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25.5.2007

Rechtsextremismus und Öffentlichkeit in der Schweiz

Ein Forschungsbericht

Rechtsextremismus/-radikalismus in der öffentlichen Kommunikation der Schweiz, 1960-2005. Eine Studie vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (fög).

Schweizer Skinheads setzen sich in Szene beim Schweizer Nationalfeiertag auf dem Rütli 2003. (© AP)


Rechtsextremismus/-radikalismus in der öffentlichen Kommunikation der Schweiz, 1960-2005. Eine Studie vom Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (fög). Träger ist das Nationale Forschungsprogramm 40+ "Rechtsextremismus - Ursachen und Gegenmassnahmen" des Schweizerischen Nationalfonds - Veröffentlicht im Mai 2007.

Ausgangslage, Erkenntnisinteresse und Fragestellungen

In jüngerer Zeit gelang es rechts-
extremistischen Gruppierungen, sich unter anderem mit spektakulären Aufmärschen auf das Rütli, dem zentralen lieu de mémoire der Schweiz, hohe Resonanz in der Öffentlichkeit zu verschaffen. In diesem Projekt ging es darum, den Bedeutungsgewinn von Rechtsextremismus/-radikalismus in der öffentlichen Kommunikation, dem wesentlichen Medium sowohl der Steuerung als auch der Integration von Gesellschaft (Imhof 2006a; Habermas 1992; Peters 1993), hinsichtlich möglicher Einflussfaktoren bestimmen zu können. Diese betreffen eine mögliche Diffusion rechtsextremer/-radikaler Themen und Deutungen in die "Mitte der Gesellschaft" (etwa in die parlamentarische wie leitmediale Arena) einerseits, eine erhöhte gesellschaftliche Sensibilität für das Thema Rechtsextremismus/-radikalismus andererseits.

Beide Thesen verweisen auf die Etablierung rigider Differenzsemantiken in der öffentlichen Kommunikation (Imhof 2007b), die einerseits in Form von "diskursiven Gelegenheits-
strukturen" (Koopmanns/Olzak 2004: 202; Koopmans/Statham 1999: 228f.; Benthin 2004: 109ff.) die Resonanz- und Diffusionschancen rechtsextemer Themen und Postulate erhöht, die andererseits aber auch Widerspruch hervorruft und den politischen Konflikt um Rechtsextremismus/-radikalismus und die Abgrenzung der in ganz Europa erstarkten rechtspopulistischen Parteien von rechtsextremen Akteuren verschärft. Mit dieser öffentlichkeitssoziologischen Perspektive rücken zudem die Strukturen und Bedingungen öffentlicher Kommunikation selbst ins Blickfeld.

Deshalb richtet sich der Fokus dieser Studie auch auf die im Zuge des neuen Strukturwandels der Öffentlichkeit (Münch 1997, Imhof/Kamber 2001) veränderten massenmedialen Selektions- und Interpretationslogiken und ihren Einfluss auf die Definition sozialer Probleme wie auf die entsprechenden Anpassungsleistungen politischer Akteure, die in der Literatur unter dem Begriff Medialisierung (vereinzelt synonym auch Mediatisierung) beschrieben werden (Altheide/Snow 1979; Kaase 1998; Sarcinelli 1998; Jarren/Donges 2002; Schulz 2004; Donges 2005; Imhof 2006c). So bewirtschaften die Medien als Akteure im Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums verstärkt Themen mit Normabweichungen (Pädophilie, Extremismus, Konflikt, Gewalt etc.), und es erhöht sich die Skandalisierung insbesondere in Gestalt einer moralisch aufgeladenen Empörungskommunikation des Boulevard (u.a. Jaschke 1994: 150-161).

In diesem Kontext richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf den Rechtsextremismus/-radikalismus als einer historisch diskreditierten Form politischen Denkens und Handelns. Als Plattform werden die Medien von Drittakteuren (politische Parteien, Exekutive, rechtsextreme Gruppierungen etc.) auch zur Selbstinszenierung genutzt; rechtsextremen/-radikalen Akteuren gelingt es, sich mit spektakulären Aktionen Resonanz zu verschaffen, und etablierten Akteuren, dieses Phänomen im Kampf um Aufmerksamkeit resonanzträchtig zu thematisieren. Damit verbessern sich die kommunikativen Opportunitäts-
strukturen für Rechtsextremismus/-radikalismus. Die Formen der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieses Phänomens und der Umgang mit ihm sind dadurch wesentlich durch die Form der öffentlichen Kommunikation bestimmt – dies muss daher Bestandteil einer reflexiven Auseinandersetzung mit einem gesellschaftspolitischen Problem sein.


