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27.8.2021

Einleitung: "Mohamed und Anna" – Eine Geschichte für heute?

Für den Dokumentarfilm der israelischen Regisseurin Taliya Finkel wurde von der Deutschen Gesellschaft e.V. pädagogisches Begleitmaterial erstellt, um auch jüngere Generationen über den historischen und gegenwärtigen Antisemitismus aufzuklären.

Warum würde jemand Schülerinnen und Schüler für eine einzelne Geschichte interessieren wollen, die sich vor einem Dreivierteljahrhundert in Berlin zugetragen hat? Die Antwort ist nicht in der Vergangenheit, sondern im Heute zu suchen, und zwar besonders bei der erstarkenden Judenfeindlichkeit. Neben den heimischen Antisemitismus, der nie ganz verschwunden ist, ist ein bei muslimischen Zuwanderern zu findender getreten, selbst wenn Studien keineswegs das Zerrbild einer einheitlichen muslimischen Judenfeindlichkeit bestätigen. Gleichzeitig mehren sich die Angriffe auf den bundesdeutschen Konsens, die Erinnerung an den Völkermord an den europäischen Juden als gemeinschaftliche und staatliche Verantwortung zu betrachten. In diesem Kontext sollen der Film "Mohamed und Anna – eine muslimisch-jüdische Geschichte" und das Begleitmaterial Schülerinnen und Schülern einen Anreiz zur Auseinandersetzung mit den verheerenden Folgen der NS-Diktatur und ihrer Rassenideologie bieten. Die Geschichte von Mohamed Helmy, einem muslimischen ägyptischen Arzt, der in der NS-Zeit Juden half und das jüdische Mädchen Anna Boros bei sich versteckte, kann Pauschalisierungen entgegenwirken, eingefahrene Bilder in Frage stellen, ein Blockdenken aufbrechen und Überraschendes zutage fördern. Es ist keine alltägliche Geschichte, aber es ist eine Geschichte, die zeigt, was möglich war und was möglich sein kann.

Das pädagogische Begleitmaterial zum Dokumentarfilm unterstützt den Filmeinsatz in schulischen Zusammenhängen. Grundidee ist dabei, Lernenden eine intensive Beschäftigung mit der außergewöhnlichen Geschichte der Rettung der jungen Jüdin Anna Boros und ihrer Familie durch den ägyptischen Arzt Mohamed Helmy zu ermöglichen und sie gleichzeitig medienkompetent reflektieren zu lassen, auf welche Weise ihnen der Dokumentarfilm die Geschichte nahebringt.

Lerngruppen unterscheiden sich so sehr voneinander hinsichtlich ihres Vorwissens, ihrer Kompetenzen und ihrer erinnerungskulturellen Prägung, dass eine einzelne "Ready-to-teach"-Unterrichtshilfe kaum ihren Zweck erfüllen würde. Die komplexe Geschichte des Nationalsozialismus und der von ihm ausgehenden Gewalt sperrt sich gegen Patentrezepte. Vielmehr soll die Handreichung Lehrende dazu in die Lage versetzen, den Film in möglichst unterschiedliche Lehrvorhaben zu integrieren. Sie tut dies in drei Schritten: Ein erster Kurzabriss erlaubt einen schnellen Überblick über die Filmerzählung. Ein zweiter, kontextualisierender Abschnitt ordnet die Geschichte der Rettung und des Retters in den zeitlichen und räumlichen Zusammenhang ein. Der gewichtige dritte Abschnitt präsentiert schließlich didaktisch-pädagogische Überlegungen; er zeigt Chancen des Filmeinsatzes auf, benennt mögliche Lernhindernisse und gibt in Form konkreter Unterrichtsideen praktische Hinweise für den Einsatz in der Schule.

Oliver Plessow

Oliver Plessow

Prof. Dr. Oliver Plessow ist Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität Rostock. Zu seinen Schwerpunkten zählen u.a. der pädagogische Umgang mit Massenverbrechen und Diktaturerfahrungen, transnationale Holocaust Education/Gedenkstättenpädagogik sowie historisches Lernen in der außerschulischen (non-formalen) Jugend- und Junge-Erwachsenen-Arbeit.


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