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22.1.2007

Antisemitismus im Internet

Aus den Erfahrungen eines Fachmediums im Internet

Im Internet hetzen Antisemiten weltweit in allen Sprachen. Engagierte Angebote wie hagalil.com versuchen mit gezielten Strategien, ein Gegengewicht zu bilden.

Screenshot der Website www.hagalil.com, 14.12.2011.


Arbeiten für die Wahrheit



Antisemitismus in Deutschland wird, genau wie Rechtextremismus, oft nur anlässlich brutaler Gewalttaten wahrgenommen. Man spricht vom Problem sozialer Randgruppen und von verwirrten Jugendlichen. So schiebt man das Problem erfolgreich in die Schmuddelecke und hofft, es zur Not auch noch unter den Teppich kehren zu können. Dabei zeigt sich schon seit vielen Jahren, was auch die neueste Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nachweist: Antisemitische und rechtsextremistische Einstellungen finden sich in allen Schichten der Gesellschaft und in allen Richtungen des politischen Spektrums. Die Ansichten des sogenannten Rechtsextremismus finden sich also längst in der Mitte der Gesellschaft.

Diese Erkenntnis ist für ein Online-Bildungsangebot wie haGalil.com nichts Neues, sondern durch die Arbeit im Internet ständige Herausforderung, denn Antisemitismus und Rechtsextremismus zeigen sich nirgends so widerlich, unverblümt und dominant, wie im Internet.


Dieses "neue" Medium wurde zum wichtigsten Organ bei der Verbreitung antisemitisch-nazistischer Verleumdung und Hetze. Für uns lag die Notwendigkeit, dem Antisemitismus im Internet auch im Internet etwas entgegen zu setzen, schon zu Beginn des "Internetzeitalters" klar auf der Hand. Die in über zehn Jahren gesammelte Erfahrung hat uns immer wieder in unserem Engagement bestärkt, auch wenn es uns nicht gelungen ist, politische Entscheidungsträger dieses Landes zu erreichen.

Das Internet ist international. Antisemitische Hetze wird in allen Sprachen weltweit verbreitet und ist von überall abrufbar. Antisemitismus ist das zentrale Merkmal fundamental-nationalistischer Weltanschauung und damit Bindemittel unterschiedlichster Bewegungen, von Pamjat in Russland bis zum Ku-Klux-Klan in Amerika, von christlich-arischen Allianzen und islamistischen Fundamentalisten. Das Medium Internet ist so das ideale Mittel zur Verbreitung dieser Hetze. Gleichzeitig ist das Internet im Gegensatz zu Print aber auch TV und Radio ein Medium, das nicht nur sendet, sondern auch empfängt. Dies birgt Möglichkeiten aber auch Herausforderungen, die weit über das bisher Bekannte hinausreichen.

haGalil hat ein sehr einfaches und vielfältig nutzbares Modell entwickelt, um antisemitischer Hetze im Internet zu begegnen. Dieses Modell ist gerade deshalb so erfolgreich, weil es von Anfang an nicht gegen, sondern für etwas aufgebaut wurde. Um es ganz einfach in einen Satz zu packen: "Wir haben weniger gegen die Lüge gearbeitet als vielmehr für die Wahrheit". Wir waren nicht gegen die Einfalt, sondern haben die Vielfalt selbstverständlich mitgestaltet.

Gegengewicht schaffen



Das Modell von haGalil beinhaltet drei Kernstrategien, die ich hier gerne vorstellen und dabei Beispiele aus der Praxis unserer Arbeit geben möchte.

Am wichtigsten ist uns die Schaffung eines massiven Gegengewichts durch aufklärende Inhalte. Wenn wir einhundert unserer Seiten gegen eine rechte Seiten setzen, zum Beispiel zum harmlos erscheinenden Thema "jüdische Feiertage", dann liegen die Chancen eines Schülers, auf der Suche nach Informationen zu seinem Referat bei haGalil, anstatt auf einer Nazi- (oder sonst wie antisemitisch motivierten) Seite zu landen, bei 100:1. Je größer das Informationsangebot, desto mehr greift dieses Prinzip in den Suchmaschinen. Dieser "inhaltliche Schutzwall" ist gerade deshalb so wichtig, da das Internet nicht nur als Freizeitbeschäftigung in der Gunst von Jugendlichen beständig wächst, sondern vorrangiges Medium zur Informationsbeschaffung ist. Referate werden heute nicht mehr aus Büchern erarbeitet. Viele rechte Internetseiten bieten scheinbar seriöse Informationen zu relevanten Themen, wie etwa Nationalsozialismus, an.

