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15.1.2021

Vor 150 Jahren: Proklamation des Deutschen Kaiserreichs

Am 18. Januar 1871 wurde im Schloss Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen und Wilhelm I. zum Kaiser ernannt. Die Reichsgründung war das Ergebnis dreier Kriege, die der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck führen ließ. Im Inneren war das Reich jedoch alles andere als geeint.

Im Spiegelsaal von Schloss Versailles wird der preußische König Wilhelm I. am 18. Januar 1871 zum Kaiser des neu gegründeten Deutschen Kaiserreichs ernannt. (© picture-alliance, imageBROKER)


Prinzen, Fürsten und aristokratische Militärs waren anwesend, als am 18. Januar 1871 im Schloss von Versailles Wilhelm I. zum deutschen Kaiser gekrönt wurde. Die Zeremonie besiegelte die symbolische Gründung des Deutschen Kaiserreichs, das faktisch seit dem 1. Januar 1871 durch die Verfassung des Deutschen Bundes existierte. In dem neuen monarchischen Bundesstaat gingen neben dem Norddeutschen Bund die süddeutschen Staaten auf, vorerst geeint durch den Krieg gegen Frankreich von 1870 bis 1871. Doch die äußere Einheit ging einher mit inneren Brüchen: zwischen Preußen und Bayern, zwischen dem säkularen Nationalstaat und dem politischen Katholizismus, zwischen Nationalliberalismus und Sozialismus. Der erste deutsche Nationalstaat brachte zahlreiche moderne Entwicklungen auf den Weg; andererseits wird er bis heute insbesondere mit Militarismus, Antisemitismus und kolonialen Bestrebungen in Verbindung gebracht.

Was ging dem Kaiserreich voraus?

Seit dem Mittelalter existierte auf dem Territorium des heutigen Deutschlands das Heilige Römische Reich. Doch gegen Ende des 18. Jahrhunderts verschafft sich Frankreich durch die Napoleonischen Kriegen immer größeren Einfluss in Mitteleuropa. Nach dem Dritten Koalitionskrieg schuf der französische Kaiser Napoleon I. den Rheinbund, dem 16 deutsche Fürstentümer beitraten. Gleichzeitig erklärten sie damit ihren Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich. Der römisch-deutsche Kaiser Franz II. legte am 6. August 1806 die Kaiserkrone nieder, das Reich hörte damit offiziell auf zu existieren.

Nach der Niederlage Napoleons entstand auf dem Wiener Kongress von 1814 bis 1815 schließlich eine neue europäische Ordnung: Eines der Ergebnisse war die Schaffung des Deutschen Bundes, eines föderativen Zusammenschlusses souveräner deutscher Fürstentümer und Stadtstaaten. Doch dieser stellte die Forderungen einer erstarkten Nationalbewegung nach einem freiheitlich verfassten deutschen Nationalstaat nicht zufrieden. Nach der Revolution von 1848/49 wurde mit der Frankfurter Nationalversammlung erstmals ein gesamtdeutsches Parlament gewählt und in der Frankfurter Paulskirche eine Verfassung ausgearbeitet. Der Versuch scheiterte jedoch daran, dass der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die ihm angetragene Kaiserkrone ablehnte, Abgeordnetenkammern auflöste und die preußische Regierung die Legitimation der Nationalversammlung aberkannte.

Wie kam es zur Reichsgründung?

Bereits im Jahr 1847 war Otto von Bismarck Mitglied in der Ständevertretung Preußens geworden. Er galt als scharfer Gegner der Revolution von 1848/49. 1851 wurde er zum Gesandten Preußens beim Bundestag in Frankfurt am Main ernannt, 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten. Trotz seines Widerstands gegenüber den Revolutionären der Paulskirche erwies er sich fortan als eine der treibenden Kräfte für die Entstehung eines gemeinsamen deutschen Staates. Das hatte vor allem machtpolitische Gründe: In seiner "Eisen-und-Blut-Rede" vom 30. September 1862 legte er erstmals Grundzüge einer gemeinsamen kriegerischen Außenpolitik dar, welche die Zerstrittenheit zwischen deutschen Fürstentümern national lösen sollte.

