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31.5.2012

Einleitung: Wertewandel, Individualisierung und Erlebnisgesellschaft

Soziologie als Wissenschaft untersucht die Gesellschaft in ihrer Doppelnatur als Sozialstruktur und Kultur und ist damit selbst Teil der Kultur. Die Gesellschaftsanalyse arbeitet mit Gesellschaftsbildern. Begriffe wie Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Informations- und Wissensgesellschaft geben erste Vorstellung, in welcher Gesellschaft wir leben.

Jede Gesellschaft weist eine Doppelnatur auf: Zum einen existiert sie als objektive Wirklichkeit in Gestalt ihrer Sozialstruktur. Sozialstruktur bezeichnet das innere Gefüge und den Aufbau der Gesellschaft, vor allem die soziodemografischen Merkmale wie Bevölkerung, Wirtschaft (Arbeitsmarkt und Erwerbstätigkeit), Bildung, Familie und Lebensformen, aber auch die sozialökonomische Gliederung nach Klassen und Schichten. Zum anderen existiert sie als subjektiv wahrgenommene, mit Sinn und Bedeutung versehene Realität in Gestalt ihrer Kultur. Kultur umfasst Wissen und Artefakte, Ideen und Ideale, Werte und Normen, aber auch Einstellungen und Meinungen. Zur Gesellschaft gehört stets der Diskurs über die Gesellschaft. Die Gesellschaft besteht also aus Sozialstruktur und Kultur, aus Faktizität und Normativität, aus Wirklichkeit und Idealität, aus Realität und Reflexion. Das sind gleichsam zwei Seiten einer Medaille.

Die Soziologie als Wissenschaft untersucht die Gesellschaft in ihrer Doppelnatur als Sozialstruktur und Kultur und ist damit selbst Teil der Kultur. Ihre Begriffe und Theorien sind keineswegs unschuldige und neutrale Instrumente, sondern sie werden von der sozialen Wirklichkeit selbst beeinflusst und prägen diese Wirklichkeit mit. Die Gesellschaftsanalyse bliebe blass ohne solche "Gesellschaftsbilder", die den empirischen Fakten erst Sinn und Bedeutung verleihen und das Verstehen erleichtern. Begriffe wie Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Informations- und Wissensgesellschaft geben uns eine erste Vorstellung, in welcher Gesellschaft wir leben (s. Kapitel "Sozialer Wandel"). Auch die in den 1970er- und 1980er-Jahren aufkommenden Begriffe Wertewandel, Individualisierung und Erlebnisgesellschaft markieren solche Gesellschaftsbilder, die das Verständnis der sozialen und kulturellen Wirklichkeit in der alten Bundesrepublik geprägt haben. Wie muss man diese neuen Selbstbeschreibungen verstehen?

Der Gesellschaftsumbruch im Verlauf der Moderne

Die moderne Gesellschaft ging aus drei Revolutionen hervor: der ökonomischen Revolution und der Entstehung des Kapitalismus; der politischen Revolution und der Heraufkunft der Demokratie; der kulturellen Revolution und der Durchsetzung des Individualismus. Alle diese Merkmale – Kapitalismus, Demokratie und Individualismus – charakterisieren bis heute moderne (westliche) Gesellschaften. Aber die ökonomischen, politischen und kulturellen Voraussetzungen für die massenhafte Verwirklichung der damit verbundenen Werte der Freiheit, Gleichheit und Solidarität wurden in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen. Mit der sozialen Marktwirtschaft kam der Wohlstand, mit der Demokratie wurden aus deutschen Untertanen gleichberechtigte Bürger, und mit dem Individualismus wurde eine persönlich gewählte Lebensführung möglich. Allerdings erfolgte dieser Durchbruch zunächst im klassischen Gewand einer industriegesellschaftlich-autoritären Moderne, für die die "Adenauer-Zeit" in Westdeutschland typisch war. Erst im Gefolge von "1968" konnte dieses alte Gewand abgestreift werden. Dafür stehen die drei Stichworte Wertewandel, Individualisierung und Erlebnisgesellschaft.

Um diesen Umbruch genauer zu charakterisieren, seien zunächst die wichtigsten Begriffe definiert (2.). In Abschnitt 3 wird ausführlicher auf den Wertewandel eingegangen, in Abschnitt 4 auf die Individualisierung und die Pluralisierung sozialer Milieus und Lebensstile. In den darauf folgenden Abschnitten geht es dann um den Wandel von Biografien und Lebensläufen (5.) und um die Frage der Säkularisierung oder Rückkehr der Religion (6.). Abschließend wird unter den Stichworten Knappheit, Unsicherheit und Flexibilität ein Ausblick auf denkbare weitere Entwicklungen gegeben.

Hans-Peter Müller

Hans-Peter Müller

Hans-Peter Müller, geb. 1951 in Erfurt (Thüringen), ist seit 1992 Professor für Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg (1972 – 1977) berufliche Tätigkeit an den Universitäten Augsburg, Heidelberg, an der Universität der Bundeswehr München und an der Universität Heidelberg. Promotion 1982 und Habilitation 1989 an der Universität Heidelberg. 1986 – 1987 war er John F. Kennedy-Stipendiat an der Harvard University und 1997 – 1999 Max-Weber-Gastprofessor an der New York University. Arbeitsschwerpunkte sind klassische und zeitgenössische Sozialtheorie, Sozialstruktur und soziale Ungleichheit, politische Soziologie und Kultursoziologie. Ausgewählte Veröffentlichungen: Max Weber. Eine Einführung in sein Werk. Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2007; mit R. Hettlage (Hg.), Die europäische Gesellschaft. Konstanz: UKV 2006; mit J. Mackert (Hg.), Moderne (Staats)Bürgerschaft 2007; mit A. Harrington und B. I. Marschall (hg.), Encyclopedia of Social Theory. London/New York: Routledge 2006; Sozialstruktur und Lebensstile. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1992 (2. Aufl. 1993).


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