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8.6.2020

Erfahrungsbericht: Corona-Spendenkampagne

"Ich hätte am liebsten eine Spendenaktion für die gesamte politische Bildung gemacht!"

(© ABC Bildungsstätte)


Dana Meyer ist seit November 2019 Geschäftsführerin des ABC Zentrums im niedersächsischen Hüll an der Elbe. Sowohl Bildungsangebote als auch das Tagungszentrum sind stark von den Corona-Maßnahmen betroffen. Während das Tagungszentrum komplett geschlossen werden musste, konnten einige Bildungsangebote digital durchgeführt werden. Die Finanzierung ist aber noch lange nicht gesichert. Dana Meyer berichtet uns, wie sie den Verein durch die Krise manövriert.
Mehr unter: www.abc-huell.de

Akquisos: Frau Meyer, welche Corona-Maßnahme hat Sie finanziell härter getroffen: Der Stopp der Bildungsangebote oder die Schließung des Gästehauses?

D. Meyer: Eindeutig das Gästehaus. Den Bildungsbereich konnten wir ganz gut digitalisieren. Wo-bei wir bis kurz vor Beginn nicht wussten, ob die Veranstaltungen auch so gefördert werden würden. Die Angebote, wie unser Barcamp der politischen Bildung (bcpb) und #OERcamp als Online-Barcamp für Multiplikator/-innen aus der Bildungsarbeit haben wir zudem kostenlos angeboten. Denn wir waren zunächst sehr pessimistisch, ob an so einem Online-Format überhaupt Leute teilnehmen. Am Ende war es mit 130 Teilnehmer/-innen ausgebucht! Anstelle des Teilnehmendenbeitrags haben wir die Möglichkeit zur Spende gegeben. Die Resonanz war verhalten, denn die Veranstaltung richtete sich an Fachkräfte der politischen Bildung, die selbst stark betroffen sind. Doch einzelne haben uns dankenswerterweise unterstützt.

Sie haben recht schnell eine Spendenaktion zur Rettung des ABC über eine Crowdfundingplattform gestartet. Wie kam es dazu?

Dana Meyer (© Dana Meyer)

Wir haben vor einigen Jahren schon einmal so eine Aktion gemacht, weil wir für die Sanierung unseres Reetdaches einen Eigenanteil brauchten. Unser pädagogischer Geschäftsführer hat sich daran erinnert und die Idee schnell eingebracht. Wir waren also nicht gänzlich unerfahren. Aber wir rufen nicht regelmäßig zu Spenden auf. Für mich persönlich war es neu.

Wie war Ihre Erfahrung mit der Aktion?

Wir waren in den ersten Wochen in einem aktionistischen Modus und haben das Ganze relativ schnell umgesetzt. Daher war es kein durchdachtes Konzept. Wir hatten einfach das Gefühl, wir müssen jetzt was machen. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob es eine staatliche Hilfe für uns geben könnte. Die wurde uns erst später bewilligt. Aber mir ging es bei der Spendenaktion nicht nur darum, uns zu retten, sondern um den gesamten Bereich der politischen Bildung als einer wesentlichen Säule unserer Zivilgesellschaft - und zwar in ihrer Pluralität. Es dürfen nicht nur die großen Häuser die Krise überleben, die in ein Netzwerk eingebettet sind. Es müssen auch die kleinen, freien Träger weiterbestehen. Jedes Haus hat eine eigene Herangehensweise und Spezialisierung. Das darf nicht verschwinden. Ich hätte gerne eine Spendenaktion für die gesamte politische Bildung gemacht!

Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Dafür, dass wir das nicht regelmäßig machen, ist es ganz gut gelaufen. Wir haben knapp 10.000 Euro an Spenden bekommen. Insgesamt sind wir jedoch hinter unserem Ziel zurückgeblieben. Es war gut, dass wir schnell waren und dass wir uns getraut haben, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Aber natürlich hätte es mehr Konzept gebraucht. Andere Häuser sind etwas später als wir gestartet und da hat man gesehen, dass die Aktionen besser geplant waren.

Was hätten Sie anders machen können?

Wir haben uns zu wenig Gedanken gemacht, wie wir die Leute erreichen. Mit welchen Infos und welchen Zielen sprechen wir wen an und wie? Wir hatten nicht genug Öffentlichkeit. Wir haben uns intuitiv sehr auf die Social Media Kanäle gestürzt. Damit haben wir aber nicht alle erreicht, denn viele Unterstützer/-innen sind gar nicht digital unterwegs. Unsere Gründungsmitglieder, langjährige Unterstützer/-innen, unseren Freundeskreis haben wir dadurch zunächst vernachlässigt. Die, die uns sehr verbunden sind, sind wir erst sehr spät angegangen. Da kamen dann zum Glück noch Spenden nach.

Wir hatten uns auch sehr darauf fokussiert, die Aktion in lokalen und regionalen politischen Kreisen zu verbreiten. Darauf erhielten wir praktisch keine Resonanz. Unsere Region ist strukturschwach und zu wenig digital. Politische Bildung schlüpft da schnell durch. Das ist einfach zu wenig "fancy", nicht griffig genug. Allein das Wort "Bildungsstätte"… Ich muss zu viel erklären, wofür wir stehen, das funktioniert im Fundraising nicht.

Haben Sie sich überlegt, wie Sie nun mit den Spenderinnen und Spendern weiter umgehen?

Wir wollten eigentlich alle Unterstützer/-innen ins Haus einladen. Das ist nun nicht möglich. Und bevor wir es weiter verschieben, werden wir nun ein kleines Online-Event starten, mit einem eigenen kulturellen Programm. Uns ist der persönliche Kontakt wichtig. Wir möchten unsere Wertschätzung zeigen und Danke sagen. Außerdem wollen wir informieren, wie der Stand der Dinge ist.

Wie ist Ihr Ausblick auf die nächsten Monate?

Mit ganz vielen Fragezeichen... Der Bildungsbereich wird weiterlaufen, aber der Tagungshausbetrieb ist schwierig. Wir sind aber an kreativen Lösungen dran. Letztlich hängt alles an den weiteren Auflagen zum Schutz unserer Gäste und Mitarbeiter/-innen sowie der Finanzierung. Ich fand die Spenden, die uns erreichten, so toll. Zu wissen, dass uns Leute Geld geben, weil sie unsere Arbeit wichtig und unser Haus toll finden, war Balsam für unsere Seelen und eine tolle Wertschätzung. Da haben wir viel Stärke raus gezogen. Aber das ersetzt keineswegs notwendige Rettungsschirme oder andere staatliche Hilfen. Die Spenden, die Soforthilfe und viele andere Maßnahmen haben uns etwas Luft verschafft, aber das sichert uns nicht langfristig. Diese Krise wird ein Marathon sein. Wir brauchen neue Ansätze, zum Beispiel Kooperationen, wo wir unsere Expertise anderen anbieten, um neue Quellen zu erschließen. Das muss uns ermöglicht werden.

Liebe Frau Meyer, vielen Dank für das offene Gespräch und alles Gute für das ABC Hüll!
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