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31.5.2012

Das Modell der demografischen Übergänge

Im Zuge des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft hat sich auch die Demografie verändert. Der demografische Wandel lässt sich allerdings nicht nur mit Modernisierung und Wohlstand begründen. Geringere Geburtenraten, hohe Lebenserwartungen sowie grenzüberschreitende Wanderungen sind auch von anderen Faktoren abhängig.

Im Modell des (ersten und zweiten) demografischen Übergangs wird unterstellt, dass sich im Laufe der Modernisierung eine typische Abfolge von Bevölkerungsweisen ergibt.

Demografischer Übergang (© Quelle: Stefan Immerfall: Einführung in den europäischen Gesellschaftsvergleich, Wissenschaftsverlag Richard Rothe, Passau 1994, Seite 46, Abbildung 4.1)

Nach Meinung einiger Wissenschaftler bahnt sich nach diesem ersten demografischen Übergang ein zweiter an: Bevölkerungswandel durch gesellschaftliche Modernisierung

Hinter diesem Modell demografischer Übergänge steht die Vorstellung, dass Modernisierungsvorgänge, insbesondere der wachsende Wohlstand und der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Bevölkerungsweisen aller Länder in der gezeigten Richtung verändern werden. Die Kinderzahlen sinken, weil die direkten und indirekten Kosten von Kindern steigen, während ihr ökonomischer Nutzen sinkt. Zudem wandeln sich gesellschaftliche Normvorstellungen und sehen weniger Kinder vor. Schließlich lassen Hygiene, bessere Ernährung und medizinischer Fortschritt die Lebenserwartung steigen.
Empirische Überprüfungen dieser Theorie haben (vgl. Andorka 2001: 240) ergeben, dass die Modernisierung zwar als generelle Begründung des demografischen Wandels durchaus tauglich ist. Aber weitere Faktoren (z. B. religiöse und politische) sorgen dafür, dass Kinderzahlen, Sterblichkeit und grenzüberschreitende Wanderungen keineswegs von Modernisierung und Wohlstand allein abhängen. So sank zum Beispiel die Geburtenrate in China lange vor seiner durchgreifenden Modernisierung und sie bleibt in vielen schon relativ modernen islamischen Ländern vergleichsweise hoch.

Stefan Hradil

Stefan Hradil

Stefan Hradil, geb. 1946 in Frankenthal (Pfalz), von 1991 bis 2011 Professor für Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nach dem Studium der Soziologie, Politologie und Slavischen Philologie an der Universität München (1968 – 1973) war er von 1974 bis 1989 wiss. Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität München. Promotion 1979 und Habilitation 1985 an der Universität München. Von 1989 bis 1990 Professur für Sozialstrukturanalyse an der Universität Bamberg. Stefan Hradil wurde 1994 Ehrendoktor der Universität für Wirtschaftswissenschaften Budapest, war 1995 bis 1998 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, ist seit 2001 Vorstandsvorsitzender der Schader-Stiftung, Darmstadt und seit 2006 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Arbeitsschwerpunkte sind die Sozialstrukturanalyse, auch im internationalen Vergleich, Soziale Ungleichheit, Soziale Milieus und Lebensstile, Sozialer Wandel.


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