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28.1.2016

Populäre Religion?

Entkirchlichung, sinkende Mitgliederzahlen und gesellschaftlicher Bedeutungsverlust: Aber geht mit fortschreitender Säkularisierung auch das Interesse an religiösen Fragen verloren?

Nachdem die Betrachtungen bis hierher den Rückgang von Mitgliederzahlen sowie die rückläufige Teilnahme an kirchlicher Praxis beider Konfessionen deutlich machten, bleibt nun zu fragen, welches Interesse die Gesellschaft insgesamt an religiösen Themen hat. Im Folgenden wird versucht, die bisherigen Befunde im Lichte zweier weiterer Parameter zu untersuchen, nämlich des Buchmarktes und des Interesses am Studium der Theologie. Für beide Bereiche lässt sich vermuten, dass deren Entwicklung durch steigendes bzw. sinkendes gesamtgesellschaftliches Interesse – also die Mechanismen von Angebot und Nachfrage – unmittelbar beeinflusst wird. (siehe Abb 5)

Abbildung 5: Buchproduktion - Index (1968=100) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Unter der Annahme, dass jegliche Buchproduktion mit der Aussicht auf Absatz erfolgt, also auf einen Interessentenkreis ausgerichtet ist, verweist die Anzahl produzierter Bücher zu einem bestimmten Thema auf ein vorhandenes gesellschaftliches Interesse. Wird die allgemeine Buchproduktion mit der Produktion von Büchern zum Thema Religion verglichen – darunter sind religionswissenschaftliche Bücher im engeren Sinne ebenso subsumiert wie Ratgeberliteratur oder Sachbücher im weiteren Sinne –, so sind in der Entwicklung Parallelen und Unterschiede festzustellen (indexbasierte Betrachtung mit 1968 als Vergleichsjahr). Die allgemeine wie auch die religiöse Buchproduktion versechsfachten sich seit dem Zweiten Weltkrieg. Dabei war die Ausgangslage für beide Felder durchaus verschieden. Die Zahl jährlich veröffentlichter Bücher zu religiösen Themen war in der Zwischenkriegszeit im Vergleich zur Situation um 1950 mehr als doppelt so hoch, wobei die Gesamtzahl der veröffentlichen Bücher zu allen Themenbereichen vergleichsweise niedrig war. Anders dagegen verlief die Entwicklung des religiösen Buchmarkts zwischen 1970 und 2000 unterdurchschnittlich, das heißt, die Zahl der "produzierten" Bücher mit "religiösem" Inhalt stieg weniger stark als die der veröffentlichten Bücher insgesamt. Diese Daten scheinen nahezulegen, dass das Interesse an Religion bis zum Zweiten Weltkrieg als eher überdurchschnittlich zu bezeichnen ist, da der Marktanteil für religiöse Literatur vergleichsweise stärker war. Für die Zeit danach ist, trotz unterschiedlicher Entwicklungen im Detail, das Interesse an religiösen Themen insgesamt nicht geringer als an Büchern allgemein. Hingewiesen sei allerdings auf die Rolle von Einzelereignissen wie dem 11. September 2001, wodurch die Nachfrage zum Thema Religion massiv anstieg, etwa weil der Islam, aber auch Themen wie religiöser Extremismus verstärkt in den Blick kamen. Auch wenn die Entwicklung des religiösen Buchmarktes nur im Kontext des Gesamtbuchmarktes möglich ist und daher Vorsicht angeraten scheint, lassen sich doch einige Erkenntnisse gewinnen: Absolut betrachtet, hat religiöses Wissen seit dem 19. Jahrhundert einen beinahe stetigen Zuwachs erfahren, in Relation zu anderen Wissensfeldern aber an Bedeutung verloren. (siehe Tab 3)

