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15.12.2020

Antisemitische Einstellungsmuster in der Mitte der Gesellschaft

75 Jahre nach der Shoah tritt Antisemitismus wieder offener in Erscheinung. Das verweist auf ein gesellschaftspolitisches Klima, in dem derartige Einstellungen gedeihen können. In welchen Bevölkerungsgruppen sind antisemitische Einstellungen verbreitet, welche Formen treten besonders häufig in Erscheinung?

Polizei vor der Hamburger Synagoge. Ein 29.jähiger hatte dort Anfang Oktober einen jüdischen Studenten attackiert und erheblich verletzt. Der Anstieg von Straf- und Gewalttaten verweist auf ein antisemitisches Klima, in dem sich solche Taten entwickeln. (© picture-alliance/dpa, Jonas Walzberg)


Einleitung

Antisemitismus [1] – die ideologische Feindschaft gegenüber Juden – zeigt sich in vielfältigen Erscheinungsformen, und er zeigt sich in Wellen. Mal ist er leise, mal wird er laut, aggressiv und gewalttätig. Er reicht historisch weit zurück und ist tief in die Kultur eingebrannt – ob in Form von Judenfeindschaft, Antijudaismus oder modernem Antisemitismus. Damit ist der Antisemitismus stets in der Lage, vorhandene Ressentiments aufzugreifen und zum Ausbruch zu bringen bzw. sich seiner jeweiligen Zeit anzupassen. Wie schnell sich hier die Normalität verschiebt und in Pogromen, gar Völkermord eskaliert, zeigt die Geschichte. Antisemitische Einstellungen in der Bevölkerung sind Vorboten, Begleiterscheinungen wie Nachzügler einer jeden Welle. Sie werden über die Generationen hinweg durch Stereotype, Vorurteile und zeitaktuell angepasste Mythen über eine jüdische Weltverschwörung weitergegeben, begleitet von einem Nichtwissen oder gar einer Ignoranz gegenüber jüdischen Lebenswirklichkeiten und den Bedrohungen, denen Jüdinnen und Juden ausgesetzt sind.

Seit dem beispiellosen Zivilisationsbruch der Shoah ist Antisemitismus in der öffentlichen Sphäre nach 1945 geächtet und kann kaum mehr explizit geäußert werden. Antisemitismus zeigt sich daher heute in (auch) neuem Gewand, "der erst nach der Shoah und nicht trotz, sondern wegen ihr entstand".[2] Zugleich hat sich die Überzeugung entwickelt, "Antisemitismus gibt es bei uns nicht" – und eben dieser Reflex, "doch nicht antisemitisch zu sein", behindert die (selbst-)reflexive Auseinandersetzung in Bezug auf die Gesellschaft und ihre Institutionen. Es verwundert nicht, wenn heutzutage nur jeder Fünfte glaubt, es hätte auch Täter in der eigenen Familie gegeben (Auskunft über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und dem Holocaust gibt die MEMO-Studie im Auftrag der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft).[3]

Entsprechend gibt es hinsichtlich der Verbreitung von Antisemitismus eine deutliche Divergenz der Perspektiven: Während einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2013 zufolge 77 Prozent der nicht-jüdischen Befragten glaubten, nur wenige Bürger:innen seien negativ gegenüber Juden eingestellt, [4] hielten umkehrt ebenso viele Jüdinnen und Juden den Antisemitismus in Deutschland durchaus für ein Problem, welches in den vergangenen Jahren zudem zugenommen habe.[5] 75 Jahre nach der Shoah mehren sich in der Tat die Hinweise auf eine neue antisemitische Welle, in jedem Fall tritt Antisemitismus wieder offener in Erscheinung, insbesondere im Internet. Der (erneute) Anstieg von Straf- und Gewalttaten verweist auf ein antisemitisches Klima, in dem sich solche Taten entwickeln, ggf. zugleich aber auch auf eine gestiegene Sensibilisierung und Anzeigebereitschaft, denn auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Wellen antisemitischer Straftaten, die aber weniger öffentliche Aufmerksamkeit erhielten.[6]

