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1.10.2021

Methodische Fragen der Vermögensverteilung

Das Spektrum verschiedener Vermögensarten der privaten Haushalte, das für die Lebenslagen von Bevölkerungsgruppen wichtig und damit im Prinzip verteilungsrelevant ist, reicht von Geld- und Sachvermögen, insbesondere Immobilienbesitz, bis hin zum Human- und Sozialkapital.

Broschen. Jenseits der Geldvermögen ist es tatsächlich oft schwierig, bei allen Vermögensarten den (Markt-)Wert zu bestimmen. (© picture-alliance, PIXSELL)


Vermögensarten und ihre Messung

Gegenstand sehr vieler Analysen der Vermögensverteilung sind nur die Geld- und Immobilienvermögen. In einigen weiteren Untersuchungen werden die Betriebsvermögen, manchmal auch die Gebrauchsvermögen (z.B. Auto, Schmuck etc.) mit einbezogen. Einzelne Studien erweitern das Spektrum auch noch um die Sozialversicherungsansprüche der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer [1], wogegen allerdings einiges spricht.

Prinzipiell sind noch eine ganze Reihe weiterer Komponenten bzw. Arten von Vermögen verteilungsrelevant (vgl. "Schematische Übersicht Vermögenskomponenten"); sie werden aber bisher eher nur theoretisch bzw. exemplarisch berücksichtigt. Das reicht vom Humankapital, also das Wissen und die Kompetenzen, die von den Individuen durch Bildung, Ausbildung oder "learning by doing" erworben werden, bis hin zu den z.B. vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu identifizierten Kategorien des sozialen oder kulturellen Kapitals bzw. einem "Gesundheitskapital".

Schematische Übersicht zu Vermögenskomponenten (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Eigentlich sind solche Erweiterungsversuche des Gegenstandes Vermögen sehr begrüßenswert. Sie zeigen, dass es über Geld- und Sachvermögen hinaus Verteilungskomponenten gibt, die die Ungleichheit wahrscheinlich noch größer machen als es sich auf der rein materiellen/finanziellen Ebene darstellt: Das soziale Kapital (z.B. Kontakte, Beziehungen, Netzwerke) von vermögenden Personen erweitert ihre Handlungsspielräume bzw. Verwirklichungschancen höchstwahrscheinlich wesentlich stärker als bei einfachen, armen Menschen. Auch sind sie es eher gewohnt, sich in entsprechenden Kreisen zu bewegen (Habitus) usw. Es spricht viel dafür, dass solche Dinge intergenerational bei verschiedenen sozialen Gruppen in sehr unterschiedlicher Weise "weitergegeben" werden. Sie möglichst − und sei es auch nur qualitativ beschreibend − in die Analyse von Lebenslagen und deren Verteilung einzubeziehen ist also durchaus sinnvoll und erfolgt in der Armutsberichterstattung − gerade auf Bundesebene − bisher noch viel zu selten [2].

Im Sinne einer Einbeziehung in eine in Euro rechnende, erweiterte Vermögensverteilungsberechnung ist jedoch eher Vorsicht geboten. Dazu sind die Bewertungsprobleme einfach zu groß. Hinzu kommt, dass diese eigentlich personengebundenen Eigenschaften nicht so recht zur direkten Erzielung von Erträgen genutzt und veräußert werden können [3]. Ähnliches gilt beispielsweise auch für Sozialversicherungsansprüche, konkret Rentenanwartschaften. Diese sind − trotz der Hinterbliebenenrenten − nicht vererbbar und auch nicht in Einkommen transferierbar, d.h. veräußerbar (ganz abgesehen davon sind solche Vermögensarten angesichts der Heterogenität der Sozialsysteme in verschiedenen Ländern auch nicht exakt genug in internationale Vergleiche einbeziehbar).

Einen angesichts der genannten Probleme realistisch anzustrebenden Umgriff für eine Analyse der Vermögensverteilung bietet die von der Deutschen Bundesbank vorgestellte Konzeption der Vermögensbilanz eines Haushalts.

Vermögensbilanz eines Haushalts – Schematische Übersicht (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Wäre die Datenlage so, dass dieser Kern an Gegenständen der Vermögensverteilung in den wichtigsten Dateien repräsentativ und valide mit einer für soziodemografische Differenzierungen ausreichend großen Stichprobe abgedeckt wäre, so könnte damit eine zufriedenstellende Berichterstattung zur Vermögensverteilung in Deutschland stattfinden. Doch dem ist nicht so − die Datenlage zum Thema Vermögensverteilung ist sogar noch schlechter als diejenige zum Thema Einkommensverteilung.