Um diese verschiedenen Einflussfaktoren für die erhöhte Resonanzchancen des Rechtsextremismus/-radikalismus zu prüfen, wurde eine diachron wie synchron vergleichende Analyse der öffentlichen politischen Kommunikation in der Schweiz seit den 1960er Jahren durchgeführt. Durch diese systematische synchron wie diachron vergleichende Analyse der öffentlichen Kommunikation lässt sich erkennen, wann ein Phänomen Aufmerksamkeit erhält und was diese Aufmerk-
samkeit anleitet. In der öffentlichen Kommunikation bestimmt sich somit auch, wie eine Gesellschaft Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus definiert, welche Relevanz sie diesem Phänomen zumisst und welche Strategien und Mittel im Umgang mit Rechtsextremismus/-radikalismus als notwendig, angemessen und legitim erscheinen (vgl. Klärner/Kohlstruck 2006; Neidhardt 2002; Lynen von Berg 2000; vgl. auch Bergmann 2002: 39ff.).

Umgesetzt wurde die Untersuchung oben genannter Fragen anhand eines mehrstufigen Forschungsdesigns: In einer diachronen Analyse der Jahre 1960 bis 2003 (für einige Leitmedien bis 2005) wurden auf der Basis einer systema-
tischen kommunikationsereignisanalytischen Erfassung der öffentlichen politischen Kommunikation in Leitmedien und im Parlament einerseits die Resonanzchancen und die Legitimität für die Themen und Deutungen rechtsextremer/-radikaler Akteure, andererseits die zivilgesellschaftliche Problem-
wahrnehmung in Gestalt kritisch-normativer Deutungsmuster gegen den Rechtsextremismus/-radikalismus untersucht. Um die Effekte des neuen Strukturwandels auf die Resonan-
zchancen für Rechtsextremismus/-radikalismus eingehender analysieren zu können, führten wir in einem zweiten Schritt eine Vertiefungsanalyse der leitmedialen Berichterstattung der Jahre 1998 bis 2005 durch. Dafür wurden sämtliche in Kommunikationserereignisse eingebettete Beiträge in den Leitmedien, die sich zentral mit dem Rechtsextremismus/
-radikalismus auseinandersetzen, inhaltsanalytisch daraufhin untersucht, welche Akteure dieses Phänomen thematisieren, mit welchen Erklärungsmustern das Phänomen Rechtsextremismus/-radikalismus gedeutet wird und welche Massnahmen gegen Rechtsextremismus/-radikalismus gefordert werden (n = 1631 Beiträge). Über vergebene Kategorien wie Personalisierung, Skandalisierung und der Zitation von rechtsextremen Akteuren im O-Ton konnten mediale Darstellungslogiken erfasst werden.

Analyse

Diese diachrone Analyse (1960-2005) der leitmedialen und parlamentarischen Arena ergab in den verschiedenen Phasen höchst unterschiedliche Resonanzchancen für rechtsradikale und rechtsextreme Akteure, die erstens durch krisen-
theoretische und daher diskontinuierliche Effekte, zweitens durch eine die Diskontinuität teilweise brechende Verstetigung von rigiden Differenzsemantiken seit Ende der 1980er Jahre und drittens durch den nachhaltigen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit erklärt werden können.

Erstens zeigt die Analyse der zwanzig grössten Kommuni-
kationsereignisse und der parlamentarischen Debatten pro Jahr, dass sich die Resonanz- und Diffusionschancen rechtsextremer/-radikaler Akteure erstens insbesondere in Phasen gesellschaftlicher Orientierungsunsicherheit erhöhen, wie wir sie vor allem für die Phase Ende der 1960er und frühen 1970er Jahre und Ende der 1980er Jahre resp. Anfang der 1990er Jahre feststellen können. Solche gesellschaftlichen Orientierungskrisen sind durch Fundamentalkonflikte geprägt, in denen sich die öffentliche Kommunikation auf wenige Themen verdichtet. Hierbei sind regelhaft eine Problema-
tisierung des Fremden und eine Politisierung der Geschichte zu beobachten. Damit einher geht eine Intensivierung wie eine Verschärfung von Differenzsemantiken in der öffentlichen Kommunikation, die Orientierung stiftend das Zugehörige vom Nicht-Zugehörigen trennen. Für die Resonanzchancen rechtsextremer/-radikaler Akteure in solchen gesellschaftlichen Krisenphasen ist entscheidend, dass sie mit ihren Deutungs-
angeboten an etablierte Differenzsemantiken anschliessen können. Hierzu gehören vor allem ethnisch-segmentär aufgeladene Differenzsemantiken, mit denen das "Fremde", primär in Form von Ausländern und Asylbewerbern, sekundär auch in Form supranationaler Organisationen wie der EU oder der UNO und des Fremden in den eigenen Reihen (Landes-
verräter) problematisiert wird. Einen entscheidenden Einfluss auf die Diffusionschancen rechtsextremer/-radikaler Themen und Deutungen hat darüber hinaus die Ergänzung solch ethnisch-segmentärer Differenzsemantiken durch stratifikatorische Differenzsemantiken – in Form sowohl der Delegitimierung der Institutionen des demokratischen Verfassungsstaates resp. der "classe politique" wie der Abwertung von Ausländern als "Sozialschmarotzern" – und durch temporale Differenzsemantiken in der Form einer Politisierung der Geschichte. Solche in Phasen der Orientierungskrise gehäuft auftretenden rigiden Differenzsemantiken (Imhof 2006a) stellen "diskursive Gelegenheitsstrukturen" dar, an die rechtsextreme/-radikale Akteure anknüpfen und so ihre Resonanz- und Diffusionschancen erhöhen können.

