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31.5.2012

Wertewandel

In entwickelten liberalen Gesellschaften hat sich ein einschneidender Wertewandel vollzogen. Statt Vermögen und Besitztum stehen Selbstverwirklichung und Kommunikation im Vordergrund. Mit dem Wertewandel lässt sich auch die zu beobachtende Individualisierung sowie die Pluralisierung von sozialen Milieus und Lebensstilen erklären.

Entwickelte liberale Gesellschaften weisen drei gemeinsame Entwicklungstrends auf: einen Wandel der gesellschaftlich dominanten Werte, das Verblassen von Klasse und Schicht zugunsten von Milieus und den Übergang von kollektiv geprägten Lebensweisen zu individuell gewählten Lebensstilen. Schauen wir uns den ersten der drei Trends nun im Hinblick auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg für die Bundesrepublik an.

Materielle Werte verlieren, postmaterielle Werte gewinnen an Bedeutung

Die 1950er- und 1960er-Jahre waren in der westlichen Welt durch einen beispiellosen Wohlstandszuwachs (in der alten Bundesrepublik "Wirtschaftswunder" genannt), durch die Bildungsexpansion, durch eine Verkürzung der Arbeitszeit und Ausweitung der Freizeit, durch eine hohe soziale Sicherheit und eine Liberalisierung der Werte gekennzeichnet.

In den 1970er-Jahren hat der amerikanische Soziologe Ronald Inglehart (1989) in der westlichen Welt einen einschneidenden Wertewandel von materialistischen (Vermögen und Besitztum) zu postmaterialistischen Werten (Selbstverwirklichung und Kommunikation) ausgemacht. Seine Überlegungen beruhten auf zwei zentralen Annahmen: 1. Menschen begehren das in ihrer Umwelt, was relativ knapp ist (die Mangelhypothese). Die ältere Generation musste in der akuten Mangelsituation unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, so seine Vermutung, zunächst materielle Bedürfnisse befriedigen – infolgedessen war sie Anhänger materialistischer Werte; aber schon ihre Kinder – in den neu gewonnenen Wohlstand hineingeboren – würden dagegen verstärkt postmateriellen Werten der Selbstverwirklichung folgen. 2. Die grundlegenden Werte eines Menschen werden in seinen jungen Jahren, in der "formativen Periode" geprägt und bleiben über den gesamten Lebenslauf stabil (die Sozialisationshypothese). Frühzeitig gebildete und dauerhafte Werte dienen als Richtschnur und Orientierung für die gesamte Lebensführung eines Menschen. Einmal Materialist, immer Materialist; einmal Postmaterialist, immer Postmaterialist.

Um den Wertewandel empirisch zu belegen, stellten die Forscher vier Fragen nach der Wichtigkeit von Zielsetzungen: Ziele 1 und 3 gelten als "materialistische", Ziele 2 und 4 als "postmaterialistische" Werte. Nannten die Befragten zwei materialistische Ziele, wurden sie als "Materialisten", wenn sie zwei postmaterialistische Ziele angaben, als "Postmaterialisten" eingestuft. Wer ein materialistisches und ein postmaterialistisches Ziel nannte, wurde einem "Mischtyp" zugeordnet.

Nach Ingleharts Theorie muss sich der Bevölkerungsanteil der Materialisten in der Generationenfolge verringern, während der Anteil der Postmaterialisten im Zeitablauf zunimmt. Tatsächlich ging in Westdeutschland zwischen den 1970er- und den frühen 1990er-Jahren der Anteil der Materialisten zurück (auf nicht ganz 20 % der Bevölkerung im Jahre 1989) während der Anteil der Postmaterialisten im Jahre 1988 schon auf 25 % gestiegen war.

Mit diesem Wertewandel lässt sich auch ein Stück weit die in dieser Zeit zu beobachtende Individualisierung sowie die Pluralisierung von sozialen Milieus und Lebensstilen erklären. Die Menschen richteten ihr Leben nicht mehr nach tradierten kollektiven Lebensweisen ein, die sie meist von den Eltern übernommen hatten. Vielmehr wurde es eine Frage der individuellen Wahl oder Kreation des eigenen Lebensstils, welchen Bildungsweg man einschlägt, welche Berufswahl man trifft, ob und wenn ja, wann man eine feste Beziehung eingeht, ob man heiratet oder nicht, ob man Kinder bekommt oder nicht, ob man sich gesellschaftlich und politisch engagiert oder nicht.