Die Ausrichtung vieler dieser Seiten ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Gerade das Judentum als Religion wird immer wieder durch angebliche Zitate aus dem Talmud diffamiert. Horst Mahler, um nur ein Beispiel zu nennen, sieht den Hauptfeind des Deutschtums inzwischen nicht mehr in der "jüdischen Rasse", sondern in der jüdischen Religion. Dementsprechend finden wir auf den einschlägigen Seiten eine unglaubliche Menge an Artikeln, die sich mit dem "Judentum" befassen – beziehungsweise dem, was Mahler und seine Kollegen (im weitesten Sinne) dafür halten. Der inhaltliche Schutzwall kann aber durch die starke Präsenz in den vorderen Rängen der Suchmaschinen verhindern, dass "unbedarfte" Surfer, nach entsprechender Stichworteingabe, darauf treffen.

Ein Großteil des Schutzwalls besteht aus Grundlageninformationen zu jüdischer Religion, Geschichte und Kultur. Daneben nimmt die Berichterstattung zu tagesaktuellen Themen großen Raum ein. Es ist dabei weniger die Frage, wie man über nazistische und antisemitische Vorfälle berichtet, sondern vielmehr, wie man die relevanten Begleitthemen, die Einstiegsthemen der Nazis, behandelt. Als Beispiel eignet sich die Debatte zur Entschädigung der Zwangsarbeiter 60 Jahre nach Kriegsende. Hier wurden zwar immer wieder Milliardensummen genannt, aber niemand hat diese Summen im Zusammenhang mit der Höhe des Unrechts genannt. Es fiel auch niemandem auf, dass nur zwei Wochen später bei der Versteigerung der Mobilfunklizenzen 100 Mia. auf den Tisch gelegt wurden, zwanzigmal mehr als die gesamte deutsche Industrie für die geleistete Zwangsarbeit aufzubringen bereit war. Stattdessen lief eine monatelange Debatte, die immer wieder neue "Höchstsummen" und "Milliardenbeträge" in den Raum warf, stets gepaart mit Schlagzeilen wie: "Weitere Forderung des Jüdischen Weltkongresses zu befürchten", "Rabbi Singer sagt, 4 Milliarden sind uns nicht genug", "Droht Deutschlands Industrie der Konkurs?".

Ähnlich folgenschwer waren auch die Debatten um den "Asylkompromiss", den "Standort Deutschland in der Globalisierungsfalle", um "Überfremdung", "Ausländerflut" und "Leitkultur". Sie alle brachten den Extremisten mehr Zulauf als diese sich aus eigenen Kampagnen je hätten erträumen können. Ebenso schädlich ist auch die sensationsheischende und konjunkturelle Berichterstattung, beispielsweise nach einem Einzug von DVU oder NPD in ein Landesparlament. Wir versuchen, diesem oftmals fahrlässigen Umgang der Massenmedien mit dem Thema durch kontinuierlich, vielfältig und tiefschürfende Berichterstattung entgegenzuwirken.

Natürlich muss man dazu auch ein wenig "schmutzige" Arbeit erledigen, also beispielsweise Publikationen von einschlägigen Verlagen beobachten, sowie rechte Foren überwachen. Dies hat beispielsweise dazu geführt, dass haGalil die "Hohmann-Affäre" ins Rollen brachte. Eine Reaktion auf Hohmanns antisemitische Hetzrede erfolgte erst als Klaus Parker (sl), verantwortlich für die Bearbeitung des haGalil Meldeformulars, Teile der Rede in einem rechten Esoterikforum zitiert fand. Da haGalil sich mit dem in Hohmanns Rede seitenweise zitierten Buch "Jüdischer Bolschewismus - Mythos und Realität" bereits im September befasst hatte, war für uns das Thema nicht neu. Neu war höchstens, dass ein Vertreter einer im Bundestag vertretenen Volkspartei eine so ausgefeilte und ausführliche Rede in aller Öffentlichkeit, auf einer offiziellen Veranstaltung, halten konnte. Wir beschlossen daher auf diese Rede aufmerksam zu machen: "Der erste Artikel zur Rede erschien am 27.10.2003 in hagalil.com, gleichzeitig informierten wir den Fraktionsvorstand der CDU, den Bundestagspräsidenten, die Presse und eine Mitarbeiterin des Hessischen Rundfunks. Der erste TV-Bericht erschien kurz darauf im Hessischen Rundfunk.

