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1.10.2021

Datengrundlagen

Für die Analyse der Einkommens- und Vermögensverteilung, von Armut und Reichtum gibt es in Deutschland einige größere Datenbasen. Decken diese das Thema vollständig ab? Was ergibt sich aus speziellen "Prozessdaten", Umfragen und den zahlreichen Sozialberichten auf allen föderalen Ebenen?

Menschenmenge. Entscheidend für die Aussagefähigkeit von Verteilungsanalysen ist die Datenlage. Dazu gibt es in Deutschland einige größere Datenbasen, die allerdings das Thema nicht vollständig abdecken. (© picture-alliance/dpa, Silas Stein)


Für die Analyse der Einkommens- und Vermögensverteilung, von Armut und Reichtum gibt es in Deutschland einige größere Datenbasen, die allerdings das Thema nicht vollständig abdecken. Daneben gibt es eine Reihe von speziellen "Prozessdaten" (Daten der Sozialversicherungen, Finanzämter, Sozialämter) und auch spezielle Umfragen (oft aber mit kleineren Stichproben). Nicht vergessen werden sollten die zahlreichen Sozialberichte auf allen föderalen Ebenen.

In der Bundesrepublik Deutschland können drei bis inzwischen vier große Befragungen als zentrale Datenquellen für Verteilungsanalysen betrachtet werden. Sie geben repräsentative Auskünfte über die individuellen Brutto- und Nettoeinkommen, über die Haushaltseinkommen und (allerdings begrenzt) über die Vermögen:

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Zentrale Datengrundlagen

Mikrozensus (MZ)
Beim Mikrozensus handelt es sich um eine amtliche jährliche Stichprobe mit der Befragung von ca. einem Prozent der Bevölkerung (knapp 400 Tausend Haushalte bzw. 830 Tausend Personen). Für einen größeren Teil des im Kern jährlich wiederholten Fragebogens besteht Auskunftspflicht.

Einkommens- und Verbrauchsstichprobe
Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) ist eine im Abstand von fünf Jahren durchgeführte amtliche Erhebung bei ca. 25 Tausend Personen bzw. 12 Tausend Haushalten (0,2 Prozent der Bevölkerung). Die EVS ist die wichtigste Datenquelle zur Vermögensverteilung.

Sozio-Ökonomisches Panel
Das sozio-ökonomische Panel (SOEP; Panel bedeutet, dass ein weitgehend gleicher Fragebogen im Verlauf der Erhebungsjahre immer wieder an die weitgehend gleichbleibenden Befragten gerichtet wird.) ist eine wissenschaftsgetragene Großstichprobe mit aktuell ca. 25 Tausend Befragten, die für rund 12 Tausend Haushalte stehen. Erfragt werden neben differenzierten Einkommensangaben auch einige Angaben zum Vermögen sowie viele interessante Zahlen zu Lebenslagen und Teilhabe − zum Teil modular im Mehrjahresrhythmus oder in speziellen Zusatzstichproben.

EU-SILC
Als vierte zentrale Datenquelle kann man − nach einigen Anlaufschwierigkeiten − EU-SILC, (European Union Statistics on Income and Living Conditions) benennen. Pro Jahr werden in Deutschland ca. 14.000 Haushalte mit 28.000 Personen befragt.

Neben den "Großstichproben" gibt es (zunehmend) kleinere Umfragen mit einschlägig relevanten Informationen (auch aus der kommunalen Sozialberichterstattung sowie aus einzelnen Forschungs- und Politikbereichen (Jugendsurveys, Alterssurveys, Infratest: Alterssicherung in Deutschland, Bundesbank-Umfragen zum Thema Vermögen und Finanzen privater Haushalte etc.). Außerdem sind eine Reihe von sogenannten Prozessdaten zu erwähnen, also Daten aus dem Geschäftsprozess von u.a. Sozialversicherungsträgern, Jobcentern, Sozialämtern. So bietet die Statistik der Deutschen Rentenversicherung hochdifferenzierte, jährlich aktualisierte Informationen über die Rentenzahlungen im Zugang und Bestand. Und die Statistik der Bundesagentur für Arbeit ermöglicht vielfältige Einblicke in die Verteilung der Geldleistungen − wie Arbeitslosengeld I und Arbeitslosengeld II. Eher spärlich sind die Daten der Finanzstatistik. Dies nicht zuletzt deshalb, weil deren Relevanz wegen teils extrem später Veröffentlichung arg eingeschränkt wird. So wird die Einkommensteuerstichprobe erst mit einem Zeitabstand von sechs Jahren zum Bezugsjahr zugänglich.

Informationen über die Höhe und Struktur der Arbeitnehmerverdienste lassen sich aus der Verdienststatistik des Statistischen Bundesamtes und der Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit entnehmen. Die Tarifverdienste werden durch die Tarifstatistik des WSI (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung) und die Tarifstatistik des Statistischen Bundesamtes ausgewertet.

Insgesamt gesehen hat sich das Angebot zur Verteilungsstatistik in den letzten Jahrzehnten erheblich erweitert (z. B. SOEP seit 1984; EU-SILC seit Mitte/Ende des letzten Jahrzehnts). Es hat sich auch verbessert (z. B. differenziertere Erfassung von Einkommensgruppen im MZ). Insbesondere ist die Zugänglichkeit dank des Engagements v. a. des Forschungsministeriums und des Rates für Wirtschafts- und Sozialdaten besser geworden (gemeint sind damit die sogenannten Scientific-Use-Files (SUF) für die Wissenschaft).

Dennoch ist die Datenlage immer noch unbefriedigend. Wir wissen zwar aus einer tradierten Agrarstatistik zeitnah (angeblich) genau, wie viele rotbraune und wie viele weiße Hühner wie viele Eier gelegt haben. Wir wissen demgegenüber aus den oben genannten Quellen nicht, wie hoch genau beispielsweise die milliardenschweren Vermögen der Besitzer der großen Einzelhandelsunternehmen (Discounter- und Supermarktketten) sind [1]. Wir wissen z. B. auch nicht, warum diesen Superreichen aus dieser Branche eine so ausgeprägte Vermögenskumulation gelingt, obwohl in dieser Branche ein extrem hoher Wettbewerbsdruck herrscht – mit entsprechenden Folgen für die Einkommen und Arbeitsbedingungen der dort Beschäftigten und der Zulieferer, aber eben nicht der Kapitaleigner.
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Fußnoten

1.
Vgl. manager magazin 2016; 2019.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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