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17.12.2012

Rechtsextremistische und rechtsterroristische Gewalt in Europa – ein Überblick

Wo und in welcher Weise spielen rechtsextreme Gewalt und Terrorismus in Europa eine Rolle? Auf welchem ideologischen und strukturellen Nährboden gedeihen sie?

Ein Mitglied der English Defence League (EDL) bei einer Demonstration in Amsterdam am 30. Oktober 2010. (© AP)


Probleme des Vergleichs fremdenfeindlicher und rechtsextremistischer Gewaltpotentiale auf europäischer Ebene

Das im Jahr 2001 von der Kriminalpolizei in Deutschland eingeführte neue Erfassungssystem für politisch motivierte Straftaten enthält mehrere Tatkategorien, die nach der vermuteten oder tatsächlichen Motivation der Täter eine Einordnung als "rechte Gewalt" begründen; darunter fallen zahlreiche Delikte, die "sich gegen eine Person wegen ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes, ihrer Behinderung, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres gesellschaftlichen Status richten (sogenannte Hasskriminalität)."[1] Dabei muss in der deutschen Terminologie zwischen "rechten" und "rechtsextremistischen" Taten unterschieden werden. Als "rechtsextremistisch" gelten nur solche Taten, die eine klare Haltung gegen den Bestand der Verfassungsordnung erkennen lassen. Dies betrifft allerdings das Gros der als "rechtsgerichtet" erfassten Gewalttaten. Im Jahr 2011 wurden 755 von 828 "rechten Gewalttaten" als "rechtsextremistisch" eingestuft, darunter 5 versuchte Tötungsdelikte, 640 Körperverletzungen, 20 Brandstiftungen, 27 Landfriedensbrüche, 6 "gefährliche Eingriffe" in den Bahn-, Luft-, Schiffs- und Straßenverkehr, 2 Fälle von Freiheitsberaubung, 12 von Raub, 4 von Erpressung und 39 Widerstandsdelikte ("Widerstand gegen die Staatsgewalt").[2]

Versucht man nun, diese Daten in den europäischen Kontext zu stellen, um einen Eindruck zu gewinnen, in welchem Maße Deutschland von rechter/rechtsextremistischer Gewalt betroffen ist, so stößt man rasch auf Erkenntnisbarrieren.[3] Denn eine vergleichende Bestimmung der Schwere und Häufigkeit rechter/rechtsextremistischer Gewaltdelikte in den EU-Mitgliedstaaten scheitert bislang daran, dass nahezu jedes Land die entsprechenden Daten auf unterschiedliche Weise erfasst. Selbst für jene Staaten, die solche Straftaten mit hoher Intensität und Datenqualität erheben[4], sind Vergleiche unmöglich, weil jedes Land andere Kriterien verwendet. Dies gilt auch für die in diesem Phänomenbereich besonders häufigen "Hassverbrechen", denn zwischen den erhebenden Staaten besteht weder im Blick auf die potentiellen Opfergruppen noch bei der Art der erfassten Delikte Konsens.[5] So dokumentieren die Hate Crimes-Berichte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zwar umfassend die von den erfassten Staaten gemeldeten Delikte, lassen aber keinen systematischen Vergleich zu.[6]

Dieses Manko lässt sich keineswegs durch Berichte von Nichtregierungsorganisationen kompensieren. Diese stützen sich vielfach auf Medienberichte, deren Zuverlässigkeit weit auseinandergeht und nicht immer hinreichend geprüft wird.[7] Immerhin bieten Viktimisierungsstudien eine Möglichkeit, den Grad der wahrgenommenen Bedrohung von Minderheiten in den EU-Staaten zu erfassen. Sie basieren auf Umfragedaten und versuchen auf diese Weise, die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, mit der Angehörige von Minderheiten Gefahr laufen, Opfer einer Straftat zu werden. Laut einer Studie aus dem Jahr 2004 lag der Prozentsatz der Immigranten, die nach eigenen Angaben Zielscheibe eines "Hassverbrechens" (von der Bedrohung bis zur Gewalttat) geworden waren, in Belgien, Griechenland, Dänemark, Frankreich und dem Vereinigten Königreich (zwischen 22 und 11 Prozent) am höchsten. Deutschland lag neben Luxemburg, Schweden, den Niederlanden und Österreich mit Werten um die 9 Prozent im Mittelfeld. Am unteren Ende der Skala befanden sich Irland, Italien, Portugal, Finnland und Spanien. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2008 lässt Differenzierungen nach den potentiellen Hauptopfergruppen zu. In Griechenland, Tschechien, Ungarn, Polen, der Slowakei, Rumänien und Bulgarien (Griechenland höchste, Bulgarien niedrigste Viktimisierungsrate) waren die Betroffenen häufig Roma, in Dänemark, Finnland und Schweden (auch in dieser Reihenfolge) Somali, in Dänemark, Deutschland, Belgien, Österreich und Bulgarien Türken, in Italien, den Niederlanden, Frankreich, Spanien, Belgien "Nordafrikaner", um nur einige wichtige Opfergruppen zu nennen.[8]

