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17.11.2016

Gibt es einen "rechten Weg"?

Welche Faktoren begünstigen eine rechtsextreme Radikalisierung und was kann man dagegen tun? Ein Diskussionsanstoß in sechs kontroversen Thesen

Eine Demonstrantin bei einer Kundgebung der NPD am 1. Mai 2012 im schleswig-holsteinischen Neumünster. (© picture-alliance/dpa)


Nicht nur die vielen Demonstrationen rechtsextremer Organisationen und die Anschläge auf Unterkünfte für Asylsuchende in diesem und letzten Jahr zeigen: Rechtsextremismus ist in Deutschland ein Problem. Wie aber kommen einzelne Menschen im Laufe ihres Lebens überhaupt zu einem geschlossen rechtsextremen Weltbild und was kann die Gesellschaft dagegen tun? Gibt es einen typischen Weg zum Rechtsextremismus? Dies soll in dem Webtalk „Der rechte Weg? Welche Faktoren begünstigen eine rechtsextreme Radikalisierung und was kann man dagegen tun“ am 24.11 diskutiert werden. Eva Eggers, Rechtsextremismusforscherin an der Universität Leipzig, gibt zur Vorbereitung Denkanstöße in sechs Thesen.

1. These: Es gibt nicht unbedingt mehr Menschen mit geschlossen rechtsextremen Weltbildern, sondern sie sind radikaler geworden

Es gibt verschiedene Definitionen und Vorstellungen von Rechtsextremismus. Einigkeit besteht darüber, dass dem Rechtsextremismus eine antidemokratische Ungleichheitsvorstellung zugrunde liegt. Rechtsextreme lehnen eine Demokratie mit vielfältigen, gleichberechtigten Meinungen ab, da sie davon überzeugt sind, dass Menschen aufgrund unterschiedlicher Merkmale (beispielsweise ethnische Zugehörigkeit, Nationalität, Religion) nicht gleichwertig seien (Kiess et al. 2015). Seit 2001 ist folgende Definition in der sozialwissenschaftlichen Forschung präsent:

"Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen [also nationalistischen] Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen (ebd.).“

Um über Radikalisierung zu sprechen, ist es zunächst wichtig, eine Unterscheidung zwischen denjenigen zu treffen, die vereinzelte Aspekte rechtsextremen Gedankengutes vertreten und denjenigen, die ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben. Die Leipziger „Mitte“-Studie erhebt seit 2002 alle zwei Jahre durch Umfragen Daten zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. Hier werden aus der oben genannten Rechtsextremismus-Definition sechs Dimensionen abgeleitet, zu denen die Befragten je drei verschiedene als rechtsextrem geltende Aussagen vorgelegt bekommen, die sie befürworten oder ablehnen können. Von einem geschlossen rechtsextremen Weltbild geht die Arbeitsgruppe der Universität Leipzig aus, wenn Befragte alle rechtsextremen Aussagen der Dimensionen, also insgesamt 18 Aussagen, befürworten.

Im Jahr 2016 trifft das auf insgesamt 5,4 Prozent der Befragten zu. Im Vergleich zu 2014 hat sich dieser Wert kaum verändert (damals waren es 5,7 Prozent). Laut der Leipziger „Mitte“-Studie 2016 (Decker et al. 2016) ist die geschlossen rechtsextreme Einstellung seit 2002 rückläufig. Auch die Studie "Fragile Mitte – Feindselige Zustände" von der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Institut für Interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld zeigte einen Rückgang rechtsextremer Einstellungen bei gleichzeitig Verlagerung in subtile Formen rechtsextremen und menschenfeindlichen Denkens zwischen Juni und September 2014.

Schaut man sich an, wie sich die Gewaltbereitschaft rechtsextremer Menschen in den letzten zehn Jahren verändert hat, ist eine These: Rechtsextreme sind nicht mehr, aber deutlich gewaltbereiter geworden. Ihr Vertrauen in gesellschaftspolitische- und Verfassungsinstitutionen (beispielsweise den Bundestag oder politische Parteien) ist gering. Damit sind sie demokratischen Möglichkeiten der Konfliktbewältigung weniger zugänglich. Gleichzeitig ist die Zahl sogenannter "politisch rechts" motivierter rechter Straftaten im Jahr 2015 um mehr als ein Drittel gestiegen[1]. Es gibt also nicht unbedingt mehr Menschen mit geschlossen rechtsextremen Weltbildern, sondern sie sind radikaler geworden.

