Herausforderung Salafismus

Radikalisierungsprävention



Newsletter November 2019

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die aktuellen Ereignisse in Syrien haben den sogenannten Islamischen Staat wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Deutschland bereitet sich auf Rückkehrende vor – nicht zuletzt weil die Türkei angekündigt hat, deutsche "IS"-Anhängerinnen und -Anhänger in die Bundesrepublik abzuschieben. Währenddessen haben Umstrukturierungen beim Bundesprogramm "Demokratie leben!" kontroverse Diskussionen ausgelöst.

Wir stellen in unserer Serie über die Strukturen der Prävention weitere Bundesländer vor: Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Drei Länder – Berlin, Bremen und Schleswig-Holstein – werden noch bis zum Ende des Jahres veröffentlicht. Damit wird erstmals ein bundesweiter Überblick über die Strukturen der Prävention vorliegen.

Unsere Handreichung "Schule und religiös begründeter Extremismus" ist wieder im Shop der bpb verfügbar und kann kostenfrei bestellt werden. Zusätzlich bieten wir die Ausgabe ab sofort auch als kostenloses E-Book an.

Herzliche Grüße
Ihre Infodienst-Redaktion

PS: Haben Sie einen Hinweis, worüber wir berichten sollten? Schreiben Sie uns an radikalisierungspraevention@redaktion-kauer.de!

Neu im Infodienst Radikalisierungsprävention

Neu bei der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

Aktuelle Meldungen

Syrien: Türkische Offensive, Tod von al-Baghdadi

In zahlreichen Medienberichten wurden die jüngsten Ereignisse in Syrien analysiert. Dabei geht es vor allem darum, was sie für die Zukunft des sogenannten Islamischen Staat (IS) bedeuteten sowie für die Sicherheitslage in Europa.

Durch die türkische Offensive gegen die Kurden in Nordsyrien könnte der IS wieder erstarken, berichtet die Zeit. Das Lager Ain Issa, in dem IS-Leute gefangen gehalten würden, sei kaum noch bewacht. Je nach Berichten sollen etwa 100 Dschihadisten zusammen mit ihren Familien geflohen sein, insgesamt etwa 700 bis 800 IS-Anhänger/-innen.

Die möglichen Auswirkungen des Todes von IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi analysiert Yassin Musharbash in der Zeit. Der Tod von al-Baghdadi sei zwar eine Niederlage für den IS, aber nicht das Ende der Terrormiliz. Auch Islamwissenschaftler und Terrorismusexperte Guido Steinberg kommentiert die Ereignisse, ebenfalls in der Zeit. Es begänne damit eine neue Phase in der Terrorbekämpfung, die Europäer zwingen würde, mehr für ihre eigene Sicherheit zu tun, so Steinberg.

Türkei droht, "IS"-Mitglieder nach Deutschland abzuschieben

Anfang November hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan angekündigt, dass sein Land inhaftierte Anhänger des "Islamischen Staats" (IS) in ihre Herkunftsländer zurückschicken könnte, so die Zeit. Die Türkei hat demnach den deutschen Behörden die bevorstehenden Abschiebungen von insgesamt elf Menschen angekündigt. Wer diese Menschen sind, und wie sich die Bundesländer auf ihre Rückkehr vorbereiten, beschreibt der Beitrag.

Zum Bericht auf zeit.de

"Demokratie leben!": Änderungen sorgen für Kritik

Familienministerin Giffey (SPD) steht in der Kritik, weil sie das Bundesprogramm "Demokratie leben!" umstrukturiert hat, berichtet der Deutschlandfunk. Modellprojekte erhalten künftig weniger Geld; mehr Förderung steht hingegen für die sogenannten Partnerschaften für Demokratie zur Verfügung, die an die Kommunen angedockt sind. Zivilgesellschaftliche Initiativen sehen dadurch ihre Arbeit und Existenz bedroht. Mehr als 120 Initiativen haben einen offenen Brief an Giffey unterschrieben. Sie beklagen, dass durch die immer nur befristete Förderung von Projekten immer wieder Kompetenz und Wissen von Mitarbeitenden verloren geht.