Ein Abgleich der Ergebnisse der Viktimisierungsstudien und der von den Sicherheitsbehörden der EU-Mitgliedstaaten gemeldeten Kriminaldaten zeigt, dass die Gewaltstatistik keine Prognose über den zu erwartenden Viktimisierungsgrad erlaubt. Dies gilt umso mehr, wenn man nur "rechtsterroristische" Delikte in die Betrachtung einbezieht, da diese in allen Staaten nur einen sehr kleinen Teil der Gewaltdelikte bilden. Allerdings stellt sich auch hier die Definitionsproblematik. Welche Merkmalkombination ist erforderlich, damit ein Delikt als "rechtsterroristisch" gewertet werden kann? Darüber besteht auch in der Wissenschaft kein Konsens.[9] Eine enge Definition liegt den Europol-Berichten zugrunde. Sie erfassen nur solche Gewaltakte als "terroristisch", die darauf zielen, Teile der Bevölkerung einzuschüchtern, Staaten zu erpressen und/oder die politische, konstitutionelle, ökonomische oder soziale Struktur eines Landes oder einer internationalen Organisation zu destabilisieren. [10]Kumuliert man die Daten der Europol-Terrorismus-Lage- und -Trendberichte der Jahre 2007 bis 2011 (siehe Tabelle), so erscheint der rechtsextremistisch motivierte Terrorismus im Vergleich zu den übrigen Formen (Separatismus, Islamismus, Linksextremismus) als ein quantitativ deutlich weniger bedeutendes Phänomen.[11]

Nur für Ungarn und Portugal wurden im Beobachtungszeitraum rechtsterroristische Delikte gemeldet. Allerdings scheint die Terrorismus-Definition allzu eng zu sein, wenn etwa das Massaker des Norwegers Anders Behring Breivik vom Juli 2011 nicht als "rechtsterroristisch" gewertet wird. Immerhin zeigt eine genaue Lektüre der TE-SAT-Berichte, dass Europol, sieht man einmal von der viel zu engen statistischen Erfassung ab, wichtige Gefahrenzonen identifiziert, innerhalb derer sich in den vergangenen Jahren rechtsterroristische Tendenzen abzeichneten. Der Bestimmung solcher "Kristallisationsfelder" soll die folgende Betrachtung dienen.

Potentielle rechtsterroristische Kristallisationsfelder

Anti-Antifa

Gewaltsame Links-Rechts- und Rechts-Links-Konfrontationen erreichten in vielen europäischen Ländern in der Zwischenkriegszeit ihren Höhepunkt. Bekriegten sich damals paramilitärisch organisierte Parteiverbände, sind es heute überwiegend jugendsubkulturelle Gruppierungen – mit weitaus geringerer Relevanz für die Stabilität der politischen Systeme, aber hoher Bedeutung für die innere Sicherheit. Die Konfrontationsgewalt ist in denjenigen europäischen Ländern besonders groß, wo in der Öffentlichkeit sichtbare organisierte rechts-militante Szenen auf eine starke Antifa-Gegenmobilisierung mit gewaltgeneigten Gruppierungen stoßen. Nicht immer ist beim Kampf der Kontrahenten klar, wo der Angreifer und wo der Verteidiger ist. Beide Seiten sind bestrebt, ihre Aktionen als Notwehr zu rechtfertigen. Aber auch proaktives Handeln findet sich auf beiden Seiten. In der britischen rechtsextremen Szene spielte die Konfrontationsgewalt "rechts gegen links" schon Anfang der 1990er Jahre eine erhebliche Rolle.