Zweitens sorgt seit Ende der 1980er Jahre der zunehmende Antagonismus zwischen der Linken und der bürgerlichen "Mitte" einerseits und der in den 1990er Jahren stark an Bedeutung gewinnenden rechtspopulistischen SVP, die erfolgreich alle erwähnten segmentären, stratifikatorischen und temporalen Differenzsemantiken bewirtschaftet, andererseits für eine Verstetigung und Zunahme rigider Differenzsemantiken, die neben dem "äusseren" Fremden auch auf den innenpolitischen Gegner angewandt werden. Im Zuge der daraus folgenden Polarisierung und medialen Konflikt-
stilisierung verstetigen sich die rigiden Differenzsemantiken in der öffentlichen Kommunikation und verfolgen (und skandalisieren) die Leitmedien und parlamentarische Akteure ab 1997 (besonders aufgrund der moralisch aufgeladenen Debatte über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg) Überschneidungen zwischen Rechtsextremismus/radikalismus und rechtsbürgerlichen Parteien sehr viel intensiver als zuvor. So erhöhen sich die Diffusions- und Mobilisierungschancen rechtsradikaler und rechtsextremer Akteure, und in diesem Kontext steigt die Auseinandersetzung um und die Sensibilität für das Phänomen Rechtsextremismus/-radikalismus.

Drittens lassen sich vor allem seit den 1980er Jahren die Effekte eines interdependenten Strukturwandels der Politik und der Öffentlichkeit beobachten. Zum einen gelang es einem etablierten politischen Akteur (SVP), die Problematisierung des Fremden auf Kosten der darauf spezialisierten Protestparteien zu monopolisieren und zu etablieren, und zum anderen stiegen durch den neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der endgültigen Ablösung der Parteimedien durch unabhängige Medienorganisationen und durch die Dualisierung des Rundfunks die Resonanzchancen für Skandalisierungen, Konfliktstilisierungen und Personalisierungen. Dieser doppelte Strukturwandel erklärt die sehr hohe Aufmerksamkeit für Rechtsextremismus/-radikalismus durch das Beziehungsspiel zwischen den auf Auflagen resp. Einschaltquoten angewiesenen Massenmedien (besonders den Boulevard-
medien), den Öffentlichkeit suchenden rechtsextremen Bewegungen und den etablierten politischen Akteuren, die sich durch die Thematisierung des Rechtsextremismus Resonanz verschaffen können. Diese Beziehungsspiele besonders zwischen den Boulevardmedien und den sozialen Bewegungen bieten für die Überfremdungsbewegung der 1960er Jahre, für die "neo-frontistischen" Bewegungen Ende der 1980er Jahre und besonders für rechtsextreme Gruppen um die Jahrtausendwende die entsprechenden Beispiele.

Weiter zeigt sich, dass die medienvermittelte öffentliche Kommunikation über den Rechtsextremismus/-radikalismus in der Schweiz in der Regel punktualistisch/ereignisorientiert und höchst volatil ist. So wird Rechtsextremismus/-radikalismus vermehrt diskontinuierlich und wenig nachhaltig thematisiert. Rechtsextremismus/-radikalismus gerät vor allem in Form von kurzlebigen Kommunikationsverdichtungen resp. Schlüsselkommunikationsereignissen (vgl. Brosius/Eps 1993: 512ff.) in den Fokus und wird jenseits dieser Aufmerksam-
keitsfenster kaum thematisiert (für Deutschland vgl. Pfeiffer et al. 2002: 273f.; Esser/Scheufele/Brosius 2002: 120f., Schellenberg 2005: 41; für Grossbritannien und die Schweiz vgl. auch Esser/Scheufele/Brosius 2002: 235ff.). D.h die dem Thema inhärente moralische Ladung funktioniert als Nachrichtenwert, der sensibel anspricht, aber keine nachhaltige Thematisierung auslöst.