Die Gründung des Deutschen Reiches (© mr-kartographie, Gotha 2016)


Im Jahr 1864 kam es nach einem Streit um die Zukunft der Herzogtümer Schleswig und Holstein zum Deutsch-Dänischen Krieg, dem ersten der drei deutschen Einigungskriege. Österreich und Preußen entschieden den Konflikt für sich. Im Wiener Friedensvertrag wurden Schleswig und Holstein unter gemeinsame österreichisch-preußische Verwaltung gestellt. Ein Jahr später, in der Gasteiner Konvention, wurden die Territorien aufgeteilt: Preußen verwaltete fortan Schleswig, Österreich verwaltete Holstein.

Die Ordnung hielt jedoch nicht lange. Bismarck provozierte einen Konflikt mit Österreich, indem er eine kleindeutsche Lösung der "Deutschen Frage" anstrebte – also eine Reichsgründung ohne Österreich. Am 7. Juni 1866 marschierten preußische Truppen in Holstein ein, zwei Wochen später trat Preußen aus dem Deutschen Bund aus. Der zweite deutsche Einigungskrieg zwischen Preußen und Österreich wurde am 3. Juli durch die Schlacht bei Königgrätz entschieden. Der ursprünglich von Österreich dominierte Deutsche Bund war Geschichte, im Jahr 1867 gründete Preußen den Norddeutschen Bund.

Auslöser für den dritten Einigungskrieg 1870/71 war ein diplomatischer Streit zwischen Frankreich und Preußen. Die süddeutschen Staaten Baden, Württemberg, Bayern und Hessen-Darmstadt schlossen sich dem preußischen Aufmarsch an. Der Deutsch-Französische Krieg war äußerst blutig, er kostete binnen zehn Monaten etwa 180.000 Soldaten das Leben. Obwohl er bereits nach der französischen Niederlage in der Schlacht von Sedan am 2. September 1870 entschieden war, zogen sich die Kämpfe bis Mai 1871.

Deutschland und Frankreich: Historischer Rückblick. Eine Folge aus der Reihe "Mit offenen Karten" (© 2013 Bundeszentrale für politische Bildung & ARTE)

Bismarck nutzte die vorherrschende patriotische Begeisterung und begann noch im Herbst 1870 mit Verhandlungen über eine Reichsgründung. Mit den Novemberverträgen von 1870 stimmten die süddeutschen Staaten dem Beitritt zum Norddeutschen Bund zu. Sie einigten sich auf die Bezeichnung "Deutsches Reich" und boten dem preußischen König Wilhelm I. die Kaiserkrone an. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes wurde leicht überarbeitet und trat am 1. Januar 1871 als Verfassung des Deutschen Bundes in Kraft. Faktisch ist dies das Gründungsdatum des deutschen Nationalstaats.

Die symbolische Reichsgründung erfolgte schließlich am 18. Januar 1871 im Schloss Versailles bei Paris. Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt noch belagert, Versailles war das Hauptquartier der preußischen und verbündeten Truppen. Im Spiegelsaal des Schlosses wurde der preußische König Wilhelm I. zum "Deutschen Kaiser" ernannt – auf den Tag genau 170 Jahre, nachdem sich Friedrich I. im Jahr 1701 zum ersten König von Preußen krönen ließ. An der Zeremonie nahmen keine gewählten Volksvertreter teil, sondern Fürsten, Prinzen und hochrangige Militärs. Deshalb, und weil das Kaiserreich laut Verfassungsurkunde als Bund der deutschen Fürsten gegründet wurde, wird die Reichsgründung häufig als eine von Bismarck geführte "Revolution von oben" beschrieben.

Wie war das Kaiserreich politisch aufgebaut?

Auf Basis der Verfassung des Deutschen Bundes wurde am 3. März 1871 ein neuer Reichstag gewählt. Der letzte Gründungsakt war schließlich die Verabschiedung der – erneut veränderten – "Verfassung des Deutschen Reiches“ durch den Reichstag am 14. April und die Unterschrift von Kaiser Wilhelm I. am 16. April 1871. Diese Verfassungsversion ist auch als "Bismarcksche Reichsverfassung" bekannt und sollte erst 1918 von der Weimarer Verfassung abgelöst werden.