Zum Bericht auf deutschlandfunk.de

Zum offenen Brief auf demokratie-mobilisieren.de

Nach Halle: Online-Maßnahmen gegen Extremismus in der Diskussion

Nach dem rechtsextremen Anschlag in Halle thematisieren zahlreiche Medien die Rolle von Online-Plattformen für Extremismus und Terror. Der Täter von Halle hatte den Anschlag live auf Twitch gestreamt, einer Plattform, die vor allem zur Übertragung von Videospielen genutzt wird. Auch der Attentäter von Christchurch hatte seine Tat gestreamt – auf Facebook.

Viele der diskutierten Ansätze sind für alle Phänomenbereiche des Extremismus relevant. Das Fachmagazin für digitale Medien t3n beschreibt in einem Beitrag, wie der Täter von Halle seine Tat ins Netz übertrug, wie sich die Aufzeichnung über verschiedene Plattformen verbreitete und wie die Betreiber dagegen vorgingen. t3n beschreibt dabei auch die Vor- und Nachteile sogenannter Hash-Werte. Das sind digitale Signaturen, mit denen einzelne Dateien zweifelsfrei identifiziert werden können. Einige Plattformbetreiber setzen die Technologie bereits ein und tauschen sich mit anderen Medienplattformen aus, um die Verbreitung der Videos zu verhindern.

Nach dem Anschlag von Christchurch hatte die neuseeländische Regierung angekündigt, knapp zehn Millionen Euro für die Bekämpfung von Extremismus im Netz zur Verfügung zu stellen. Ein spezielles Team des Innenministeriums sollte sich unter anderem mit, Forensik, Aufklärung und Verhinderung von extremistischen Inhalten befassen sowie Verstöße zu verfolgen.

Netzpolitik.org hat Miro Dittrich, Leiter des Projekts "De:hate" bei der Amadeu-Antonio-Stiftung, zu dem Thema interviewt. Dittrich hält es für falsch, eine bestimmte Online-Szene in den Fokus zu nehmen: "... Leute werden nicht rechtsradikal, weil sie Gamer sind. Das sind gesellschaftlich isolierte Menschen, wie auch der Täter von Halle." Darüber diskutiert er Möglichkeiten, wie Sicherheitsbehörden Online-Communities überwachen können. Die Forderung nach sogenannten Hintertüren für die Polizei in verschlüsselten Chats sieht er skeptisch.

Gericht bestätigt: Ansaar International ist "extremistisch-salafistische Bestrebung"

Der umstrittene Hilfsverein Ansaar International aus Düsseldorf hat sich erfolglos dagegen gewehrt, im Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen als extremistisch-salafistische Bestrebung bezeichnet zu werden, berichtet die Rheinische Post. Der Verein, so das Gericht, sei "unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe an Dritte herangetreten, um diese für seine salafistische Weltanschauung zu gewinnen" und habe für seine Spendenkampagnen auch salafistische Prediger wie Sven Lau eingeladen.

Zum Bericht auf rp-online.de

Neues NRW-Informationsportal: "Gegen gewaltbereiten Salafismus"

Die Landeszentrale für politische Bildung NRW informiert in ihrem neuen Online-Portal "Gegen gewaltbereiten Salafismus" über gewaltbereiten Salafismus und die entsprechenden Präventionsangebote der Landesregierung. Das Portal bündelt alle Projekte der Landesregierung in diesem Bereich. Zentrales Element der Plattform ist eine regionale Suche. Das Portal soll Bürgerinnen und -bürgern in NRW eine zentrale Anlaufstelle bieten. Darüber hinaus soll es Fachleute aus Wissenschaft, Pädagogik und Zivilgesellschaft ansprechen.

Zum Portal auf gegen-gewaltbereiten-salafismus.nrw

Beratungsstellen in Hessen: Derzeit Arbeit mit 217 Radikalisierten

Die Beratungsstellen in Hessen arbeiteten derzeit mit 217 radikalisierten Personen beziehungsweise Gefährder/-innen, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Das ginge aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der AfD hervor. Unter den Menschen, mit denen die 18 Mitarbeiter der Beratungsstelle Hessen arbeiten, seien auch Rückkehrer/-innen aus Syrien, hieß es weiter. Außerdem würden mehr als 200 Angehörige beraten und unterstützt, deren Kinder oder Freunde als gefährdet gelten.