Dabei zeigt die Analyse der Berichterstattungsdynamiken eine weitgehende Übereinstimmung der Medien hinsichtlich der Berichterstattungszeitpunkte, d.h. die Thematisierungsverläufe des Rechtsextremismus/-radikalismus sind bei den Medien gleichgerichtet und widerspiegeln eine hohe Selbst-
referenzialität der Medien. Daneben ergibt ein Vergleich der Medien resp. Medientypen bezüglich der Berichterstattungs-
intensität, dass neben der links-alternativen "WochenZeitung" es vor allem die Medien mit einem generell geringen Berichterstattungsvolumen – insbesondere das Fernsehen und die Boulevardmedien im Printbereich – sind, die häufiger über Rechtsextremismus/-radikalismus berichten als die Presse mit einem Qualitätsverständnis. Daraus kann geschlossen werden, dass nicht primär eine allfällige, auf einem links-rechts Schema anzuordnende weltanschauliche Verankerung der Redaktionen für diese Aufmerksamkeitsschübe verantwortlich ist. Entscheidender sind vielmehr auf Auflagen- resp. Einschaltquotenmaximierung ausgerichtete mediale Selektionslogiken, die durch die wechselseitige Beobachtung der Medien konzertiert werden. Die Thematisierung rechtsextremistischer Aktionen geht stark von Medien aus, die auf Visibilität Wert legen. Das gilt gleichermassen für das Fernsehen wie für den "Blick" und die Sonntagszeitungen.

Ergebnisse

Was bedeutet nun dies für die Einschätzung der Qualität der öffentlichen, besonders der massenmedial vermittelten Kommunikation und damit auch des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Phänomen Rechtsextremismus/
-radikalismus?

Erstens zeigt die Analyse der medialen Darstellungslogiken bzgl. der "Bühnenfunktion" der Medien für rechtsextreme und rechtsradikale Akteure, dass die Zitation von rechtsextremen/
-radikalen Akteuren (O-Ton) sowohl weltanschaulichen Verankerungen folgt als auch als Mittel im Kampf um Aufmerksamkeit besonders von den Boulevardmedien eingesetzt wird.

Zweitens zeigt sich der Einfluss der gewandelten medialen Selektions-, Interpretations- und Darstellungslogiken vor allem in der Boulevardpresse in journalistischen Strategien, den Themenkomplex Rechtsextremismus/-radikalismus auch unter Einschluss von Quellenmanipulationen zu behandeln (siehe bspw. die Berichterstattung über den Tod eines Jugendlichen im Sommer 2001, der sich nicht als Mord im rechtsextremen Milieu, wie vom Boulevardmedium Blick mit gefälschten Internet-Einträgen suggeriert, sondern als Selbstmord herausstellte; für Deutschland vgl. Jogschies 2001).

Drittens ergibt die Analyse aller Aussagen, in denen Akteure Erklärungen zum Phänomen Rechtsextremismus/-radikalismus anbieten, dass die Rolle der Medien resp. die Qualität der öffentlichen Kommunikation kaum thematisiert wird. Eine politisch-publizistische Auseinandersetzung über das Phänomen, über die vor allem bloss symbolischen Reaktionsformen von Exekutivakteuren, über politische Interessen durch die Thematisierung des Rechtsextremismus und über die medialen Bühnen für rechtsextreme Akteure findet, gemessen an der Thematisierungsintensität des Rechtsextremismus insbesondere in ihren Hochphasen, kaum statt. Damit fehlt in der öffentlichen Kommunikation wesentliches Orientierungswissen über den Umgang mit Rechtsextremismus.

Viertens ergibt die Auswertung aller in der öffentlichen Kommunikation von Akteuren geäusserten Erklärungsmuster zu Rechtsextremismus/-radikalismus zwar eine zuweilen grosse Fülle verschiedener Erklärungsansätze (z.B. lebensbiographische Gründe, Rechtspopulismus als Wegbereiter des Rechtsextremismus, wachsende soziale Ungleichheit, Propagandastrategien rechtsextremer Akteure etc.) und damit eine Kontextualisierung des Phänomens. Ein zentraler Befund ist jedoch, dass viele Erklärungsmuster jeweils erst einige Wochen nach Beginn einer intensiven Thematisierung erscheinen. In den Hochphasen der Thematisierung ist eine stark komplexitätsreduzierende "law and order"-Perspektive dominierend, die vor allem auf Skandalisierungen beruht.

