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1.10.2021

Gesamtwirtschaftliche Einkommensverteilung

Durch die Erstellung des Sozialprodukts fließen den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital Einkommen zu, die sich zum Volkseinkommen summieren. Die Höhe des pro-Kopf Volkseinkommens ist ein zentraler Indikator zur Messung des materiellen Wohlstands einer Volkswirtschaft. Niveau und Wachstum von Sozialprodukt und Volkseinkommen geben jedoch nur begrenzt Auskunft über die Wohlfahrt einer Gesellschaft.

Fließbandfertigung von Autos in Ingolstadt. Die Höhe des pro-Kopf Volkseinkommens ist ein zentraler Indikator zur Messung des materiellen Wohlstands einer Volkswirtschaft. Jedoch geben Niveau und Wachstum von Sozialprodukt und Volkseinkommen nur begrenzt Auskunft über die Wohlfahrt einer Gesellschaft. (© picture-alliance, Sven Simon)


Sozialprodukt, Volkseinkommen, Wohlstand

Die in einer Volkswirtschaft in einer Periode, d. h. in einem Jahr, erzeugten Güter und Dienstleistungen sind das, was (ohne Berücksichtigung der Außenverflechtung − Exporte etc.) für Investitionen und für Konsumzwecke zur Verfügung steht. Bewertet man die Summe dieser Güter und Dienstleistungen mit Preisen, so errechnet sich das "Sozialprodukt" (genauer: Bruttoinlandsprodukt (BIP)). Durch die Produktion von Gütern und die Erstellung von Dienstleistungen entstehen zugleich Einkommen, die den beteiligten Faktoren Arbeit und Kapital zufließen und sich zum Volkseinkommen summieren. Die Entstehungsseite des Sozialprodukts, also die Produktion, und die Verteilungsseite des Sozialprodukts, also die Einkommenserzielung, bedingen sich gegenseitig. Das Volkseinkommen fällt wegen verschiedener rechnerischer Abzüge niedriger aus als das Bruttoinlandsprodukt, insbesondere die Abschreibungen werden in Anrechnung gebracht.

Im Jahr 2019 beziffert sich das Bruttoinlandsprodukt auf einen Betrag von knapp 3,5 Mrd. Euro und das Volkseinkommen auf 2,6 Mrd. Euro. Typisch für die Situation seit Gründung der Bundesrepublik ist ein kontinuierliches Wachstum dieser beiden Aggregatgrößen. Die Wachstumsraten waren in der Nachkriegszeit ("Wirtschaftswunder") sehr hoch. Ab Anfang der 1970er Jahre zeigt sich eine Abschwächung. Aber auch in der jüngeren Vergangenheit − so für die Jahre seit 1995 weist der Trend nach oben, der Zuwachs liegt bei rund 80 Prozent.

Üblich ist es für Wohlstandsvergleiche, das Volkseinkommen durch die Zahl der Einwohner zu teilen. Die so ermittelte Höhe des pro-Kopf Volkseinkommens ist ein zentraler Indikator zur Messung des Wohlstands einer Gesellschaft. Im internationalen Vergleich zählt Deutschland zu den wohlhabendsten Ländern. Und auch im europäischen bzw. EU-Kontext rangiert Deutschland im Spitzenfeld.

Allerdings sagen Niveau und Wachstum von Sozialprodukt und Volkseinkommen – auch pro-Kopf gerechnet – keineswegs abschließend etwas über den Wohlstand und die Wohlfahrt einer Gesellschaft aus [1]. Um eine Aussage über die Lebensbedingungen der Bevölkerung treffen zu können, müssen z.B. die Umstände, unter denen das Einkommen erzielt wird, in Rechnung gestellt werden. Deshalb ist zu bilanzieren, um den Preis welcher individuellen und gesamtgesellschaftlichen Belastungen ein bestimmtes Einkommen erzielt wird. Ein Einkommen, das mit niedrigen Wochenarbeitszeiten, einem ausgedehnten Jahresurlaub und unter humanen Arbeitsbedingungen erreicht wird, ist anders zu bewerten als ein Einkommen, das mit einer hohen Arbeitsintensität sowie mit langen Arbeitszeiten verbunden ist.

