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31.5.2012

Soziale Lagen und Randgruppen

Das Schichtungsgefüge gibt über eine ganze Reihe von wichtigen sozialen Ungleichheiten und über die soziale Situation vieler Menschen keine Auskunft. Beispielsweise sind Randgruppen kein Bestandteil der sozialen Schichtung. Mit der Konzeption der soziale Lage lassen sich auch Gruppierungen erfassen, die im Schichtungsgefüge keinen Platz haben.

Die vorstehenden Abschnitte haben deutlich gemacht, wie weitreichend die Folgen der Schichtzugehörigkeit sind. Trotzdem bildet das Schichtungsgefüge nur einen Teil der Struktur sozialer Ungleichheit. Es gibt über eine ganze Reihe von wichtigen sozialen Ungleichheiten und über die soziale Situation vieler Menschen keine Auskunft.

Das "Rückgrat" (F. Parkin) des Schichtungsgefüges ist das Oben und Unten der Berufsstruktur. Daher lassen sich alle Menschen, die nicht im Berufsleben stehen (wie zum Beispiel Rentner, Hausfrauen, Studierende, Sozialhilfeempfänger), nicht oder nur mit teils gewagten Annahmen in das Schichtungsgefüge einordnen. Dies ist fast die Hälfte der Bevölkerung. Auch die besonderen Nachteile von Migranten, von Frauen, von älteren Menschen, von Bewohnern bestimmter Regionen oder Stadtviertel lassen sich im Rahmen der Analyse sozialer Schichtung nicht erkennen, es sei denn, es handelt sich um berufliche, finanzielle oder Bildungsaspekte. Darauf beschränken sich die Nachteile von Frauen, Migranten, Älteren etc. aber nicht. Für diese sozialen Ungleichheiten außerhalb des "vertikalen" Schichtungsgefüges wurde der, recht missverständliche, Begriff "horizontale" Ungleichheiten geprägt.

Soziale Lagen

Konzeptionen der sozialen Lage und der Lebenslage schließen auch jene Gruppierungen ein, die im Schichtungsgefüge keinen Platz haben. Sie vermitteln entweder eine Übersicht über die Lage aller Gruppierungen der gesamten Gesellschaft oder aber sie richten die Aufmerksamkeit speziell auf die soziale Lage zum Beispiel von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, von älteren Migranten, von Berufsanfängern etc.

Randgruppen

Auch Randgruppen sind nicht Bestandteil der sozialen Schichtung. Als Randgruppen werden Menschen verstanden, die aufgrund diverser Benachteiligungen nicht am üblichen Leben der Gesellschaft teilnehmen können und deshalb "außerhalb" der Gesellschaft leben müssen. Sie können durchaus auch "unten" im Schichtungsgefüge stehen, sie müssen dies aber keineswegs. Ein körperlich behinderter Universitätsprofessor gehört einer Randgruppe an, nicht aber der Unterschicht.

Nicht alle Randgruppen sind kleine Minderheiten. Große Randgruppen sind: Behinderte, Teile der Migranten und Teile der älteren Menschen. Aber auch Prostituierte, aus stationärer Haft oder aus geschlossenen Anstalten Entlassene sind als Randgruppen zu bezeichnen.

Gründe der Randständigkeit

Randständigkeit kann sich aufgrund kultureller Prozesse ergeben. Vorurteile und Ressentiments führen zum Beispiel dazu, dass Eltern ihren Kindern verbieten, mit geistig Behinderten zu spielen oder dass einheimische Eltern eine Befreiung vom Sprengelzwang erwirken, um ihr Kind nicht in eine "Türkenschule" schicken zu müssen.

Randständigkeit kann auch die Folge politisch-administrativer Maßnahmen sein. So ist in Deutschland der Anteil behinderter Kinder, die getrennt von nicht-behinderten in eigenen Schulen unterrichtet und dadurch randständig werden, größer als in fast allen anderen vergleichbaren Ländern.

Randständigkeit kann schließlich aus ökonomischen Nachteilen erwachsen. Beispielsweise kann länger andauernde Armut dazu führen, dass viele Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe nicht mehr möglich sind, Kontakte abbrechen, keine geordnete Lebensführung mehr stattfindet und so Menschen sich von vielen gesellschaftlichen Bezügen ausgeschlossen finden. Auch Schwerbehinderte sind besonders häufig arbeitslos. Sie finden sich so außerhalb der Erwerbsarbeit, der wichtigsten Integrationssphäre moderner Gesellschaften.

Moderne Gesellschaften sind pluralistisch: Unterschiedliche Lebensstile werden immer weiter gehend toleriert. Berufliche, ethnische und Schicht-Milieus gehen weiter auseinander. Was "normal" ist, wird immer schwieriger bestimmbar. Wo sind, könnte man fragen, die Ränder einer pluralen Gesellschaft? Man könnte vermuten, dass Randständigkeit so immer weniger wahrgenommen wird. Das Gegenteil trifft zu: Gerade weil moderne Gesellschaften immer heterogener werden, wird Zugehörigkeit zum knappen und daher begehrten Gut. Randständigkeit wird als immer bedrohlicher, keineswegs als harmlos empfunden.

Stefan Hradil

Stefan Hradil

Stefan Hradil, geb. 1946 in Frankenthal (Pfalz), von 1991 bis 2011 Professor für Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nach dem Studium der Soziologie, Politologie und Slavischen Philologie an der Universität München (1968 – 1973) war er von 1974 bis 1989 wiss. Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität München. Promotion 1979 und Habilitation 1985 an der Universität München. Von 1989 bis 1990 Professur für Sozialstrukturanalyse an der Universität Bamberg. Stefan Hradil wurde 1994 Ehrendoktor der Universität für Wirtschaftswissenschaften Budapest, war 1995 bis 1998 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, ist seit 2001 Vorstandsvorsitzender der Schader-Stiftung, Darmstadt und seit 2006 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Arbeitsschwerpunkte sind die Sozialstrukturanalyse, auch im internationalen Vergleich, Soziale Ungleichheit, Soziale Milieus und Lebensstile, Sozialer Wandel.


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