Die militante NS-affine Gruppe "Combat 18" (C18), gegründet 1992 als bewaffneter Arm der Skinheadvereinigung "Blood & Honour", veröffentlichte im Mai 1992 erstmals das Magazin "Redwatch" mit Fotos und Personalinformationen von bekannten Antifa-Aktivisten. Auch in Deutschland entstand eine militante Anti-Antifa im Zuge der fremdenfeindlichen Gewaltwelle und linksmilitanter Reaktionen zu Beginn der 1990er Jahre. Als Initiator gilt der ehemalige Mitstreiter des Hamburger Neonationalsozialisten Michael Kühnen, Christian Worch, heute Vorsitzender der 2012 neu gegründeten Partei "Die Rechte".[12] In Schweden mobilisierten die Erfolge der "Sverigedemokraterna" (SD; "Schwedendemokraten"; September 2010 erstmaliger Einzug ins nationale Parlament mit 5,7 Prozent der Stimmen) eine seit den frühen 1990er Jahren aktive Antifa-Szene. Sie liefert sich seit Jahren heftige Auseinandersetzungen mit Angehörigen eines "rassenideologischen Untergrundes"[13],dessen Angehörige sich teilweise am historischen Nationalsozialismus orientieren. Einen gewaltsamen Höhepunkt bildeten die Gewalttaten einer Splittergruppe "National Ungdom" (Nationale Jugend) im Jahr 1999, der u.a. der führende Gewerkschaftsfunktionär Björn Söderberg zum Opfer fiel. Im neuen Jahrtausend hat sich, von Deutschland ausgehend, das Konzept der Autonomen Nationalisten in andere europäische Länder verbreitet. Sie haben ihr Outfit weitgehend den linken Kontrahenten abgeschaut (schwarze Kapuzenpullover, Anstecker, Baseball-Caps, Palästinensertücher), sind aber ideologisch kaum von den seit langem bekannten NS-affinen Gruppierungen zu unterscheiden. Auf Demonstrationen scheuen sie nicht vor direkten Angriffen gegen ihre linken Kontrahenten wie auch Polizeibeamte zurück.[14]

Paramilitärs

Die Faszination für alles Militärische (Uniformen, Abzeichen, hierarchische Befehlsstrukturen, Waffen) ist in militanten rechtsextremistischen Gruppierungen seit eh und je verbreitet. Paramilitärisch strukturierte Vereinigungen – oft angelehnt an historische Vorbilder wie Freikorps, SA, SS, Waffen-SS in Deutschland, die Heimwehren in Österreich, die Squadre d’azione in Italien, die Eiserne Garde in Rumänien, die Tschetniks in Serbien oder die Ustascha in Kroatien – sind fester Bestandteil militanter rechtsextremer Szenen. Daneben spielen heute US-amerikanische Einflüsse eine Rolle. In den USA entstand in den 1990er Jahren die "militia movement", die vor allem von einem verschwörungstheoretisch unterfütterten Misstrauen gegen die amerikanische Zentralregierung zusammengehalten wird und an ihren Rändern Überschneidungen mit anderen rechtsextremistischen Strömungen ("Christian Identity", "Ku Klux Klan", Neonationalsozialisten etc.) aufweist.[15] Sie unterhalten Verbindungen in viele europäische Länder.

Paramilitärisch organisierte rechtsextremistische Vereinigungen sind in den letzten Jahren vor allem auf dem Balkan, in Ungarn, Tschechien und der Slowakei aufgetreten. Während sie in Ländern wie etwa Kroatien und Serbien unmittelbar auf die Balkankriege zurückgehen und in beträchtlichem Umfang von Veteranen getragen werden, handelt es sich in Mittelosteuropa meist um Formationen, die gegen eine wahrgenommene, vom Staat angeblich unzureichend erkannte, ignorierte oder unterschätzte Bedrohung Front machen.[16] Sie gebärden sich als die eigentlichen Garanten von "Recht und Ordnung" in der Abwehr von Gefahren, die von sozialen "Störenfrieden" wie Roma, Juden, muslimischen Migranten, Homosexuellen etc. ausgehen. Der bekannteste Fall ist der der "Ungarischen Garde", die mit ihren rund 3.000 Mitgliedern 2009 verboten wurde, weil sie ethnische Spannungen anstachele.[17]

