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28.1.2016

Urbanisierung und Siedlungsformen

Landflucht und Verstädterung sind nur zwei Schlagworte. Doch sie stehen für eine deutschlandweite Verschiebung: Seit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 wuchs die deutsche Stadtbevölkerung kontinuierlich. Erst seit der Wiedervereinigung stagniert diese Entwicklung. Diese Analyse ordnet die Langzeitdaten ein.

Tabelle 5: Gemeindegrößen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Verstädterung in Deutschland kennt zwei Hochphasen: Die erste war die mittelalterliche Welle der Stadtgründungen im 12. und 13. Jahrhundert; in der zweiten Phase wurden vorwiegend nicht mehr neue Städte gegründet, sondern es handelt sich um eine Binnenmigrationswelle vom Dorf in die urbanen Zentren. Dies ist ein Prozess, welcher im frühen 19. Jahrhundert begann und sich seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts langsam im Ausklingen befindet. In Deutschland begannen sich in den 1830er Jahren die mittelalterlichen Städte nach außen zu öffnen, indem sie ihre Wälle, Gräben und Stadtmauern schleiften. Nun durfte auch außerhalb der Stadtmauern gesiedelt werden. Der Rechtsunterschied zwischen Stadtbewohner und leibeigenem Landbewohner wurde beseitigt. Die nun vorhandene Freiheit zu räumlicher Mobilität ließ die Landbevölkerung in die sich entwickelnden Industriestädte ziehen. Ein starkes Bevölkerungswachstum derjenigen Städte, welche Industrie ansiedeln konnten, war die Folge. Es gab allerdings auch Städte, welche mehr oder weniger Ackerbürgerstädte blieben, teils wegen abgelegener Lage, ohne Industrie und ohne Anbindung an die Eisenbahn. Die Dörfer, welche Teile ihrer Einwohner an die Städte verloren, wiesen ein viel schwächeres Bevölkerungswachstum auf als die Empfänger des Bevölkerungsstroms.[1]

Abbildung 6: Einwohner nach Gemeindegrößenklassen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Tabelle 5 und Abbildung 6 zeigen die kontinuierliche Verschiebung der Bevölkerungsanteile von den kleinen Wohngemeinden zu den dichteren Agglomerationen. Bei der Reichsgründung im Jahre 1871 lebten noch 63,9 Prozent der deutschen Bevölkerung in Gemeinden mit bis zu 2 000 Einwohnern. Es muss hier aber gesagt werden, dass die Masse der Dörfer weit weniger Einwohner hatte und dass eine große Zahl der mittelalterlichen Städte Ackerbürgerstädte blieben und im Jahre 1871 häufig weniger als 2 000 Einwohnern zählten. So war Deutschland am Vorabend der Hochindustrialisierung immer noch vorwiegend ländlich geprägt. Die relative Bevölkerungsabnahme in den kleinen und kleineren Gemeinden und das Wachstum der mittleren Gemeinden und Großstädte blieb bis etwa 1970 ein kontinuierlicher Prozess. In der Bundesrepublik veränderten die Gemeindereformen der 1970er Jahre das statistische Bild. Ziel der Gemeindereformen war die Zusammenlegung kleiner und kleinster Gemeinden zu großen und größeren -Gemeindeeinheiten, um die Verwaltung zu vereinfachen und Kosten zu sparen. Tabelle 5 und Abbildung 6 zeigen deutlich den "Knick" von der Volkszählung 1970 auf 1987 mit einem Einbruch des Bevölkerungsanteils in den Gemeindegrößenklassen bis zu 5 000 Einwohnern. Größere Gemeinden konnten durch die Gemeindereformen ihren prozentualen Bevölkerungsanteil erhöhen. Häufig erfolgte trotz der Verwaltungszusammenlegung kein Zusammenwachsen der Siedlungen; die sozio-ökonomische Einheit "Dorf" wurde kurzfristig keineswegs aufgehoben. Seit etwa den 1980er Jahren lässt sich ein Ende des säkularen Urbanisierungsprozesses ausmachen: Der Anteil der Großstadtbevölkerung ist im wiedervereinigten Deutschland seit 1991 mit 32 Prozent und 2009 31 Prozent sogar leicht rückläufig. (siehe Tab 5, Abb 6)
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Fußnoten

1.
Jürgen Reulecke: Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt a. M. 1997.

Franz Rothenbacher, Georg Fertig

Franz Rothenbacher

Dr., Mannheimer Zentrum für Europäische Sozial­forschung (MZES), Universität Mannheim - Bevölkerung, Haushalte und Familien


Georg Fertig

Prof. Dr., Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg - Bevölkerung, Haushalte und Familien


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