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1.4.2021

Vor 60 Jahren: Beginn des Eichmann-Prozesses

Am 11. April 1961 begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann. Der Organisator der nationalsozialistischen Judenvernichtung wurde acht Monate später zum Tode verurteilt. Der Prozess erregte weltweit Aufmerksamkeit. In Israel markierte er den Anfangspunkt für eine kollektive Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Der Angeklagte Adolf Eichmann am 11. April 1961 während seiner Vernehmung am ersten Prozesstag. Der ehemalige Obersturmbannführer und Leiter der Dienststelle "Endlösung der Judenfrage" im Dritten Reich wurde acht Monate später zum Tode verurteilt und am 31. Mai 1962 hingerichtet. (© picture-alliance / dpa | dpa)


Als Leiter des Referats IV B 4 ("Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten") im "Reichssicherheitshauptamt" war Adolf Eichmann für die Deportation von mehreren Millionen Juden in die Konzentrationslager verantwortlich. Bei der Wannsee-Konferenz, wo die sogenannte "Endlösung der Judenfrage" beschlossen wurde, führte Eichmann Protokoll.

Nach Kriegsende tauchte der einstige SS-Obersturmbannführer zunächst in Deutschland unter. Er floh aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft, lebte einige Zeit am Chiemsee und war unter anderem als Holzarbeiter unter dem Namen "Otto Henninger" in der Lüneburger Heide tätig. 1950 floh Eichmann mit Hilfe des Vatikans nach Argentinien, wo nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft viele NS-Kriegsverbrecher Zuflucht suchten. Zwei Jahre später kamen auch seine Frau und Kinder nach. Eichmann lebte unbehelligt zehn Jahre als "Ricardo Klement" in der Nähe von Buenos Aires und arbeitete in einem Werk von Mercedes Benz.

Schon Anfang der 1950er-Jahre waren deutschen Behörden Gerüchte über den Aufenthaltsort von Eichmann bekannt geworden. Aus Akten, die 2011 der Öffentlichkeit bekannt wurden, geht hervor, dass sich die "Organisation Gehlen"– aus der später der Bundesnachrichtendienst hervorging – bereits ab 1952 sicher war, dass Eichmann in Argentinien lebte. Tätig wurden die Geheimdienstler jedoch nicht, was auch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vieler Mitglieder der Organisation in Zusammenhang gebracht wird.

Hinweis aus Argentinien

Fritz Bauer an seinem Schreibtisch (© picture alliance / ASSOCIATED PRESS )

1957 erhielt der damalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer einen Hinweis aus Argentinien über den Aufenthaltsort Eichmanns. Bauer, der selbst als Jude und Sozialdemokrat während der NS-Herrschaft verfolgt wurde und fliehen musste, setzte sich für die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen ein. Er war seit 1956 mit dem Fall Eichmann befasst. Anfang November 1957 traf sich Bauer erstmals mit dem Leiter der Israel-Mission in Deutschland, Felix Schinnar. Bauer befürchtete, dass Eichmann einen Hinweis bekommen und untertauchen könnte, wenn auf dem offiziellen Dienstweg ein Haftbefehl beantragt werden würde. Deswegen machte Bauer dem Vertreter Israels in Deutschland das Angebot einer informellen Zusammenarbeit, um Eichmann zu ergreifen.

Der israelische Geheimdienst Mossad wurde in Argentinien tätig. Anfangs liefen die Ermittlungen ins Leere – auch weil die Agenten nicht glauben wollten, dass Eichmann in vergleichsweise einfachen Verhältnissen lebte. Am 11. Mai 1960 schließlich wurde Eichmann durch Mossad-Agenten entführt. Zwischen Israel und Argentinien existierte kein Auslieferungsabkommen, das eine völkerrechtlich legitimierte Überstellung Eichmanns geregelt hätte.

Prozessbeginn im April 1961

Elf Monate später, am 11. April 1961, begann in Israel der Prozess gegen Adolf Eichmann vor dem Jerusalemer Bezirksgericht. Chefankläger war der Generalstaatsanwalt Gideon Hausner. Rund 1.600 Dokumente lagen den Richtern als Beweismaterial vor. Zusätzlich wurden etwa 100 Zeugen gehört. Sie berichteten über die Gräueltaten der Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern. Nach acht Monaten Prozess wurde Eichmann am 15. Dezember in allen fünfzehn Anklagepunkten für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Eichmann selbst bekannte sich im Sinne der Anklage für nicht schuldig. Er betonte immer wieder, nur auf Befehle anderer gehandelt zu haben: "Die Führerschicht, zu der ich nicht gehörte, hat die Befehle gegeben, sie hat, meines Erachtens, mit Recht Strafe verdient für die Gräuel." In der Nacht zum 1. Juni 1962 wurde Eichmann in Israel hingerichtet.

Der Prozess – übertragen in Radio und Fernsehen – sorgte international für Aufsehen. Die Zeugenaussagen von Überlebenden trugen das Thema Holocaust an die Öffentlichkeit. Auch für Israel markierte er einen Wendepunkt. Waren die Nürnberger Prozesse noch von den Alliierten durchgeführt worden, machte nun Israel selbst einem Hauptverbrecher des Nationalsozialismus den Prozess. Bis dahin war der Holocaust in dem jungen israelischen Staat weitgehend tabuisiert worden. "Eltern sprachen nicht mit ihren Kindern darüber, die Kinder trauten sich nicht, Fragen zu stellen", so der israelische Historiker Tom Segev. Dies änderte sich mit dem Prozess. Laut Segev hatte er für die Israelis eine therapeutische Funktion und ermöglichte eine institutionalisierte, kollektive Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Debatte um Hannah Arendts Buch

Auch in der deutschen Öffentlichkeit weckte der Eichmann-Prozess ein größeres Interesse an der Aufklärung der NS-Verbrechen. Spätestens mit den ab 1963 folgenden, von Fritz Bauer angestoßenen Frankfurter Auschwitz-Prozessen, wuchs ein Bewusstsein dafür, dass die Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen bis dahin unzulänglich betrieben worden war. Ein weiteres Beispiel für dieses veränderte Bewusstsein war die Debatte um die Verjährung von Mord und Völkermord ab 1965.

Hannah Arendt im Jahr 1976 Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de (Public Domain, American Memory)

Zu einer kontroversen Diskussion trug auch die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt bei, die den Prozess als Pressekorrespondentin vor Ort verfolgte und ihre Beobachtungen in dem Buch "Eichmann in Jerusalem" veröffentlichte. Arendt polarisierte mit ihrer Charakterisierung der Verbrechen Eichmanns als "Banalität des Bösen". Mit ihrer Begriffsprägung wollte Arendt auf das Phänomen aufmerksam machen, dass "das Böse" Bestandteil einer unauffälligen Normalität sein kann – Massenmord verrichtet als gedankenloser Akt eines einfachen Bürokraten und Befehlsempfängers.

Ob Arendt Eichmanns Verhalten richtig deutete, ist bis heute umstritten. Neuere Forschungen, unter anderem von der Philosophin Bettina Stangneth, legen jedoch nahe, dass Eichmann keinesfalls der unauffällige, einfache Beamte war, für den er sich selbst ausgab. Während des Prozesses sei er in die Rollen seiner Untergebenen geschlüpft und habe deren Tätigkeit als seine eigene ausgegeben, um seine Bedeutung herunterzuspielen. Mit dieser Täuschung habe Eichmann, der in Wahrheit eine herausgehobene Stellung im NS-Staat innehatte, weithin Erfolg gehabt, so Stangneth.


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