(Antisemitische) Einstellungen

Einstellungen drücken Bewertungen eines Einstellungsobjekts aus. Sie werden mit anderen Personen geteilt, haben einen graduellen Charakter (man kann eher oder sehr positiv bzw. negativ zu etwas oder jemanden eingestellt sein) und bestehen aus drei Komponenten: einer kognitiven (ausgedrückt z. B. in stereotypen Vorstellungen über Personengruppen), einer emotionalen (z. B. Neid, Hass etc.) und ggf. auch einer verhaltensbezogenen (z.B. dem Wunsch nach physischer Distanz). Sie sind kulturell geprägt, in der Sozialisation erworben und beeinflusst von den (vermuteten) Einstellungen wichtiger Bezugspersonen (z.B. Eltern, Großeltern, Lehrer:innen, Trainer:innen im Sportverein, dem Kollegen- und Bekanntenkreis oder Personen, die man aus den Medien kennt und bewundert). Eine wichtige Rolle spielen damit auch die Identifikation mit dem jeweiligen sozialen Umfeld (z. B. im Jugendalter von Freundesgruppen) sowie soziale Normen in der Gesellschaft bzw. einem Submilieu. Entsprechend werden antisemitische Einstellungen mal offener, mal subtiler über Umwege kommuniziert (und ggf. in Handlungen übersetzt).[7] Auch wenn gesellschaftspolitische Einstellungen relativ stabil sind, sind sie ebenso offen für Veränderungen etwa durch Intervention oder Propaganda. Das kann sich zunächst auf die Meinungen Einzelner auswirken, sich aber dann ggf. verzögert auch in ihrer gesellschaftlichen Verbreitung abbilden. Das gilt auch für antisemitische Einstellungen.

Antisemitische Einstellungen bilden sich in mindestens drei Facetten ab:[8] Empirisch hängen diese Facetten von Antisemitismus so eng zusammen – wer einer Facette zustimmt, stimmt mit signifikanter Wahrscheinlichkeit auch einer anderen zu –,[10] dass sie als Ausdruck ein und derselben Grundeinstellung, die von Antisemitismus zeugt, verstanden werden können.

Erfassung antisemitischer Einstellungen

Auskunft über die Verbreitung antisemitischer Einstellungen geben repräsentative Meinungsumfragen. Diese erheben das Ausmaß antisemitischer Einstellungen gewöhnlich über Aussagesätze, zu denen Befragte um Zustimmung bzw. Ablehnung auf einer abgestuften Antwortskala gebeten werden. Zur Erhöhung der Zuverlässigkeit werden jeweils mehrere Aussagen nach statistischer Überprüfung zusammengefasst. Es kommt also weniger auf die Antwort auf eine einzige Aussage an, die im Einzelfall vielleicht anders verstanden wurde, als vielmehr auf das gesamte Muster der Antworten. Als "antisemitisch eingestellt" gelten dabei Befragte, die bei mehreren Aussagen, die feindliche Einstellungen gegenüber Jüdinnen und Juden bzw. dem Judentum in den oben skizzierten Facetten ausdrücken, "eher" oder "voll" zustimmen. Aufschlussreich ist auch der Blick auf diejenigen, die mit teils-teils antworten, sich also nicht klar positionieren; vertiefte Analysen sprechen dafür, dass diese häufig eine zögerliche Zustimmung ausdrücken. Dabei geht es nicht um Einzelfalldiagnosen, sondern um Auskunft über die Verbreitung von antisemitischen Einstellungen in der Bevölkerung. Welchen Grad der Neigung zum Antisemitismus und welches Ausmaß man als 'problematisch' wertet, ist weniger eine wissenschaftliche als eine gesellschaftspolitische Frage.

