zurück 
17.1.2007

Antisemitismus in den neuen Bundesländern

Nach der Wiedervereinigung schält sich der Antisemitismus in den neuen Bundesländern nach und nach aus seiner ideologischen Verpackung. Denn er ist anschlussfähig an die staatliche antizionistische Politik der DDR, meint Heike Radvan.

Das ehemalige Parlamentsgebäude der DDR, der Palast der Republik in Berlin. (© AP)


Öffentliches Schweigen



Die ostdeutsche Geschichte des Antisemitismus wurde bislang kaum thematisiert. Lediglich in der Fachliteratur arbeiteten Wissenschaftler verschiedene Aspekte auf und dokumentierten sie teilweise; in der Bevölkerung ist jedoch sehr wenig darüber bekannt. Antisemitismus in der DDR aufzuarbeiten ist aber wichtig, um ihn in der Gegenwart zurückdrängen zu können. Ohne eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte werden Feindbilder tradiert und es entsteht keine Sensibilität gegenüber den aktuellen Ausdrucksformen von Antisemitismus.

In der Gegenwart äußert sich das in den neuen Bundesländern häufig darin, dass antisemitische Schmierereien selten als solche erkannt werden, Schändungen jüdischer Friedhöfe über längere Zeit unbeachtet bleiben und keinerlei zivilgesellschaftliche Reaktionen auf Vorfälle stattfinden und wenn, dann nur von wenigen Personen unterstützt. Verdrängung ist an der Tagesordnung und auf unmittelbare Empörung gegenüber Antisemitismus stößt man zu selten. Die öffentliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus war in der DDR Teil einer ideologischen Interpretation der Geschichte, die Faschismus als Spielart des Kapitalismus und der damit verbundenen Klassenkämpfe verstand.


Der Staat stellte sich öffentlich und auf einer symbolischen Ebene gegen Antisemitismus, doch eine wirkliche Auseinandersetzung, die die konkreten und persönlichen Verhaltens- und Denkweisen problematisiert hätte, fand nicht statt. Sie hätte u.a. eine unbequeme Diskussion über das Verhältnis zwischen autoritärer Staatsmacht und persönlicher Verantwortung sowie eine Ideologiekritik mit sich gebracht und wurde daher weitgehend unterdrückt. Juden und das Judentum waren in der DDR-Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Fast bis zum Ende der DDR herrschte völliges Schweigen über jüdisches Leben und über jüdische Geschichte und Kultur. Schon das Wort "Jude" wurde in der Öffentlichkeit gemieden. Ähnlich wie in Westdeutschland blieben antisemitische Einstellungen im Privaten, in der Familie und im Freundeskreis wie in Vereinen und am Stammtisch bestehen.

Erinnerung an den Holocaust



In der öffentlichen Erinnerungskultur in der DDR, die den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet war, war es nicht beabsichtigt, die jüdischen Opfer auch als Juden sichtbar zu machen. So erschienen die Millionen Toten, ermordet in den deutschen Vernichtungslagern, in Geschichtsbüchern oder Gedenkstätten nicht als Opfer, die wegen ihrer Eigenschaften als Juden umgebracht wurden; man sprach von Polen, Holländern, Franzosen in den KZs und verwischte damit die von der Bevölkerung mitgetragene antisemitische Vernichtungswut der Nationalsozialisten. Diese Art der Tabuisierung des Holocaust kann als eine besondere Form der Verdrängung und Verfälschung deutscher Tätergeschichte mit ihrer zentralen Ideologie – dem Antisemitismus – bewertet werden. Gleichzeitig erzeugte dieses Tabu eine aggressive Missachtung und Abwertung der Verfolgungsgeschichte von Jüdinnen und Juden.

Dem widerspricht keineswegs, dass einzelne, antisemitische Vorkommnisse hart verfolgt und bestraft wurden, denn ihnen folgte keinerlei Debatte über die Schuld und Beteiligung der eigenen Bevölkerung an Massenmord und Bereicherung. Die Sichtweise der DDR auf den "Hitlerfaschismus" exkulpierte das "deutsche Volk" als Verführte und Betrogene. Eine persönliche Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen hat innerhalb der meisten Familien nicht stattgefunden und war auch vom Staat nicht gewollt. Die mögliche Beteiligung von Angehörigen als Mitläufer, Mittäter oder Täter an den Verbrechen im Nationalsozialismus und der Shoah blieben so weiter ausgeblendet.