Zum Bericht auf sueddeutsche.de

Debatte über das Kopftuch in Frankreich

In Frankreich wird aktuell über Islam, Islamophobie und Kopftücher gestritten, so die Süddeutsche Zeitung. Muslimische Frauen mit Kopftuch kämen in der Debatte jedoch fast gar nicht vor. Laut der Pariser Soziologieprofessorin Nilüfer Göle seien viele Frauen mit Kopftuch gut ausgebildet und hätten einen intellektuellen Zugang zu ihrer Religion. Der Konflikt entstehe, weil die Frauen integriert seien und sich gleichzeitig, durch ihr Kopftuch, nicht an alle Normen anpassten.

Zum Bericht auf sueddeutsche.de

Materialien und Handreichungen

Universität Luzern: "Ramadan kommt immer so plötzlich – Islam, Schule und Gesellschaft"

Das Team am Zentrum Religionsforschung der Universität Luzern einen Leitfaden für den Umgang mit Alltagssituationen rund um den Islam veröffentlicht. Entstanden ist der Leitfaden auf der Grundlage von rund dreißig Workshops mit Lehrpersonen, Mitarbeitenden der Schulsozialarbeit und weiteren Fachkräften. Diskutiert wurden Praxisfälle rund um Ramadan, Geschlechterrollen, Berufswahl, Lehrstellensuche mit Kopftuch, den Handschlag oder den Schwimmunterricht. Ziel des daraus entstandenen Leitfadens ist es, wiederkehrende oder besonders ergiebige Fallmuster zu schildern, relevante Informationen und Sichtweisen darauf darzulegen und Optionen für den Umgang damit durchzuspielen. Den Autor/-innen geht es vor allem darum, mit gezielten Fragen die wichtigsten Aspekte eines Falles herauszuarbeiten. Welche Schlüsse daraus in einem konkreten Fall zu ziehen sind, soll jedoch offen bleiben.

Zum Download auf unilu.ch

RAN: "Extremism, Radicalisation & Mental Health: Handbook for Practitioners"

Das Handbuch des Radicalisation Awareness Network beschreibt, inwiefern verschiedene psychische Erkrankungen eine Rolle bei der Entstehung von Extremismus spielen könnten. Zunächst werden grundlegende Begriffe und Konzepte vorgestellt wie Radikalisierungsrisiko und Vulnerabilität. Anschließend werden verschiedene psychische Störungsbilder aufgeführt. Darüber hinaus wird dargestellt, inwiefern deren Symptome aus Sicht der Präventionspraxis relevant sein können und wie Risiko und Vulnerabilität entschärft werden können.

Zum Download auf ec.europa.eu (in englischer Sprache)

Camino: "Selbstevaluation im Projektalltag" / Partnerschaften für Demokratie

Die Handreichung von CAMINO bietet Hilfestellung bei der Planung, Umsetzung und Auswertung einer Selbstevaluation unter Berücksichtigung der Besonderheiten der Partnerschaften für Demokratie. Sie dient außerdem als Arbeitshilfe für andere Akteure, die ihre eigene Tätigkeit systematisch und datenbasiert in Form einer Selbstevaluation bewerten wollen.

Zum Download auf demokratie-leben.de

Studien und Berichte

Universität Duisburg-Essen: "Muslime ja, Islam nein?"

Welche Dimensionen der Islamfeindlichkeit zeigen sich in jugendlichen Einstellungen? Welche Erfahrungen und Bedingungen des Aufwachsens sind für islamfeindliche Einstellungen bedeutsam? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Duisburg Essen und Bielefeld haben rund 500 junge Menschen an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in NRW befragt. Der Bericht stellt die Ergebnisse vor und formuliert Handlungsimpulse für Bildungspraxis und Zivilgesellschaft.

Die Wissenschaftler/-innen kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass eine Auseinandersetzung über den Islam ohne Berücksichtigung der Lebenswelt von Musliminnen und Muslimen deren Vereinheitlichung und teilweise auch Abwertung fördert. Vor diesem Hintergrund schützt demnach das Wissen über die Lebensrealitäten von Musliminnen und Muslimen vor Islamfeindlichkeit.

Zum Download auf islam-feindlichkeit.de

Hochschule Merseburg und Anne Frank Zentrum: "Politische Bildung im Jugendstrafvollzug"

Die Studie der Hochschule Merseburg in Zusammenarbeit mit dem Anne Frank Zentrum gibt einen Überblick über Angebote, Bedarfe und Leerstellen der politischen Bildung im Strafvollzug. Ein Wissenschaftsteam befragte bundesweit über 700 inhaftierte Jugendliche sowie 40 Mitarbeitende von Vollzugsanstalten und externe politische Bildner/-innen. Das Forschungsteam leitet aus der Studie Handlungsempfehlungen für den Jugendstrafvollzug ab. Außerdem enthält die Publikation eine Übersicht mit Angeboten der politischen Bildung im Jugendstrafvollzug.

