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28.10.2016

31.10.1956: Suezkrise

In den Auseinandersetzungen um die Verstaatlichung des Suezkanals, dem israelischen-ägyptischen Krieg von 1956 und der britisch-französischen Intervention kulminierten die politisch-militärischen Entwicklungen seit 1949.

50. Jahrestag der Suez-Krise – Britische Truppen vor Port Said (© picture-alliance/dpa)


Die Ausgangslage



Im Februar 1956 bildete in Paris der Sozialist Guy Mollet eine neue Koalitionsregierung. Zentrales Anliegen der neuen Regierung war die Befriedung ihrer damaligen Kolonie Algerien. Der algerische Guerillakrieg war seit dem Aufstand gegen die französische Kolonialherrschaft von 1954/55 kontinuierlich eskaliert. Die ägyptische Revolution und deren anti-imperialistische Rhetorik hatten der algerischen Befreiungsbewegung Front de Libération Nationale (FLN) seit langem zusätzlichen Auftrieb gegeben. Ägypten stellte sich mehr oder weniger offen auf die Seite der FLN.

In Paris begann man daher über eine „härtere“ französische Politik gegenüber Ägypten nachzudenken. Die algerische FLN sollte isoliert werden: entweder sollte Ägypten mit diplomatischem Druck dazu bewogen werden, seine Unterstützung für die FLN aufzugeben oder aber man musste Kairo mit militärischen Mitteln dazu zwingen.

Während des Sommers 1956 nahmen Frankreich und Israel auf mehreren Ebenen Gespräche auf, dabei stand eine militärische Kooperation beider Staaten im Mittelpunkt – auch angesichts der politischen Lage in Ägypten. Im Februar 1956 nahmen Israel und Frankreich erste Gespräche auf. Im Juni folgte ein erstes geheimes Treffen der militärischen Führungen. Der israelische Generalstabschef Moshe Dayan erläuterte der Regierung Frankreichs, dass sich die Politik von Gamal-Abdul Nasser– damaliger Präsident Ägyptens – gegen jeglichen europäischen Einfluss in der arabischen Welt richtete. Zudem hatte Nasser seit seinem Machtantritt nie einen Hehl aus seiner Feindschaft gegen Israel gemacht. Früher oder später würde es zu einem israelisch-ägyptischen Krieg kommen.

Der Bagdad-Pakt



Die politischen Entwicklungen in der Region – vor allem der britische Rückzug aus ihrer ehemaligen Kolonie Ägypten und die „anti-britische“ Politik Nassers – hatten eine Verlagerung der Schwerpunkte britischer Politik von Kairo nach Bagdad nötig gemacht. Nach seinem Amtsantritt 1955 stellte der damalige britische Premierminister Anthony Eden daher den Irak in das Zentrum seiner Nahost-Politik. Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Said kooperierte mit London beim Aufbau eines Bündnissystems, das – aus Sicht Großbritanniens und der USA – gegen die Sowjetunion gerichtet sein sollte. In dem Bagdad-Pakt, an dem Großbritannien, Irak, Türkei, Iran und Pakistan sowie die USA als Beobachter beteiligt waren, sah die britische Regierung vor allem die Möglichkeit, ihre Position im Nahen und Mittleren Osten erneut zu festigen.

Der ägyptische Präsident Nasser warnte jedoch die britische Regierung, dass die Forcierung des Aufbaus eines solchen Bündnisses auf harten ägyptischen Widerstand stoßen würde.

Die Verstaatlichung des Suezkanals



Die USA entwarfen in dieser Zeit ihre Nahostpolitik vor dem Hintergrund des Ost-West-Gegensatzes. Sowohl der amerikanische Außenminister John Foster Dulles als auch der britische Premierminister Eden erklärten sich bereit, Ägypten bei dem Bau des Assuan-Staudamms zu unterstützen. Allerdings kamen die Amerikaner zu der Überzeugung, dass Nasser für den Westen nicht mehr zu gewinnen war, da der Einfluss der Sowjetunion zu groß erschien. In der Folge widerriefen die USA und Großbritannien Mitte Juli 1956 ihre Zusagen über eine finanzielle Unterstützung für das Staudammprojekt.

Ohne weitere Gespräche mit London und Paris zu führen, verstaatlichte Ägypten daraufhin am 26. Juli 1956 die Suez-Kanal-Gesellschaft, an der Frankreich die Mehrheit hielt und britische Banken bzw. Unternehmen zu etwa vierzig Prozent beteiligt waren. Durch die Verstaatlichung des Suezkanals wollte Nasser ein weiteres Großprojekt in Ägypten finanzieren: den Assuan-Staudamm.

Die ersten Tage nach Nassers Erklärung verstrichen ohne eine militärische Reaktion. Die USA versuchten die dadurch ausgelöste internationale Krise mittels öffentlicher Stellungnahmen, Verhandlungen, Konferenzen und Beratung der UN zu entschärfen.

Der Sinaifeldzug



Ende Oktober 1956 trafen sich unter strengster Geheimhaltung die Vertreter Frankreichs, Großbritanniens und Israels in Sèvres, um ihr Vorgehen gegen den ägyptischen Präsidenten Nasser zu beraten und zu koordinieren. Die Verbündeten schlossen einen Pakt, das „Protokoll von Sèvres“: Die damaligen ägyptisch-jordanischen Kriegsvorbereitungen sollten Israel den Vorwand für einen Angriff gegen Ägypten liefern. Darauf wollten Paris und London mit einem Ultimatum an die kriegführenden Parteien reagieren und damit den Rückzug der Truppen aus der Kanalzone fordern. Die vorherzusehende Weigerung Nassers, sich diesem Ultimatum zu beugen, sollte der Vorwand für die französischen und britischen Militärs sein, den Kanal zu "befreien", Nasser zu stürzen und eine britisch-französische Streitmacht am Kanal um Port Said zu stationieren. Frankreich und Großbritannien erklärten sich außerdem bereit, Israel Waffen zu liefern.

In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1956 startete Israel die „Operation Musketier“ auf der Sinai-Halbinsel und dem Gazastreifen, wie im Protokoll von Sèvres geplant. Am nächsten Tag forderten Großbritannien und Frankreich in einem Ultimatum den Rückzug beider Seiten. Nasser wies das am 31. Oktober wie erwartet zurück. Am gleichen Tag begannen massive Luftangriffe der Briten und Franzosen gegen ägyptische Flugplätze und vorrückende Verbände. Innerhalb von zwei Tagen wurde die ägyptische Luftwaffe nahezu vollständig zerstört. Am 2. November forderte die UN-Generalversammlung die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen, was Frankreich und England jedoch mit ihrem Veto blockierten, um den Israelis ausreichend Zeit zu geben, ihre militärischen Ziele zu erreichen.

Die britisch-französische Offensive



Am 5. November 1956 begann der Vormarsch der britisch-französischen Expeditionsstreitkräfte mit der Landung von Fallschirmjägern in Port Said, Port Fuad und am Flughafen Gamil. Tags darauf landeten britische und französische Marineeinheiten am Nordende des Kanals und nahmen Port Said ein.

Unerwartet für die beiden europäischen Mächte war allerdings die Reaktion der USA: Eisenhower verfügte sofort Sanktionen. Bereits am 31. Oktober stoppte er die Entwicklungshilfe für Israel und übte Druck auf die deutsche Regierung aus, ebenfalls alle Lieferungen (gemäß der Vereinbarung über die Wiedergutmachung) einzustellen. Bundeskanzler Adenauer blieb allerdings seiner Politik der Unterstützung Israels treu und kam dieser Forderung nicht nach.

Eingreifen der Sowjetunion



Ebenfalls am 5. November akzeptierten sowohl Israel als auch Ägypten die Forderung der Vereinten Nationen, die Kampfhandlungen einzustellen. Am gleichen Tag drohte die sowjetische Regierung „mit der Anwendung von Gewalt, um die Aggressoren zu vernichten und den Frieden im Nahen Osten wiederherzustellen“. Eisenhower, der während der Krise die entscheidende Phase seines Wahlkampfes zu bestehen hatte, war entschlossen, die Sache schnell zu beenden.

Dem israelischen Premierminister Ben-Gurion wurde dadurch klar, dass das sowjetische Eingreifen in die Krise – und dessen Akzeptanz durch die USA – die Situation völlig geändert hatte. Ein israelisches Festhalten an den Landgewinnen war ausgeschlossen. Israel hatte seine militärischen Ziele zwar erreicht, musste aber akzeptieren, dass es den Sinai auf Dauer nicht besetzt halten konnte. Ben-Gurion versuchte in den folgenden Monaten daher, im Austausch für einen Rückzug, möglichst umfassende Sicherheitsgarantien zu bekommen.

Ende der Krise



Die Krise ging ihrem Ende entgegen. Frankreich und England akzeptierten die Waffenruhe, wie zuvor Ägypten und Israel. Die Vereinten Nationen übernahmen das Krisenmanagement. Als die ersten UN-Verbände in Ägypten eintrafen, zogen sich die beiden europäischen Mächte bis zum 23. Dezember 1956 aus der Kanalzone zurück.

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Prof. Dietmar Herz

Zur Person

Prof. Dietmar Herz

Prof. Dietmar Herz, geboren 1958 in Schwabniederhofen (Oberbayern), ist Lehrstuhlinhaber für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Erfurt. Der Politikwissenschaftler, Jurist und Historiker studierte in den USA und England, lehrte in München und Bonn und ist seit April 2000 Ordinarius für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Erfurt. Er war Gründungsdirektor der Willy Brandt School of Public Policy, Erfurt. Von 2009 bis 2014 war er Staatssekretär im Thüringer Justizministerium. Zu seinen Publikationen zählen unter anderem „USA verstehen" (2011, gemeinsam mit Christian Jetzlsperger), „Die Europäische Union" (2008) und „Die Amerikaner im Krieg: Bericht aus dem Irak im vierten Kriegsjahr" (2007).


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