Die Äußerung antisemitischer Einstellungen dürfte in einem besonderen Maß der sozialen Erwünschtheit und dem Motiv, nicht antisemitisch zu erscheinen, unterliegen. Die Befragten neigen also gerade bei den klar als antisemitisch erkennbaren Aussagen zum klassischen Antisemitismus eher dazu, zurückhaltend zu antworten.[11] Hierbei ist auch die Interviewmethode von Bedeutung. In Befragungen mit unmittelbarem Gesprächskontakt zum/zur Interviewer:in, wie dies bei telefonischen oder face-to-face Befragungen der Fall ist, ist die Zustimmung zu als heikel empfundenen Fragen in der Regel geringer als bei der Befragung mittels anonymer Fragebögen, ausgeteilt in Papierform oder online.

Bislang gibt es in Deutschland kein umfassendes, regelmäßiges Monitoring antisemitischer Einstellungen. Einige repräsentative Meinungsumfragen erfassen jedoch antisemitische Einstellungen als einen Aspekt neben anderen mit einer entsprechend kleinen Zahl an Aussagen. Dazu gehören insbesondere die Langzeitstudien „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (2002-2011),[12] die "Mitte-Studie" der Friedrich-Ebert-Stiftung (seit 2006),[13] und die parallel dazu durchgeführte Leipziger Autoritarismus-Studie (seit 2002).[14] Befragt werden hier Personen ab 16 bzw. 18 Jahren. Darüber hinaus beobachtet die weltweite Studie ADL Global 100 der "Anti-Defamation League" antisemitische Einstellungen in über 100 Ländern, darunter auch Deutschland; allerdings ist hier die Anzahl der Befragten pro Land recht gering.[15] Auskunft über die Sicht und Erfahrungen von Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa in Bezug auf Antisemitismus gibt eine Studie der EU Fundamental Rights Agency.[16]

Verbreitung antisemitischer Einstellungen

Die Antwort auf die Frage nach der Verbreitung von antisemitischen Einstellungen hängt – wie schon angesprochen – von der Befragungsmethode ab, welche Facette von Antisemitismus man betrachtet, und welchen Grad an Zustimmung man als "antisemitisch" wertet.

Das Judentum wird in Deutschland von rund zwei Dritteln der Befragten als Bereicherung erlebt, ebenso schenkt rund die Hälfte (54 %) der Befragten Juden uneingeschränkt Vertrauen.[17] Doch während nur sehr wenige Befragte Juden nicht gern als Nachbarn hätten, wäre es jedem Fünften unangenehm, wenn eine Jüdin oder ein Jude in die eigene Familie einheiraten würde. Insgesamt sind die Einstellungen gegenüber Juden negativer als gegenüber Christen, aber deutlich positiver als gegenüber Muslimen.

Grob gesagt teilt rund ein Fünftel der Bevölkerung deutlich antisemitische Einstellungen, zählt man alle die zusammen, die "eher" oder "voll und ganz" zustimmen. Der Anteil ist größer, rechnet man jene Befragten hinzu, die einzelnen Aussagen zumindest "teils-teils" zustimmen. Klassischem Antisemitismus stimmen in der offenen Abfrage vergleichsweise wenige Befragten zu. In der jüngsten Erhebung der telefonisch durchgeführten "Mitte-Studie" 2018/19 waren beispielsweise vier Prozent der Befragten voll und ganz bzw. eher der Überzeugung: "Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss"; rechnet man die Befragten hinzu, die mit teils-teils antworteten, waren es insgesamt 15 Prozent. Ebenso viele stimmten teils-teils, eher oder voll und ganz der Aussage zu: "Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen". In der Leipziger Autoritarismus-Studie 2020, die antisemitische Einstellungen über anonyme Fragebögen erhebt, liegt die Zustimmungsrate zu diesen Aussagen sogar bei rund einem Fünftel der Befragten, eingerechnet jener, die mit teils-teils antworteten.