Gleichermaßen ist zu berücksichtigen, wofür das Einkommen verwandt wird bzw. verwandt werden muss. Zu fragen ist nach den Qualitäten der Einkommensverwendung und nicht nur nach deren Quantitäten. Dieser Zusammenhang wird beispielhaft deutlich, wenn in der Gesellschaft der Produktions- und Einkommenszuwachs um den Preis von Umweltschädigungen erfolgt und ein großer Teil des zusätzlichen Einkommens nur dazu dient, um die Folgekosten dieser Entwicklung z.B. durch nachträglichen Umweltschutz abzudecken. Gleichermaßen zu hinterfragen ist ein Produktions- und Einkommenszuwachs, der um den Preis wachsender sozialer Ungleichheiten und Spannungen erreicht wird. Die einzelnen Folgekosten einer solchen Wachstumsstrategie können zu sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten führen, wenn etwa die Kriminalität steigt und wachsende Ausgaben für öffentliche und private Sicherheit anfallen. Aus diesen Gründen gibt es vielfältige Ansätze alternativer bzw. ergänzender Indikatoren. Der vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) konzipierte Human Development Index (HDI) ist dafür ein Beispiel ("Internationaler Vergleich"). Dieser Index geht von den drei wesentlichen Determinanten des menschlichen Handlungsspielraumes aus: Gesundheit, Bildung und Einkommen. Diese Determinanten werden anhand der Indikatoren mittlere Lebenserwartung, Alphabetisierungsrate und Schulbesuchsdauer sowie reales Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf gemessen und verdichtet. Auch das Statistische Bundesamt berichtet in einem Satellitensystem der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) über die Gebiete Umweltschutz, Haushaltsproduktion und Gesundheit.

Löhne und Gewinne

Die Zuordnung des Volkseinkommens auf die Produktionsfaktoren lässt sich als funktionelle Primärverteilung beschreiben. Eine verteilungs- aber auch wirtschaftspolitisch zentrale Frage ist, wie sich die Arbeits- und Kapitaleinkommen im Zeitverlauf entwickelt haben und wie das Verhältnis zwischen diesen beiden aggregierten Faktoreinkommen aussieht (vgl. Abbildung Entwicklung der Bruttolöhne/-gehälter sowie Unternehmens- und Vermögenseinkommen 1995-2019).

Entwicklung der Bruttolöhne/-gehälter sowie Unternehmens- und Vermögenseinkommen 1995-2019 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Indexdarstellung zeigt, dass die Bruttolöhne im Zeitraum 1995 bis 2019 um rund 86 Prozent angestiegen sind, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 72 Prozent. Der Verlauf der Bruttolöhne und -gehälter unterteilt sich dabei in Phasen. Bis etwa 2005 kam es zu einem nur sehr schwachen Anstieg. In den Jahren danach beschleunigte sich der Zuwachs, dies insbesondere ab 2010. Im Unterschied haben sich die Unternehmens- und Vermögenseinkommen unregelmäßig entwickelt: In der Zeitspanne zwischen 2003 und 2013 kam es zu einem starken Zuwachs. Der Anstieg fiel weit stärker aus als der Anstieg der Entgelte aus abhängiger Arbeit. Unter dem Druck steigender Arbeitslosenzahlen und einer strukturellen Schwächung der Gewerkschaften (Abnahme der Tarifbindung der Beschäftigten) (vgl. "Tarifentgelte und Tarifbindung") sind die Tariferhöhungen bzw. die effektiven Arbeitsentgelte weit hinter dem Produktivitätswachstum zurückgeblieben. Zugleich wurde durch die Deregulierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes der Ausbau des Niedriglohnsektors beschleunigt (vgl. "Niedriglöhne"). Dies bedeutet, dass in diesen Jahren der Anteil der Einkommen aus abhängiger Arbeit am Sozialprodukt bzw. Volkseinkommen gesunken ist. Die abhängig Beschäftigten haben von dem Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und vom insgesamt gestiegenen Verteilungsvolumen und Wohlstand nur unterproportional profitiert.