Ausserdem divergieren fünftens die Deutungen des Phänomens Rechtsextremismus/-radikalismus jenseits der rituellen Verurteilung deutlich. Während Exponenten der Sozialdemokratie (SPS) und antifaschistischer Akteure (z.B. Autonome) sowie – in der Tendenz – die Medien die Ursachen für das Erstarken des Rechtsextremismus/-radikalismus vor allem in der geringen Sensibilität etablierter Akteure für Rechtsextremismus/-radikalismus und ihrer mangelnden Motivation zu seiner Bekämpfung (mehr als ein Drittel ihrer Aussagen) sehen, relativiert die Schweizerische Volkspartei (SVP) als einer der resonanzträchtigsten Akteure schliesslich das Phänomen und versucht, mit dem Totalitarismusframe einen Erklärungsansatz zu etablieren, der andere Formen des Extremismus in den Vordergrund rückt.

In den Fällen, wo Akteure überhaupt argumentativ aufeinander Bezug nehmen und Gründe wie auch zielführende Massnahmen zu seiner Bekämpfung diskutieren, sind diese Bezugnahmen Teil polemischer parteipolitischer Auseinandersetzungen, die keinen diskursiven Ansprüchen folgen; so wird Rechtsextremismus/-radikalismus in vielen Fällen als Mittel der Skandalisierung (besonders von den Boulevardmedien) und Gegenskandalisierung eingesetzt.

So zeigt sich sechstens, dass insbesondere die Boulevardmedien (und Infotainmentformate des Fernsehens) mit ihrem kurzfristigen Agenda-Setting und dem skandalisierenden bzw. konfliktstilisierenden Berichterstattungsstil den Diskurs innerhalb der medialen Arena als auch die politischen Prozesse beeinflussen. Die intensive Skandalisierung des Aufmarsches rechtsextremer Akteure auf dem Rütli im Jahr 2000 führen zu (hektischen) Stellungnahmen politischer Akteure, symbolpolitischen Ankündigungen zur Bekämpfung des Phänomens und zu einer Reihe von Vorstössen und Massnahmen. Die in der leitmedialen Kommunikation aufgebauten expliziten Erwartungen an das politische System nach einer entschiedenen Bekämpfung des Rechtsextremismus stehen aber im offensichtlichen Widerspruch dazu, dass das folgende Aufschieben von Massnahmen und/oder die dennoch umgesetzten Massnahmen dann kaum mediale Resonanz erzeugen.

Es lässt sich also festhalten, dass die Medien in diesem policy cycle im wesentlichen in der Phase des Input (Problemdefinition) einen zentralen Beitrag zur Initiierung von politischen Massnahmen leisten (Sommer 2000), aber diese Massnahmen in den Phasen des Throughput (Politikformulierung) weniger und in den Phasen des Output (Implementierung) kaum noch vermitteln. Die Reaktionen des politischen Systems liegen bereits ausserhalb der kurzfristigen Aufmerksamkeitszyklen der Leitmedien und vermögen keine neue Thematisierung des Problems auszulösen.

Daraus muss geschlossen werden, dass das Interesse an der aufmerksamkeitserheischenden und damit auflagesteigernden kurzfristigen Thematisierung des Rechtsextremismus stärker ist als jenes an einer diskursiven gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Rechtsextremismus, die für Nachhaltigkeit der Auseinandersetzung und Legitimität der Entscheide wie der integrativen Normen und Werte sorgen würde.

Was bleibt, sind kurzfristige Moralisierungswellen, die vom Rekurs auf die Norm "nie wieder Auschwitz" zehren, die thematisierten Normverletzungen aber primär als Mittel der Aufmerksamkeitsgenerierung instrumentalisieren. Der Rekurs auf eine etablierte Moral wird aber brüchig, wenn dieser Moralappell durch die Unterstellung ökonomischer Interessen diskreditiert werden kann.

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Linards Udris, Patrik Ettinger und Kurt Imhof

Zur Person

Linards Udris, Patrik Ettinger und Kurt Imhof

Linards Udris , lic. phil in Allgemeiner Geschichte, ist Wissenschaftlicher Assistent am Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich.

Patrik Ettinger ist promovierter Soziologe und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich.

Kurt Imhof ist Professor für Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich und Leiter des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft.


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