Kaum hatten die Selbstverwirklichungswerte in der Gesellschaft Einzug gehalten, wurde vor allem von konservativen Kreisen und den Massenmedien auch schon Kritik laut am vermeintlich um sich greifenden "Egoismus" und "Werteverfall". Dass Selbstverwirklichung nicht gleich zu Egoismus oder gar Werteverfall führen muss, belegen die in den 1970er-Jahren einen Höhepunkt erlebenden "neuen sozialen Bewegungen". Politisches und gesellschaftliches Engagement waren also durchaus weiter vorhanden, doch in der jüngeren Generation war dieses Engagement nicht eine Frage des Pflichtgefühls, sondern der freiwilligen Einsicht in die Notwendigkeit politischen Protests. Zumindest eine Zeit lang gingen insbesondere bei den jungen Bildungsschichten, die immer zahlreicher in die Universitäten strömten, Selbstverwirklichung und gesellschaftspolitisches Engagement Hand in Hand.

Verlangsamung und veränderte Richtung des Wertewandels in den 1990er-Jahren

Im Laufe der 1990er-Jahre ließ sich in Deutschland jedoch eine zunehmende Stagnation des Wertewandels beobachten. Der Anteil des Mischtypus stieg von 50 % auf über 60 % an. Diese Entwicklung, die Ingleharts Prognose so gar nicht entsprach, macht deutlich, dass der Wertewandel mehrere Dimensionen hat: Die Pflichtwerte schwinden zugunsten von Werten der hedonistisch-materialistischen und der idealistischen Selbstentfaltung. Selbstverwirklichung existiert also in einer materialistischen und einer post-materialistischen Version. Vor diesem Hintergrund kann man nach Helmut Klages (2001) fünf Wertetypen ausmachen: Diese Typologie gibt nicht nur ein differenziertes Bild der Werthaltungen und ihrer Verteilung in Deutschland, mit ihr lässt sich auch die Stagnation des Wertewandels in den 1990er-Jahren und das Wiederanwachsen materialistischer Orientierungen wie auch die Zunahme der gemischten Werthaltung deuten. Drei Entwicklungen haben die öffentlichen Haushalte in Deutschland stark strapaziert: Globalisierung, Europäisierung und die deutsche Wiedervereinigung. 16,5 Millionen Neubundesbürger mussten integriert werden, und aufgrund des Zusammenbruchs der ostdeutschen Industrie und der hohen Arbeitslosigkeit schossen die Transferzahlungen an die neuen Bundesländer in die Höhe, die bis 2019 degressiv gestaffelt auslaufen sollen. Zudem führte die höhere Weltmarktkonkurrenz auch zu spürbaren Wohlstandsverlusten in Westdeutschland, nachdem die durch die Vereinigung bewirkte Sonderkonjunktur abgeflaut war. Die sukzessive Rückkehr der Knappheit bewirkte einen "Wandel des Wertewandels" (Hradil 2006: 275), der sich angesichts der anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise nicht so bald wieder umkehren dürfte. Dennoch zeigt die größte Gruppe der "aktiven Realisten", dass Wertsynthesen neuer Art möglich sind und einmal etablierte Selbstverwirklichungswerte nicht einfach wieder verschwinden.

Hans-Peter Müller

Hans-Peter Müller

Hans-Peter Müller, geb. 1951 in Erfurt (Thüringen), ist seit 1992 Professor für Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Augsburg (1972 – 1977) berufliche Tätigkeit an den Universitäten Augsburg, Heidelberg, an der Universität der Bundeswehr München und an der Universität Heidelberg. Promotion 1982 und Habilitation 1989 an der Universität Heidelberg. 1986 – 1987 war er John F. Kennedy-Stipendiat an der Harvard University und 1997 – 1999 Max-Weber-Gastprofessor an der New York University. Arbeitsschwerpunkte sind klassische und zeitgenössische Sozialtheorie, Sozialstruktur und soziale Ungleichheit, politische Soziologie und Kultursoziologie. Ausgewählte Veröffentlichungen: Max Weber. Eine Einführung in sein Werk. Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2007; mit R. Hettlage (Hg.), Die europäische Gesellschaft. Konstanz: UKV 2006; mit J. Mackert (Hg.), Moderne (Staats)Bürgerschaft 2007; mit A. Harrington und B. I. Marschall (hg.), Encyclopedia of Social Theory. London/New York: Routledge 2006; Sozialstruktur und Lebensstile. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1992 (2. Aufl. 1993).


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