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24.11.2015

Vor 70 Jahren: Ausrufung der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde unter Führung des ehemaligen Partisanenführers Josip Broz Tito die „Föderative Volksrepublik Jugoslawien“ gegründet. Der sozialistische Vielvölkerstaat existierte bis 1991.

Josip Broz Tito während seiner Vereidigung zum ersten jugoslawischen Staatspräsidenten im Parlament in Belgrad im Januar 1953. (© picture-alliance/dpa)


Am 29. November 1945 wurde die "Föderative Volksrepublik Jugoslawien" ausgerufen. Der auf dem Boden des ehemaligen Königreichs Jugoslawien gegründete Staat bestand aus den sechs Teilrepubliken Serbien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Mazedonien; die zu Serbien gehörenden Provinzen Vojvodina und Kosovo erhielten einen autonomen Status. Erster Ministerpräsident wurde Josip Broz Tito, der im Zweiten Weltkrieg den Widerstand der Partisanen gegen die deutsche Besatzung in Jugoslawien angeführt hatte. Der neue Staatschef etablierte ein eigenes sozialistisches Staatsmodell – die Arbeiterselbstverwaltung. Doch wirtschaftliche Probleme seit den späten 1960er Jahren und Titos Tod 1980 gaben nationalistischen Bewegungen Auftrieb und führten schließlich zum Zerfall des Vielvölkerstaats.

Der erste jugoslawische Staat



Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, dem Zerfall des Osmanischen Reiches und der Habsburger Monarchie gab es den ersten Versuch, die südslawischen Völker in einem gemeinsamen Staat zu einen. 1918 wurde das "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" (sog. SHS-Staat) und damit der erste jugoslawische Staat gegründet. Diese parlamentarische Monarchie umfasste Serben, Kroaten, Slowenen, Bosniaken, Montenegriner und Makedonier, zusammen etwa 10 Millionen Menschen. 1929 löste König Aleksandar I. Karađorđević nach schweren innenpolitischen und ethnischen Konflikten das Parlament des SHS-Staates auf und rief die "Königsdiktatur" aus. Der Staat wurde in "Königreich Jugoslawien" umbenannt.

Während des Zweiten Weltkriegs überfiel und besetzte 1941 die deutsche Wehrmacht mit Hilfe italienischer, ungarischer und bulgarischer Verbände das Königreich Jugoslawien. Im Anschluss wurde das Gebiet zwischen Deutschland, Italien, Ungarn, Bulgarien und dem neu entstandenen faschistischen Vasallenstaat Kroatien aufgeteilt.

Das "Zweite Jugoslawien" unter Tito



Es waren die Partisanen der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) unter ihrem Anführer Josip Broz Tito, die mit Unterstützung Großbritanniens die deutschen Besatzer zurückdrängen konnten und schließlich große Teile des Landes kontrollierten. Aus Moskau hatte es bis kurz vor Kriegsende trotz wiederholter Bitten Titos keine militärische Hilfe gegeben. Im Frühjahr 1945 wurde Tito mit Zustimmung der im Exil lebenden königlichen Regierung zum Regierungsführer einer neuen jugoslawischen Regierung ernannt. Die ersten Wahlen am 11. November 1945 gewannen Titos Kommunisten – die unter der Wahlliste Volksfront angetreten waren – mit rund 90 Prozent der Stimmen. Eine verfassungsgebende Versammlung rief dann am 29. November die „Föderative Volksrepublik Jugoslawien“ aus. Tito wurde zum Ministerpräsidenten gewählt.

Anfang 1946 erhielt Jugoslawien eine Verfassung nach sowjetischem Vorbild. In den folgenden Jahren distanzierte sich Tito jedoch von der Sowjetunion. 1948 kam es zum Bruch mit Stalin, in dessen Folge die jugoslawische KP aus dem Kommunistischen Informationsbüro (Kominform) ausgeschlossen wurde.

