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20.9.2007

"Terrorismus setzt auf psychologische Effekte"

Interview mit Ulrich Schneckener

Schrecken, Panik, das Gefühl von Unsicherheit: Der Terrorismus setzt auf psychologische Effekte. Transnationale Netzwerke sind heute multinationale Unternehmen, die über eigene Verbreitungskanäle verfügen. Ulrich Schneckener im Interview.

Dr. Ulrich Schneckener (© Ulrich Schneckener)

Was ist transnationaler Terrorismus und wie unterscheidet er sich von herkömmlichem Terrorismus?

Der transnationale Terrorismus unterscheidet sich vom herkömmlichen Terrorismus in erster Linie dadurch, dass er eine internationale Zielsetzung verfolgt. Das heißt: transnationalen Terrornetzwerken – wie etwa Al-Kaida oder anderen Gruppen – geht es darum, eine internationale oder regionale Ordnung zu verändern. Den meisten herkömmlichen und lokalen Terrorgruppen geht es hingegen darum, ein konkretes politisches Regime zu ändern.

Ein weiterer Aspekt ist, dass transnationaler Terrorismus eine Form von transnationaler Ideologie braucht. Hier spielt der Islamismus eine wesentliche Rolle. Der Islamismus erlaubt es, Menschen unterschiedlichster Nationalität und Kultur miteinander in Verbindung zu setzen. Die transnationale Ideologie schafft eine Offenheit der Netzwerke, weil sich hier im Prinzip jeder beteiligen kann, der sich dieser Ideologie verschreibt. Das gilt beispielsweise auch für Menschen, die zum Islam übergetreten sind. Diese Form der Ideologie dient sozusagen der Netzwerkausbreitung.

Und drittens unterscheiden sich transnationale Netzwerke in ihrer Mitgliederstruktur von herkömmlichen Gruppen. Klassische Terrorgruppen sind oftmals von einer Nation dominierte Gruppierungen, in denen relativ wenig Ausländer vertreten sind. In den transnationalen Netzwerken ist diese Unterscheidung zwischen In- und Ausländern gar nicht vorhanden: sie sind multinationale Unternehmen. Der letzte Aspekt ist der Netzwerkcharakter selber, also die Organisationsstruktur.



Welche Rolle spielen die Medien für islamistische Netzwerke? Wie beeinflussen sich Medien und Terrorismus gegenseitig?

Grundsätzlich spielen Medien für den Terrorismus eine große Rolle. Der Terrorismus setzt darauf, psychologische Effekte zu erzeugen: Schrecken, Panik, das Gefühl von Unsicherheit. Das lässt sich nicht durch den Terrorakt selbst erreichen, sondern nur durch die mediale Berichterstattung über den Akt und über das Phänomen Terrorismus. Diffuse Ängste können im Wesentlichen eigentlich nur gefördert werden, weil Terroristen einen medialen Zugang haben.

Heute ist es so, dass Terroristen in der Lage sind, sich diesen medialen Zugang selbst zu schaffen. Die Terroristen verfügen über eigene Verbreitungskanäle, in denen sie ihre eigenen Inhalte ohne jede Redaktion eins zu eins senden und verbreiten können. Hier ist das Internet ein zentraler Punkt, aber natürlich auch Videobänder, eigene TV-Sender, Chatrooms oder ganz herkömmliche Publikationsformen.

Ein anderer Aspekt, der hier sicherlich eine Rolle spielt und der auch für die Transnationalisierung wichtig ist, ist die Entwicklung globaler Medienkonzerne. Diese können in vielen Regionen der Welt gleichzeitig empfangen werden. Die Terroristen haben damit sofort eine weltweite Aufmerksamkeit, ein weltweites Publikum. Nationale Sender stehen in Konkurrenz zu diesen Sendern, sie müssen sich irgendwie dazu verhalten. Insofern ist es heute - anders als in den 1970er Jahren oder 1980er Jahren - für Staaten wesentlich schwieriger, den medialen Zugang zu kontrollieren oder zu regulieren. Es ist faktisch unmöglich

Das Interview führte Hanna Huhtasaari beim Medienseminar "Terrorismus und Medien" der bpb am 20.09.2007 in Berlin. Sie ist Volontärin in der Online-Redaktion der bpb.

Ulrich Schneckener

Zur Person

Ulrich Schneckener

Dr. Ulrich Schneckener ist Forschungsgruppenleiter der Forschungsgruppe "Globale Fragen" an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.


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