Der Staat hatte die Form einer konstitutionellen Monarchie. In der Verfassung wurden neben dem Bundesgebiet und der Reichsgesetzgebung auch die Rollen des Kaisers und des Parlaments festgelegt. Der Kaiser durfte die beiden Kammern des deutschen Parlamentes berufen, eröffnen, vertagen und schließen. Er ernannte außerdem den Reichskanzler und hatte den Oberbefehl über das Militär.

Der Kaiser stand auch als Präsidium an der Spitze des Bundesrats, in dem die 25 Mitgliedstaaten vertreten waren. Diese föderale Länderkammer konnte Gesetze einbringen und musste Gesetzesvorhaben zustimmen. Obwohl Preußen gemessen an seiner Bevölkerungszahl im Bundesrat eher unterrepräsentiert war, hatte es eine politische Vormachtstellung: Als Kaiser ernannte der preußische König den Reichskanzler, der meist ebenfalls aus Preußen kam. Die Regierung und der Reichskanzler mussten nicht vom Parlament bestätigt werden.

Dem Reichstag gab die Verfassung das Budgetrecht und ein Gesetzesinitiativrecht. Gewählt wurde er in allgemeinen, direkten, geheimen Wahlen für eine Legislaturperiode von drei Jahren. Wahlberechtigt waren allerdings nur die männlichen Bürger ab 25 Jahren. Das war vergleichsweise fortschrittlich: Das preußische Abgeordnetenhaus wurde zeitgleich noch nach einem Dreiklassenwahlrecht gewählt, bei dem die obersten vier Prozent der männlichen Steuerzahler allein ein Drittel der Abgeordnetensitze bestimmen konnten. Der Nationalstaatsgedanke gab schließlich auch der Frauenbewegung Aufschwung: Sie forderte bereits in den 1870er Jahren das Wahlrecht für Frauen – erst 1918 wurde es Realität.

Äußere Stärke, innere Brüche?

Während die äußere Reichsgründung im Jahr 1871 vollzogen war, blieb das Reichim Inneren entlang zahlreicher Bruchlinien gespalten. Politisch äußerte sich dies durch den Aufstieg politisch-sozialer Kräfte: Die in der Zentrumspartei organisierten Katholiken betrachtete Bismarck als Gefahr für die staatliche Autorität, und lieferte sich einen "Kulturkampf" mit der katholischen Kirche. Als feindlich wurde auch die Sozialdemokratie betrachtet, insbesondere die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), die Vorgängerorganisation der heutigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). 1878 wurde das sogenannte Sozialistengesetz beschlossen, das Verbote sozialistischer Parteien, Druckschriften und Versammlungen ermöglichte. Das verstärkte jedoch eher die Opposition der Arbeiterbewegung gegen den konservativen Staat.

Mit der Gründung des deutschen Nationalstaats ging eine hegemoniale Außenpolitik einher. Frankreich wurde als "Erbfeind" angesehen, doch die Beziehungen der europäischen Großmächte waren eher durch einen Ausgleich machtpolitischer Rivalitäten gekennzeichnet als durch die Option weiterer Kriege. Von den 1880er Jahren an beteiligte sich das Kaiserreich auch an der kolonialen Expansion in Afrika und Asien, was vor allem durch den Einfluss des Deutschen Kolonialvereins vorangetrieben wurde. Die sogenannte Berliner Konferenz 1884/1885 bildete schließlich die Grundlage für die Aufteilung des afrikanischen Kontinents zischen den Kolonialmächten.

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg (1914-1918) und der Novemberrevolution von 1918 endete schließlich das Deutsche Kaiserreich. Aus einer konstitutionellen Monarchie wurde die parlamentarisch-demokratische Weimarer Republik. 1919 wurde an eben dem Ort, wo das Deutsche Reich 1871 mit der Kaiserproklamation ausgerufen worden war – im Spiegelsaal im Schloss von Versailles – der Friedensvertrag von Versailles unterzeichnet.

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