Am Abend des 28.10. dann auch in Tagesschau und Tagesthemen. Die großen Medien haben sich in der Version verbissen, eine anonyme amerikanische Jüdin habe die Rede im Internet gefunden; Öl im Feuer der Rechten, in ihren Augen doch weiteres Zeugnis dafür, wie "die amerikanische Ostküste", Synonym für "das Judentum", die Welt regiert. Auch auf die Tatsache, dass antisemitische Gewalttäter in Komplizenschaft mit der schweigenden Mehrheit heute – in aller Öffentlichkeit – wieder Existenzen ruinieren können, musste haGalil am Beispiel eines koscheren Lebensmittelgeschäfts hinweisen. Der Betreiber des Imbissladen in Berlin-Tegel, ein Jude, der Kippa trägt und sich entschieden hat, jüdische Symbole und die israelische Flagge in seinem Laden zu zeigen, musste nach massiven Pöbeleien und Angriffen von Rechtsextremen und Islamisten seinen Laden schließen. Das Thema wurde in den großen Medien erst aufgegriffen, nachdem haGalil immer wieder darüber berichtete. Dass solche Ereignisse ohne die ehrenamtliche Arbeit eines jüdischen Onlinedienstes gar nicht ins öffentliche Bewusstsein gelangt wären, macht das ganze Ausmaß von Gleichgültigkeit und Verdrängung erst recht deutlich.

Möglichkeiten der Kommunikation nutzen



Die zweite Kernstrategie von haGalil nutzt die kommunikativen Möglichkeiten eines lebendigen Onlinedienstes. Wir wissen längst, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gerade dort am meisten verbreitet sind, wo die wenigsten Juden leben. Begegnung und authentische Information sind die beste Vorraussetzung für Verständigung. Jüdisches Leben ist in Deutschland noch lange keine Selbstverständlichkeit, so dass sich die kleine jüdische Gemeinschaft hinter Absperrungen und Sicherheitsschleusen verstecken muss.

Für einen Jugendlichen, beispielsweise in Brandenburg, ist haGalil oft die erste und einzige Möglichkeit, mit Juden in einen tatsächlichen Dialog zu treten. Wir erhalten täglich Dutzende Emails mit Anfragen von Schülern, Jugendlichen, Studenten und einfach nur Interessierten, die das Gespräch mit Juden suchen. Unsere Foren und Chats bieten die Möglichkeiten zur Kommunikation der Leser untereinander. So lernte beispielsweise eine Nazi-Aussteigerin die Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde in Bayern kennen. Gemeinsam gestalteten sie zahlreiche Vorträge an Schulen und Jugendzentren.

Es ist nicht erstaunlich, dass sich gerade das Forum als viel umkämpfter Ort zeigt und Antisemiten jeder Couleur anzieht. So musste der interaktive Bereich bereits vor vielen Jahren nach verheerenden Angriffen mit Mordaufrufen gegen die Betreiber passwortgeschützt werden.

Verleumdungen gegen haGalil finden sich aber auch aus anderen Richtungen. So ist man sich selbst auf angeblich "antifaschistischer Seite" nicht zu schade, wenn es darum geht haGalil und seine Betreiber zu diffamieren, auf uralte antisemitische Ressentiments zu bauen. Vorwürfe werden gestreut, man habe Villen in Deutschland und Wohnungen in Tel Aviv. Gleichzeitig spiele man eine Rolle in der globalen Rüstungsindustrie. Geld habe man bei haGalil mehr als genug, trotzdem bekomme man den Hals nicht voll und bettle weiter um Spenden. Vom deutschen Steuerzahler abgezockte Kohle habe man verprasst und veruntreut. Hackerangriffe auf den Server von haGalil inszeniere man selbst, um wieder einmal dem deutschen Michel Geld aus der Tasche zu ziehen.

Es stimmt zwar, dass solch bodenlose Beschuldigungen nicht mehr überraschen sollten, sind sie doch ganz auf der Linie jahrhundertealter antijüdischer Hetze. Dennoch ist nicht nur die Dreistigkeit bestürzend, sondern vor allem der fruchtbare Boden auf den derartiges fällt.

