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31.5.2012

Die verschiedenen Dimensionen der Zivilgesellschaft

Zivilgesellschaft kann unter drei verschiedenen Dimensionen betrachtet werden. Aus normativer Perspektive wird Zivilgesellschaft mit einem demokratischen Gemeinwesen und einer gerechten Gesellschaft gleichgesetzt. Die habituelle Perspektive bezieht sich auf einen bestimmten Typus sozialen Handelns. Die akteurszentrierte Sichtweise legt den Fokus auf konkret handelnde Personen und Organisationen, die selbstorganisiert tätig sind.

Historischer Rückblick

"Zivilgesellschaft" als Begriff und Konzept kann auf eine lange Tradition zurückblicken. In der Klassischen Antike war "societas civilis" Synonym für die ideale Lebensweise von freien Bürgern. Alexis de Tocqueville, ein französischer Adeliger, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Vereinigten Staaten bereiste, war fasziniert von der Dynamik der amerikanischen Zivilgesellschaft mit ihrer Vielfalt von freiwilligen Vereinigungen (Assoziationen, Vereine) und ihrer Bedeutung für friedliches Zusammenleben, Problembewältigung, Demokratie und Selbstorganisation. Tocquevilles Beschreibung der damaligen Gesellschaft in den USA bietet die Blaupause für das Konzept einer "Zivilgesellschaft", in der die gesellschaftliche Selbstorganisation auf dem Engagement von Bürgern und Bürgerinnen beruht, das sich weder an den Kalkülen des Marktes orientiert, noch sich den Hoheitsansprüchen des Staates widerspruchslos beugt. Seitdem wird eine enge Verbindung zwischen der Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstorganisation und der Robustheit ihrer demokratischen Verfasstheit gesehen.

Die normativen Implikationen der Zivilgesellschaft

Meinungsbildung im Diskurs und unter Austausch gegensätzlicher Standpunkte sind seitdem zentrale Komponenten des Konzeptes. Auch hat "Zivilgesellschaft" seit den frühen Anfängen eine normative Dimension (Kneer 1997). "Zivilgesellschaft" fungiert als Leitbild eines guten und gerechten Zusammenlebens in der Demokratie und hat als solches immer auch eine kritische Funktion gegenüber den herrschenden Entscheidungsinstanzen der Politik, Wirtschaft und öffentlichen Verwaltung. Insofern erklärt sich die Nähe des Konzeptes zu sozialen Bewegungen, wie etwa der Frauen-, Umwelt- oder Anti-Atomkraftbewegung (Roth/Rucht 2007; vgl. Klein 2001). Mehr noch besteht in autoritär oder autokratisch regierten Ländern ein enger Bezug von Zivilgesellschaft und Regimegegnern. So sind die Friedensnobelpreisträger Aung San Suu Ky (1991) aus Myanmar und Liu Xiaobo (2010) aus China aufgrund ihres Einsatzes für die gewaltlose Einführung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ihren Ländern wichtige Vertreter der Zivilgesellschaft.

Gewaltlosigkeit, d. h. der "zivile" Umgang miteinander ist eine weitere zentrale Komponente des Konzepts "Zivilgesellschaft". Strittige Themen oder Pläne sollen unter beiderseitigem Respekt der Beteiligten gewaltfrei diskutiert und einem Kompromiss zugeführt werden. Insofern können zivilgesellschaftliche Aktivitäten auch wirksam sein als "Schule der Demokratie", in der Verfahren des Meinungsaustausches sowie das Prozedere von Kompromissbildung und Verständigung erlernt werden. "Zivilgesellschaft" steht somit für eine Gesellschaft, die sich durch "Zivilität" im Sinne von Demokratie, Toleranz, Verantwortung und Vertrauen auszeichnet.

Zivilgesellschaftliche Akteure und ihre Motive

"Zivilgesellschaft" ist ein Bereich, in dem freiwillige Vereinigungen (Vereine), Stiftungen, Initiativen, Nicht-Regierungsorganisationen bzw. Non-gouvernemental Organizations (NGOs), Nonprofit-Organisationen (NPOs) tätig sind. Der Übergang zu sozialen Bewegungen ist fließend, da Bewegungen zivilgesellschaftliche Organisationen umfassen, aber als solche keine Organisationen sind. Ziele und Zwecke zivilgesellschaftlicher Akteure können auf allgemeingesellschaftliche Probleme wie auch auf Anliegen und Bedürfnisse spezieller Gruppen gerichtet und lokaler, regionaler oder internationaler Natur sein. Zivilgesellschaft bildet den Rahmen, innerhalb dessen sich bürgerschaftliches Engagement entfalten kann. Dabei geht es um die Schaffung bzw. Erbringung gemeinwohlorientierter Güter und Leistungen (z. B. Tafeln für Bedüftige, Hospizbewegung), wie um die Einflussnahme auf die öffentliche Meinung durch die Beteiligung an Debatten, Protesten und anderen öffentlichkeitswirksamen Aktionen (Leserbriefe, Partei-, Gewerkschafts- oder Bürgerinitiavenengagement).

