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3.2.2016

Datengrundlage

Meist sind es staatliche Stellen, die statistische Bevölkerungszahlen erheben. Das proto- und frühstatistische Quellenmaterials des 18. Jahrhunderts wurde erst seit den 1990er Jahren systematisch erschlossen - ermöglicht nun aber Analysen über mehrere Jahrunderte hinweg.

Daten zu Haushalt und Familie wurden seit dem frühen 19. Jahrhundert zunehmend systematisch von staatlichen Behörden erhoben und publiziert. Dafür wurden einerseits die jährlichen Daten zur Bevölkerungs­bewegung genutzt, die von den bis 1874 für das Personenstandswesen zuständigen Kirchengemeinden (und danach von den Standesämtern) festgehalten wurden, andererseits, meist im Dreijahresrhythmus, Ergebnisse von Volkszählungen. Für die Zeit nach 1871 hat das Kaiserliche Statistische Amt, später das Statistische Reichsamt, in der DDR die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik und in der Bundesrepublik das Statistische Bundesamt entsprechende Reihen publiziert. Komplex ist die Quellenlage daher allenfalls für die Zeit vor 1871, und zwar aus drei Gründen: Erstens weil auf die Daten der einzelnen, erst 1871 zusammengeschlossenen ­Territorien zurückgegriffen werden muss, zweitens weil es sich um eine Übergangsperiode zwischen der "Protostatistik" des 18. Jahrhunderts und der modernen amtlichen Statistik handelt, drittens weil bereits im 19. Jahrhundert nachträgliche Rekonstruktionen zu zentralen Reihen der Zeit vor 1871 mit räumlichem Bezug auf das spätere Reichsgebiet erstellt wurden[1], die in der nachfolgenden Forschung[2] weiter verwendet ­wurden, trotz ­ihres historisch unangemessenen Territorialbezugs und obwohl sie vor allem auf Einzelstaatsebene vielfach von den zugrunde liegenden Archivquellen bzw. der zeitgenössischen Publizistik abweichen.

Zu einer systematischen Erschließung des proto- und frühstatistischen Quellen­materials für Deutschland kam es erst seit den 1990er Jahren durch Rolf Gehrmann bzw. das Laboratory for Historical Demography am Max-­Planck­Institut für demografische Forschung in Rostock.[3] Die in diesem Abschnitt für die Zeit vor 1871 verwendeten Werte für (mittlere) Einwohnerzahl, Geburten-, Sterbe- und Heiratsraten beruhen auf einer Auswertung des von Gehrmann erschlossenen Quellenmaterials durch Christian Schlöder (Publikation in Vorbereitung). Für andere Reihen, zum Beispiel Alters- und Jugendlastquotienten, Totale Fruchtbarkeitsrate und männliche Übersterblichkeit können vor 1871 zwar keine gesamtdeutschen, aber zumindest preußische Daten berechnet werden.[4]

Zum Weiterlesen empfohlen



Josef Ehmer: Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie 1800 – 2010, München 2013.

Andreas Gestrich /Jens-Uwe Krause / Michael Mitterauer: Geschichte der Familie, Stuttgart 2003.

Georg Fertig: Demographische Revolution: Die Geschichte der Weltbe­völkerung, 1700 –1914, in: Walter Demel /Hans-Ulrich Thamer (Hrsg.): Wissenschaftliche Buchgesellschaft Weltgeschichte, Bd. 5: Die Entstehung der Moderne: 1700 bis 1914, Darmstadt 2010, S. 13 – 40.

Rolf Gehrmann/Thomas Sokoll: Historische Demographie und quantitative Methoden, in: Michael Maurer (Hrsg.): Aufriß der historischen Wissen­schaften, Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2003.

Patrick R. Galloway / Eugene A. Hammel / Ronald D. Lee: Fertility Decline in Prussia, 1875 –1910: A Pooled Cross-Section Time Series Analysis, in: Population Studies, 48 (1994), 1, S. 135 –158.

Arthur E. Imhof: Einführung in die historische Demographie, München 1977.

Franz Rothenbacher: Historische Haushalts- und Familienstatistik von Deutschland 1815 –1990, Frankfurt a. M. 1997.

