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27.10.2017

Der Mythos vom Germanen – über einen identitätsstiftenden Kult im Rechtsextremismus

Gesprächsfelder zum Twitterchat

Runen, Wikingersymbolik, vermeintlich ursprüngliche Medizin – die Vereinnahmung des Germanentums ist bei Neonazis weit verbreitet. Der Kult um die vermeintlichen Vorfahren ist allerdings kein neues Phänomen, schon die völkische Bewegung und die Nationalsozialisten instrumentalisierten die Germanen. Karl Banghard skizziert Gesprächsfelder für den Twitterchat.

"Sleipnir", das achtbeinige Pferd Odins, ist auch Namensgeber einer rechtsextremen Band. Ausschnitt aus einer Illustration zu Richard Wagners "Das Rheingold", 1910. (© bpb) (© Public Domain)


Viele Neonazis mögen Urgeschichte. Diese Liebe hat tiefe ideologische und psychologische Wurzeln, sie ermöglicht überdies fintenreiche Werbefeldzüge in die Mitte der Gesellschaft. Denn wer weiß schon, was am Germanenspaß rechts sein soll. Dabei ist das Thema für viele extreme Rechte in hohem Maß sinnstiftend. Ganze Lebenskonzepte können durch den Germanenbezug wesentlich und existenziell geprägt sein. Bundesweit bekannt wurde etwa der Fall der vierjährigen Sighild, die 2009 an ihrer Diabeteserkrankung starb, da ihre Eltern Insulininjektionen mit Verweis auf die Neue Germanische Medizin verweigerten. Auch manche Rechtsextreme lassen sich im Sippenverband zwischen Jahrtausende alten Grabhügeln bestatten[1] , um symbolstark die existenzielle Verbundenheit mit der Vorzeit zur Schau zu stellen. Hier kann man nicht mehr von einem Hobby sprechen. Vielmehr ist dort der Germanenbezug die Basis des Selbstbildes.

Die Beschäftigung mit der germanischen Vorzeit gilt in der Öffentlichkeit pauschal als unpolitisch. Für viele Menschen, etwa in der Metal-Szene, bleibt diese Beschäftigung auch unpolitisch. Doch der Germanenkult nützt auch extrem rechten Agitatoren, völkische Erzählungen versteckt einem breiten Publikum nahezubringen. Während sich auf zeithistorischen geschichtspolitischen Feldern schnell massive Widerstände bei extrem rechten Vereinnahmungsversuchen einstellen, öffnen sich beim Thema Vorgeschichte große, strategisch wertvolle Freiräume.

Weit gedehnter Germanenbegriff

Wertvoll ist auch die hohe Elastizität des Germanenbegriffs in der extremen Rechten: Er spannt sich dort chronologisch von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter. Wissenschaftlich relevant ist der Begriff dagegen nur in römischer Zeit. Auch die konventionell den Germanen zugesprochenen geografischen Räume sind weit dehnbar, so finden sich Beiträge in der rechtslastigen Publizistik zu Wikingern in Südamerika[2] oder zu den blonden und blauäugigen Siedlern in Zentralasien[3]. Die enorme Flexibilität der Projektionsfläche macht die Germanen ideologisch universell einsetzbar. So lassen sich sämtliche neonazistische Basisüberzeugungen durch germanische Erzählungen abbilden. Dieses Spektrum ist mit keinem anderen geschichtspolitischen Operationsfeld der extremen Rechten so umfassend übertragbar. Einige Beispiele:

Nationalismus

Für eine klassisch extrem rechte Definition von Volk und Nation ist der Rückgriff auf die Germanenerzählung als quasi naturgesetzliche Herleitung unverzichtbar. Ohne sie kommt insbesondere ein rassisch unterlegter Nationalbegriff nicht aus.Selbst bei den eher kleinen nationalkonservativen Gruppen, die sich auf die neue Reichsgründung von 1871 oder auf vergleichbare Daten aus der jüngeren Geschichte als Ursprungsdatum der deutschen Nation beziehen, sind assoziative Germanenbezüge als überzeitliche Wurzel der Identität die Regel[4]. Für einen großen Teil des rechten Randes sind Germanen die Essenz des Nationalen. Doch eine germanische Nation gab es in der Antike nicht einmal in Ansätzen.