Sekundärer Antisemitismus ist weiter verbreitet. So teilen beispielsweise vier Prozent der Befragten der "Mitte-Studie2 2018/19 voll oder eher, eingerechnet der teils-teils Antworten zwölf Prozent, die Ansicht: "Durch ihr Verhalten sind Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig". Rund ein Viertel der Befragten unterstellt: "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen". Und 55 Prozent der Befragten gaben in der 2014 durchgeführten "Mitte-Studie" an: "Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden". In einer weiteren, 2019 durchgeführten Studie forderte ein Viertel der Befragten: "Es ist Zeit für einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit".[18]

Israelbezogener Antisemitismus wird besonders weit geteilt. 16 Prozent der Befragten der Mitte-Studie 2018/19 gaben an: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat" (weitere 24 Prozent stimmten teils-teils zu) und 27 Prozent (bis zu 55 Prozent eingerechnet der teils-teils Antworten) waren der Ansicht: "Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts Anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben".

Bisher belegen diese Studien keinen Anstieg antisemitischer Einstellungen in der Gesamtbevölkerung, im Gegenteil, im langjährigen Vergleich sind antisemitische Einstellungen sogar eher rückläufig. Auch die ADL Global 100 Studie beobachtet für Deutschland einen Rückgang antisemitischer Einstellungen von 27 Prozent in 2014 auf 15 Prozent in 2019; die Studie fasst hier elf Aussagen zum klassischen und sekundären Antisemitismus zu einem Index zusammen. Im europäischen Vergleich liegt das in dieser Studie festgestellte Ausmaß antisemitischer Einstellungen in Deutschland auf mittlerem Niveau – mit höheren Zustimmungswerten in Süd- und Osteuropa und geringeren in Nordeuropa.

Ein gestiegenes öffentliches Bewusstsein, Anstrengungen der politischen Bildung, der Intervention und Prävention und das Ableben der noch unmittelbar im Nationalsozialismus Sozialisierten könnten Gründe für den rückläufigen Trend sein. Einige Beobachtungen lassen aber befürchten, dass sich dieser nicht so einfach fortsetzen wird. So ist in der Mitte-Studie vor allem der klassische Antisemitismus rückläufig, weniger aber der über Umwege kommunizierte sekundäre und israelbezogene Antisemitismus. Zudem scheint sich der positive Trend nicht über die Generationen fortzusetzen. Seit Kurzem verzeichnen die Umfragen sogar wieder einen Anstieg antisemitischer Einstellungen bei jüngeren Leuten, die lange Zeit weniger antisemitisch waren als die älteren. Die Mitte-Studien belegen zudem signifikante Zusammenhänge zwischen antisemitischen Einstellungen und der Neigung, an Verschwörungsmythen zu glauben; letztere finden derzeit vor allem über das Internet große Verbreitung und sind häufig antisemitisch unterfüttert.[19]

Antisemitische Einstellungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen

Der Blick auf die Gesamtbevölkerung verdeckt mögliche Unterschiede und Entwicklungen in Subgruppen der Bevölkerung. Empirisch gesicherte Informationen über das Ausmaß antisemitischer Einstellungen liegen allerdings nur für größere Bevölkerungsgruppen vor, unterschieden nach den üblichen soziodemographischen Merkmalen. Über antisemitische Einstellungen in spezifischen Subgruppen können die vorliegenden Studien keine gesicherte Auskunft geben, weil sie schlicht zu klein sind, um sich in einer repräsentativen Umfrage abzubilden (das gilt z. B. für politisch extremistische Gruppierungen, religiöse Minderheiten, demographisch differenziertere Untergruppen wie jungen Männern in Ost- bzw. Westdeutschland).

