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counter 31.8.2016

Einführung: 5 Fragen zum Community Organizing

(flickr/badlyricpolice) Lizenz: cc by/2.0/de

Community Organizing – Was ist das?



Community Organizing ist eine Methode zur aktivierenden Beziehungsarbeit zum Aufbau von Bürger-Organisationen, zum Beispiel in benachteiligten Stadtteilen. Das Ziel ist, dass Bürgerinnen und Bürger konstruktiv ihre eigene Stadt mitgestalten können. Sie werden zusammengebracht und dabei unterstützt, für ihre eigenen Interessen einzutreten und eine nachhaltige Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen zu erwirken. Machtbeziehungen sollen verändert werden, so dass Menschen sich nicht ohnmächtig fühlen und Entscheidungsträgerinnen und -trägern „auf Augenhöhe“ begegnen. Die Lebenslage der Menschen aus mittleren und unteren Gesellschaftsschichten soll konkret verbessert werden. Community Organizing möchte dauerhafte und nachhaltige Bürger-Organisationen entstehen lassen, die Strategien ausformulieren, soziale Konflikte benennen, Aktionen durchführen und mit Machthabenden verhandeln können. Dauerhafte Veränderungen von Machtbeziehungen und partizipatorische Strukturen werden angestrebt, um Demokratie mit Leben zu füllen.[1]

Community Organizing kommt aus den USA. Als Gründervater gilt der radikaldemokratische Bürgerrechtler Saul David Alinsky (1909-1972). Community Organizing wird zunehmend auch in Deutschland und Europa durchgeführt. Seine Aspekte fließen auch in Bereiche der sozialen Arbeit von Kommunen und anderen Trägern ein. In Deutschland werden je nach Ansatz für Community Organizing auch Begriffe wie Bürgerplattform, Bürgerforum, Bürgerorganisation oder Stadtteilvertretung verwendet.

Wie funktioniert es konkret?



Meist besteht der Community Organizing Prozess aus drei bis vier Phasen, die jedoch nicht immer trennscharf voneinander zu unterscheiden sind:
  1. Zuhören und Auswerten
    Persönliche Einzelgespräche mit den Betroffenen bzw. Schlüsselpersonen im Stadtteil, um die Menschen, ihre Werte, Interessen, Probleme und Wünsche kennenzulernen und Beziehungen aufzubauen. Gemeinsame Treffen und Versammlungen, bei denen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Gruppen (Vereine, Kirchen, Moscheen etc.) und interessierte Menschen zusammenkommen, einander kennenlernen und Vertrauen aufbauen und wo die Ergebnisse der Einzelgespräche vorgestellt werden.
  2. Themen definieren und nachforschen
    Die Probleme und Missstände werden identifiziert, es werden Nachforschungen angestellt und gemeinsam Analysen sowie realistische Lösungsstrategien erarbeitet.
  3. Aktionen und Problemlösungen
    Aktionen werden strategisch geplant und durchgeführt. Zur Umsetzung werden Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit einbezogen und gegebenenfalls bestehende Widerstände demokratisch bearbeitet.
  4. Auswertung/Aufbau von Organisationsstrukturen
    Der Prozess wird reflektiert, es wird entschieden, ob, woran und wie weitergearbeitet wird, die Arbeit wird weitergeführt.

Was hat Community Organizing mit politischer Bildung zu tun?



Community Organizing kann als Form politischer Bildung betrachtet werden. Denn der Prozess aktiviert Bürgerinnen und Bürger, sich für ihre eigenen Belange einzusetzen. Es geht nicht darum, "Betroffene" zu beschützen oder für sie zu sprechen. Sie sollen sich selbst kümmern und werden dabei begleitet. Die Teilnehmenden lernen umfassend durch die eigene Praxis, wie politische Entscheidungsprozesse ablaufen und welche unterschiedlichen Formen von Macht und Interessen es gibt. Sie sind mehr als Zuschauer oder Wählerinnen. Sie richten ihre Anliegen direkt an die Verantwortlichen und im Idealfall kommt es zu Gesprächen und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dabei werden verschiedene Standpunkte zum Thema ausgetauscht und gemeinsame Lösungen angestrebt. Vertreterinnen vieler gesellschaftlicher Gruppierungen kommen zu Wort, unabhängig von ihrer Nationalität und Wahlberechtigung.