Tabelle 3: Buchproduktion Theologie und Religion Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Ein bedeutender Faktor für die religiöse Kommunikation ist das Internet, das dem Buchmarkt starke Konkurrenz macht – vor diesem Hintergrund erscheint die Entwicklung des Buchmarktes für religiöse Literatur seit 1990 umso eindrucksvoller. Als Anbieter religiöser Themen kann das Internet zumindest nicht ignoriert werden. Fachbeiträge auf offiziellen Seiten werden ebenso konsultiert wie Informationen zu individuellen Fragen der Lebensführung in Foren- und Chatcommunities. In der Tendenz bringt diese neue Form der religiösen Kommunikation einen weiteren Schub zur Auflösung des traditionellen religiösen Feldes, da sich im Netz neue religiöse Zugänge und Praktiken einfacher und direkter an das eigene Publikum wenden können. Das Internet wird die religiöse Kommunikation weitreichend verändern, ohne dass bisher absehbar ist, in welcher Intensität und Dichte der Wandel erfolgen wird.[1]

Ähnlich wie die Präsenz religiöser Literatur auf dem Buchmarkt lässt sich auch die Zahl der Studierenden in den christlichen Theologien als Indikator für die gesellschaftliche Relevanz nicht nur des akademischen Faches, sondern auch der damit verbundenen Religionsgemeinschaften deuten. Zwar schlagen bei der Wahl eines Studienfaches auch Überlegungen zur jeweiligen Arbeitsmarktsituation wie auch zum gesellschaftlichen Prestige der Stellung eines Geistlichen durch. Für diejenigen aber, die durch ihre Studienwahl ein persönliches Interesse an Religion und Glaube bekunden, kann wohl eine gewisse Affinität zum Thema Religion vorausgesetzt werden, zumal dann, wenn Studierende nicht zwangsläufig eine Tätigkeit als Pfarrer oder Priester anstreben. (siehe Abb 6, Abb 7)

Abbildung 6: Relative Entwicklung der Theologiestudierenden und der Studierenden insgesamt Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Entwicklung der Studierendenzahlen im Bereich Theologie weist zwischen den 1830er und 1960er Jahren ein stabiles bzw. stabil steigendes Niveau auf. Ein markanter Bruch in den 1970er Jahren ist zu konstatieren, als es im Zuge der allgemeinen Bildungsexpansion auch im Bereich der Theologie zu einer massiven Ausweitung der Studierendenzahlen kam, die seit den 1980er Jahren gegen den Trend der allgemeinen positiven Entwicklung der Studierendenzahlen aber auch wieder massiv abnahmen. Als "klassisches" Studienfach hatte das Theologiestudium im 19. Jahrhundert einen hohen Anteil an der Zahl der Studierenden insgesamt.

Abbildung 7: Anteil der Theologiestudierenden an der Gesamtzahl der Studierenden Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Trotz zwischenzeitlicher Schwankungen sank dieser Anteil aber von fast 38 Prozent im Jahr 1830 auf unter 1 Prozent im Jahr 2004. Ein Grund dafür ist zweifelsohne in der Ausweitung des Universitätssystems zu suchen. Während die absolute Zahl der Theologiestudierenden eher gleich blieb, stieg die Gesamtzahl der Studierenden immens. Das Theologiestudium verlor also relativ an Bedeutung, besetzt aber bis jetzt recht stabil eine Nische. Auch hier ist von einem relativen Bedeutungsverlust der Religion auszugehen, der allerdings weniger aus einer Abwendung von Religion als Berufsfeld resultierte, als vielmehr aus einer Expansion und gleichzeitigen Pluralisierung des akademischen Bereichs.
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Fußnoten

1.
Douglas E. Cowan: Religion on the Internet, in: James A. Beckford/ Jay Demerath (Hrsg.): The SAGE Handbook of the Sociology of Religion, London u.a. 2007, S. 357– 375.

Thomas Großbölting, Markus Goldbeck

Thomas Großbölting

Prof. Dr., Historisches Seminar, Westfälische ­Wilhelms-Universität Münster - Religion


Markus Goldbeck

M.A., Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster -Religion


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