Befragte in Ost- und Westdeutschland unterscheiden sich in den Umfragen heute kaum mehr in ihrer Zustimmung zu antisemitischen Einstellungen. Während in den vergangenen fast 20 Jahren der kontinuierlichen Erfassung offen antisemitische Einstellungen im Westen rückläufig sind, stagnieren sie mit einigen Wellenbewegungen im Osten, so dass die Zustimmungswerte im Osten inzwischen geringfügig höher liegen als im Westen. Männer äußern etwas häufiger antisemitische Einstellungen als Frauen. Personen mit höherer formaler Bildung neigen weniger zu antisemitischen Einstellungen bzw. äußern sie in Befragungen zurückhaltender. Im Vergleich etwa zu rassistischen Einstellungen ist der Einfluss von Bildung allerdings deutlich geringer und offenbart sich vor allem beim klassischen Antisemitismus; dem israelbezogenen Antisemitismus wiederum stimmen besser Gebildete fast ebenso häufig zu wie Personen mit niedrigerem Schulabschluss. Das Einkommen spielt hingegen nur eine marginale Rolle. Anders als vielleicht erwartet, spielen auch die Religiosität und Religionszugehörigkeit für das Ausmaß antisemitischer Einstellungen nur eine untergeordnete Rolle. Antisemitismus ist unter nicht-religiösen bzw. konfessionell ungebundenen Personen ähnlich weit verbreitet wie unter Gläubigen. Auch die Angehörigen der großen Konfessionen unterscheiden sich kaum, allerdings neigen Fundamentalisten gleich welcher Religion generell eher zu abwertenden, feindseligen Einstellungen gegenüber diversen Minderheiten und auch antisemitische Einstellungen werden häufiger vertreten.[20] Der oft geäußerte Verdacht, Muslime seien grundsätzlich antisemitischer als Christen, lässt sich für Westeuropa einschließlich Deutschland (bedingt) bestätigen.[21] Wichtiger aber als die Religion scheint die Region zu sein, aus der Personen stammen, und die damit einhergehende Art und Weise ihrer Sozialisation im jeweiligen Herkunftskontext bzw. in Communities. So ist vor allem in den arabischen Ländern des Nahen Ostens Antisemitismus (sowohl bei Muslimen wie bei Christen) verbreitet, in etwas geringerem Ausmaß aber auch in (überwiegend christlichen Ländern) Süd- und Osteuropas, wie die ADL Gobal 100 Studie belegt. Entsprechendes kann dann auch für migrierte Personen aus diesen Ländern gelten, sofern sie noch stark von ihrem Herkunftskontext geprägt sind; hier dürfte u. a. auch der Konsum von Medien des Herkunftslandes eine Rolle spielen, über die ggf. antisemitische Botschaften transportiert werden.

Antisemitische Einstellungen als Element Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, von Rechtspopulismus und Rechtsextremismus

Antisemitische Einstellungen sind verbunden mit Phänomenen wie ethnischem Rassismus, Video-Icon Antiziganismus, Feindlichkeit gegenüber Eingewanderten, Asylsuchenden, Muslimen, aber auch mit Sexismus und Homophobie. Das Zusammenspiel dieser Phänomene lässt sich als Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) bezeichnen,[22] in dem die einzelnen Elemente der Abwertung empirisch bestätigt eng zusammenhängen, und in dessen Zentrum eine Ideologie der Ungleichwertigkeit steht. Kontrovers diskutiert wird, ob die Einordnung des Antisemitismus in ein GMF-Syndrom seinem Charakter und seiner besonderen Bedeutung gerecht wird. Entgegnen lässt sich hier, dass jede Form Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ihre Besonderheiten hat, aber auch Gemeinsamkeiten in Prozessen und Mustern der Ungleichwertigkeit teilt; der Antisemitismus sticht durch seine lange Tradition und Einbettung in eine generalisierte Weltsicht hervor.

