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1.10.2021

Verdienststruktur

Die in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ausgewiesenen Löhne und Gehälter geben Auskunft über das gesamtwirtschaftliche Niveau der Arbeitseinkommen. Dahinter verbirgt sich eine nach unten und oben breit aufgefächerte Lohn- und Gehaltsstruktur der rund 41 Millionen abhängig Beschäftigten.

Kellnerin serviert Speisen in einem Restaurant. Allein mit den Kriterien "Leistung" und "Qualifikation" lässt sich nicht erklären, warum es beispielsweise so große Einkommensunterschiede auch zwischen einzelnen Branchen gibt. (© picture-alliance/dpa, Annette Riedl)


Bei Analyse der Verdienstunterschiede muss berücksichtigt werden, dass die Höhe der Bruttomonatsverdienste maßgeblich von der geleisteten Arbeitszeit abhängt. Es liegt auf der Hand, dass bei einer Vollzeitarbeit (womöglich noch aufgestockt durch Überstunden) ein höherer Verdienst anfällt als bei einer Teilzeitarbeit oder bei einem Minijob. Deswegen ist es aussagekräftiger, von den Bruttostundenlöhnen auszugehen. Die empirischen Befunde zeigen, dass es zwischen niedrigen Stundenlöhnen (nach unten begrenzt durch den gesetzlichen Mindestlohn) und Spitzenlöhnen (nach oben hin unbegrenzt) eine große Spannweite gibt.

2018 erzielten Besserverdienende das 3,27-Fache des Bruttostundenverdiensts von Geringverdienenden. Der Verdienstabstand zwischen Gering- und Besserverdienenden hat sich zwischen 2014 und 2018 leicht verringert, 2014 lag der Abstand noch beim 3,48-Fachen [1]. Ein Auslöser dieser Entwicklung ist der zum 1. Januar 2015 eingeführte bundeseinheitliche gesetzliche Mindestlohn. Die Niedriglohnschwelle liegt bei zwei Dritteln des Medianverdienstes aller einbezogenen abhängigen Beschäftigungsverhältnisse. Die Hochlohnschwelle liegt bei dem 1,5-fachen des Medianverdienstes aller einbezogenen abhängigen Beschäftigungsverhältnisse.

Dezile der Bruttostundenverdienste und Beschäftigung mit Niedrig- und Hochlohn

Ergebnisse der Verdienststrukturerhebungen 2014 und 2018*

InsgesamtWestdeutschland
(einschließlich Berlin)
Ostdeutschland
201420182014201820142018
Dezilangaben des Bruttostundenverdienstes, in Euro
1. Dezil8,34 9,71 8,59 9,90 7,09 9,21
5. Dezil = Median15,00 16,5815,4717,0412,0013,97
9. Dezil 29,0331,7629,8432,5923,4825,79
Dezilsverhältnisse
9. Dezil/ 1. Dezil3,483,273,473,29 3,312,80
9. Dezil/ 5. Dezil1,941,921,931,911,961,85
5. Dezil/ 1. Dezil1,801,711,801,721,691,52
Anteil der Beschäftigung, in Prozent
unter Niedriglohnschwelle21,421,119,320,034,529,1
über Hochlohnschwelle21,220,822,722,311,5 11,2

*Ohne Auszubildende.
Quelle: Statistisches Bundesamt 2020b.

Das Dezilsverhältnis ist ein Maß zur Messung des Abstands zwischen Geringverdienenden (untere 10 Prozent der Lohnskala) und Besserverdienenden (obere 10 Prozent). Hierfür wird der Bruttostundenverdienst, ab dem eine Person zu den Besserverdienenden zählt (2018: 31,76 Euro), ins Verhältnis gesetzt zum Bruttostundenverdienst, bis zu dem Geringverdienende reichen (2018: 9,71 Euro). Damit ergibt sich für 2018 eine Lohnspreizung von 3,27 (31,76 Euro/9,71 Euro).

Folgende Faktoren spielen bei der Spreizung der Stundenverdienste eine zentrale Rolle [2]:

Durchschnittliche Bruttomonatsverdienste/Vollzeit* in ausgewählten Hoch- und Niedriglohnbranchen 2019 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Hinsichtlich der sozialpolitischen Rückwirkungen einer niedrigen Arbeitseinkommensposition muss bedacht werden, dass im deutschen Sozialversicherungssystem die Sozialeinkommen überwiegend eine Ersatzfunktion für die ausgefallenen Arbeitseinkommen wahrnehmen: Die Konstruktionsprinzipien der Sozialversicherung übertragen die relative Position in der Hierarchie der Erwerbseinkommen auch auf Phasen, in denen aufgrund allgemeiner Lebensrisiken der Erwerbseinkommensbezug unterbrochen oder beendet ist. Damit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine untere Position im Erwerbsleben sich auf Phasen der Nichterwerbsarbeit im gesamten Lebenseinkommen auswirkt.  

Die Bestimmungsfaktoren für die breite Spannweite der individuellen Arbeitseinkommen sind nicht leicht zu ermitteln, da sich viele Einflüsse überlagern. Folgt man den Modellannahmen der Mikroökonomie, dann sind die individuellen Unterschiede in der Entlohnung Ergebnis einer entsprechend unterschiedlichen Leistung oder (Grenz)Produktivität der Beschäftigten. Doch was kann unter dem abstrakten Begriff "Leistung" verstanden werden? Sind die Spitzenvergütungen von Topmanagern Ausdruck von Leistung? Ist es auch eine Folge von Leistungsunterschieden, wenn ein Techniker deutlich mehr als eine Altenpflegerin verdient?

Paderborn: Altenpfleger bei der Arbeit mit einem Patienten. (© picture-alliance/dpa)


Die These, niedrige Verdienste korrespondierten mit niedrigen Leistungen und hohe Verdienste mit hohen Leistungen, basiert eher auf einer fragwürdigen Unterstellung. Denn wenn die Leistungsunterschiede ihrerseits wieder an den Einkommensunterschieden bemessen werden, liegt hier ein klassischer Zirkelschluss vor, der Einkommen an Leistung und Leistung wiederum an Einkommen misst. Bei der Suche nach Bestimmungsfaktoren für die Einkommensdifferenzierung führt dies nicht weiter.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de

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Fußnoten

1.
Statistisches Bundesamt 2020b.
2.
Vgl. u.a. Felbermayr u.a 2014; Schettkat 2006.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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