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2.6.2017

Im Fokus: Dafür statt dagegen

Neue Bürgerbewegungen
Politische Ereignisse und Entwicklungen der vergangenen Monate wie der Brexit, die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA oder der Aufschwung rechtspopulistischer, europafeindlicher Parteien in verschiedenen Ländern haben viele Menschen aufgerüttelt und dazu bewegt, ihre Meinung und ihren Protest auf die Straße zu tragen. Neu ist dabei: Statt wie so häufig GEGEN etwas zu demonstrieren oder zu polemisieren, gehen Bürgerinnen und Bürger wieder vermehrt FÜR etwas auf die Straße. Mit bunten kreativen Aktionen setzen sie sich für Menschen- und Bürgerrechte, für Vielfalt, Demokratie, Freiheit und für ein gemeinsames Europa ein. Es geht ihnen um Europafreundlichkeit und die Wertschätzung von wissenschaftlicher Forschung und Lehre – und um die Sichtbarkeit der vielen Menschen, die hinter diesen Ansichten und Werten stehen. Diese Veranstaltungen und Demonstrationen finden bewusst auch ohne konkreten Anlass oder eben vor Wahlen und Abstimmungen statt, um die Menschen zu motivieren, für diese Werte abzustimmen und nicht – wie zuletzt in Großbritannien und den USA - erst im Nachhinein den Schock über erschreckende Wahlergebnisse im Protest zu verarbeiten und zu zeigen, was man davon hält.

Science March Frankfurt am Main (© Science March)


Zwei Beispiele für solche neueren Bürgerbewegungen sind "Pulse of Europe" und der "March for Science". Pulse of Europe startete als Bürgerinitiative in Frankfurt am Main. Inzwischen versammeln sich jeden Sonntag in vielen Städten Deutschlands und weiterer europäischer Länder Menschen, um friedlich und gutgelaunt für ein vereintes, demokratisches Europa zu demonstrieren, "in dem die Achtung der Menschwürde, die Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz und Respekt selbstverständliche Grundlage des Gemeinwesens sind"[1] . Seit April 2017 ist "Pulse of Europe" ein eingetragener Verein, der sich als politisch, aber explizit überparteilich versteht. Auf den Veranstaltungen soll die Vereinnahmung durch bestimmte Parteien oder Interessensgruppen vermieden werden. Politikerinnen und Politiker sind willkommen, dürfen aber nicht selbst ans Mikrofon, sondern sollen vor allem zuhören.

Eine weitere Bewegung, der "March for Science" wurde zunächst in den USA initiiert, um für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung und ihren Wert für die Gesellschaft einzutreten. Dies war eine Reaktion auf wissenschaftsfeindliche Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, in denen er wissenschaftliche Erkenntnisse, etwa zum Klimawandel, negierte und diesen fragwürdige "alternative Fakten" entgegensetzte. In Deutschland schloss sich eine unabhängige Initiative der Idee eines Aktionstages an. So fanden in vielen Städten weltweit am 22. April 2017 Versammlungen, Demonstrationen und Aktionen statt, die den Nutzen von Forschung für Gesellschaft und Demokratie in die Öffentlichkeit trugen. In Deutschland nahmen nach Veranstalterangaben etwa 37.000 Personen teil. Die größte Kundgebung fand in Berlin mit 11.000 Teilnehmenden statt. Fast alle großen Wissenschaftsinstitutionen, wie der Deutsche Akademische Austauschdienst e.V. (DAAD), Helmholtz-Gemeinschaft oder Max-Planck-Gesellschaft unterstützten die Veranstaltung mit Grußworten und Aufrufen. Den Initiatorinnen und Initiatoren war es wichtig herauszustellen, dass der "March for Science" eine überparteiliche und überinstitutionelle Aktivität und keine Veranstaltung des Wissenschaftssystems sei.

Interessant bei der Zusammenschau scheint, dass beide Initiativen sich bewusst von Parteien und Institutionen abgrenzen und sich als Bürger/-innen-Initiativen verstehen. Die Protestaktionen waren und sind oft begleitet von Musik, oft witzigen Plakat- und anderen Aktionen und haben einen positiven Stimmungscharakter, der Zusammenhalt, Vielfalt und Offenheit betont. "Bei unseren Veranstaltungen läuft viel über Emotionen", beschreibt Daniel Röder, Initiator von "Pulse of Europe" den Erfolg. "Jeder verbindet mit der europäischen Freiheit etwas Eigenes. Die einen haben selbst mal Mauern eingerissen, die anderen marschierten für den Frieden, die Jüngeren reisen frei. Diese Emotionen spürt man auf unseren Demos. Da ist viel positive Energie. Wir wollen Europa wieder feiern – und anschließend auch reformieren und weiterentwickeln." Diese Form der Aktionen scheint auch Menschen auf die Straße zu locken, die sonst nicht unbedingt an politischen Demonstrationen teilnehmen würden. Wie die betont nicht parteipolitische Pro-Europa-Bewegung "Pulse of Europe" sich nach den großen Wahlen in Europa 2017 weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Weitere Informationen:
http://pulseofeurope.eu/
http://marchforscience.de/