Aber auch im westlichen Europa sind paramilitärische Formationen nicht unbekannt. Ein aktuelles Beispiel stellt die "English Defence League" (EDL) dar, die im Jahr 2009 im Londoner Vorort Luton entstand, wo es in den Jahren zuvor häufig zu Konflikten zwischen der seit langem ansässigen Mehrheitsbevölkerung und einer eingewanderten muslimischen Minderheit mit beträchtlicher Größe und militant-islamistischen Rändern gekommen war. Anlass der EDL-Gründung waren Aggressionen von Islamisten auf aus dem Irak heimkehrende britische Soldaten. Die EDL gewann Bedeutung infolge ihrer Finanzierung durch einen islamophoben Millionär, Alan Lake, der sie als Instrument im "Kampf der Kulturen" gebrauchen wollte.[18] Die Anhänger der Liga rekrutieren sich aus Fußball-Hooligans, Mitgliedern von Rechtsaußenparteien Parteien wie der BNP und der antieuropäischen "United Kingdom Independence Party" (UKIP), Kriegsveteranen der britischen Armee sowie wenig gebildeten jungen Arbeitern. Sie gliedert sich nach militärischen Vorbildern in regionale "Divisionen", ist aber in ihrer organisatorischen Entwicklungsdynamik ein Produkt "sozialer Netzwerke" im Zuge der Facebook- und Twitter-Revolution. Bei öffentlichen Demonstrationen baut die EDL eine Drohkulisse auf; häufig kommt es zu Übergriffen auf Passanten oder Gegendemonstranten. Für die Bestimmung rechtsterroristischer Potentiale ist das neue ideologische Konglomerat bedeutsam, das seit 9/11 in Amerika und Europa in den letzten Jahren zunehmend Anhänger findet und von der EDL verbreitet wird: Die auf neue Art aggressive ideologische Mixtur kann in gewaltsame Formen der Auseinandersetzung münden. So setzt Breivik in seinem Manifest Hoffnungen auf Gruppen wie die EDL [19]und verbindet dieselben Ideologeme zu einem geistesverwandten Konglomerat. EDL-Mitglieder haben an mehreren internationalen Konferenzen islamophober Parteien teilgenommen und dort für ihre Anliegen geworben. Zumindest im Internet produzieren sich inzwischen Ableger der EDL auf dem europäischen Festland, u.a. in Deutschland[20], Frankreich und Dänemark.

Der seit 2011 in Deutschland zu beobachtende Straßenprotest der sogenannten "Unsterblichen" dürfte davon völlig unabhängig sein. Die maskierten Kapuzenträger erinnern an Aufmärsche des "Ku-Klux-Klan", und das ideologische Ferment mit dem zentralen Gedanken des "Volkstodes" besteht aus völkischem Rassismus, wie er in NS-affinen "Kameradschaften" und "White Power"-Gruppierungen international verbreitet wird.

Terrorzellen

Mit konventionellen militärischen Organisations- und Aktionsformen bricht das Konzept des "führerlosen Widerstandes" ("leaderless resistance"), mit dem der Vietnamveteran und ehemalige "Ku-Klux-Klan"-Aktivist Louis Beam Anfang der 1980er Jahre einen strategischen Beitrag für den angeblichen weltweiten Überlebenskampf der "weißen Rasse" leisten wollte.[21] Die klassische pyramidale Struktur organisatorischer Netzwerke mit einem Führer an der Spitze biete einer effektiven Staatsmacht zu viele Angriffspunkte, um eine Widerstandsbewegung zu durchdringen und zu zersetzen. Eine Alternative zur pyramidalen Struktur biete das Zellensystem. Jede Zelle operiert völlig unabhängig von den anderen und steht in keinerlei Kontakt zu einem Hauptquartier oder einem einzelnen Anführer. Dafür muss aber jede Zelle in einer gegebenen Situation genau wissen, was zu tun ist. Dies kann nur gelingen, wenn alle Zellen in einem gemeinsamen Ziel, etwa der "Überwindung der Staatstyrannei", vereint sind, also über eine gemeinsame ideologische Grundlage verfügen und so unabhängig voneinander genau das tun, was zur Erreichung dieses Zieles erforderlich ist.