In dieser Absicht übernehmen gemeinnützige Einrichtungen (Stiftungen, Genossenschaften, GmbHs) sowie Vereine, Verbände und Initiativen als freiwillige Vereinigungen Aufgaben in einem breiten Tätigkeitsspektrum: Sie informieren über Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschädigungen, helfen Opfern von Naturkatastrophen, organisieren Armenküchen, betreiben Krankenhäuser und Kindergärten, markieren Wanderwege oder ermöglichen Sporttreiben von Aerobic bis Fußball. Das konkrete Engagement von Bürgern und Bürgerinnen bezieht sich also auf ein weites Feld gesellschaftlicher Probleme und Bedürfnisse, es dient karikativen, politischen Anliegen wie auch der Freizeitbereicherung. Und es findet in traditionsreichen Organisationen ebenso statt wie in mitunter nur temporären sozialen Bewegungen.

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" verwendete die Begriffe "Zivilgesellschaft" und "Bürgergesellschaft" synonym (vgl. Enquete-Kommission 2002: 59) obgleich "Bürgergesellschaft" und insbesondere "bürgerliche Gesellschaft" hierzulande lange Zeit mit einem Negativimage behaftet waren. Die Kommission hat eine umfassende Bestandsaufnahme des Forschungsstandes zur "Zivilgesellschaft" geleistet und dieser eine weite Definition des Begriffs des bürgerschaftlichen bzw. zivilgesellschaftlichen Engagements zu Grunde gelegt. Dementsprechend zählen dazu das politische und soziale Engagement, Aktivitäten in Vereinen, Verbänden und Kirchen sowie die Übernahme öffentlicher Funktionen (z. B. Schöffen), Formen der Gegenseitigkeit (z. B. Nachbarschaftshilfen), Selbsthilfe und Engagement in und von Unternehmen (Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility) (Enquete-Kommission 2002: 65 f.). Es ist ein sehr umfassendes Verständnis von zivilgesellschaftlichem Engagement, das hier zugrunde gelegt wurde, wobei auch von der Enquete-Kommission mit dem Leitbild der Bürger- bzw. Zivilgesellschaft die Vision einer gerechteren und demokratischeren sowie wesentlich auf Partizipation beruhenden Gesellschaft verbunden wurde . Konkret benennt der Bericht der Kommission Ziele, Inhalte und Verfahrensweisen von Bürger- bzw. Zivilgesellschaft: Die verschiedenen Sichtweisen auf Zivilgesellschaft

Zivilgesellschaft kann also unter einer normativen, einer habituellen bzw. handlungsorientierten sowie einer akteurszentrierten Perspektive betrachtet werden. Aus normativer Perspektive wird Zivilgesellschaft gleichgesetzt mit dem positiv in die Zukunft gerichteten Projekt eines demokratischen Gemeinwesens und einer gerechten Gesellschaft. Diese Sichtweise wurde insbesondere von den Dissidentenbewegungen in Osteuropa sowie von oppositionellen Kräften gegen die Militärdiktaturen in Lateinamerika vertreten: Zivilgesellschaft als demokratischer Gegenentwurf gegenüber dem bestehenden autoritären oder diktatorischen gesellschaftlichen und politischen Status quo (Klein 2001). Diese Perspektive wird immer dann eingenommen, wenn auf Zivilgesellschaft als Alternative und kritisches Potential verwiesen wird, wie es in den Medien bei Berichten über autoritäre oder anti-demokratische Regimes in Afrika, Asien, Lateinamerika sehr oft der Fall ist. Demgegenüber wird in etablierten Demokratien Zivilgesellschaft nicht als Alternative zum Status quo betrachtet, sondern vor allem mit Reformprojekten sozialer Bewegungen unter direkter Beteiligung von Bürgern und Bürgerinnen in Verbindung gebracht.

Annette Zimmer

Annette Zimmer

Annette Zimmer, geb. 1954, studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Mannheim und Heidelberg; 1986 Promotion zum Dr. phil., 1986 – 1988 Lehr- und Forschungsaufenthalt am Program on Nonprofit Organizations der Yale University; 1989 – 1995 Hochschulassistentin an der Universität-Gesamthochschule Kassel im Bereich Verwaltungsforschung; seit 1996 Professorin für Vergleichende Politikwissenschaft und Sozialpolitik am Institut für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, 1998/99 Visiting Professor an der University of Toronto; 2010 Visiting Fellow am American Institute for Contemporary German Studies, Johns Hopkins University, Washington D. C.; zahlreiche Publikationen zu Nonprofit-Organisationen, Vereinen, Verbänden, Stiftungen und zwar zu Fragen des Managements und der Governance der Organisationen sowie ihrer politikfeldspezifischen Einbettung.


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