…und ihre Finanzierung



Pulse of Europe: Zu Beginn finanzierten die Gründungsmitglieder die Veranstaltungen selbst und ließen den sprichwörtlichen Hut herumgehen. Spendendosen sind mittlerweile fester Bestandteil bei den Demos in allen Städten. Daneben wurde auf der eingerichteten Webseite ein Spendenformular eingestellt. Ein Ziel der Vereinsgründung war, die (vorläufige) Gemeinnützigkeit zu erlangen, um die Absetzbarkeit der Spenden zu ermöglichen. Zur Finanzierung der im März eingerichteten Geschäftsstelle mit zwei hauptamtlichen Kräften, die die Demos in allen Städten koordinieren und "Pulse of Europe" weiterentwickeln, reichen die Spendendosen nicht mehr aus. Schätzungsweise 350-500.000 Euro werden laut Daniel Röder für dieses Jahr benötigt, um alle Ziele zu erreichen. Seit kurzem lädt Pulse of Europe zu Fundraising-Dinnern ein, um die Spendeneinnahmen zu erweitern. Dazu werden potenzielle Spenderinnen und Spender aus dem Netzwerk eingeladen und um Spenden gebeten.

March for Science: Für die Finanzierung von Bühnen- und Veranstaltungstechnik, Druck von Plakaten etc. sammelte die Initiative Spenden. Sie richtete dafür Spendenkonten und einen Aufruf auf der Crowdfunding-Plattform Startnext ein, bei dem innerhalb eines Monats durch 205 Unterstützer 17.000 Euro zusammenkamen. Das ursprüngliche Funding-Ziel hatte bei 15.000 Euro gelegen.[2] Als Dankeschön erhielten die Unterstützerinnen und Unterstützer Geschenke mit geringem materiellem Wert wie Buttons oder Notizblöcke oder schlicht wie vom Veranstalter formuliert "Unsere Dankbarkeit", bei höheren Summen gab es auch bedruckte T-Shirts oder Kapuzenpullover. Es war zudem möglich, über die Crowdfunding-Plattform betterplace.org online zu spenden. Dort kamen 2.422 Euro zusammen.[3] Auch Stiftungen unterstützten den March for Science finanziell, zum Beispiel die Giordano-Bruno-Stiftung, die Klaus-Tschira-Stiftung und die Volkswagen-Stiftung.

Egal, ob sich die Ziele eines Vereins oder einer Organisation für oder gegen etwas richten: Je konkreter das Ziel desto einfacher wird die Finanzierung. Der March for Science war bisher eine einmalige Aktion. Es konnten sowohl Privatspenderinnen und -spender als auch Stiftungen dafür gewonnen werden. Die Privatpersonen ermöglichten über das Crowdfunding, dass der Marsch überhaupt stattfinden konnte. Das Ziel war entsprechend einfach und klar abgesteckt: Nur, wenn genug Spenden zusammenkommen, kann ein Zeichen gesetzt werden. Stiftungen konnten den March for Science als neues Projekt verstehen und so unterstützen.

Pulse of Europe verfolgt bisher ganz bewusst weit gefasste Ziele (s. Interview mit Daniel Röder). Die Finanzierung fußt auf den Teilnehmenden der Veranstaltungen, die sich dennoch stark mit der Idee verbunden fühlen. Der wachsende Finanzierungsbedarf kann aber langfristig nur über den Kreis der aktiv Teilnehmenden hinaus gedeckt werden. Konkrete Kampagnen und Projekte sollen daher nicht nur die dauerhafte Daseinsberechtigung von Pulse of Europe sichern (s. Interview), sie erleichtern auch die Mobilisierung von Unterstützerinnen und Unterstützern. Zugleich eröffnet sich die Möglichkeit Stiftungsgelder einzuwerben, denn die meisten Stiftungen stellen Fördergelder nach wie vor nur für Projekte bereit.

Fußnoten

1.
http://pulseofeurope.eu/
2.
https://www.startnext.com/marchforscience
3.
https://www.betterplace.org/de/abtest/ppp1/baseline?project_id=53687
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