Israelfeindschaft als Umwegkommunikation



Da die traditionellen Formen von Antisemitismus in der DDR durch die Ideologie verdeckt und durch das Tabu verschwiegen wurden, hat sich der Antisemitismus eine Art Umweg in der Kommunikation gesucht. Die politische Propaganda, öffentlich und aggressiv in Medien und Betrieben geführt, nutzte den antisemitischen Resonanzboden in der Bevölkerung für ihre Feindschaft gegenüber Israel. Seit seiner Gründung 1949 und der Abwendung der UdSSR von dem sich in eine kapitalistische Richtung entwickelnden jüdischen Staat, wurde Israel in Anwendung antisemitischer Stereotypen stigmatisiert und dämonisiert.

Die Gesellschaftsanalyse in der DDR war von einer personalisierten Kapitalismuskritik geprägt, die in ihrer Rhetorik durchaus antisemitische Elemente aufwies. In der Rede von "Agenten des US-Imperialismus", wurde Israel als "kapitalistischer Vorposten der USA" bezeichnet, Jüdinnen und Juden wurden oft als "Kosmopoliten" betrachtet, die es im Rahmen der spätstalinistischen Kampagnen gegen "Zionismus und Kosmopolitismus" zu bekämpfen galt. Antisemitische Kampagnen in Form von Säuberungen des Parteiapparates und Schauprozessen gründeten sich Anfang der 1950er Jahre auf verschwörungstheoretischen Konstrukten und führten zur Ermordung von Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet der Sowjetunion.

Auch in der DDR waren die in dieser Zeit stattfindenden Parteiausschlussverfahren und politischen Prozesse von Antisemitismus begleitet. Exemplarisch sei der Prozess gegen Paul Merker genannt, einem ehemaligen Mitglied des Zentralkomitees der SED, der sich für Entschädigungszahlungen an jüdische Opfer einsetzte. In antisemitischen Diffamierungen wurde er als "König der Juden", als "Subjekt der USA- Finanzoligarchie" und "als Feind seines eigenen Volkes entlarvt" und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Daneben durchsuchte die Staatssicherheit Büros der jüdischen Gemeinden und beschlagnahmte Schriftdokumente. In Folge dieser Ereignisse verließ etwa ein Viertel der jüdischen Gemeindemitglieder die DDR.

Eine besondere politisch-historische Verpflichtung der DDR gegenüber Israel wurde verneint, Verantwortung für Entschädigungen jeglicher Art abgewiesen. Stattdessen herrschte seit Mitte der 1950er Jahre ein vehementer Antizionismus, der sich unter anderem in der die Verbrechen der Nazis relativierenden und zynischen Gleichsetzungen der israelischen Politik mit dem Nationalsozialismus zeigte. Auf diese Weise konnte die eigene Vergangenheit nun auch moralisch ad acta gelegt werden und die DDR erschien ein weiteres Mal – entsprechend ihrem Gründungsmythos – als das bessere und anständigere Deutschland.

Auswirkungen auf die Gegenwart



Nach der Wiedervereinigung tauchte der Antisemitismus nach und nach aus seiner ideologischen Verpackung wieder hervor. Besonders nach Beginn der zweiten Intifada und den Anschlägen vom 11. September entstand eine Art Wiedererkennungseffekt, der an die alten Bilder anknüpfte. Viele Verschwörungstheorien über die "Macht des Geldes" und die Drahtzieher in Tel Aviv und Washington kursierten und mischten sich mit antikapitalistischen Impulsen und Ideologieelementen verschiedener Art. Die Kette der Gleichsetzung von Imperialismus = Zionismus = Rassismus = Faschismus = Herrschaft und damit der Unterdrückung der ganzen Welt, erweckte das Bild vom zionistischen, mächtigen und vor allem kapitalistischen Juden zu neuem Leben. Ein besonders drastisches Beispiel für die internationale Popularität dieser Sichtweise ist die UNO Konferenz in Durban 2001, auf der die oben genannte Gleichsetzung propagiert wurde. In verschiedenen Äußerungen ostdeutscher Bürger kommt immer wieder zum Ausdruck, dass diese Erklärungen auf Wissen beruhen, das bereits in der DDR über den Zionismus und die israelische Politik vermittelt wurde.

