zurück 
3.12.2020

Was bewegt die Generation `68 und Babyboomer?

Kurz-Interviews zum Engagement früher und heute

Wie "ticken" die Vertreterinnen und Vertreter der Babyboomer-Generation der heute 55-75-jährigen, die in der Zeit um 1968 und in den Jahren danach studierten und sich politisierten? Die Akquisos-Redaktion hat bei drei engagierten Menschen dieser Generation nachgefragt, welche Themen ihnen früher wichtig waren, was ihnen heute unter den Nägeln brennt - und wie sie sich konkret dafür einsetzen.

(© Marjan Apostolovic/photocase.com)


Willi N., 73 Jahre: "Klimawandel und Energiewende sind heute meine Themen"

Welche Themen waren Ihnen früher besonders wichtig? Haben Sie sich dafür engagiert?

Ich studierte Anfang der 1970er-Jahre in Gießen Lehramt. Die Seminare in Politik und Gesellschaftswissenschaften, aber auch die Bekanntschaft mit hochpolitisierten Leuten aus dem sozialistisch-kommunistischen Umfeld und die Debatte um Berufsverbote haben mein politisches Interesse geweckt. Gemeinsam mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern habe ich eine Studentengruppe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gegründet. Wir fanden es wichtig, fortschrittliche Einflüsse in die Lehrerbildung und in die Schulen einfließen zu lassen und uns zu organisieren.

Ab den 1980er-Jahren wurden mir Umwelt- und Energiethemen zunehmend wichtig. Ich wurde Mitglied der Grünen und habe mich unter anderem gegen Atomkraft und gegen einen Autobahnbau hier vor Ort eingesetzt. Auch in meiner Tätigkeit als Lehrer habe ich mich bemüht, bei meinen Schülerinnen und Schülern eine Verbundenheit zur Natur und Umweltbewusstsein herzustellen – durch Unterrichtsinhalte, aber auch mit Angeboten für Outdoor-Sport wie Kanufahren, Orientierungslauf oder Klassenfahrten per Fahrrad.

Was brennt Ihnen heute unter den Nägeln? Und wie setzen Sie sich dafür ein?

Seit einiger Zeit beschäftigen mich besonders die Themen Klimawandel und Energiewende. Ich bin inzwischen pensioniert und engagiere mich ehrenamtlich in verschiedenen Gruppen. Ich war zum Beispiel an der Gründung einer lokalen Energiegenossenschaft beteiligt, die sich für den Ausbau regenerativer Energien einsetzt. Die Genossenschaft betreibt mehrere Photovoltaikanlagen, ist an Windkraftanlagen vor Ort beteiligt und hat angestoßen, dass das hiesige Stromnetz wieder in kommunale Hände kommt.

Außerdem engagiere ich mich in einem Verein, der nachhaltige Mobilitätskonzepte voranbringen will. Wir organisieren gerade ein Carsharing-Angebot, stellen Mitfahrbänke auf und schaffen Lastenfahrräder an, die dann ausgeliehen werden können. Wir wollen den individuellen Autoverkehr reduzieren und treten für eine verbesserte Nahverkehrs- und Fahrrad-Infrastruktur ein. Ich bin auch immer mal wieder auf Demonstrationen unterwegs, zum Beispiel bei den Fridays for Future. Ich spende regelmäßig für eine Organisation, die Online-Petitionen startet, außerdem für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit in Brasilien. Ich bin dort mal hingereist und fühle mich dem Land verbunden.

Inge R., 72 Jahre: "Umweltschutz und die Kirchengemeinde sind mir besonders wichtig."

Welche Themen waren Ihnen früher besonders wichtig? Wie sah Ihr gesellschaftliches Engagement aus?

Mein Mann und ich waren in den 1970er- und 1980er-Jahren in der Friedens- und Umweltbewegung engagiert. Wir haben lokale Arbeitskreise gegründet, Umweltschutzprojekte initiiert und waren auf vielen Demonstrationen dabei. Mein Mann war dann viele Jahre lang in der Kommunalpolitik aktiv. Wir haben in den 1980er-Jahren einen kleinen Verein gegründet, um ein örtliches Kulturzentrum zu schaffen. Das ist dann zwar gescheitert, aber wir haben mit dem Verein einige kulturelle und zivilgesellschaftliche Projekte umgesetzt. Dort bin ich auch heute noch im Vorstand.

Wofür setzen Sie sich heute ein? Haben sich die Formen des Engagements verändert?

Ich bin seit vielen Jahren ehrenamtlich in unserer evangelischen Kirchengemeinde engagiert, unter anderem im Kirchenvorstand. Ich spende regelmäßig Geld für die Jugend- und Gemeindearbeit hier vor Ort und für den Erhalt unserer Kirche. Demonstrieren gehe ich nur noch selten, höchstens mal zum Ostermarsch. Ich unterschreibe häufig bei Online-Petitionen zu politischen und Umwelt-Themen. Ich spende auch regelmäßig Geld für verschiedene Umwelt- und Entwicklungshilfeorganisationen. Mir geht es finanziell gut, davon gebe ich gern etwas ab für bedürftige Menschen und für Projekte, die mir am Herzen liegen.

Sibylle D., 62 Jahre: "Frauen, Demokratie und Gerechtigkeit sind meine Herzensangelegenheit"

Haben Sie sich früher gesellschaftspolitisch engagiert? Welches Thema hat Sie besonders beschäftigt?

Als ich Ende der 1970er-und Anfang der 1980er-Jahre Geschichte und feministische Theologie in Tübingen studiert habe, herrschte dort eine sehr offene und diskussionsfreudige Atmosphäre. Die Ausläufer der 1968er-Bewegung waren noch deutlich spürbar, alle waren sehr politisiert. Wir haben viel diskutiert, Vorträge besucht und demonstriert. Mein Engagement für die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft begann damals und zieht sich seither durch mein Leben.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungen in Sachen Gleichberechtigung der Frauen seither?

Vieles, was jungen Menschen heute selbstverständlich erscheint, haben frühere Generationen mühsam erkämpft. Viele Frauen meiner Generation haben Pionierarbeit in männerdominierten Bereichen geleistet. Ich freue mich zu sehen, dass zum Beispiel geschlechtergerechte Sprache inzwischen sehr weit verbreitet ist. Was den Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Politik und in der Wirtschaft betrifft, haben wir leider immer noch einen weiten Weg vor uns.

Welche anderen gesellschaftspolitischen Themen sind Ihnen wichtig? Wie setzen Sie sich heute dafür ein?

Mich bewegt außerdem seit vielen Jahren besonders die Frage, wie wir die Demokratie stärken und fördern können. Dieses persönliche Interesse fällt mit meinem beruflichen Tun als Autorin und Projektmanagerin im Bereich der politischen Bildung zusammen, was ich als großes Glück empfinde.

Auch soziale Gerechtigkeit und die Ungleichverteilung von Reichtum und Lebenschancen beschäftigen mich bereits seit meiner Studienzeit. Ich spende regelmäßig, vor allem für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechte (international) und national für Projekte, die Frauen unterstützen und fördern.

Der Name der Gesprächspartnerin wurde auf ihren Wunsch geändert.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln