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27.11.2006

Antisemitismus in nahöstlichen Medien

Schockierend, was dort tagtäglich ausgestrahlt wird: Über Satellit verbreiten arabische Sender wie Al Manar ihre anti-jüdische Hetze in alle Welt – und bedienen dabei Sprache und Bilderwelt der Nazis.

Demonstration gegen Krieg im Libanon am 29.07.2006 in Berlin. Kinder tragen ein Bild von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. (© Juri Eber / Agentur Ahron)

Die Ausstrahlung von Fernsehprogrammen über Satellit wird in westlichen Ländern allgemein als Beispiel dafür zitiert, wie Informationen unzensiert über staatliche Grenzen hinweg und unbehindert durch behördliche Zensur-Willkür gesendet und empfangen werden können. Im Dezember 2004 aber beschloss das oberste französische Verwaltungsgericht, der "Conseil d´État", dass solche Freiheit auch ihre Grenzen habe: Die Richter untersagten die weitere Ausstrahlung der Programme des TV-Senders "Al Manar" über die in Paris beheimateten "Eutelsat". "Al Manar" – der Sender der libanesischen radikal-islamistischen "Hisbollah" – hatte seine Programme vier Jahre lang über Eutelsat auch in Europa verbreitet und war zum Haussender islamistischer Kreise in Europa geworden. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er immer wieder – und immer offener – antijüdische und antisemitische Sendungen ausstrahlte. Zum letzten Mal nur Tage vor dem endgültigen Verbot, als der Sender verbreitete, die "Zionisten" seien für die Verbreitung "ansteckender Krankheiten, darunter auch AIDS, in der arabischen Welt" verantwortlich.

Der "Hisbollah"-Sender ist seitdem in Europa nur noch über "Arabsat" zu sehen – eine arabische Satellitenkette, auf die die Europäer keinen Einfluss haben. Und seine Programme haben sich nicht geändert. Sie unterscheiden sich freilich auch nicht grundsätzlich von manchen Sendern selbst allgemein akzeptierter arabischer Staaten. Zumindest bisweilen sind auf diesen Sendern ähnlich rassistische Sendungen zu sehen. Etwa die im Fastenmonat Ramadan wiederholt ausgestrahlte Serie "Pferd ohne Reiter": Basierend auf dem einst erfundenen antijüdischen Pamphlet "Protokolle der Weisen von Zion" wird hier die neuzeitliche Geschichte Ägyptens neu geschrieben. Und die negativen Entwicklungen dabei dem "Weltjudentum" angelastet, das sich die Unterwerfung besonders der arabischen Welt zum Ziel gesetzt habe.


Vom Tenor her kaum ein Unterschied zum Tonfall anti-jüdischer Hetze der Nazis. Begriffe wie "Weltjudentum", "Weltherrschaft" oder "Verschwörung" wurden zuvor von den Nationalsozialisten verwendet, darüber hinaus greifen antijüdische Darstellungen – etwa in arabischen Karikaturen – immer häufiger auf Klischees und Typen zurück, wie sie vom "Stürmer" verbreitet wurden: Juden werden als finstere Gestalten in der Kleidung osteuropäischer "Hassidim" dargestellt und immer wieder kursieren Vorwürfe aus mittelalterlich-christlicher Zeit: Hatten christliche Antisemiten damals behauptet, die Juden töteten Christenkinder, um deren Blut zu trinken, so finden sich in arabischen Medien immer wieder Anschuldigungen, "die Juden" töteten Palästinenserkinder zu eben diesem Zweck.

Ursprung des arabischen Antisemitismus



Die Übertragung und Kopierung solcher eigentlich europäischer Bilder des Antisemitismus ist bezeichnend für die Situation: Die arabische Welt war nämlich Jahrhunderte lang eigentlich frei von solchen Ressentiments. Der Antisemitismus war ein Produkt des christlichen Europas. Unter anderem, weil Juden dort als Christusmörder abgestempelt wurden, zum anderen auch, weil sie sich – besonders in Osteuropa – durch Sprache, Gebräuche und selbst Kleidung von den Mehrheitsgesellschaften unterschieden.

Im Orient war das anders: Obwohl der Prophet Mohamed die Juden mit nicht gerade feinen Bezeichnungen bedachte ("Schweine, Esel, Diener des Teufels und Lügner"), weil sie nicht zum Islam übertreten wollten, so wurden Juden über die Jahrhunderte hinweg als "Dhimmi" (Schutzbefohlene) behandelt. Sie hatten zwar nicht dieselben Rechte wie Muslime, wurden aber als Angehörige einer monotheistischen "Religion des Buches" akzeptiert und respektiert. Und im Gegensatz zu den (ost-) europäischen Juden waren die orientalischen Juden meist voll in ihre Umgebung integriert. Als Juden in Europa verfolgt und getötet wurden, waren sie in der arabischen Welt angesehene Wissenschaftler, Ärzte oder Berater der (muslimischen) Herrscher.

Das änderte sich im Grunde erst mit der Gründung des Staates Israel: Weil dieser sich selbst als "jüdischer Staat" versteht und präsentiert und weil die arabische und muslimische Welt dieser Staatsgründung gegenüber zunächst rat- und hilflos gegenüber stand, fand der Begriff "Israelis" nicht oder nur spät Eingang in den arabischen Sprachgebrauch. Stattdessen wurde und wird von "Zionisten" gesprochen oder – häufiger noch – von "Juden" ("Al Yahoud").

Judenfeindliche Stereotype



Diese Verquickung eines politischen Feindbildes mit dem Begriff "Jude" erleichterte die Übernahme europäisch-antisemitischer Klischees, so ungebräuchlich und so falsch sie für den Nahen Osten und Israel auch waren und sind. So stellen osteuropäisch-orthodoxe Juden ("Hassidim") ja nicht den "mainstream" der israelischen Gesellschaft und Politik dar. Im Gegenteil: Sie stehen dem Staat Israel zum Teil ablehnend gegenüber. Wie etwa die extrem-konservativen "Neturei Karta".

Dass dennoch "Stürmer"-Zerrbilder des Juden Eingang nahmen in die arabischen Medien, um gegen Israel zu polemisieren, hat seine Ursprünge in einer Verquickung europäisch-christlichen Antisemitismus mit orientalisch-christlicher Ablehnung Israels: Die ersten Karikaturen dieser Art wurden von christlich-arabischen Zeichnern verbreitet, die eine ihnen anerzogene Ablehnung des Judentums zu einer Ablehnung des "jüdischen Staates" umfunktionierten.

Die arabischen und seit der Islamischen Revolution auch die iranischen Medien bedienen sich freilich nicht allein einer grafischen Darstellung, die direkt nationalsozialistischer Propaganda entlehnt ist. Auch die Theorien über Juden sind – wie im erwähnten Fall des "Pferdes ohne Reiter" – eng angelehnt an antisemitische Thesen, wie sie von den Nazis und streckenweise auch den Sowjets verbreitet wurden: So streben die Juden angeblich die Weltherrschaft an und man unterstellt ihnen, schon längst die Macht über die USA erlangt zu haben und maßgeblich die Weltpolitik Washingtons zu bestimmen. Die unerschütterliche Solidarität George W. Bushs mit Israel hat solche Verdächtigungen nur zusätzlich gefestigt. So unterstützen die Medien der muslimischen Welt immer wieder die These der Straße, dass der 11. September gar nicht die Tat von Muslimen war, sondern das Werk des israelischen Geheimdienstes Mossad. Allen bekannten Fakten zum Trotz soll hiermit erklärt werden, warum Washington zum Kampf gegen den Islam angetreten sei. Und es kommt den Urhebern solcher Thesen natürlich zupass, dass einige der wichtigsten neokonservativen Vordenker Bushs Juden und eng mit Israel liiert sind.

Instrumetalisierung des Holocausts



Ähnlich wie den 11. September instrumentalisieren nahöstliche Medien auch immer wieder den Holocaust. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad treibt dies auf die Spitze, er hat es aber nicht erfunden: Der Mord an den Juden durch die Nazis wurde schon lange vor der Wahl Ahmadinejads in nahöstlichen Medien in Frage gestellt und als Instrument bezeichnet, rückhaltlose Unterstützung der USA und Europas gegenüber Israel zu erzwingen. Zumindest aber wurde und wird – wie es der iranische Präsident ja auch tut – die Gründung Israels als direkte und allein als Folge des Holocaust dargestellt, für das Deutschland und die Europäer verantwortlich seien. Die folglich auch "das Problem Israel" lösen sollten, mit dem die Palästinenser und die arabische wie muslimische Welt ungerechterweise bestraft würden.

So hatte es seit den Anfängen der jüdischen Siedlung in Palästina arabischen Widerstand dagegen gegeben, der sich auch in den Medien der damaligen Zeit ausdrückte. Die Masseneinwanderung von Juden in Folge des Holocaust verschärfte diese Aversion und die Niederlage im Krieg von 1948 wie auch die Gründung Israels trieben dies noch weiter. Beliebte Erklärung der Propagandisten von damals bis heute: Israel sei eine Kreatur des Westens. Entweder aus schlechtem Gewissen – wegen mangelnder Hilfe während der Judenverfolgung – oder aber, weil man Israel Vorposten in der arabischen und muslimischen Welt brauche, um diese letztlich zu beherrschen.

