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20.4.2021

Vor 35 Jahren: Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Am 26. April 1986 kam es im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl zu einer Reaktorexplosion. Die Katastrophe offenbarte die Gefahren der Atomenergie, die seit dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima 2011 erneut diskutiert werden.

Hier kam es zu den entscheidenden Bedienungsfehlern: Die Leitstelle des Kraftwerks in Tschernobyl (© picture-alliance, Photoshot )


Die Kernschmelze und Reaktorexplosion im Atomkraftwerk bei Tschernobyl in der damals zur Sowjetunion gehörenden Ukraine war der bisher schwerste Unfall in einer Atomanlage. Auf der "International Nuclear and Radiological Event Scale" (INES) wurde er mit der Höchststufe 7 bewertet – kein noch beherrschbarer "Größter anzunehmender Unfall" (GAU), sondern ein umgangssprachlich auch als "Super-GAU" bezeichneter, nicht mehr beherrschbarer "auslegungsüberschreitender Unfall".

Konstruktionsmängel und schwere Bedienungsfehler

Ursache für den "Super-GAU" von Tschernobyl waren neben Konstruktionsmängeln des Reaktors gleich mehrere Bedienungsfehler während eines planmäßigen Tests im Kraftwerksblock 4. Es sollte überprüft werden, ob dem Reaktor auch bei einem allgemeinen Stromausfall noch genügend eigene Energie zur Verfügung stünde, um seine Notkühlung sicherzustellen. Für den Test wurde der Reaktor heruntergefahren. Dabei schalteten die Techniker auch das Notkühlsystem aus.

Weil während des Herunterfahrens aus Kiew ein erhöhter Strombedarf gemeldet wurde, wurde das Experiment für neun Stunden unterbrochen. Die Reaktorleistung blieb während dieser Zeit auf 50 Prozent Leistung, das Notkühlsystem ausgeschaltet. Bei der Fortsetzung des Tests sollte die Leistung des Reaktors dann auf eine Leistung zwischen 20 und 30 Prozent weiter heruntergefahren werden. Unter 20 Prozent durfte sie nicht fallen, weil der Reaktor sonst außer Kontrolle geraten konnte. Wahrscheinlich wegen eines Eingabefehlers fiel sie jedoch auf nur noch ein Prozent.

Um gegenzusteuern, entfernten die Techniker Steuerstäbe zur Kontrolle der atomaren Kettenreaktion. Dabei unterschritten sie die für die Anlage kritische Grenze von 28 Stäben. Die Leistung konnte nur noch auf sieben Prozent gesteigert werden. Damit blieb der Reaktor in einem extrem instabilen Betriebszustand. Trotzdem wurde der Test nicht abbrochen. Entgegen der Vorschriften blockierte man stattdessen das Signal für die Schnellabschaltung und schloss bei beiden Turbinengeratoren die Sicherheitsventile für die Wasserzufuhr. Daraufhin schossen die Reaktortemperatur und die Leistung in die Höhe. Eine unkontrollierbare Kettenreaktion und schließlich die Kernschmelze in Block vier des Kraftwerks waren die Folge. Vermutlich das spontan verdampfte Kühlmittel erzeugte einen solchen Druck, dass der Reaktor zerbarst.

Durch die Gewalt zweier nachfolgender Explosionen wurden die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorkerns abgesprengt und das Dach des Gebäudes aufgerissen. Große Mengen radioaktiven Materials traten aus, gelangten in große Höhe und verteilten sich großräumig über weite Teile Europas. Noch am selben Morgen wurde in Schweden radioaktiver Niederschlag gemessen. Die Regierung in Moskau reagierte mit einer Informationssperre. Die Bevölkerung wurde erst Mitte Mai über das Ausmaß des Unfalls informiert.

350.000 Menschen wurden evakuiert

Die Folgen des Unfalls waren fatal: Die Bevölkerung in der näheren Umgebung des Reaktorgeländes war der Radioaktivität schutzlos ausgesetzt. Die Evakuierung aller Wohngebiete in einer 30-Kilometer-Zone um das Atomkraftwerk lief erst nach einer Woche an.

Insgesamt wurden bis zu 350.000 Menschen evakuiert und umgesiedelt. Die sowjetische Führung schickte hunderttausende so genannter "Liquidatoren" (vor allem Feuerwehrleute, Busfahrer, Ärzte und Wehrpflichtige) in das Reaktorgebiet, um die Katastrophe einzudämmen. Um den zerstörten Reaktor selbst wurde ein provisorischer Schutzmantel errichtet. Der rissig gewordene Beton-Sarkophag wurde mittlerweile durch eine über 108 Meter hohe und 36.000 Tonnen schwere Konstruktion aus Metall mit einer Spannweite von 257 und einer Länge von 162 Metern ersetzt. An der Finanzierung der insgesamt rund zwei Milliarden Euro teuren neuen Schutzhülle haben sich unter der Schirmherrschaft der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung 45 Staaten beteiligt. Das "New Safe Confinement" (NSC) soll 100 Jahre halten.