Autoritarismus

Charismatisch legitimierte Führerschaft ist ein Zentralmotiv extrem rechter Germanenerzählungen. Große Führer sind dabei in der Regel große Einer der unterschiedlichen germanischen Stämme. Dies setzt naturgegebenes Charisma voraus, das so von den Geführten auch akzeptiert wird. Der germanische Führer bewährt sich in der Regel im Kampf, andere Führungsqualitäten spielen eine weit untergeordnete Rolle. Mit seiner durchsetzungsstarken Derbheit ist er der Held im Revier. Wie autoritär es im eisenzeitlichen Nordwestdeutschland zuging, lässt sich in tatsächlich allerdings kaum festmachen.

Ethnopluralismus

Archäologie wurde immer wieder zur Abgrenzung von "Völkern" und zur Legitimation von Gebietsansprüchen benutzt[5]. Skrupellos angewendet hilft sie, fiktive Kulturräume zu konstruieren und aktuelle politische Grenzen beliebig aus der Vorzeit abzuleiten. Dadurch überfordert man die archäologischen Aussagemöglichkeiten massiv. Der germanische Kulturraum wird in der extrem rechten Literatur mit vermeintlich hoher Präzision vom Romanischen im Süden und Westen sowie vom Slawischen im Osten abgegrenzt. So wird eine der wirkmächtigsten rhetorischen Figuren für einen vermeintlich wissenschaftlich fundierten Ethnopluralismus produziert: Wenn man erfolgreich vermittelt, dass ein Kulturraum über Jahrtausende hinweg geografisch konstant bleibt, wird dies gemeinhin als Beleg für die Gültigkeit dieses Konstrukts verstanden. Daraus leiten einige extrem rechte Akteure ab, dass der betreffende Kulturraum einer Art ethnischen und/oder kulturellen Denkmalschutzes bedürfe.

Überlegenheit

Germanische Überlegenheit gegenüber den Nachbarkulturen archäologisch nachzuweisen, ist nicht gerade leicht. Aus den großen Überlieferungslücken der Archäologie wurden große Projektionsräume der Ideologie. Beim Ausmalen solcher Projektionsräume entstand ein Milieu, das sich wissenschaftlich gab. Da der unmittelbar greifbare archäologische Nachweis germanischer Kulturhöhe nicht gelingen wollte, suchte man Botschaften, die ihre wahre Größe erst nach intensiver Beschau preiszugeben versprachen. Ein hervorragendes Feld für solche Operationen ist die Archäoastronomie[6]. Dort werden gern mit mathematisch-exakt scheinender Beweisführung Nachweise von atemberaubenden astronomischen Kenntnissen vorgeschichtlicher Kulturen suggeriert. Da es bekanntlich viele Sterne am Himmel gibt, lassen sich immer Konstellationen als Beleg für eine überlegene germanische Sternenkunde finden, die wissenschaftlich allerdings höchst fragwürdig sind.

Sexualpolitik

Analysiert man die Kontaktangebote auf extrem rechten Datingplattformen, sind "blond", "naturverbunden" und "hochgewachsen" die Hauptkriterien der Partnerwahl. Das galt schon für die Heiratsgesuche in der extrem rechten Publizistik der 1960er-Jahre und für Anzeigen zu käuflichem Sex in dieser Szene. Komplementär dazu ist die Bildproduktion zum Thema Germanen bei der extremen Rechten in einem bemerkenswert hohen Maß sexuell aufgeladen. Hier wird eine erotische Fixierung auf ein rassisches Ideal eingepaukt. Nach allem, was wir von den zehntausenden Skeletten aus dieser Zeit wissen, waren die meisten dieser Menschen weder blond, fit noch groß gewachsen. Produziert wird hier eine Vorstellung von wahrer/gültiger Sexualität, die sämtliche andere Projektionen von Sexualität exkludiert.