Die Veröffentlichung von Louis Beams Beitrag (1992) trug wesentlich zur internationalen Verbreitung des Konzepts bei – nicht nur in der extremen Rechten, sondern auch bei radikalen Umweltschützern und Islamisten.[22] Dennoch fand es besonders große Verbreitung unter Rechtsextremisten, wo ähnliche Ideen bereits in Gestalt von William Pearce’ "Turner Diaries" (1978), einem "arischen" Rassenkriegsroman, kursierten.[23] In Europa fand es vor allem über die rechtsextremistischen Skinhead-Netzwerke wie "Blood & Honour" Verbreitung. In einem unter Pseudonym (Max Hammer) im Jahr 2000 veröffentlichten "Field Manuel" werden führerloser Widerstand und "direkte Aktion"[24] als Optionen im Kampf gegen ZOG (Zionist Occupied Government, die "jüdisch beherrschten" westlichen Regierungen) propagiert. "Hammer" empfiehlt die Bildung eines kommunikativ lose geknüpften Netzwerkes autonomer Gruppen ohne "selbsternannte Führer"[25] und Mitgliedskarte. Ob allerdings "leaderless resistance" in der Form gewaltsamer Maßnahmen zur "Selbstverteidigung" opportun erscheine, hänge von den Aktionsbedingungen in verschiedenen Ländern ab. In Deutschland, das sich fest in den Händen der ZOG befinde und wo noch legale Handlungsspielräume bestünden, sei diese Strategie geradezu zwingend.[26]

Auf europäischer Ebene lassen sich zahlreiche Beispiele für rechtsextremistische Gewaltakte finden, die vom Konzept des "leaderless resistance" inspiriert waren. Möglicherweise handelten auch die Serienmörder des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU) nach dieser Vorlage. Struktur und Abschottung der Gruppe sprechen dafür.[27]

Einzeltäter

"Führerloser Widerstand" kann von abgeschotteten Gruppen, ebenso aber auch von Einzelaktivisten praktiziert werden. Nach Robert Spaaij, der zahlreiche Terrorakte dieses Typs untersucht hat, unterscheiden sich terroristische Einzeltäter ("lone wolfs") in drei Punkten von anderen: Sie handeln erstens individuell, gehören zweitens keiner Terrorgruppe und keinem Terror-Netzwerk an, und ihre Vorgehensweise ist drittens dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht in eine Hierarchie eingebunden sind und keinerlei Anordnung durch andere befolgen.[28] Der oft als Beispiel für Einzeltäter angeführte Oklahoma City-Attentäter Timothy McVeigh (1995) war nach der Definition Spaaijs kein "lone wolf", weil ein Komplize, Terry Nichols, bei der Vorbereitung des Anschlags eine bedeutende Rolle spielte. Und auch sogenannte "Schläfer", die individuell agieren, sind nicht als Einzeltäter in diesem Sinne anzusehen, da sie in Verbindung mit Terror-Netzwerken stehen, von denen nach erfolgreicher Infiltration der betreffenden Gruppe oder Gesellschaft der "Weckbefehl" ausgeht. Einzeltäter agieren unabhängig, sind aber stets in kommunikative Netzwerke eingebunden, d.h. sie haben Vorbilder, orientieren sich an bestimmten politischen Inhalten und Strömungen, tauschen sich in aller Regel auch mit Gleichgesinnten aus, wobei das Internet im neuen Jahrtausend "das" zentrale, grenzüberschreitende Forum bildet. All dies trifft auch auf den norwegischen Attentäter Breivik zu, der sein mehr als 1500 Seiten umfassendes Manifest kurz vor den Anschlägen ins Internet stellte.

Breivik ist allerdings das Produkt einer neuen ideologischen Konfiguration, die nach 9/11 entstanden ist. Die am historischen Nationalsozialismus orientierten Gruppierungen unterscheiden sich davon wesentlich: Sie propagieren einen biologischen Rassismus, argumentieren strikt antizionistisch/antisemitisch und sind im Blick auf das Verhältnis zu Christentum und Islam gespalten. Unabhängig davon spielt aber auch bei ihnen das "lone wolf"-Konzept eine wichtige Rolle. Es wird u.a. im "National Socialist Political Soldiers Handbook" von C18 im Internet als ein möglicher Weg empfohlen, da individuell Handelnde völlig unabhängig und für ihre Sicherheit allein verantwortlich seien.[29] Im Unterschied zu einer Zelle müsse auf niemanden Rücksicht genommen werden. Das Entdeckungsrisiko sei mithin geringer als bei jeder anderen Aktionsform.

