. berüchtigten Assassinen in Iran leitet sich die Linie der Nizārīs her, die heute von Karīm Khān, dem Sohn des bekannten Agha Khān, geführt wird. I. leben in Jemen, Syrien, Iran, Indien, Afghanistan, Zentralasien und im muslim. Afrika. Ihre Zugehörigkeit zum Islam wird ihnen ebenso wie den Drusen und ʿAlawiten v. a. von sunnit. Muslimen bestritten.

Literatur:
Halm, H.: Die Schia, 1988. – Madelung, W.: Art. «Ismāʿiliyya», The Encyclopaedia of Islam, second edition. – Schmucker, W.: «Sekten und Sondergruppen», in Ende, W./Steinbach, U.: Der Islam in der Gegenwart, 1996, 663 – 683.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Anja Pistor-­Hatam, Universität Kiel, Islamwissenschaft

Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.

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