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27.8.2021

Überlegungen zum Einsatz im Unterricht

Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz zu vermitteln und sie eine kritische Distanz zu ihren Informationsquellen gewinnen zu lassen, ist für den Umgang mit historischen Quellen unerlässlich. Das vorliegende Material versucht einige Wege aufzuzeigen, wie dies gelingen kann.

"Mohamed und Anna" – Nur ein Film?

In Zeiten, in denen "Alternative Fakten" und "Fake News" in aller Munde sind und die Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Medien wie an staatlicher Informationsvermittlung zunehmen, ist es didaktisch geboten, Schülerinnen und Schülern Medienkompetenz zu vermitteln und sie eine kritische Distanz zu ihren Informationsquellen gewinnen zu lassen. Das vorliegende Material zeigt einige Wege auf, wie dies selbst – und gerade – bei einem Medium möglich ist, das zwar latent überwältigend wirkt, aber mit einer bedeutenden Botschaft aufwartet: der Möglichkeiten des Einzelnen, selbst unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur Verfolgten Schutz zu gewähren. Der geschärfte Blick auf die filmischen Mechanismen der Beglaubigung und der Emotionalisierung entwertet diese Botschaft nicht, sondern legt den Wunsch einer Regisseurin offen, ihren Respekt für Mod Helmys Taten für ihr Publikum möglichst prägnant zum Ausdruck zu bringen. Schülerinnen und Schüler können sich fragen, für wie angemessen sie die gefundene Form halten und ob sie selbst das Geschehen anders in Bild und Ton gesetzt hätten. Erst auf der Basis dieses Abstands können die Schülerinnen und Schülern in eine reflektierte eigenständige Auseinandersetzung mit der eigentlichen Geschichte und den mit ihr verbundenen Kernfragen eintreten: Wie ist Mod Helmys Handeln vor dem Hintergrund der Zeitumstände einzuschätzen? Kann es als Vorbild dienen? Und lässt sich davon etwas auf unsere heutige Zeit übertragen?

Identifikation oder Distanz? Historisches Lernen mit einem Geschichtsdokumentarfilm

Der hohe Anspruch auf Authentizität, den Geschichtsdokumentarfilme erheben, überdeckt leicht, dass es sich bei ihnen um von Menschen gemachte Erzeugnisse handelt, die eine Absicht verfolgen. Während Lernende aller Schulformen die Gelegenheit erhalten müssen, sich auf die im Film erzählten Geschichten einzulassen, braucht es deshalb zugleich die Distanzierung vom Medium – eine Voraussetzung für jedes historische Lernen. "Mohamed und Anna" entscheidet sich für eine bestimmte Erzählung: Der Film will vorbildliches Handeln zeigen; das Publikum soll sich in den Retter und die Gerettete(n) hineinversetzen. An seinem Ende steht der klare Appell zur Hilfeleistung: "Jeder Mensch hat die Wahl. Wenn man ein Unrecht sieht, wie reagiert man? Was tut man? Möchte man etwas tun?" (41:24–41:31).

Nicht wenige mögen einwenden, dass ein solcher Ansatz die Vergangenheit verbiegt, da wir uns nicht angemessen in die damals handelnden Menschen hineindenken könnten – geschweige denn in solche, die unter Todesgefahr in einer Diktatur lebten. Diesen Einspruch gilt es zu diskutieren – gerade auch mit Schülerinnen und Schülern.

Ein audiovisuelles Medium wie der Film birgt eine Wirkmacht in sich, die eine kritische Distanz erschwert. Auch Taliya Finkel setzt auf ein gefühlsmäßiges Überzeugen, dem sie im Zweifel die Akkuratesse unterordnet: "Ich denke, die Menschen sollten emotional berührt werden, das ist das Allerwichtigste." Viele Lehrende erkennen in diesem Herangehen eine Überwältigung, die ein eigenständiges Urteilen verhindern kann. Manche werden in der Schule sogar ganz auf das Medium "Film" verzichten wollen. Allerdings: Lernende werden solchen gefühlsbetonten "Geschichten" ihr Leben lang begegnen. Werden sie gefragt, wünschen sie sich vielfach eine ebensolche emotionale Ansprache.

Im Sinne der Kontroversität sollen Schülerinnen und Schüler erkennen, dass es eine Entscheidung braucht, wie Gefühl und Verstand beim historischen Lernen gegeneinander abzuwägen sind. Die Entscheidung müssen sie selbst treffen – die Aufgabe von Lehrkräften ist es, sie auf dem Weg dahin zu unterstützen. Folglich ist das Lernen aus dem Was mit einem Lernen über das Wie zu verknüpfen. Auf der einen Seite ist hier deshalb vorrangig zu fragen, inwieweit die Hilfe, die Mod Helmy leistete, als Vorbild für heute dienen kann. Auf der anderen Seite gilt es aufzuzeigen, in welcher Hinsicht der Film Teil einer "gemachten" Erzählung ist, die Einfluss nehmen will. Der Machart eines Filmes bzw. einer historischen Erzählung nachzuspüren, kann hochmotivierend und bildend sein: Wer erkannt hat, wie eine Geschichte erzählt wird, kann selbst aktiv werden und sich überlegen, wie sich eine Geschichte erzählen, ins Bild setzen, vertonen oder verfilmen lässt. Erst dies stößt eine eigenständige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an, die Orientierung in der Gegenwart geben kann.

Mod Helmy – Ein Held?

"Was verstehen heutige Jugendliche unter 'Helden'? Worin sehen sie vorbildliches Verhalten und worin nicht?", fragte 2008/2009 der Geschichtswettbewerb des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Schon vor über zehn Jahren fahndete man dabei nicht mehr nach todesmutigen Männern, die im Krieg eine Heerschar von Feinden vernichten. Stattdessen stehen heute Menschen im Vordergrund, die unter widrigsten Bedingungen ihren Mitmenschen in Not Hilfe leisten. Hierzu zählt, wer verfolgten Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit Schutz und Obdach gewährte. "Stille Helden" nennt sie eine Berliner Gedenkstätte. Als "Gerechte unter den Völkern" ehrt sie die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem im Auftrag des Staates Israel.

Mod Helmy ist der erste Araber, dem diese Ehrung zuteilwurde. "Es ist die Geschichte eines Mannes, der seinem Gewissen folgte und der es wagte, sich in der dunkelsten Stunde der Geschichte gegen das Böse in seiner Umgebung zu stellen", schreibt die Regisseurin Taliya Finkel über Helmy. Doch wonach kann sich ein solch emphatisches Lob bemessen? Yad Vashem legt fest, dass ein "Gerechter" unter anderem ein persönliches Risiko eingegangen sein muss und keine Gegenleistung erhalten haben darf. Schülerinnen und Schüler können zusammentragen, welche Informationen der Film hierzu anbietet: Welchen Gefahren setzte sich Mod Helmy aus? Welches Schicksal drohte Anna Boros und ihrer Familie?

Gerade das Kriterium der Selbstlosigkeit bietet Gesprächsstoff. Die späteren Aussagen der Geretteten sprechen für Helmys integres Verhalten. Dass dies keinesfalls selbstverständlich ist, können auch Kinder und Jugendliche begreifen: Wer untertaucht, begibt sich in eine starke Abhängigkeit, die Missbräuchen Vorschub leistet. Und selbst, wo niemand seine Macht ausnutzt, muss der Hilfsakt keinem Altruismus entsprungen sein. Hier ist es notwendig, über den Einzelfall hinauszublicken und sich bewusst zu machen, wie unterschiedlich die Gründe für eine Hilfeleistung sein können. Ist es zum Beispiel selbstlos, wenn die Gegnerschaft zum Regime im Vordergrund steht? Typisch für eine Hilfeleistung ist zudem, dass es bereits eine bestehende soziale Bindung zwischen Hilfe Spendenden und Hilfe Empfangenden gibt. Ist dies relevant für die Bewertung der Hilfeleistung?

Weitere Fragen drängen sich auf: Wie lässt sich die Hilfeleistung für Untergetauchte mit dem aktiven Widerstand der Geschwister Scholl oder gar mit dem gewaltbereiten Handeln eines Claus von Stauffenberg oder eines Georg Elser vergleichen? Muss ein Vorbild einen durchweg tadellosen Lebenslauf haben oder darf es auch Brüche geben? Wie ist es einzuschätzen, wenn jemand an der einen Stelle Hilfe leistet, sie aber an einer anderen verweigert? 1933 hat Helmy beruflich zunächst von der Entlassung seiner jüdischen Kollegen profitiert; ist das in die Bewertung seiner späteren Handlungen einzubeziehen?

Welche Rolle spielen soziale Differenzlinien? Die Geschichte von Mod Helmy lässt aufmerken, weil hier ein Muslim einer jüdischen Familie hilft – aber spielte das in seiner Entscheidungsfindung eine Rolle? Hat er geholfen, weil oder obwohl er Muslim war – oder war der Faktor Religion in Bezug auf die Hilfe unwichtig? Welche Rolle spielt das Geschlecht der Beteiligten, welche Rolle ihre wirtschaftliche Situation? Nicht auf alle diese Fragen werden wir im Rückblick eine triftige Antwort finden, es ist aber wichtig, sie sich mit den Lernenden gemeinsam zu stellen und die Grenzen unseres Wissens auszuloten – und dies auch mithilfe einer Recherche über den Film hinaus.