2. These: Menschen werten gerne andere Gruppen ab, um die eigene Gruppe aufzuwerten

Wieso entwickeln Menschen ein geschlossen rechtsextremes Weltbild? Die bisherige Forschung liefert einige Ansatzpunkte für diese Fragen. Es gibt beispielsweise sozialpsychologische Forschung zu den Fragen, warum Menschen andere Gruppen abwerten und unter welchen Bedingungen Menschen für rechtsextremes Gedankengut empfänglich sind. Die Wissenschaft versucht also Faktoren herauszuarbeiten, die Radikalisierungsprozesse besonders beeinflussen könnten.

Menschen begreifen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe als einen Teil ihres Selbstkonzepts, weshalb diese auch als soziale Identität bezeichnet wird. Gleichzeitig streben Menschen danach, ein positives Bild von sich zu haben – also auch von ihrer sozialen Identität und damit der Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen. Dieser positive Selbstwert kann durch den Vergleich mit anderen Gruppen entstehen und steigt dabei, wenn andere Gruppen abgewertet werden (Tajfel und Turner 1986). Gerade ein Denksystem aus Ungleichwertigkeitsvorstellungen, bei dem die eigene Gruppe als geschlossene Gemeinschaft über biologistische oder kulturelle Begründungen über andere Gruppen gestellt wird, funktioniert für diesen Mechanismus wunderbar.
Die Vorstellung, „Deutsche“ seien anderen „Völkern“ von Natur aus überlegen, kann Menschen also ein positives Selbstkonzept bieten. Gerade bei Jugendlichen ist es vor allem das Geltungsbedürfnis und der Wunsch nach Szenenzugehörigkeit, der rechtsextreme Gruppen attraktiv machen kann. Auch die noch nicht gefestigte Persönlichkeit von Jugendlichen, Emotionalität und die Auflösung eines solchen Identitätskonfliktes innerhalb einer Peer-Group spielen eine wesentliche Rolle. Dabei stehen nicht immer politische Überzeugungen im Vordergrund. Der einfache mediale Zugang zu rechtsextremen Inhalten bietet hierbei leichten Anschluss zu entsprechenden Gruppen (Aumüller 2014).

3. These: Menschen, die sich benachteiligt fühlen und fürchten abzusteigen, suchen häufig nach einfachen Erklärungen

Gerade diese sehr klaren, einfachen Ordnungen, welche einfache Erklärungen anbieten, können attraktiv sein in einer globalisierten und dem schnellem Wandel unterworfenen Welt. Für komplexe Probleme wie beispielsweise Zuwanderung werden in der rechtsextremen Ideologie teilweise einfache Erklärungen und Lösungen geboten, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln können. Zusätzlich entsteht häufig das Gefühl, keinen Einfluss auf die Situation nehmen zu können und der Eindruck, benachteiligt zu werden. Wer seine eigene Lage – sozial wie wirtschaftlich – als ungünstig einschätzt, kann ebenfalls anfällig für rechtsextreme Ideologien sein. Das hat nicht unbedingt etwas mit der tatsächlichen finanziellen Lage eines Menschen zu tun, sondern mit der gefühlten Benachteiligung. Menschen sind dann nicht solidarisch miteinander, sondern fürchten um den eigenen ökonomischen Abstieg (Heitmeyer 2010).