Zum Download auf annefrank.de

BRaVE: Interaktive Karte mit europäischen Projekten und Studien zu Counter Terrorism

Im Rahmen des EU-Projekts Building Resilience against Violent Extremism and Polarisation (BRaVE) wurde eine interaktive Karte erstellt. Diese stellt europäische Projekte und Studien zum Thema "Counter Terrorism" dar. Aufgenommen wurden Projekte und Institutionen, die zwischen 2014 und 2019 aktiv waren, sowie relevante Studien, die seit dem Jahr 2000 publiziert wurden. BRaVE wird koordiniert vom italienischen European University Institute; zum Konsortium gehört auch der deutsche Verein cultures interactive.

Zur Karte auf brave-h2020.eu (in englischer Sprache)

Zeitschriften

Forum Kriminalprävention: "Effekte in der Extremismusprävention / Evaluationskriterien und -ergebnisse"

Das Thema Evaluation steht im Fokus dieser Ausgabe der Zeitschrift der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention. Darin wird unter anderem dargelegt, wie sich Effekte von Präventionsmaßnahmen im Bereich des islamistischen Extremismus erfassen lassen oder welche Narrative zur Prävention von Radikalisierung und Extremismus im Internet geeignet sind.

Die Zeitschrift ist im Juni 2019 beim Verlag Deutsche Polizeiliteratur erschienen und umfasst 40 Seiten. Sie kann zum Preis von 5,00 Euro bestellt oder online angesehen werden. Einige Artikel können kostenlos als PDF heruntergeladen werden.


Die Grundschulzeitschrift: "Frühe Extremismuspräventation"

Diese Ausgabe der Grundschulzeitschrift informiert über Ursachen sowie Erscheinungsformen von Radikalisierung und Extremismus. Die Beiträge stellen Herausforderungen für Lehrkräfte vor und bieten Lösungsansätze und Praxisideen an. Dabei folgt das Heft dem Ansatz einer primären/universellen Prävention, die alle Kinder in der Grundschule stark und resistent gegen menschenfeindliche Einstellungen sowie ausgrenzende Verhaltensweisen machen möchte.

Die Zeitschrift ist im Juni 2019 beim Friedrich Verlag erschienen und umfasst 56 Seiten. Sie kann zum Preis von 25,50 Euro bestellt werden.

Fachbeiträge und Interviews

Interview: "Politische Bildung steht jungen Menschen im Gefängnis ebenso zu wie allen anderen auch"

Lisa Schneider von der Universität Siegen, Dr. Anne Kaplan von der TU Dortmund und Prof. Karim Fereidooni von der Ruhr-Universität Bochum forschen derzeit gemeinsam zu politischer Bildung im Jugendstrafvollzug und Jugendarrest in Nordrhein-Westfalen (NRW). Im Interview sprechen sie über den Anspruch inhaftierter junger Menschen auf politische Bildung. Dabei geht es auch um das Verhältnis zwischen politischer Bildung und Präventionsarbeit beziehungsweise Deradikalisierungsarbeit.

Zum Interview auf transfer-politische-bildung.de

Interview mit Husamuddin Meyer: "Seelsorge ist die beste Form der Prävention"

Husamuddin Meyer ist der dienstälteste islamische Gefängnis-Seelsorger in Deutschland. Bei einer vom Mediendienst Integration organisierten Presse-Tour in der JVA Frankfurt sprach er über das Freitagsgebet im Gefängnis, die Gefahr der Radikalisierung in der Haft und den richtigen Umgang mit IS-Rückkehrern.

Zum Interview auf mediendienst-integration.de

ICCT: A Comparison of Risk Assessment Tools for Violent Extremism

Im Paper des niederländischen International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) werden sieben Risk Assessment Tools kritisch betrachtet: VERA-2R, ERG 22+, SQAT, IR46, RRAP, Radar und VAF. Die Autor/-innen beschreiben unter anderem, wo die jeweiligen Tools entwickelt wurden und welche Methodik ihnen zugrunde liegt. Sie erläutern Sinn und Zweck sowie die praktische Nutzbarkeit der Tools.

Zum Paper auf icct.nl (in englischer Sprache)
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