Antisemitische Einstellungen sind darüber hinaus zentrale Elemente des Rechtsextremismus. Auch der Rechtspopulismus ist dafür anschlussfähig, indem er z.B. antisemitisch konnotierte Verschwörungsmythen bedient. Darüber hinaus vertreten Personen, die sich politisch selbst eher oder ganz rechts von der Mitte verorten, besonders häufig klassisch antisemitische Einstellungen. Im politischen Spektrum "ganz links" können die dort üblichen Themen wie Kapitalismuskritik oder Antiimperialismus zuweilen antisemitisch gefärbt sein. So wird israelbezogener Antisemitismus sowohl von Personen häufiger vertreten, die sich entweder rechts von der Mitte oder ganz links positionieren. Vergleichsweise seltener verbreitet sind antisemitische Einstellungen bei Personen, die sich "eher links" einstufen. Bei jenen, die sich politisch "genau in der Mitte" verorten, liegt das Ausmaß antisemitischer Einstellungen auf mittlerem Niveau.

Schlussbemerkung

Die empirische Einstellungsforschung zum Antisemitismus bewegt sich in einem Spannungsfeld historischer und aktueller Erfahrungen sowie gesellschaftlicher Diskurse. Die Erfassung antisemitischer Einstellungen ist und wird damit immer auch zu einem Politikum, bei dem auch die Wissenschaft selbst Teil des Geschehens ist. Denn nicht zuletzt die Definition, was Antisemitismus überhaupt ist, wie er sich offenbart, wie er gemessen und interpretiert werden kann, bestimmt die Befunde.22 In jedem Falle aber unterstreicht die Feststellung des Vorhandenseins antisemitischer Einstellungen die Notwendigkeit von Interventionsmaßnahmen und politischer Bildung, wozu auch die ernsthafte Auseinandersetzung mit der jüdischen Perspektive darauf gehört. Wie korrespondieren antisemitische Einstellungen und Hasstaten mit dem im Alltag erlebten Antisemitismus, und was machen die Beobachtungen antisemitischer Einstellungen in der Allgemeinbevölkerung mit den unmittelbar Adressierten? Zugleich unterliegt die Feststellung antisemitischer Einstellungen der Gefahr der Instrumentalisierung. Leicht geht der Fingerzeig auf die jeweils anderen und werden Beobachtungen eher als Makel, denn als Anlass zur Reflexion genommen. Vorsicht ist auch vor dem gegeneinander Ausspielen von Rassismus und Antisemitismus geboten. Bisweilen hat es den Anschein, der Antisemitismus solle lieber wegdiskutiert werden, statt sich mit ihm (selbst-)kritisch auseinanderzusetzen. Umso wichtiger ist die kontinuierliche Dokumentation antisemitischer Einstellungen jenseits ihrer Leugnung.
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Fußnoten