Garry Gable und Paul Jackson haben in einer Searchlight-Studie 40 Fälle von angeblichen "lone wolfes", vor allem in den USA und Großbritannien, untersucht und kommen zu dem Ergebnis, dass alle mit kommunikativ vernetzt waren mit affinen Gruppierungen/Strömungen im Vorfeld der Tatausführung.[30] Zumindest waren sie in ihrer Gedankenwelt von anderen beeinflusst, tauschten sich zeitweilig mit ihnen aus. Diese Beobachtung steht jedoch keineswegs im Gegensatz zur Definition Robert Spaaijs. Entscheidend ist, ob die kriminellen Handlungen unabhängig, d.h. ohne Abstimmung mit anderen Personen, zur Ausführung gelangen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2011, Berlin 2012, S. 26.
2.
Vgl. Ebd., S. 27 f.
3.
Siehe zum Folgenden ausführlich: Uwe Backes, Rechtsextremistische Gewalt in Europa – Qualitative und quantitative Bedrohungsdimensionen, in: Gerhard Hirscher/Eckhard Jesse (Hrsg.), Extremismus in Deutschland, Baden-Baden 2013, S. 43-61.
4.
Vgl. European Union Agency for Fundamental Rights (Hrsg.), Making hate crime visible in the European Union: acknowledging victim’s rights, Wien 2012, S. 31-44.
5.
Vgl. zur Kritik: Jon Garland/Neil Chakraborti, Divided by a common concept? Assessing the implications of different conceptualizations of hate crime in the European Union, in: European Journal of Criminology, 9 (2012) 1, S. 38-51.
6.
Vgl. zuletzt OSCE/ODIHR (Hrsg.), Hate Crimes in the OSCE Region – Incidents and Responses. Annual Report for 2011, Warschau 2012.
7.
Vgl. European Union Agency for Fundamental Rights (Hrsg.), Annual Report 2008, Wien 2008, S. 36
8.
Vgl. European Union Agency for Fundamental Rights (Hrsg.), Minorities as Victims of Crime, Wien 2012.
9.
Vgl. zur Definitionsproblematik vor allem: Axel P. Schmid/Albert J. Jongman, Political Terrorism. A New Guide to Actors, Authors, Concepts, Data Bases, Theories, and Literature, New York 2005.
10.
Europol (Hrsg.), TE-SAT 2011. EU Terrorism Situation and Trend Report, Den Haag 2011, S. 4.
11.
Europol (Hrsg.), TE-SAT 2010. EU Terrorism Situation and Trend Report, Den Haag 2010, S. 50 f.; Europol (Hrsg.), TE-SAT 2011 (Anm. 10), S. 27; Europol (Hrsg.), TE-SAT 2012. EU Terrorism Situation and Trend Report, Den Haag 2012, S. 36.
12.
Vgl. Martin Thein, Biographisches Porträt: Christian Worch, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 18, Baden-Baden 1999, S. 204-214; Rainer Erb, Protestorganisation und Eventmanagement. Der Typus des rechtsextremen Bewegungsunternehmers, in: Andreas Klärner/Michael Kohlstruck (Hrsg.), Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Bonn 2006, S. 142-176.
13.
Vgl. Helene Lööw, Les nationalistes extrémistes en Suède et la formation d’une subculture de la suprématie blanche, in: Uwe Backes/Pascal Hintermeyer/Patrick Moreau (Hrsg.), Extrémisme et violence, Revue des Sciences Sociales, Nr. 46, Strasbourg 2011, S. 32-41.
14.
Bundesamt für Verfassungsschutz (Hrsg.), „Autonome Nationalisten“ – Rechtsextremistische Militanz, Köln 2009, S. 2; Christian Menhorn, „Autonome Nationalisten“ – Generations- und Paradigmenwechsel im neonationalsozialistischen Lager?, in: Uwe Backes/ Eckhard Jesse (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 19, Baden-Baden 2008, S. 213-225; Marc Brandstetter, Autonome Nationalisten im Vergleich, in: Uwe Backes/ Eckhard Jesse (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 20, Baden-Baden 2009, S. 185-203; Land Brandenburg/Ministerium des Innern (Hrsg.), Schwarze Blöcke rechts und links. Autonome Extremisten auf Gewaltkurs, Potsdam 2010; Jan Schedler, Übernahme von Ästhetik und Aktionsformen der radikalen Linken – Zur Verortung der ‚Autonomen Nationalisten’ im extrem rechten Strategiespektrum, in: Stefan Braun/Alexander Geisler/Martin Gerster (Hrsg.), Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten, Wiesbaden 2009, S. 332-357.