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Zwei Probleme wiegen besonders schwer:

Das größte Problem (auf weitere Restriktionen, wie z. B. die Unterrepräsentanz von Ausländern, wird an gegebener Stelle eingegangen) ist dabei, dass kaum eine der hauptsächlichen Datengrundlagen den oberen Bereich der Vermögen auch nur annähernd und die obersten Spitzenvermögen der Superreichen überhaupt abdeckt.

Alle vorliegenden Ergebnisse, auch in diesem Themenspezial, basieren damit zunächst auf Daten, die nur einen Teil der Vermögen(-sverteilung), auch der negativen Vermögen (d. h. Schulden) umfassen. Aussagen auf der Grundlage solcher beschränkter Datenbasen sind also bereits vom Ansatz her falsch, wenn sie auf die gesamte Gesellschaft gemünzt sind. Da die "Superreichen" in diesen Daten nicht enthalten sind, dort aber ein hoher Anteil der Vermögen gehalten wird und diese ebenso wie bei den Einkommen besonders deutlich zugenommen haben, ist es logisch eigentlich nicht möglich, z. B. zu behaupten, dass die Ungleichverteilung insgesamt nach 2005 stagniert habe [4].

Ein teilweiser Ausweg aus diesem Dilemma besteht wie bei den Einkommen nur darin, die genannten gängigen Datenquellen um Angaben zu den hohen/Spitzenvermögen aus anderen Quellen mittels statistischer Schätzverfahren zu erweitern. Basis dafür sind "Reichenlisten" wie die des Magazins Forbes oder die Studien großer internationaler Banken und Finanzdienstleister wie Credit Suisse oder Cap Gemini. Die Schätzungen zur Integration solcher Datenquellen bedingen immer gewisse Unsicherheiten, sind aber in jedem Fall der Realität näher als ein Verzicht auf die Zusatzinformationen. Im vorliegenden Themenspecial muss diese Problematik immer wieder angesprochen und deutlich gemacht werden.

Das zweite Hauptproblem liegt in der Bewertung von Vermögensbestandteilen: Zweifel beziehen sich diesbezüglich nicht nur auf die Offenheit und Ehrlichkeit der Befragten bei Vermögensangaben (ebenso wie bei Einkommensangaben und gleichermaßen bei Steuer- wie Befragungsdaten), speziell aus dem oberen Vermögensbereich. Vielmehr ist es bei allen Vermögensarten jenseits der Geldvermögen tatsächlich oft schwierig, ihren (Markt-)Wert zu bestimmen. Klassisches und bekanntes Beispiel sind Immobilien oder Gebrauchsgüter. Genauso stellen sich aber auch beim Besitz eines Betriebes erhebliche Bewertungsprobleme.

Um die Relevanz der einzelnen Vermögensarten einordnen zu können, ist deren Wert und der starke Zuwachs des Vermögens der privaten Haushalte auf der Makroebene interessant. Die beste Quelle hierfür ist die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) der amtlichen Statistik.

Zwischen Ende 1995 und Ende 2017 ist das Nettovermögen der privaten Haushalte (einschließlich privater Organisationen ohne Erwerbscharakter) um 8,2 Billionen Euro angewachsen, das entspricht einem Plus von 119,7 Prozent – also mehr als einer Verdoppelung. Ende 2017 belief sich das Reinvermögen der privaten Haushalte inklusive Gebrauchsvermögen auf 13,3 Billionen Euro.

Wie der Tabelle ("Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland Ende 1995 und 2017") ebenfalls zu entnehmen ist, sind die erfassten Vermögen brutto wie netto wesentlich stärker gestiegen als die Verbindlichkeiten.

Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland Ende 1995 und 2017

in Mrd. Euro und Prozent

199520171995/2017 (in %)
Vermögen insgesamt 6.847,8 15.042,1 119,7
Sachvermögen 3.546,1 7.900,4 122,8
Anlagegüter 2.730,2 5.097,8 86,7
Wohnbauten 2.282,7 4.467,1 95,7
Nichtwohnbauten 310,2 456,4 47,1
Sonstige Anlagegüter 137,3 174,3 27,9
Baulandvermögen 815,9 2.802,6 243,5
Geldvermögen 2.554,8 6.067,4 137,5
Gebrauchsvermögen 746,9 1.074,3 43,8
Verbindlichkeiten 1.157,0 1.744,8 50,8
Reinvermögen (inkl. Gebrauchsvermögen) 5.690,8 13.297,3 133,7
Reinvermögen (ohne Gebrauchsvermögen) 4.943,9 12.223,0 147,2

Quelle: Statistisches Bundesamt 2019, S. 80 und eigene Berechnungen.

