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28.1.2016

Das religiöse Feld schrumpft

Kirchenaustritte und ein zunehmende religiöse Pluralisierung der Gesellschaft: Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren fast 99 Prozent der Deutschen entweder evangelisch oder katholisch. Seit den 1970er Jahren sinken die Mitgliederzahlen stetig.

Tabelle 1: Religionszugehörigkeit Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Prägender Faktor des religiösen Lebens waren traditionell die christlichen Konfessionen, in Form der katholischen und evangelischen Kirchen. Bis zum Ersten Weltkrieg waren knapp 99 Prozent der Bevölkerung evangelisch oder katholisch. Noch in den 1960er Jahren lag der Anteil beider Bekenntnisse zusammen bei etwa 95 Prozent, die kirchliche Prägekraft war also zumindest äußerlich noch stark. Eine Erosion dieser Bindung lässt sich seit den 1970er Jahren konstatieren. 1987 umfasste der Anteil der christlichen Großkonfessionen noch ca. 85 Prozent, nach der Wiedervereinigung sank dieser Anteil auf etwa 67 Prozent im Jahr 2001 und auf rund 60 Prozent im Jahr 2011. Auch wenn die christlichen Kirchen damit formal immer noch die größte Gruppe von Gläubigen repräsentieren, ist der Bedeutungsverlust offensichtlich. (siehe Tab 1)

Momentaufnahme: Asymmetrischer Pluralismus im Jahr 2011



Der Bedeutungsverslust der Kirchen in einem sich verändernden religiösen Feld resultierte einerseits aus den Austritten der Mitglieder, andererseits aber auch aus Migrationsprozessen. Beides führte dazu, dass die Zahl der (formal) keiner Glaubensgemeinschaft Zugehörigen wuchs, parallel aber auch die Anzahl der Religionen anstieg.

Abbildung 1: Zensus 2011 - Religion in Deutschland in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

In einer Momentaufnahme lässt sich die religiöse Signatur Deutschlands für das Jahr 2011 auf Grundlage des Zensus und anderer Quellen folgendermaßen charakterisieren: Formal spielt das Christentum immer noch eine dominante Rolle – knapp zwei Drittel der Bevölkerung lassen sich den beiden großen Konfessionen bzw. Freikirchen zuordnen. Rund 10 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich explizit als "nicht gläubig" bzw. folgen explizit keiner spezifischen Religion oder Weltanschauung. Rund 5 Prozent der Bevölkerung werden dem Islam zugerechnet, wobei ähnliche Probleme wie bei den christlichen Kirchen existieren: Auch hier lässt sich wenig über praktizierte Religiosität aussagen, da die Erfassung von Muslimen vor allem über nationale oder ethnische Kriterien erfolgt. Weitere 5 Prozent der Bevölkerung entfallen auf andere Religionen. Bemerkenswert ist, dass im Zensus 2011 rund ein Sechstel der Befragten keine Angaben zu ihrer Religion machen wollten. In der Summe lässt sich neben der immer noch starken Position des Christentums eine zunehmende Pluralisierung von Religiosität konstatieren. (siehe Abb 1)
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Thomas Großbölting, Markus Goldbeck

Thomas Großbölting

Prof. Dr., Historisches Seminar, Westfälische ­Wilhelms-Universität Münster - Religion


Markus Goldbeck

M.A., Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster -Religion


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