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31.8.2016

Im Interview: Hille Richers, Forum für Community Organizing e.V.

(© Hille Richers)

"Es fehlt das Verständnis, dass Engagement auch Organisierung braucht"

Hille Richers ist zweite Vorsitzende und Gründungsmitglied des seit 1992 bestehenden Forums für Community Organizing e.V. (FOCO). In den USA, dem Mutterland des Community Organizing (CO), hat sie sich 1985 in San Francisco und später in Chicago ausbilden lassen. Seit 2005 ist sie in Teilzeit für Gemeindeentwicklung und Fundraising der Evangelischen Gemeinde zu Düren zuständig. Als ausgebildete Fundraising Managerin hat sie nicht nur die Stadtteilarbeit im Blick, sondern auch deren Finanzierung. Im Interview ließ sie uns wissen, wo dabei die Herausforderungen liegen.

Mehr unter www.fo-co.info

Akquisos: Frau Richers, in einem Artikel schrieben Sie, dass Fundraising das Selbstbewusstsein von Bürgerorganisation stärkt. Können Sie das erläutern?

H. Richers: Ein wichtiger Teil des Community Organizing besteht darin, unabhängig zu sein und sich von niemandem Themen vorschreiben zu lassen. Wenn man Fördergelder beantragt, dann besteht Gefahr, dass das Projekt den Förderern "gehört". Ein erster Schritt sind Eigenmittel. Damit sind v.a. Mitgliedsbeiträge gemeint. Alle Mitmacher der Community sollten etwas beisteuern und sei es ein Mini-Beitrag. Wie auch bei Gewerkschaften entsteht Zugehörigkeit über das finanzielle Engagement. Der zweite Schritt ist das Einwerben von Geldern. Wenn ich andere aus dem Quartier für meine Sache gewinnen will, muss ich selbst dahinter stehen. So wird das Projekt zum eigenen Projekt. Und man schaut genauer hin: Es ist etwas anderes, ob ein Stadtteilladen mit Sozialarbeiter von der Kommune finanziert wird oder ob die eigene Organisation, in die man sich selbst finanziell eingebracht hat, als Akteur sichtbar wird.

Akquisos: Bringen die Bürgerinnen und Bürger in der Regel genug Eigenmittel auf?

Nein, das Geld reicht meist nur, um mal eine kleine Aktion zu machen. Aber wenn man CO betreiben will, braucht man einen bezahlten Organizer. Er oder sie ist wichtig, um die Organisation aufzubauen und am Laufen zu halten. Nicht, weil er die Führung übernimmt, das sollen die ehrenamtlichen Schlüsselpersonen machen. Aber er ist der Motor der Organisation: Er sorgt für regelmäßige Termine, hört zu, motiviert die Leute, die man beim Bürgerengagement normalerweise nicht erreicht, bringt sie zusammen und leitet sie an, wie man Ziele erreichen kann und wie man in einer Organisation zusammenarbeitet. Diese Person zu finanzieren ist nicht einfach. Sie sollte nicht von den Leuten bezahlt werden, die sie anleitet. Ich bin aber undogmatisch, woher das Geld stammt. In meinen Augen sind auch öffentliche Gelder denkbar.

Akquisos: Sehen Sie da keine Interessenkonflikte?

Nicht mehr oder weniger als auch bei Geldgebern aus der Wirtschaft. Ich möchte bestimmte Geldgebergruppen nicht per se ausschließen. Wichtig ist vielmehr, genau hinzuschauen, wer da Geld gibt und warum. Und: selbstbewusst in die Verhandlungen zu gehen, klar zu sagen, was man will. Es gibt Beispiele, wo freie Träger als Anstellungsträger für Community Organizer mit Kommunen zusammenarbeiten, die CO fördern. Diese Kommunen wissen, was sie davon haben, wenn sich Bürgerinnen und Bürger für ihre Stadt einsetzen. Auch wenn das oft mit Kritik einhergeht und für sie unbequem werden kann. Sie haben verstanden, dass das viel für den sozialen Zusammenhalt in der Stadt leistet, wenn sie die Menschen wahr- und ernstnehmen und als Partner sehen. Sie gewinnen dadurch Ansprechpartner in den Quartieren, die "zu kippen" drohen: Leute, die sich ohnmächtig fühlen und politikverdrossen sind. Da muss man sehr genau zuhören. Das ist das zentrale Thema von CO: Was haben die Menschen zu sagen? Wo sehen sie nötige Veränderungen?

Akquisos: Zurück zum Organizer: Warum ist es so schwierig ihn/sie extern zu finanzieren?

Alle sagen, wie wichtig das bürgerschaftliche Engagement ist. Trotzdem sind die meisten Fördertöpfe auf konkrete Projekte ausgerichtet: Kinder, Flüchtlinge… Aber es fehlt das Denken, dass auch das Organisieren gefördert werden muss. Nicht nur die guten Taten, die hinten herauskommen. Das ist noch ein dickes Brett, das wir in Deutschland bohren müssen. Viele Stiftungen möchten gerne Community Development fördern, aber das Organizing ist ihnen zu politisch, zu frech. Es fehlt das Verständnis, dass das Organisieren dazugehört, wenn ich möchte, dass Menschen wach werden, sich engagieren und einmischen. In den USA haben viele Stiftungen dieses Organisieren in ihren Stiftungszwecken explizit verankert. In Deutschland ist das (noch) nicht so.

Akquisos: Große Bürgerplattformen rücken aber immer mehr ins Bewusstsein der Förderer, oder?

Ja, immerhin. Das begrüße ich. Ich würde mir aber wünschen, wenn auch kleinräumiger gedacht und gefördert würde. Nur so können Leute erreicht werden, die sich bisher noch gar nicht bürgerschaftlich engagiert haben. Gerade da ist gutes Zuhören und fachliches Know-how zum Aufbau von Selbstorganisation wichtig, damit Menschen ermutigt werden, sich für Verbesserungen zu engagieren und erfahren, dass sie mit ihrem Engagement etwas bewirken können. Da braucht es einen oder mehrere Organizer, die sehr lokal in Stadtteilen agieren. Große Bürgerplattformen erreichen Vereine und deren Mitglieder, aber weniger die, die bisher noch nicht organisiert sind.

Akquisos: Liebe Frau Richers, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg in Ihrem Engagement für mehr Engagement.
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