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23.7.2019

Vor 75 Jahren: Der Warschauer Aufstand

Vor 75 Jahren erhob sich in Warschau der bewaffnete Widerstand gegen die deutschen Besatzer in Polen. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.

Soldaten der Polnischen Heimatarmee während des Warschauer Aufstands, der vom 1. August bis zum 2. Oktober 1944 dauerte. (© picture-alliance/akg)


Am 1. August 1944 erhob sich die Armia Krajowa ("Polnische Heimatarmee") im "Warschauer Aufstand" gegen die deutsche Besatzungsmacht. 63 Tage dauerten die Kämpfe an. Bis zum 2. Oktober hatten die Deutschen den Aufstand blutig niedergeschlagen und Warschau in Schutt und Asche gelegt.

Dem Aufstand in Polen vorausgegangen waren fünf Jahre brutaler Unterdrückung durch die deutschen Besatzer. Am 1. September 1939 hatte Deutschland Polen überfallen und damit den Zweiten Weltkrieg begonnen. Am 17. September floh die polnische Regierung aus dem Land – zehn Tage später kapitulierte die belagerte und bombardierte Hauptstadt Warschau. Währenddessen marschierte im Osten Polens die Rote Armee ein, um das Land entsprechend dem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich aufzuteilen. Nur einen Tag später, am 28. September 1939, wurde die Teilung Polens durch den sogenannten „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ zwischen den beiden Mächten geregelt. Es war die vierte Teilung in der polnischen Geschichte.

Der deutsche Einmarsch kostete bereits im Herbst 1939 zehntausende Polinnen und Polen das Leben, weitere Zehntausende wurden zwangsumgesiedelt, vertrieben oder in Konzentrationslager deportiert. Polen sollte im Sinne der nationalsozialistischen "Lebensraum"-Politik vernichtet werden.

Entrechtung, Deportation, Zwangsarbeit

Hunderttausende Polen wurden von den Deutschen entrechtet, zu Zwangsarbeit rekrutiert und – bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 – vom Westen in die Mitte des Landes deportiert. SS-, Wehrmachts- und Polizeieinheiten ermordeten fast die gesamte jüdische Bevölkerung in Polen. Einen Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto im April 1943 schlugen sie brutal nieder. Insgesamt verloren mehr als vier Millionen europäische Juden ihr Leben in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern im besetzten Polen. Zwischen fünf und sechs Millionen polnische Staatsbürgerinnen und -Bürger wurden während der deutschen Besatzung Polens Opfer von Krieg, Terror und Völkermord.

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Deutsche Besatzung Polens

Opfer: Die Besatzung Polens durch Deutschland während des Zweiten Weltkriegs kostete fast die gesamte jüdische Bevölkerung in Polen das Leben, rund drei Millionen Menschen. Insgesamt kamen zwischen fünf und sechs Millionen polnische Staatsbürger/-innen (15-17 Prozent der gesamten Bevölkerung) durch Krieg, Terror und Völkermord ums Leben.

Warschau: Lange Zeit galt Warschau als eine der schönsten Städte der Welt und wurde "Paris des Ostens" genannt. Die deutschen Besatzer ließen die Stadt nach dem Aufstand 1944 planmäßig von Brand- und Sprengtrupps zerstören. Am Ende waren 90 Prozent der Gebäude zerstört.

Armia Krajowa (AK): Die Armia Krajowa, die "Polnische Heimatarmee", gilt als größte Widerstandsbewegung in den von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten. Die Mitglieder verübten Partisanenangriffe und Sabotage-Akte. Viele ihrer Mitglieder gerieten nach Kriegsende in sowjetische Kriegsgefangenschaft oder gingen in den antikommunistischen Untergrund.

Widerstand der Polnischen Heimatarmee

Nach ihrer Flucht unterstützte ein Teil der polnischen Regierung von London aus den Widerstand. Als „Polnischer Untergrundstaat“ wurden die Organisationen bezeichnet, die der polnischen Exilregierung unterstellt waren, darunter auch die Polnische Heimatarmee. Der bewaffnete Arm der Untergrundbewegung zählte 1943 insgesamt 350.000 Mitglieder.

Zugleich bildeten kommunistische Kräfte das mit der polnischen Exilregierung konkurrierende "Polnische Komitee der Nationalen Befreiung" (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego, PKWN), das nach der Befreiung von den deutschen Besatzern eine sowjetische Zukunft Polens vor Augen hatte. Das Komitee hatte bereits begonnen, kommunistische Verwaltungsstrukturen aufzubauen, als die Rote Armee Ende Juli 1944 Richtung Warschau vorrückte.

Am 1. August 1944 griff die Polnische Heimatarmee mit rund 40.000 Kämpfern die deutschen Besatzer in Warschau an. Ihr Ziel war es, die Stadt zu befreien und als legitime politische Macht die näher rückenden sowjetischen Truppen zu empfangen. Anfangs brachte die Polnische Heimatarmee die Hälfte Warschaus unter ihre Kontrolle, ohne die Hilfe der Alliierten brach der Aufstand jedoch zusammen. Wie nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939, den Großbritannien und Frankreich zunächst abwartend verfolgt hatten, griff kein Mitglied der Anti-Hitler-Koalition ein, um die Aufständischen zu unterstützten.

Dass die Sowjetunion nicht einschritt, war dem Kalkül Stalins geschuldet: Er spekulierte auf ein Nachkriegs-Polen unter sowjetischer Kontrolle und hatte deswegen kein Interesse an einem Erfolg der Polnischen Heimatarmee. Stalin verwehrte den Alliierten den Zugang zu Flughäfen und zu einem Hafen, über die sie die Aufständischen in Warschau mit Waffen hätten versorgen können.

SS-Massaker und die Zerstörung Warschaus

Die Racheakte deutscher SS- und Wehrmachtsverbände kosteten während der Niederschlagung des Aufstands weitere zehntausende Menschen – insbesondere Zivilisten – das Leben. Besonders brutal gingen die SS-Sonderkommandos unter Oskar Dirlewanger und Heinz Reinefarth vor, die zahlreiche Massaker verübten. Allein in den Warschauer Stadtteilen Ochota und Wola erschossen die Soldaten binnen weniger Tage bis zu 50.000 Zivilisten.

Nach 63 Tagen Aufstand kapitulierte die Polnische Heimatarmee am 2. Oktober 1944. Warschau wurde daraufhin von den deutschen Besatzern fast vollständig zerstört. Nach Schätzungen wurden zwischen 150.000 und 200.000 Menschen während des Aufstandes getötet.

Langes Schweigen

Den Kämpfenden und Gefallenen des Warschauer Aufstandes durfte im Nachkriegs-Polen auf sowjetische Anordnung hin nicht gedacht werden. Erst 1989 wurde auf dem Warschauer Krasiński-Platz ein Denkmal für den Aufstand eingeweiht. Mittlerweile erinnern jedes Jahr am 1. August Gedenkfeiern in ganz Warschau an den Aufstand und seine Opfer. 1994 nahm Bundespräsident Roman Herzog, 2004 Bundeskanzler Gerhard Schröder als Redner teil – zwei wichtige Wegmarken der deutsch-polnischen Versöhnung.

Aktuelle Reparationsforderungen

Trotz dieser Annäherung ist die Aufarbeitung des Warschauer Aufstands noch nicht abgeschlossen.

Seit 2017 spricht sich die polnische Regierungspartei PiS dafür aus, offiziell Reparationszahlungen von Deutschland zu fordern – passiert ist das bislang nicht. Aus polnischer Sicht findet die NS-Vernichtungs- und Versklavungspolitik zwischen 1939 und 1945 gegenüber der Zivilbevölkerung bis heute zu wenig Beachtung in Deutschland. Die deutsche Bundesregierung sieht diese Ansprüche hingegen als abgegolten an – aufgrund des Zeitablaufs seit Kriegsende und des Zwei-plus-Vier-Vertrags vom 12. September 1990, der als Ersatz für einen Friedensvertrag gilt und in dem keine Reparationsansprüche geregelt sind.

Für die im Sommer 1944 in Warschau begangenen Verbrechen wurde keiner der Hauptverantwortlichen vor einem bundesdeutschen Gericht verurteilt. 2018 hat das polnische Institut für das nationale Gedächtnis (IPN) erstmals Ermittlungen eingeleitet, die die Verbrechen juristisch aufarbeiten und noch lebende deutsche Täter zur Verantwortung ziehen sollen.

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