Alles authentisch? Wie man eine Heldengeschichte erzählt

Gefilmte Dokumente und Fotos, Filmmaterial aus der Zeit des Geschehens, Aufnahmen von Schauplätzen der Handlung – Taliya Finkel bringt typische darstellerische Mittel des Geschichtsdokumentarfilms zum Einsatz. Insbesondere greift sie auf die Autorität eines Zeitzeugen, einer Expertin und eines Experten zurück, die uns die Geschichte näherbringen: Zvi Aviram (geb. als Heinz Abrahamson), der als Jugendlicher ebenfalls in Berlin untertauchte, Irena Steinfeld, die in der Gedenkstätte Yad Vashem das Programm der "Gerechten unter den Völkern" betreut, und Ronen Steinke, der ein Buch über die Rettung von Anna Boros durch Mod Helmy geschrieben hat.

Die filmischen Elemente erfüllen mehrere Aufgaben: Einerseits dramatisieren sie und sprechen die Gefühle der Zuschauerinnen und Zuschauer an, andererseits dienen sie der Beglaubigung. Filmische Elemente können beidem gerecht werden, oft aber müssen Filmschaffende wählen, wo sie die Priorität setzen. "Mohamed und Anna" ist das Ergebnis der filmischen Entscheidungen einer Regisseurin, die ausgiebig recherchiert hat, im Zweifel aber der emotionalen Ansprache den Vorzug gibt – nicht zuletzt, um ein breiteres Publikum zu erreichen und zu berühren.

Das Gezeigte gleichzeitig anschaulich und glaubwürdig zu machen, ist ein Spagat, der im Film an zahlreichen Stellen beobachtet und problematisiert werden kann. Wichtig ist dabei, die filmischen Mittel für Lernende transparent zu machen, sie deren Angemessenheit prüfen und Alternativen durchdenken zu lassen. Schnell werden Lernende zum Beispiel erkennen, wie die Musik jeweils die gewünschte Stimmung untermalt. Auf anderes werden sie hingewiesen werden müssen, beispielsweise auf das genretypische Setting oder die Nutzung ausgesuchter Einstellungsgrößen (zum Beispiel der Halbnahen für Interviews).

Authentifizierung und Veranschaulichung

Spannend ist die Analyse der Inszenierung von Originalmaterialien. Die vielfach unterlegten Bilder von Mod Helmy, Anna Boros und ihrer Familie – allesamt Originale – wirken ebenso veranschaulichend wie authentifizierend. Verschiedentlich schwenkt zudem die Kamera auf die Akte, die Mod Helmys und Anne Boros‘ Bericht über die Geschehnisse in der NS-Zeit enthält. Dies beglaubigt das Geschehen wie ein Verweis in einer wissenschaftlichen Arbeit. Quellenkritisch kann hier problematisiert werden, inwieweit die Schriftstücke geeignet sind, die Echtheit des Geschehens zu bezeugen. Wie bedeutsam ist es, dass die Akte aus einem Verfahren stammt, in dem Helmy nach dem Krieg Entschädigung als Verfolgter des Naziregimes verlangte? Eine Einstellung (01:51–02:00) hält die Kamera auf ein Blatt, auf dem Helmy angibt, dass er Anna Boros versteckt habe. Anhand der eidesstattlichen Erklärung (Q2) lässt sich sehr gut der Unterschied zwischen einem einfachen Zeitzeugenbericht und einer gerichtsfesten Aussage erörtern.

An manchen Stellen klaffen das Gezeigte und das Gesagte auseinander. Hier war es Taliya Finkel wichtiger, dem Publikum einen visuellen Eindruck der Epoche zu vermitteln. Gerade die alten Filmaufnahmen dienen vielfach als Genrebilder; sie zeigen Motive aus anderen Städten des Reichs (zum Beispiel aus Freiburg, 31:49–32:13, 34:07–34:18). Ebenso lässt sich der Zeitzeugenbericht hinterfragen: Zeitweilig entsteht im Film der Eindruck, Aviram habe Anna Boros persönlich gekannt, letztlich ist dies aber auf eine Intervention der Regisseurin zurückzuführen, die ihm zuvor von der Rettung erzählt hatte; für die Kamera hat Aviram dies dann vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen kommentiert.

Q2 Mod Helmys eidesstattliche Erklärung über die Rettung von Anna Boros und ihrer Familie, Berlin 1953 (© Landesarchiv Berlin, Bestand Entschädigungsamt Berlin, B Rep. 078, Nr. 56)



Q2 Mod Helmys eidesstattliche Erklärung über die Rettung von Anna Boros und ihrer Familie, Berlin 1953 (Seite 2) (© Landesarchiv Berlin, Bestand Entschädigungsamt Berlin, B Rep. 078, Nr. 56)


Oliver Plessow

Oliver Plessow

Prof. Dr. Oliver Plessow ist Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität Rostock. Zu seinen Schwerpunkten zählen u.a. der pädagogische Umgang mit Massenverbrechen und Diktaturerfahrungen, transnationale Holocaust Education/Gedenkstättenpädagogik sowie historisches Lernen in der außerschulischen (non-formalen) Jugend- und Junge-Erwachsenen-Arbeit.


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