1.
Lars Rensmann (2018): Antisemitismus in bewegten Zeiten: Zur kritischen Relevanz des Konzepts in Wissenschaft und demokratischer Praxis. In: Zeitschrift für Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit, 1/2018, S. 93-102.
2.
Doron Rabinovici/Natan Snaider (2019): Neuer Antisemitismus: Die Verschärfung einer Debatte. In: Christian Heilbronner/Doron Rabinovici/Natan Snaider (Hrsg): Neuer Antisemitismus? 2. erw. Auflag. Frankfurt a.M., S. 9-27, hier S. 10.
3.
Andreas Zick/Jonas Rees (2019): MEMO II. Multidimensionaler Erinnerungsmonitor. Im Auftrag der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft. Bielefeld: https://www.stiftung-evz.de/fileadmin/user_upload/EVZ_Uploads/Projekte/EVZ_Studie_MEMO_2019_dt_20190423.pdf.
4.
Steffen Hagemann/Roby Nathanson (2015): Deutschland und Israel heute. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart. Bertelsmann Stiftung (Hrsg). Gütersloh; hier S. 38.
5.
Andreas Zick; Julia Bernstein et al. (2017): Antisemitismus aus jüdischer Perspektive. Studie über die Wahrnehmungen, Erfahrungen und Einschätzungen von Jüdinnen und Juden in Deutschland; Expertise für den 2. Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus: Bericht zum Aktuellen Antisemitismus in Deutschland. https://www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion/Bilder_grosseDateien/Dokumente/Expertenbericht_Antisemitismus_in_Deutschland.pdf
6.
Bundesamt für Verfassungsschutz (2020). Lagebild Antisemitismus. https://www.verfassungsschutz.de/embed/broschuere-2020-07-lagebild-antisemitismus.pdf. Aktuelle Auflistung von antisemitischen Straft- und Gewalttaten nach 1945 bei: Steinke, Ronen (2020). Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt. Berlin: Berlin Verlag.
7.
Monika Schwarz-Friesel (2015): Aktueller Antisemitismus. Konzeptuelle und verbale Charakteristika: https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/211516/aktueller-antisemitismus
8.
Z.B. ebd. Lars Rensmann (2018)
9.
Dazu kontrovers u.a. Wolfgang Benz (Hg.) (2020): Streitfall Antisemitismus. Berlin; Salzborn, Samuel (2014): Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung, in: Salzborn, Samuel (Hg.): Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. Baden-Baden, S. 103-115.
10.
Aribert Heyder/Julia Iser/Peter Schmidt (2004): Israelkritik oder Antisemitismus?. S. 144-165.
11.
Werner Bergmann/Rainer Erb (1991): "Mir ist das Thema Juden irgendwie unangenehm". Kommunikationslatenz und die Wahrnehmung des Meinungsklimas im Fall des Antisemitismus. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 43/3, 502-519.
12.
Wilhelm Heitmeyer (2002-2011): Deutsche Zustände, Folge 1.10. Frankfurt a.M./Berlin.
13.
Zuletzt: Andreas Zick/Beate Küpper/Wilhelm Berghan (2019): Verlorene Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19. Hrsg. von Franziska Schröter für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn.
14.
Zuletzt: Oliver Decker; Elmar Brähler (2018). (Hrsg.): Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018. Gießen 2018.
15.
Anti-Defamation League: ADL Global 100: A Survey of attitudes toward Jews in over 100 countries around the world 2019: https://global100.adl.org/map
16.
European Union Agency for Fundamental Rights (2018). Erfahrungen und Wahrnehmungen in Zusammenhang mit Antisemitismus. Zweite Erhebung zu Diskriminierung und Hasskriminalität von Jüdinnen und Juden in der EU. Zusammenfassung. https://fra.europa.eu/sites/default/files/fra_uploads/fra-2018-experiences-and-perceptions-of-antisemitism-survey-summary_de.pdf
17.
Gerd Pickel (2019): Bertelsmann Religionsmonitor 2019, S. 28: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Religionsmonitor_Vielfalt_und_Demokratie_7_2019.pdf.
18.
Zick/Rees: MEMO II 2019.
19.
U.a. Monika Schwarz-Friesel (2019): Judenhass im Internet. Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl. Berlin.
20.
Zur Übersicht: Beate Küpper; Andreas Zick (2015): "Religionen und Vorurteile. Empirische Zusammenhänge über individuelle Einstellungsmuster", in: Michael Klöcker; Udo Tworuschka (Hg.): Handbuch der Religionen, München.
21.
Günther Jikeli (2015). Antisemitic attitudes among Muslims in Europe. A survey review. Institute for the Study of Global Antisemitism and Policy, ISGAP Occasional Paper Series, Nr. 1.
22.
Wilhelm Heitmeyer (2002): Deutsche Zustände, Folge 1. Frankfurt a.M./Berlin.

Beate Küpper, Andreas Zick

Beate Küpper

Prof. Dr. Beate Küpper ist Professorin für Soziale Arbeit für Gruppen und Konfliktsituationen an der Hochschule Niederrhein. Sie war Mitglied im 2. Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus (beauftragt vom Deutschen Bundestag) und ist Co-Au­torin der Mitte-Studie in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.


Andreas Zick

Prof. Dr. Andreas Zick ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung und Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld. Dort ist er auch Sprecher des Teilinstitut des Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Er führt seit 2014 die Mitte-Studien für die Friedrich-Ebert-Stiftung durch.


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