4. These: Demokratische Grundkompetenzen müssen erlernt werden. Wer denkt, sich politisch nicht beteiligen zu können, sucht schneller nach Alternativen zum System

Ein weiterer Faktor ist bei vielen jungen Menschen, die sich rechtsextrem radikalisieren, der Eindruck, im deutschen demokratischen System keinen Einfluss nehmen zu können. Wahlen werden – stellte der Sozialpsychologe und Rechtsextremismusforscher Oliver Decker schon 2008 fest – häufig als das einzige Instrument wahrgenommen, durch das Einfluss auf die Politik genommen werden kann. Gleichzeitig wird diese Einflussmöglichkeit als unbedeutend abgewertet – vor allem mit den Argumenten, dass die eigene Stimme keinen Ausschlag gibt, und Politiker*innen nicht per Gesetz an die Versprechen im Wahlkampf gebunden sind – was zu einer großen Unzufriedenheit führt. Demokratie wird als etwas verstanden, das von übermächtigen Instanzen gestaltet wird und somit gelingt es nicht, Demokratie selbst mit Leben zu füllen (Decker 2008).


Schulen sind wichtige Sozialisationsinstanzen. Zwar gibt es an Schulen die Bestrebung, Schüler*innen viele Mitgestaltungsmöglichkeiten zu bieten, demokratische Kompetenzen zu vermitteln und darüber hinaus auch viele Schulen, die einen besonderen Schwerpunkt auf den Erwerb demokratischer Kompetenzen legen. Dennoch besteht häufig Skepsis gegenüber einer demokratiebetonteren Organisation von Schulen mit beispielsweise der Möglichkeit, eigene Regeln aufzustellen oder Lehrinhalte stärker selbst wählen zu können (ebd.). Gerade solche Aushandlungsprozesse schärfen aber das Bewusstsein dafür, dass es in Gesellschaften viele unterschiedliche Meinungen gibt und dass es trotzdem Konfliktlösestrategien gibt, mit denen sich Kompromisse finden lassen. Diese Erfahrung kann der rechtsextremen Vorstellung vorbeugen, es müsse in Deutschland nur einen einzigen Volkswillen geben, der über Minderheiten hinweg durchgesetzt werden müsse. Ein weiterer Erklärungsansatz für das Unvermögen, sich demokratisch zu beteiligen, ist die geschichtliche Perspektive. Die historische Kontinuität dieses Phänomens ließ noch vor einigen Jahrzehnten für den Soziologen Adorno den Schluss zu, dass demokratische Kompetenzen im Anschluss an die NS-Zeit in Deutschland unzureichend erlernt wurden und daher auch nur defizitär an nachfolgende Generationen weitergegeben wurde (Adorno 1959).

5. These: Autoritäre Erziehung, emotionale Überforderung – viele Radikalisierungsursachen liegen in der Familie

Weiterhin entwickeln Menschen eher ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, wenn die Beziehungsqualität in der Familie problematisch ist, also Rückhalt und Grundvertrauen ineinander fehlen. Emotionale Stabilität und das Führen politischer Diskussionen können umgekehrt solchen Entwicklungen entgegenwirken (Aumüller 2014). Wissenschaftler stellen schon früh die These auf, dass ein problematisches Verhältnis zu den eigenen Aggressionen entstehen kann, wenn die Bindungen von Kindern zu ihren primären Bezugspersonen konfliktreich ist. Dies kann sich in Gewaltbereitschaft und ethnozentristischen Orientierungen äußern (Hopf 1993). Dies ist allerdings nur ein möglicher Faktor von vielen und keinesfalls deterministisch; Rechtsextremismus ist mehr als eine Opferreaktion. Oft wird auch die Erziehung zu autoritären Persönlichkeiten als entscheidender Faktor für das Ausbilden eines geschlossen rechtsextremen Weltbildes genannt (grundlegend hierfür ist Adorno et al. 1950). Menschen, die sich selbst Autoritäten und Regeln unterwerfen, leiten die Aggression, die durch diese Unterwerfung entsteht, in diesem Fall um auf andere Gruppen.

Dabei stehen vor allem Gruppen im Fokus der Aggression, welche die Fantasie auslösen, dass sie sich diesen Regeln gerade nicht unterwerfen. Vereinfacht gesagt übernehmen die abgewerteten Gruppen hier eine Sündenbockfunktion: Wer sich beispielsweise den Leistungsanforderungen des Arbeitsmarkts unterordnet, leitet möglicherweise die eventuell entstehende Aggression unbewusst auf Menschen um, welche die Vorstellung auslösen, dass sie sich diesen Anforderungen einfach entziehen und den Sozialstaat ausnutzen würden, z.B. Obdachlose oder Empfänger von Sozialhilfeleistungen. Neben den Beziehungen in der Familie und dem Erziehungsstil der Eltern können auch die Großeltern prägend bei der Entwicklung rechtsextremer Ideologien sein. Gerade in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit werden manchmal verzerrende Überzeugungen übernommen. So können die Verbrechen der NS-Zeit verharmlost oder die Verantwortung dafür zurückgewiesen werden (Aumüller 2014).

6. These: Rechtsextremismus ist kein isoliertes, individuelles Problem von Minderheiten in Deutschland, sondern öffentliche Bestätigung beschleunigt Radikalisierung

Ein geschlossen rechtsextremes Weltbild wird nicht nur durch die Einstellungen im sozialen Nahraum – also Familie und Freunde – beeinflusst, sondern auch durch rassistische und menschenfeindliche Einstellungen der gesamten Gesellschaft befeuert (Aumüller 2014). Dass diese Einstellungen in Deutschland weit verbreitet sind, will die aktuelle Leipziger „Mitte“-Studie zeigen. Besonders stark verbreitet sei demnach die Islamfeindlichkeit; 41,4 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, man sollte Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagen. Auch wenn einige Fragen der aktuellen Mitte-Studie umstritten waren – etwa wurde eine Ablehnung eines großzügigen Umgangs mit Asylanträgen als rechtsextremer Indikator gewertet – lieferte sie Hinweise darauf, dass einzelne Teile rechtsextremer Einstellungen in weiten Teilen der Gesellschaft hohen Anklang finden. Besonders die gruppenspezifischen Abwertungen – dazu gehören neben Islamfeindlichkeit und der Abwertung von Asylbewerber*innen auch Antiziganismus und Homophobie – erfahren hohe Zustimmung (Decker et al. 2016).

Nicht nur reines Wissen über Rechtsextremismus, sondern vor allem demokratische Grundkompetenzen beugen geschlossen rechtsextremen Weltbildern vor. Dazu gehören beispielsweise Toleranz, Empathie und Kompromissfähigkeit (Rippl 2008). Die Schulzeit ist theoretisch sehr gut geeignet, um solche Fähigkeiten auszubilden. Wenn Schüler*innen mehr Möglichkeiten zur ernsthaften Mitbestimmung gegeben würden, könnten diese demokratischen Kompetenzen gefördert werden. Umgekehrt leben demokratische Aushandlungsprozesse natürlich auch von aktiver Beteiligung. Die Mitgestaltung der jeweiligen Alltagswelt – sei es in der Schule, den Universitäten, am Arbeitsplatz, in Vereinen oder in Gemeinden – vermittelt grundlegende demokratische Handlungsfähigkeiten.

Wichtig ist aber auch zu sehen, dass Rechtsextremismus nicht nur ein Problem mit einer kleinen radikalen Gruppe am Rande der Gesellschaft ist, sondern dass rechtsextremes Gedankengut in Deutschland breiten Anklang findet (Decker et al. 2016). Denn hierin sehen Menschen mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild ihre Legitimation. Gerade über soziale Medien wird dieser Eindruck noch bestärkt, da rechtspopulistische Inhalte meist vehementer verbreitet und verteidigt werden. Es gilt, mit den Menschen im eigenen Umfeld – sei es im persönlichen Kontakt oder in sozialen Medien – im Gespräch zu bleiben, eigene Vorurteile und Vorbehalte zu reflektieren, zu thematisieren und auch unbequemen Diskussionen nicht aus dem Weg zu gehen.


Literatur:

Fußnoten

1.
Siehe: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/05/pks-und-pmk-2015.html

Eva Eggers

Eva Eggers

Die Psychologin Eva Eggers schloss ihr Studium 2015 an der Universität Leipzig ab. Seit Anfang des Jahres forscht sie als wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität Leipzig in der selbstständigen Abteilung für Medizinische Soziologie und Medizinische Psychologie und führt unter anderem dort die Evaluation eines Erwachsenenbildungsprogramms zur Argumentation gegen Rechts durch. Frau Eggers ist Mitarbeiterin der 2016 erschienenen »Mitte«-Studie (Decker et. al 2016).


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