15.
Vgl. Mark Potok, The Patriot Movement Explodes, in: Intelligence Report, (2012) 145, S. 12-14.
16.
Vgl. Věra Stojarová, Paramilitary Structures in Eastern Europe, in: Uwe Backes/Patrick Moreau (Hrsg.), The Extreme Right in Europe. Current Trends and Perspectives, Göttingen 2012, S. 265-279.
17.
Vgl. Melani Barlai/Florian Hartleb, Extremismus in Ungarn, in: Eckhard Jesse/Tom Thieme (Hrsg.), Extremismus in den EU-Staaten, Wiesbaden 2011, S. 413-428.
18.
Vgl. Nigel Copsey, The English Defence League: Challenging our Country and our Values of Social Inclusion, Fairness and Equality, o.O., 2010.
19.
Vgl. Andrew Berwick [Anders Breivik], A European Declaration of Independence. De Laude Novae Militiae Paperes commilitones Christi Templique Salomonici, London 2011, S. 1241, 1253, 1263, 1267.
20.
Vgl. http://deutschelobby.com/2012/02/28/german-defence-league-gdl-deutsche-verteidigungs-liga/, Stand: 3. 3. 2012.
21.
Vgl. Louis Beam, Leaderless Resistance, written in 1983, published in The Seditionist, 12 February 1992, http://reactor-core.org/leaderless-resistance.html, Stand:12. 6. 2010.
22.
Vgl. Jeffrey Kaplan, Leaderless Resistance, in: Terrorism and Political Violence, 9 (1997) 3, S. 80-95; Paul Joosse, Leaderless Resistance and Ideological Inclusion: The Case of the Earth Liberation Front, in: Terrorism and Political Violence, 19 (2007), S. 351-368; Marc Sageman, Leaderless Jihad: Terror Networks in the Twenty-First Century, Philadelphia 2008.
23.
Vgl. Thomas Grumke, Globalized Anti-Globalists. The Ideological Basis of the Internationalization of Right-Wing Extremism, in: U. Backes/P. Moreau (Anm. 15), S. 323-332, hier 326.
24.
Max Hammer, Blood & honour Field Manual, o.O., o.J. (2000), chap. 1 (“Ideology”).
25.
Ebd., chapt. 2 (“Organization”).
26.
Vgl. ebd., chapt. 4 (“Violence and Terror”).
27.
Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Das „Leaderless Resistance“- und „Lone Wolf“-Modell als Vorbild? Die NSU-Serienmorde im Kontext von Modellen terroristischen Agierens, in: Endstation Rechts vom 30. Mai 2012.
28.
Vgl. Ramón Spaaij, Unterstanding Lone Wolf Terrorism. Global Patterns, Motivations and Prevention, Dordrecht u.a. 2012, S. 16.
29.
Vgl. B&H/C18, The National Socialist Political Soldiers Handbook, http://aryanunity.com/handbook.html,Stand: 28.02.2011, “Direct Action”.
30.
Vgl. Gerry Gable/Paul Jackson, Lone Wolfes: Myth or Reality? A Searchlight Report, Ilford 2010.

Prof. Dr. Uwe Backes

Zur Person

Prof. Dr. Uwe Backes

Geb. 1960, ist Professor an der Technischen Universität Dresden und stellvertretender Direkter des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT). Forschungsschwerpunkte: Demokratietheorie, Ideologiegeschichte, vergleichende Extremismusforschung, autoritäre und totalitäre Diktaturen. Uwe Backes gibt gemeinsam mit Eckhard Jesse das Jahrbuch Extremismus und Demokratie heraus.


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