Wie wird die Arbeit finanziert?



Ein wichtiger Aspekt des Community Organizing ist die finanzielle Unabhängigkeit von staatlichen Mitteln. Bewusst wird bei vielen CO-Prozessen einer US-amerikanischen Tradition folgend auf Beantragung öffentlicher Fördergelder verzichtet. So sollen die Prozesse frei von politischen Interessen oder Zielen spezieller Förderprogramme ganz unabhängig über ihre politischen Themen und Arbeitsweisen entscheiden können. Geld ist nötig, um etwa Treffen, Fortbildungen und Reisen zu finanzieren und um ggf. hauptamtliche Organizer zu entlohnen sowie für tägliche Büroarbeit und Materialien. Spenden von Unternehmen und Privatpersonen, Mitgliedsbeiträge der teilnehmenden Personen und Organisationen und Mittel von Stiftungen bilden den typischen Finanzmix von Community Organizing. Eigenbeiträge von Mitgliedern erhöhen ein Zugehörigkeitsgefühl, finanzielle Unabhängigkeit fördert das Selbstbewusstsein der Organisation. Bei großen, breit angelegten Bürgerplattformen wie in Berlin oder aktuell seit 2015 in Köln sind Gespräche mit Vertretern der Wirtschaft und von Stiftungen essenzieller Bestandteil der ersten Vorbereitungen.

Wer sind die Haupt-Akteure in Deutschland?



In Deutschland sind im Wesentlichen zwei Organisationen mit Community Organizing befasst:

Forum Community Organizing – FOCO e.V.
Eine Gruppe um Marion Mohrlok, Rainer und Michaela Neubauer und Walter Schönfelder aus Freiburg, die sich theoretisch und praktisch mit Community Organizing in den USA befasst hatten, gründete den Verein FOCO e.V. Sein Ziel ist, Prinzipien und Methoden des Community Organizing in Deutschland zu verwurzeln und weiter zu entwickeln. Der Verein unterstützt und begleitet Menschen und Organisationen, die Bürgerorganisationen aufbauen und Methoden und Strategien aus dem Community Organizing erlernen und umsetzen wollen. FOCO ist ein Forum und Netzwerk für gegenseitigen Austausch, sowie Ausbildung, Training und Begleitung/Beratung von Interessierten und von Projekten. Der Verein hat einen offenen Ansatz und würdigt verschiedene Ansätze des Community Organizings. Es unterstützt die Übernahme von Methoden in bestehende Projekte von Gemeinwesenarbeit.

Weitere Informationen: www.fo-co.info

Das Deutsche Institut für Community Organizing – DICO
Leo Penta aus den USA baute zunächst einzelne Community Organizing Projekte in Berlin und Hamburg auf und gründete dann das Deutsche Institut für Community Organizing. Das Institut versteht sich als Kompetenzzentrum für Bürgerplattformen in Deutschland und als Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis. Penta prägte den deutschen Begriff "Bürgerplattform" als Übersetzung für Community Organizing. Zentral für diese Bürgerplattformen ist, dass sie auf einer breiten Basis und der Teilnahme vieler gesellschaftlichen Gruppen gründet.

Das DICO unterstützt den Aufbau und die Begleitung von Bürgerplattformen u.a. durch die Ausbildung und das Mentoring hauptamtlicher Organizer vor Ort, Trainings und Seminare für Schlüsselpersonen, den Erfahrungsaustausch der Ehrenamtlichen untereinander und mit den internationalen Partnerorganisationen und bei der Geldakquise.

Weitere Informationen: http://www.dico-berlin.org

Fußnoten

1.
http://www.fo-co.info/organizing/was-ist-community-organizing.html
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