Tito regierte autoritär; 1963 wurde er mittels einer Verfassungsänderung zum Staatspräsidenten auf Lebenszeit bestimmt. Sein als sozialistische Marktwirtschaft bezeichnetes Modell mit selbstverwalteten Betrieben funktionierte in der ersten Zeit gut. Zudem gelang es Tito als einende Integrationsfigur des Staates lange Zeit, nationalistische Tendenzen zu unterbinden – das Staatscredo lautete: „Brüderlichkeit und Einheit“.

1961, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, war Jugoslawien maßgeblich an der Gründung der Bewegung der zunächst 25 blockfreien Staaten beteiligt. Tito war einer ihrer Wortführer, die sich für Selbstbestimmung und Entkolonialisierung einsetzten.

Der Tito-Staat in der Krise



Im Innern Jugoslawiens wurde die Lage jedoch zunehmend angespannt. Bereits Mitte der 1960er Jahre hatten wirtschaftliche Probleme und eine Schuldenkrise eingesetzt. Auch die Verfassung von 1974, mit der u.a. die Föderalisierung des sozialistischen Jugoslawiens umgesetzt wurde, führte zu Kontroversen. Diese Verfassung übertrug den sechs Teilrepubliken weitreichende Entscheidungsbefugnisse. Zum Unmut Serbiens wurde auch der Autonomiestatus der zum serbischen Terriotrium gehörenden autonomen Provinzen Vojvodina und Kosovo durch die Verfassungsänderung erweitert. Sie erhielten weitgehende politische Eigenständigkeit sowie einen Sitz im achtköpfigen jugoslwaischen Staatspräsidium. Zudem wurde ein Konsensprinzip eingeführt, dass den Teilrepubliken bei wichtigen Entschheidungen ein faktisches Vetorecht gab, was das gemeinsame politische Handeln erschwerte.

Der Tod Titos im Jahr 1980 sowie die sich verschlechternde wirtschaftliche Situation und der Widerstand vor allem Kroatiens und Sloweniens gegen die wirtschaftliche Unterstützung der schwächeren Regionen Jugoslawiens höhlten den Staat in den 1980er Jahren aus. Zur Staatskrise trugen aber auch die nach 1945 nicht aufgearbeiteten Konflikte und Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs bei. Um das Band zwischen den Völkern Jugoslawiens nicht zu zerreißen, wurde über die gegenseitigen Verbrechen und Massaker im Zweiten Weltkrieg Stillschweigen bewahrt.

Nationalismus und Bürgerkrieg



Slobodan Milosevic, seit 1987 Staatschef der Teilrepublik Serbien, setzte den Nationalismus zur Festigung seiner Macht ein. In der folgenden Zeit baute er das Gewicht der Teilrepublik Serbiens im Bund aus, in dem er unter anderem die Autonomie des Kosovo und der Vojvodina durch eine serbische Verfassungsänderung wieder drastisch einschränkte.

Die ersten freien Wahlen im Jahr 1990 brachten in den Teilrepubliken vor allem national gesinnte Politiker an die Macht, anschließende Referenden bestätigten die nationalen Abspaltungstendenzen. Mit den Unabhängigkeitserklärungen durch Slowenien und Kroatien am 25. Juni 1991 mündete der Staatszerfall in Gewalt und mehreren Kriegen: Zehn-Tage-Krieg um Slowenien (1991), Kroatien-Krieg (1991-1995), Bosnien-Krieg (1992-1995) und Kosovo-Krieg (1999).

Der Krieg hat tiefe Wunden hinterlassen



Auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens gibt es heute sieben souveräne Staaten, darunter das Kosovo, dessen Unabhängigkeit bisher von 108 Staaten anerkannt wurde und das weiterhin von Serbien als autonome Provinz beansprucht wird.

Die Zahl derjenigen, die den Kriegen zwischen 1991 und 1999 zum Opfer fielen, schwankt zwischen 150.000 und 200.000 Menschen. Zudem wurden 3,5 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Der blutige Bürgerkrieg, der den Zerfall Jugoslawiens endgültig besiegelte, hat tiefe Wunden hinterlassen, die Aufarbeitung dauert an.

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