Anmerkungen zur Tabelle:


Besonders starke Wertzuwächse verzeichnet mit plus 243,5 Prozent das Vermögen in Form von Bauland. Das Geldvermögen hat sich in seinem Wert ebenfalls stark verändert (plus 137,5 %).Die geringsten Zuwächse verzeichnen dagegen die sonstigen Anlagegüter und das Gebrauchsvermögen. Nur zum Vergleich: Das Reinvermögen des staatlichen Sektors ist trotz eines leichten (Wieder)Anstiegs längerfristig, z. B. zwischen 1999 und 2015 von 644 Milliarden Euro auf 496 Milliarden Euro zurückgegangen. Demgegenüber hat das Nettovermögen der privaten Haushalte im gleichen Zeitraum um nominal 4,8 Billionen Euro zugenommen [5].

In einer neuen Studie [6] hat das DIW die Datenlücke zur Konzentration der individuellen Nettovermögen zu schließen versucht. Dazu wurde das "klassische" SOEP 2017 durch die neue Zusatzstichprobe 2019 im Bereich hoher Vermögen und die Angaben aus der Reichenliste des manager magazins des Jahres 2017 erweitert. Damit konnten eine Reihe von Datenproblemen zweifellos verringert, aber bei weitem nicht alle gelöst werden [7]. Vor allem muss weiterhin beachtet werden, dass es sich hier um Befragungsdaten handelt, die einer statistischen Unsicherheit unterliegen (Stichwort: Konfidenzbereiche). Die zentralsten Ergebnisse: In der haushaltsbezogenen Betrachtung anhand der EVS ist zwischen den Jahren 2013 und 2018 das Bruttovermögen von 150.428 auf 183.477 Euro angewachsen (plus 22,0 %). Darunter verzeichnet das Bruttogeldvermögen mit plus 2,1 Prozent ein viel geringeres Wachstum als das Bruttosachvermögen in Form von Immobilien mit plus 30,9 Prozent. Die Verbindlichkeiten haben dagegen im Durchschnitt um 9,2 Prozent auf minus 29.981 im Jahr 2018 zugenommen. Im Saldo ist damit das arithmetische Mittel des Nettovermögens des durchschnittlichen Haushalts von 123.065 Euro im Jahr 2013 auf 153.586 Euro im Jahr 2018 angestiegen (plus 24,8 %).

In einer Präsentation auf einem Symposium am 28. Januar 2020 zur Vorbereitung des Sechsten Armuts- und Reichtumsberichts zeigen das IAW u.a. (2020), dass laut SOEP die arithmetischen Mittel der individuellen Bruttovermögen im Vergleich der Jahre 2012 und 2017 um 19,7 Prozent zugenommen haben (von 103.614 auf 124.054 Euro), die Verbindlichkeiten dagegen um 8,4 Prozent und damit die individuellen Nettovermögen um 21,8 Prozent.

Die Präsentation von IAW und anderen enthält auch eine Differenzierung der Komponenten der individuellen Vermögen nach Dezilen für das Jahr 2017. Laut dieser SOEP-Zahlen werden die Beträge für das Immobilien- und das Betriebsvermögen überhaupt erst ab dem fünften bzw. sechsten Dezil relevant, steigen dann mit der Stellung in der Einkommenshierarchie und das besonders deutlich im Vergleich von neuntem und zehnten Dezil – speziell bezogen auf Betriebsvermögen.

Dass zwischen den hier nur punktuell wiedergegebenen Ergebnissen der verschiedenen Datenquellen Unterschiede bestehen, war zu erwarten: Die Anlage der Erhebungen, konkret auch der Umgriff und die Tiefe der Erfassung von Vermögenskomponenten, sind verschieden. Vor allem aber: Die Ergebnisse beziehen sich einmal auf Individuen und alternativ auf Haushalte mit (positiven oder auch negativen) Vermögen. Und: Fast alle Quellen vernachlässigen die wirklich hohen Vermögen, so dass an dieser Stelle immer eine Unsicherheit über die tatsächliche Gesamtentwicklung verbleiben muss.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. im Überblick z.B. IAW, ZEW 2015, S.203 ff.
2.
Vgl. z. B. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017.
3.
Vgl. IAW, ZEW 2015, S. 203.
4.
Vgl. Deutscher Bundestag 2013a, S. 223.
5.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017.
6.
Vgl. Schröder u.a. 2020, S. 510 ff.
7.
Vgl. ebenda, S. 514.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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