Lastquotient
Lastquotienten messen die Altersstruktur einer Bevölkerung. Im Nenner steht jeweils die Altersgruppe der Erwerbsfähigen, im Zähler beim Alters­lastquotienten die Altersgruppen der nicht mehr Erwerbsfähigen (heute v.a.: der Rentner und Pensionäre), beim Jugendlastquotienten die noch nicht Erwerbsfähigen (Kinder und ­Jugendliche) bzw. beim Gesamtlastquotienten beide Gruppen. Damit können Lastquotienten als Indikator für die Transferleistungen von den erwerbsfähigen Generationen hin zu den im 19. Jahrhundert sehr zahlreichen Jungen bzw. zu den im 20. Jahr­hundert zunehmend zahlreichen Alten interpretiert werden.

Haushaltsformen
In der historischen Demografie werden verschiedene Typen des Zu­sammenwohnens von Familien in einem Haushalt unterschieden.
Die grundlegenden Haushaltsformen sind (1) der einfache oder "Kernfamilien"-Haushalt, bestehend aus einem Ehepaar und seinen Kindern, (2) der erweiterte Familienhaushalt, das heißt eine "Kernfamilie" mit nicht mehr oder noch nicht verheirateten Großeltern oder Enkeln, und (3) der multiple Familienhaushalt, in dem zwei oder mehr Paare zusammenleben (zum Beispiel Großeltern mit Sohn und Schwiegertochter in einer "Stammfamilie"). Als "komplex" werden erweiterte und multiple Familienhaushalte bezeichnet.

Differenzierung
Differenzierung bezeichnet hier die Arbeitsteilung zwischen sozialen Institutionen wie z.B. Familie/Haushalt, soziales Sicherungssystem usw. Durch das Wachstum der gesellschaftlichen Arbeitsteilung insbesondere seit Beginn der Industrialisierung kam es zu einer Verlagerung von Funktionen weg von Familie und Haushalt zu spezialisierten Systemen (z.B. soziale Sicherheit, Bildung). In einem Gegenprozess wurden vorindustrielle Familie und Haushalt weniger arbeitsteilig und multifunktional (z.B. keine Ausbildung von Lehrlingen mehr) und spezialisierten sich auf die Reproduktion.
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Fußnoten

1.
Kaiserliches Statistisches Amt (Hrsg.): Stand und Bewegung der Bevölkerung des Deutschen Reichs und fremder Staaten in den Jahren 1841 bis 1886. Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge Bd. 44, Berlin 1892.
2.
Statistisches Bundesamt: Bevölkerung und Wirtschaft 1872 –1972, Stuttgart/Mainz 1972; Peter Flora/Franz Kraus/Winfried Pfenning: State, Economy, and Society in Western Europe. A Data Handbook in Two Volumes. Vol. II: The Growth of Industrial Societies and Capitalist Economies, Frankfurt a. M./London/Chicago 1987; Antje Kraus (Bearb.): Quellen zur Bevölkerungsstatistik Deutschlands 1815 –1875. Quellen zur Bevölkerungs-, Sozial und Wirtschaftsstatistik Deutschlands 1815 –1875, hrsg. von Wolfgang Köllmann, Bd. 1. (Forschungen zur deutschen Sozialgeschichte, Bd. 2/I), Boppard am Rhein 1980.
3.
Rolf Gehrmann: Bevölkerungsgeschichte Norddeutschlands zwischen Aufklärung und Vormärz, Berlin 2000; Rolf Gehrmann: Die historisch­demographische Quellenlage zu Deutschland 1803 –1871. Länderberichte, unveröffentlichtes Manuskript des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, Rostock 2010.
4.
Pierre Depoid: Reproduction nette en Europe depuis l‘origine des statistiques de l‘Etat civil (=Etat français, Statistique générale de la France: Etudes démographiques 1; Paris: Impr. nationale, 1941), S. 9 – 41 (hier: S. 39); Ernst Engel: Die Sterblichkeit und die Lebenserwartung im preußischen Staate und besonders in Berlin, in: Zeitschrift des königlich Preußischen Statistischen Bureaus 1– 2, 1861–1862, S. 321– 353; 50 – 69, 192 – 243; A. von Fircks: Rückblick auf die Bewegung der Bevölkerung im preußischen Staate während des Zeitraumes vom Jahre 1816 bis zum Jahre 1874, Berlin 1879.

Franz Rothenbacher, Georg Fertig

Franz Rothenbacher

Dr., Mannheimer Zentrum für Europäische Sozial­forschung (MZES), Universität Mannheim - Bevölkerung, Haushalte und Familien


Georg Fertig

Prof. Dr., Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg - Bevölkerung, Haushalte und Familien


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