Während solche Kampagnen oft ungeahnte Kreise ziehen, und selbst in den oberen Etagen politischer Parteistiftungen in Berlin kursieren, erscheinen die alltäglichen Zuschriften oder Anrufe, wie "Euch haben sie vergessen zu vergasen", fast nebensächlich. Besonders hitzig waren "Kommentare" im vergangenen Sommer zur Zeit des Krieges zwischen Israel und dem Libanon. Am Rande sei vermerkt, dass es dabei auch zu angenehmeren Begegnung kommen kann, wenn beispielsweise ein Libanese, der zuerst Morddrohungen ausstieß, sich später ausdrücklich entschuldigt.

Rechtliche Schritte einleiten



Die dritte Strategie setzt schließlich auf die juristische Komponente. haGalil hat 1997 das erste Meldeformular für antisemitische Seiten ins Netz gestellt. Im Jahr gehen hier ca. 1.000 Anzeigen ein. Dabei ist uns die Täterermittlung wichtiger als die Tatsache, dass rechtsextreme Webinhalte noch etwas länger im Netz stehen. Denn: Eine Ermittlung des unmittelbaren Urhebers rechtsextremer Seiten hat den Vorteil, dass der Täter bei Polizei und Verfassungsschutzbehörden als rechtsextrem bekannt wird, nach einer eventuellen Verurteilung wird seine Tat im Bundeszentralregister eingetragen. Wird dagegen der Provider kontaktiert und dazu gedrängt, die Seiten vom Netz zu nehmen, werden Täter und Umfeld entsprechend gewarnt. Oft genug ist die Löschung der Seite auch nur eine vorübergehende "Lösung", wie beispielsweise ein Vorfall im Mai 2005 zeigte.

Auf Betreiben von jugendschutz.net, einer gemeinsamen Stelle der Länder zur Überprüfung jugendgefährdender Angebote im Internet, wurde das Web-Portal "die Kommenden" durch dessen kanadischen Provider geschlossen. Für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Anlass zur Annahme, dass rechtsextremer Internetpropaganda auch im scheinbar sicheren Ausland die Basis entzogen werden könne. Es dauerte allerdings keine zwei Wochen bis der rechtsextremistische Internetauftritt unter der alten Adresse wieder im Netz war, mit neuem Provider in Pakistan. Es gab einige Hinweise, denen man bei der Täterfeststellung zunächst nachgehen hätte müssen. U.a. benutzten die "Kommenden" lange Zeit als Kontaktadresse eine Postfachanschrift in Berlin, deren Inhaber nicht unbekannt geblieben ist. Ferner bot gerade der sog. "Anti-Antifa"-Bereich eine Fülle von Informationen darüber, woher die Betreiber ihre Informationen hatten und welche Querverbindung innerhalb der einschlägigen Szene im Bereich des Informationsaustausches bestanden. Die Sperrung in Kanada hat bei den "Kommenden" aber selbstverständlich zu erhöhten Vorsichtsmaßnahmen und verstärkter Tarnung geführt. Selbstverständlich ist es wünschenswert und notwendig, derartige rechtsextremistische Internet-Auftritte in ihrer Bedeutung und Propagandawirkung zurückzudrängen. Populistische Schnellschüsse erreichen aber genau das Gegenteil.

Grundsätzlich lässt sich zusammenfassen, dass Antisemitismus, Antizionismus, Hass und Demokratiefeindlichkeit im Internet und mit den Möglichkeiten des Internets bekämpft werden müssen. Wenn wir uns heute anschauen, welche Effektivität haGalil mit relativ geringen pesonellen und finanziellen Mitteln erreicht hat, dann besteht durchaus Hoffnung, dass die Verbreitung fundamentalistisch-nationalistischer Hetze – mit den Mitteln des Internets – ganz entscheidend behindert werden kann.

Alle Teile der deutschen Kultur und Gesellschaft sollten in allen gesellschaftlichen Bereichen vertreten sein, so auch der oft als "unersetzlich" bezeichnete "jüdische Anteil". Dies muss unserer Meinung nach auch für die neuen Medien gelten, denn die jüdische Gemeinschaft ist nicht nur Teil der Geschichte, sondern auch der Gegenwart. Dies zu demonstrieren, ist uns mindestens so wichtig, wie das Zurückdrängen rechtsextremistischer Propaganda und die Rückeroberung öffentlicher Räume – zu denen auch das Internet gehört.

Andrea Livnat

Zur Person

Andrea Livnat

Andrea Livnat, geb. 1974, studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Judaistik an der Universität München, seit 2002 Redakteurin von haGalil in Tel Aviv.


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