Die sozialpsychologische, historische und soziologische Analyse der extrem rechten Germanenerzählung liegt noch in ihren Anfängen. Dies führt dazu, dass staatliche und nichtstaatliche Präventionsorgane dem Phänomen häufig hilflos gegenüberstehen. Man ist argumentativ gut aufgestellt, wenn es um die Fragen extrem rechter Gewalttaten, um die NS-Geschichte oder um Vernetzungen aktueller rechtsextremer Organisationen geht. Was kann man aber dagegen sagen, wenn die NPD zweideutig, aber scheinbar sachkundig den Verlauf der Varusschlacht erklärt oder wenn eine Living-History-Gruppe auf dem Mittelaltermarkt vermeintlich historische Hakenkreuze im Großformat präsentiert? Ein auflagenstarker Aufmacher zu germanischer Kulturhöhe kann – mit dem nötigen politischen Subtext versehen – mehr bewirken als ein kompletter NPD-Landtagswahlkampf.

Ausblick

Diese Anschlussfähigkeit an den medialen Mainstream zur Archäologie nimmt seit ungefähr einem Jahrzehnt zu. Noch bis in die 1990er-Jahre stand fast ausschließlich das reiche, aber etwas in die Jahre gekommene Repertoire der NS-Archäologie auf der extrem rechten Vorgeschichtsagenda. So konnte man aber mit den sich überschlagenden Erkenntnisfortschritten in der Archäologie nicht mithalten. Eine Distanzierung fiel allen Beteiligten leicht. Dies veränderte sich, als TV und Illustrierte das Potenzial archäologischer Themen ab den 1990ern stärker nutzten. Es gelangten im Zuge dessen auch versteckt und meist unbeabsichtigt extrem rechte Inhalte an eine breite Öffentlichkeit. Frühgeschichte wird heute selbst in Mainstream-Medien wesentliche Impulse wie Kampf, Volk oder vorzeitliche Größe transportiert. Es wundert deshalb kaum, wenn Living-History-Gruppen aus dem einschlägigen Milieu, wie dem Runenhof Echsheim, immer wieder der Eingang in massenhaft verbreitete Medienproduktionen zur Frühgeschichte gelingt .

Es fehlen Analysen, die auch feinere Kontinuitätslinien der Germanen-Erlebnisräume seit der NS-Zeit herausstellen, politische Kernerzählungen in den Geschichten freilegen und sie in einen Kontext zu anderen Geschichtsmanipulationen stellen. Nur so können für die Auseinandersetzungen mit der extremen Rechten Argumente geliefert werden, die von der breiten Öffentlichkeit auch verstanden werden.

Fußnoten

1.
Thalmann, Gideon/Reiter, Felix, Im Kampf gegen "überstaatliche Mächte". Die völkische Ludendorff-Bewegung - von "Jugenderziehung" bis "Ahnenpflege" Braunschweig (Arug-Verlag) 30-36.
2.
Etwas Mahieu de, Jaques, Die Wikinger in Amerika. In: Deutsche Hochschullehrerzeitschrift 19, 4, 16-20
3.
Exemplarisch: Benoist, Alain, Indo-européens: à la recherche du foyerd'origene. In: Nouvelle École 49, 1997, 49; Jones, Richard, An Open Invitation to Indo-European Studies. In: Resistance 23, 2004, 49; Jacob, Alexander, Das Rätsel der weißen Mumien von Urumchi. In: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5, 2001, 217-221.
4.
Beispielsweise das im nationalkonservativen Milieu zurzeit beliebte Malbuch von Karlheinz Weißmann zur Deutschen Geschichte, die in der Vorzeit einsetzt.
5.
Eines von vielen Beispielen: Halle, Uta, Westausbreitung und Wehranlagen der Slawen in Mitteldeutschland – Anmerkungen zu einer Publikation im Nationalsozialismus. In: Biermann, Felix; Müller, Ulrich; Terberger, Thomas; Müller, Uwe (Hg.): „Die Dinge beobachten…“. Archäologische und historische Forschungen zur frühen Geschichte Mittel- und Nordeuropas. Festschrift für Günter Mangelsdorf zum 60. Geburtstag Rahden/Westf.: VML Vlg Marie Leidorf 2008, 37–47.
6.
Exemplarisch: http://www.afm-oerlinghausen.de/blog/start-de/abenteuerliche-externsteine-deutungen-in-voelkischer-tradition

Karl Banghard

Karl Banghard

Karl Banghard ist Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen. Er hat sich intensiv mit dem Verhältnis der modernen extremen Rechten zur Vorgeschichte auseinandergesetzt.


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