An solchen Ideen und Thesen hat sich im Laufe der Jahre wenig verändert. Und sie finden sich selbst in den Medien der Länder wieder, die mit Israel Frieden geschlossen haben: In Ägypten und Jordanien sind solche Dinge zwar nicht an der Tagesordnung, wenn sie aber vorkommen, erklären sich die Behörden – unter Hinweis der sonst kaum existierenden Meinungs- und Pressefreiheit – außerstande, etwas dagegen zu unternehmen.

Ähnlich im Golfstaat Qatar, der zwar halboffizielle Beziehungen zu Israel unterhält und mit seinem Fernsehsender "Al Jazeera" die Medienwelt im arabischen Raum revolutioniert hat. Trotzdem kann von dort Scheich Yusuf al Qaradawi, der heute vielleicht einflussreichste islamische Vordenker der arabischen Welt, auch über den Sender "Al Jazeera" palästinensische Selbstmordanschläge verherrlichen und die USA als Erfüllungsgehilfen Israels darstellen: "Israel und Amerika sind wie eine chemische Verbindung. Amerika ist Israel und Israel ist Amerika" (in einer Rechtfertigung seiner Behauptung, Washington habe den Irak-Krieg nur im Interesse Israels geführt).

Verschwörungstheorien



Und selbst wenn man sich im Nahen Osten zu Recht aufregt über gedankenloses oder rücksichtsloses Verhalten westlicher Medien, wird rasch ein "jüdischer Kontext" erfunden. Wie im Fall der unseligen Mohamed-Karikaturen der dänischen Tageszeitung 'Jyllands Posten': In Bahrain antwortete ein Karikaturist damit, dass der Vorfall die "Penetration Dänemarks durch die Zionisten" zeige. Und im Iran fühlte die große Tageszeitung "Hamshahri" sich bemüßigt, als Antwort darauf einen Karikaturen-Wettbewerb über den Holocaust auszuschreiben.

Jede Gemeinheit oder auch Dummheit des Westens wird sofort als Produkt jüdischer Manipulation oder Intrige empfunden oder dargestellt. Wobei dann natürlich auch wieder kein Unterschied zwischen 'Juden' und ‚Israel´ gemacht wird und israelische Militäraktionen – etwa im Gazastreifen – mit denen der Nazis verglichen oder gleichgesetzt werden. Immer wieder werden auf Karikaturen Davidstern und Hakenkreuz gleichgesetzt und vermengt: Die Opfer von einst werden zu den Tätern von heute gemacht und dadurch – rückwirkend – die Verfolgung und Vernichtung von Juden im Holocaust verharmlost oder gar gerechtfertigt.

Hinter all dem steckt eine Mischung von Unwissenheit und Demagogie: Die Geschichte der europäischen und besonders deutschen Judenverfolgung wird in der arabischen Welt nicht unterrichtet, das Leiden der palästinensischen Bevölkerung unter "den Juden" ("Al Yahoud") dafür umso mehr. Der einfache Mann auf der Straße ist zur Differenzierung nicht in der Lage. Und die arabischen Medien helfen ihm dabei nicht weiter. Sie vertiefen eher die Ignoranz und Fehl-Interpretationen in dieser Frage. Und selbst eine Zeitung wie die ägyptische Tageszeitung "Al Ahram", die offiziell von sich behauptet, keinen Antisemitismus zu dulden, druckt eine Karikatur, in der ein Jude/Israeli mit Blut tropfender Axt auf der Erdkugel reitet.

Politiker wiederum missbrauchen antisemitische Bilder rücksichtslos für ihre politischen Ziele. So schrieb der inzwischen zurückgetretene langjährige syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlass das Vorwort zum Buch "Die Matzah von Zion", das bereits in mehr als acht Auflagen erschienen ist und in dem behauptet wird, Juden hätten 1840 in Damaskus einen katholischen Priester ermordet, um mit seinem Blut "Matzot" zu backen – ungesäuerte Brote für das Pessach-Fest. Tlass rechtfertigte sich damit, das Buch sei "die arabische Antwort auf Schindlers Liste".

Peter Philipp

Zur Person

Peter Philipp

Geb. 1944 in Wiesbaden, war zwischen 1968 und 1991 Nahostkorrespondent mit Basis in Jerusalem, u.a. für die Süddeutsche Zeitung und den Deutschlandfunk. Seit 1991 Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln, später Leiter der Nah- und Mittelostabteilung, dann der Afrika/Nahostabteilung von Deutsche Welle Radio. Von 1998 bis zu seiner Pensionierung 2009 Chefkorrespondent und Nahostexperte von Deutsche Welle Radio.


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