Händlerin an der Frankfurter Wertpapierbörse. Im Zeitraum 1995 bis 2019 stiegen die die Bruttolöhne um rund 86 Prozent, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen um 72 Prozent. (© picture-alliance, imageBROKER)

Der Einbruch der Unternehmens- und Vermögenseinkommen in den Jahren 2008 und 2009 spiegelt die Folgewirkungen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise wider, die auch Deutschland getroffen hat. Es kam zu Einbrüchen bei den Gewinnen der Unternehmen und vor allem zu Vermögensverlusten auf den Finanz- und Kapitalmärkten, die aber bereits bis 2010 weitgehend überwunden worden sind.

Zwischen 2012 und 2017 haben sich die Unternehmens- und Vermögenseinkommen auf der einen Seite und die Bruttolöhne und -gehälter weitgehend parallel bewegt, die Abstände haben sich nicht eingeebnet, aber auch nicht vergrößert.

Seit 2018 setzt allerdings eine gegenläufige Entwicklung ein: Während – unter den Bedingungen steigender Beschäftigtenzahlen und höherer Tarifabschlüsse – die Arbeitseinkommen kräftig steigen, weisen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen einen Rückgang auf.

Ausdrücklich zu erwähnen ist, dass es sich hier um funktionale Einkommen handelt, die nicht immer mit personellen Einkommen identisch sind. Das heißt, dass Personen, die ihr Einkommen aus einer abhängigen Beschäftigung beziehen, zusätzlich auch Einkommen aus Vermögen erhalten können. Und bei der Kategorie "Einkommen aus Unternehmertätigkeit" handelt es sich um eine Sammelgröße, in die sehr unterschiedliche Einkommen eingehen. Enthalten sind neben den Gewinnen auch die Einkünfte von "kleinen" selbstständigen Erwerbstätigen und Landwirten, die sich durchaus als eine Art von Arbeitseinkommen interpretieren lassen.

Entwicklung der Bruttolöhne und -gehälter

Ein Arbeiter überwacht die Verladung von Rohren für die Erdgasleitung Nord Stream 2. Die um die Inflationsrate bereinigten realen Nettoverdienste weisen über die Jahre keinen nennenswerten Zuwachs auf. (© dpa)


Die Bruttolöhne und -gehälter je durchschnittlich Beschäftigten lagen im Jahr 2019 bei gut 3.100 € im Monat. Der aus Sicht der Beschäftigten entscheidende Nettowert fällt mit 2.080 Euro im Monat deutlich geringer aus. In diesem beachtlichen Unterschied zwischen Brutto- und Nettoeinkommen kommen die Abzüge durch die direkten Steuern (Lohnsteuern) und die Arbeitnehmerbeiträge zur Sozialversicherung zum Ausdruck. Die durchschnittliche Abzugsquote summiert sich auf gut ein Drittel des Bruttowertes.

Entwicklung der Löhne und Gehälter, netto und preisbereinigt 1995-2019 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Betrachtet man den Verlauf der Löhne und Gehälter je Beschäftigten, lässt sich ein deutlicher Anstieg erkennen. Dies zeigt die Abbildung "Entwicklung der Löhne und Gehälter, netto und preisbereinigt 1995-2019", die die Entwicklung seit 1995 als Index ausweist. Die Ausgangswerte im Jahr 1995 werden dabei auf 100 gesetzt, so dass sich der Anstieg in den Jahren danach als prozentualer Zuwachs erkennen lässt. Seit 1995 sind danach die Nettolöhne und -gehälter um rund 55 Prozent gestiegen.

Berücksichtigt man jedoch, dass in Folge des kontinuierlichen Anstiegs des Preisniveaus die Kaufkraft der Löhne und Gehälter gesunken ist, erscheint die Entwicklung in einem deutlich ungünstigeren Licht. Die um die Inflationsrate bereinigten realen Nettoverdienste weisen über die Jahre keinen nennenswerten Zuwachs auf und sind zum Teil – so in den Jahren zwischen 2004 und 2009 – sogar gesunken.

Im Ergebnis zeigt sich, dass die durchschnittlichen Nettorealverdienste im Jahr 2019, also nach 20 Jahren, lediglich um 11,5 Prozent höher liegen als im Jahr 1995.
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Fußnoten

1.
Vgl. u.a. Bontrup 2014, S 92 ff; Bofinger 2015, S. 593 ff.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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