Dem entspricht auch die weit verbreitete Vorstellung, dass der islamistische Terror als berechtigter Widerstand gegen die Unterdrückung durch den Westen zu bewerten sei. Spätestens seit Beginn des Irakkrieges 2003 kann man beispielsweise auf Demonstrationen der Friedensbewegung und der Gewerkschaften in vielen Städten Ost- und Westdeutschlands dieses Verständnis für terroristische Aktionen antreffen. Dies ist keine ostdeutsche Besonderheit. Doch mit dem Verweis auf die Unterstützung der "nationalen Befreiungsbewegungen" durch die DDR wird das Verständnis für den Terror im Osten seltener kritisch hinterfragt. Darüber hinaus erinnert auch ein Slogan wie "Hitler – Bush Massenmörder Kriegstreiber", der 2003 bei einer Friedensdemonstration der Gewerkschaften auf einem Transparent stand, an antiamerikanische und antiimperialistische Kampagnen in der DDR.

In Ostdeutschland hat sich nach der Vereinigung eine starke rechte Szene entwickelt, deren Strategie der kulturellen Subversion bereits großen Erfolg in manchen Regionen gezeigt hat. Alle rechtsradikalen Gruppierungen sind sich trotz einiger Unterschiede in ihrem manifesten Antisemitismus einig. Er bildet den Kern rechtsextremer Ideologie. Gleichzeitig greifen die Rechtsextremen mittlerweile auch immer stärker globalisierungskritische, amerika- und israelfeindliche, antikapitalistische Diskurse auf und nähern sich in ihrer Symbolik und ihren Leitfiguren stark denen der Linken an. Besonders deutlich ist dies an der Veränderung des Dresscodes in weiten Teilen der rechtsextremen Szene abzulesen.

Trotz des extremen Rassismus und der aggressiven Form, mit der jegliche Einwanderung abgelehnt wird, werden islamistische Ideologien jedoch von den Rechten zuweilen toleriert bzw. respektiert, wenn sie sich mit ihrem eigenen Weltbild gut vereinbaren lassen. Dies betrifft besonders den radikalen Antisemitismus und die Abscheu gegenüber dem Westen und seinen liberalen Werten. Unter den prominenten Konvertiten zum Islam befinden sich etliche Rechtsextreme.

Fazit



Das Aufzeigen der DDR-Geschichte und der darin enthaltenen Kontinuitäten bis in die Gegenwart sowie die Entwicklung neuer Tendenzen der Israelfeindlichkeit, die auch deutlich antisemitische Feindbilder beinhalten, ist eine entscheidende Voraussetzung, um eine Sensibilisierung und eine differenziertere Wahrnehmung der aktuellen Problematik zu ermöglichen.

Oftmals besteht bereits in der Wahrnehmung antisemitischer Vorkommnisse die erste Schwierigkeit, da sich der aktuelle Antisemitismus als anschlussfähig an die staatliche antizionistische Politik der DDR erweist. Zudem erlebt die rhetorische Gleichsetzung der Politik Israels mit der des Nationalsozialismus heute einen Aufschwung. Dies entspricht einem Entlastungswunsch, der die deutsche Schuld im Täter-Opfer Umkehrdiskurs relativieren will.

Deshalb ist jede Form der Aufklärung und das Gefühl einer gesellschaftlichen und von persönlicher Empathie getragenen Auseinandersetzung über traditionelle Formen der Judenfeindschaft, die Geschichte der Judenvernichtung im Nationalsozialismus, der Antisemitismus in der DDR bis zu den gegenwärtigen Ereignissen eine notwendige Voraussetzung, um die Wehrhaftigkeit der Zivilgesellschaft in den neuen Bundesländern gegen antisemitische Erscheinungsformen zu stärken. Eine notwendige Voraussetzung wäre hier auch eine sozialwissenschaftliche Analyse über die spezifischen Ausprägungen von Antisemitismus unter der Bevölkerung in den alten und neuen Bundesländern.

Heike Radvan

Zur Person

Heike Radvan

Heike Radvan, geb. 1974 in Bergen auf Rügen, Studium der Sozialarbeit/-pädagogik an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. Seit 2002 Mitarbeiterin der Amadeu Antonio Stiftung zum Thema "Zivilgesellschaftliche Strategien im Umgang mit Antisemitismus". Arbeitet derzeit an ihrer Dissertation an der FU Berlin zum Thema: "Pädagogisches Handeln im Umgang mit Antisemitismus in Einrichtungen der offenen Jugendarbeit in Berlin".


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln