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5.5.2020

Vor 75 Jahren: Befreiung vom Nationalsozialismus und Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa durch die vollständige Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Als Gedenktag erinnert er jährlich an die tiefe Zäsur von 1945, den Neuanfang und die doppelte Befreiung von Krieg und Nationalsozialismus. Doch das war nicht immer so.

Französische Tagespresse vom 8.Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 und deren Unterzeichnung am 7. Mai 1945. (© picture-alliance / akg-images)


Sechs Jahre Krieg und mehr als 60 Millionen Tote: Am 8. Mai besiegelte die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Im pazifischen Raum entschied sich die japanische Führung erst am 15. August – nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki – zur bedingungslosen Kapitulation, die am 2. September 1945 unterzeichnete wurde.

Absehbare Niederlage

Bereits 1943 begann sich mit dem Scheitern der deutschen Ostoffensive die militärische Niederlage Deutschlands abzuzeichnen. An der Westfront brachte die Landung der alliierten Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 die Wende. Am 21. Oktober eroberten sie mit Aachen die erste deutsche Großstadt. Die Rote Armee überschritt im Januar 1945 die Grenze zum Deutschen Reich, am 27. Januar befreite sie die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. Von dort hatten die Nationalsozialisten noch kurz zuvor 67.000 Menschen auf so genannte Todesmärsche geschickt. Alleine in Auschwitz hatten die Nazis mindestens eine Million Menschen ermordet.

Hitler entzieht sich der Verantwortung durch Selbstmord

Während die Alliierten bis Mitte April 1945 fast die gesamten nordwestlichen Reichsgebiete erobert hatten, begannen sowjetische Truppen am 16. April den Kampf um Berlin. Als diese am 30. April in die Stadtmitte vordrangen, beging Adolf Hitler im Bunker der Reichskanzlei Selbstmord. Zuvor hatte er Großadmiral Karl Dönitz als seinen Nachfolger bestimmt, der somit Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Wehrmacht wurde.

Vollständige Kapitulation Deutschlands

Am 7. Mai 1945 um 02.41 Uhr unterzeichnet Generaloberst Alfred Jodl (M) in einem Schulhaus in Reims die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Links sein Adjudant Oberst Wilhelm Oxenius, rechts Admiral Hans Georg von Friedeburg. (© dpa - Bildarchiv)

In den letzten Kriegstagen versuchte Dönitz die Kapitulation gegenüber den sowjetischen Truppen hinauszuzögern, um möglichst vielen Deutschen die Flucht aus den Ostgebieten zu ermöglichen – allerdings ohne Erfolg. Am 7. Mai unterzeichnete der von Dönitz bevollmächtigte Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier der Alliierten in Reims die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Sie trat am folgenden Tag um 23:01 Uhr in Kraft. In der Nacht zum 9. Mai wiederholten hochrangiger Vertreter aller drei Wehrmachtsteile den Akt der Kapitulation, dieses Mal gegenüber den Sowjets in deren Hauptquartier in Berlin-Karlshorst. Nach Moskauer Zeitrechnung erfolgte die Unterzeichnung jedoch erst in den frühen Stunden des 9. Mai, weshalb in Russland dieses Datum als Tag des Sieges gefeiert wird. Im Osten stellten sowjetische und deutsche Soldaten ihre Kämpfe erst drei Tage später endgültig ein.

Theodor Heuss sprach von "Erlösung und Vernichtung in einem"

Der 8. Mai 1945 hatte im kollektiven Gedächtnis als "Stunde-Null" bzw. historische Zäsur schon früh eine symbolische Bedeutung. So wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland am 8. Mai 1949, dem vierten Jahrestag der deutschen Kapitulation, im parlamentarischen Rat verabschiedet. Zuvor hatte der spätere Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) vor dem parlamentarischen Rat jedoch Bedenken darüber geäußert, "ob man das Symbol greifen soll, das in solchem Tag liegen kann". Denn der 8. Mai 1945 bliebe für Deutschland die "tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte", weil "wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind".

Langsamer Wandel der Erinnerungskultur

In der westdeutschen Erinnerungskultur galt der 8. Mai vor allem als Datum der eigenen Niederlage und war vor allem mit den negativen Folgen assoziiert: Zusammenbruch, Vertreibung, Besatzung, deutsche Teilung und Verlust von Heimat. Dies begann sich seit den 1960er- und 1970er-Jahren langsam zu wandeln, als politische Reden anlässlich des 8. Mais zunehmend differenziertere Perspektiven, auf dieses historische Datum erkennen ließen.

Gustav Heinemann (SPD) hielt 1970 als erster Bundespräsident eine Rede zum 8. Mai. Als erste Bundesregierung äußerte sich 1970 auch die sozial-liberale Koalition unter Bundekanzler Willy Brandt (SPD) mit einer offiziellen Regierungserklärung zum Jahrestag. Den Begriff der Befreiung bezog er dabei jedoch explizit auf andere Völker. Gleichzeitig hob er jedoch hervor, dass auch für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die "Chance zum Neubeginn, zur Schaffung rechtsstaatlicher und demokratischer Verhältnisse" erwuchs.

Von Weizsäckers Rede im Bundestag 1985

Zu einem erinnerungspolitischen Wendepunkt wurde die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU) im Jahr 1985. Der 8. Mai, so führte von Weizsäcker im Deutschen Bundestag aus, sei für jene, die ihn erlebt haben, mit unterschiedlichen Erfahrungen verknüpft. Doch mit der Zeit sei der Blick klarer geworden auf das, was der Tag für die Gesellschaft als Ganzes bedeute: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."

Von Weizsäcker entband die Deutschen jedoch nicht von ihrer individuellen Verantwortung. "Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für die Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte". Er betonte daher, dass das Gedenken an den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933, dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, getrennt werden könne. Auch die Verbrechen des Holocaust dürften nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt werden.

Weizsäckers Rede fand jedoch nicht nur Zustimmung: So beschwerte sich etwa der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß über die "ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftliche Dauerbüßeraufgabe".

Auch die DDR gedachte der "Befreiung" – aber anders

In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde der 8. Mai von 1950 bis einschließlich 1966 und einmalig im Jahr 1985 als gesetzlicher Feiertag begangen. Als "Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus" sollte er den antifaschistischen Gründungsmythos der DDR verfestigen. Zudem sollte die Rolle der Roten Armee, die im Mittelpunkt des Gedenkens stand, erinnerungspolitisch eindeutig positiv besetzt werden.

Debatte um Einführung eines Feiertags

Anlässlich des 75. Jahrestages ist der 8. Mai 2020 in Berlin einmalig als "Tag der Befreiung" ein Feiertag . In diesem Zusammenhang wurden auch erneut Forderungen laut, das Datum in der Bundesrepublik langfristig zum gesetzlichen Feiertag zu machen. Diese haben sich bisher aber nicht durchsetzen können.

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