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4.5.2015

Vor 70 Jahren: Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa durch die vollständige Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Es dauerte Jahrzehnte, bis man sich in Deutschland an diesen Tag als Tag der Befreiung erinnerte.

Bundespräsident von Weizsäcker spricht am 8. Mai 1985 vor dem Bundestag (© picture-alliance/dpa)


Sechs Jahre Krieg und mehr als 60 Millionen Tote: Als am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr die Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft trat, endete die nationalsozialistische Terrorherrschaft endgültig.

Die absehbare Niederlage

Dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verlieren würde, zeichnete sich spätestens seit Januar 1943 ab. Als die 6. Armee von sowjetischen Truppen in Stalingrad eingekesselt war und kapitulierte, war die militärische Offensive der Wehrmacht in Osteuropa endgültig gescheitert. An der Westfront brachte die Landung der alliierten Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 die Wende. Am 21. Oktober eroberten sie mit Aachen die erste deutsche Großstadt. Die Rote Armee überschritt im Januar 1945 die Grenze zum Deutschen Reich, am 27. Januar befreite sie die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. Von dort hatten die Nationalsozialisten noch kurz zuvor 67.000 Menschen auf so genannte Todesmärsche geschickt. Alleine in Auschwitz hatten die Nazis etwa eine Million Menschen ermordet.

Deutschland kapituliert vollständig

Nach der Kapitulation in Berlin am 2. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl am 7. Mai im Hauptquartier der Alliierten im französischen Reims die bedingungslose Gesamtkapitulation der deutschen Armee. Sie trat am folgenden Tag in Kraft. Dasselbe taten am 9. Mai Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und andere Generäle im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst. Im Osten stellten sowjetische und deutsche Soldaten ihre Kämpfe erst drei Tage später endgültig ein. Teile der NS-Führungselite waren zu diesem Zeitpunkt bereits geflohen oder hatten sich – wie Hitler und Goebbels – durch Selbstmord der Verantwortung für Völkermord und Kriegsverbrechen entzogen.

Lange Zeit galt der 8. Mai vor allem als Datum der eigenen Niederlage. Gustav Heinemann (1970) hielt als erster Bundespräsident Deutschlands eine Rede zum 8. Mai, fünf Jahre später sprach sein Nachfolger Walter Scheel in seiner Rede den Befreiungscharakter des 8. Mai an. Die Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs war schließlich Ausdruck für ein Umdenken und legte das Fundament für ein grundsätzlich neues Verständnis dieses Datums.

Historische Rede im Bundestag

Bundespräsident Weizsäckers Rede vor dem Parlament in Bonn am 8. Mai 1985 gilt bis heute als eine der wichtigsten Reden der deutschen Nachkriegszeit. Weizsäcker rückte den Tag ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit und trug durch seine Interpretation zu einem neuen Grundtenor der Erinnerungskultur in Deutschland bei: Nicht Kapitulation und Niederlage, sondern Befreiung von Krieg und nationalsozialistischer Diktatur sollten von nun an im Vordergrund stehen. Mit den Worten "Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung" stellte er zudem klar, dass die Shoah, der Genozid an den Juden, nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt werden dürfe.

In der DDR war der 8. Mai zwischen 1950 und 1967 und im Jahr 1985 ein Feiertag und als Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus durch die Rote Armee erinnerungspolitisch eindeutig besetzt. Diese Deutung sollte den antifaschistischen Gründungsmythos der DDR und die Verbundenheit zur Sowjetunion in der Bevölkerung festigen – die Frage nach der eigenen Schuld und Verantwortung wurde dabei jedoch ausgeklammert.

Der 8. Mai heute

Bis heute versuchen Neonazis, den 8. Mai zu vereinnahmen. Dagegen feiern viele Europäer den Tag als "VE Day", kurz für "Victory in Europe", also als Sieg über den Faschismus und Neubeginn für den gesamten Kontinent. In Frankreich etwa ist der 8. Mai ein gesetzlicher Feiertag und in Russland, dessen Vorgängerstaat Sowjetunion nach Schätzungen bis zu 27 Millionen Todesopfer zu beklagen hatte, gilt dasselbe für den 9. Mai. Forderungen, das Datum auch in Deutschland zum gesetzlichen Feiertag zu machen, haben sich bisher nicht durchsetzen können.

Am diesjährigen siebzigsten Jahrestag der Befreiung überschatten neue Konfrontationen zwischen Staaten, deren Repräsentanten den Tag in der Vergangenheit gemeinsam begingen, das Gedenken: Führende Politiker aus der EU und den USA haben ihre Teilnahme an der traditionellen Militärparade in Moskau am 9. Mai abgesagt und führen den Krieg in der Ukraine als Grund dafür an.


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