Folgen für Mensch und Umwelt in vielen Regionen Europas

Über die Zahl der unmittelbaren Opfer und der an Spätfolgen Verstorbenen herrscht bis heute Uneinigkeit. Nach einem Bericht des "Tschernobyl Forums" der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen UN-Organisationen sowie den Regierungen von Russland, Belarus und der Ukraine von 2005 sollen im Jahr des Unglücks lediglich 28 Bergungsarbeiter an akutem Strahlungssyndrom gestorben, drei weitere Kraftwerksangestellte direkt bei der Explosion umgekommen sein.

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) sehen darin eine massive Verharmlosung. So kämen in den Folgejahren aufgetretenen Krebsfällen hinzu, die im Zusammenhang mit dem Reaktorunglück stünden, andere gesundheitliche Folgen hinzu – etwa gutartige Tumore, kardiovaskuläre, respiratorische und psychische Krankheiten sowie nicht zuletzt Schädigungen des Erbguts. Die IPPNW beziehen sich auf eine Studie Alexey Yablokovs aus dem Jahr 2009 und gehen von insgesamt 112.000 bis 125.000 Menschen aus, die bis 2005 in Folge des Reaktorunfalls verstorben seien.

In Belarus, der Ukraine und in den vier am stärksten kontaminierten Gebieten Russlands wurden zwischen 1991 und 2005 rund 6.900 Schilddrüsenkrebserkrankungen festgestellt. Waren in der 120 Kilometer vom Kraftwerk in Tschernobyl gelegenen belarussischen Stadt Gomel im Jahr 1985 pro 100.000 Einwohner 1,8 Fälle registriert worden, waren es 2016, also zwanzig Jahre nach dem Unfall, 12,5.

Durch Wind und Regen gingen in den Tagen nach der Katastrophe radioaktive Isotope auch über weiten Teilen Europas nieder. In Deutschland war insbesondere der Süden betroffen, wo heftige lokale Niederschläge zu einer Ablagerung von Cäsium-137 in den Böden führte. In einigen Gegenden Bayerns sind Pilze, Wildschweine und Waldbeeren zum Teil noch immer belastet. Die Unglücksregion selbst bleibt auf Dauer unbewohnbar. Die wirtschaftlichen Folgekosten lassen sich kaum abschätzen. In einer breit angelegten Literaturrecherche kamen Jonathan Samet und Joann Seo von der University of Southern California 2016 auf bis dahin weltweit umgerechnet rund 650 Milliarden Euro.

Fukushima 2011 und Deutschlands Ausstieg aus der Atomkraft

25 Jahre nach Tschernobyl, am 11. März 2011, ereignete sich im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi an der Pazifikküste erneut eine atomare Katastrophe der Größenordnung 7 auf der INES-Skala. In Folge eines starken Seebebens mit anschließendem Tsunami fiel in vier Reaktorblöcken die gesamte Stromversorgung samt Notstromversorgung aus. Kernschmelzen und Wasserstoffexplosionen waren die Folge. Große Mengen an Radioaktivität wurden freigesetzt. In einem Radius von 40 Kilometern rund um das Kraftwerk wurden wegen der Strahlung hunderttausende Menschen evakuiert. Lebensmittel aus kontaminierten Regionen waren zum Teil schwer belastet und durften nicht mehr verzehrt werden, die küstennahen Gewässer in der Nähe des Kraftwerks wiesen eine hohe Konzentration von Jod-131- und Cäsium-137 auf. Im 250 Kilometer entfernten Tokyo wurde eine erhöhte Jod-131-Belastung des Trinkwassers gemessen. Die Dekontaminierung der verstrahlten Regionen rund um das Kraftwerk wird noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Es wird mit Folgekosten von bis zu 500 Milliarden Euro gerechnet.

Die Katastrophe von Fukushima führte in Deutschland zu einem Umdenken. Mitte März 2011 setzte die Bundesregierung die erst im Jahr zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke aus. Im Juni desselben Jahres beschloss der Deutsche Bundestag den endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie und die Wende zu erneuerbaren Energien. Drei der insgesamt noch sechs in Betrieb befindlichen deutschen Kernkraftwerke sollen Ende 2021, die restlichen drei 2022 vom Netz gehen. Die Betreiberunternehmen werden dafür mit gut 2,4 Milliarden Euro entschädigt. Bei alldem ungeklärt ist weiterhin die Endlagerung des in den letzten Jahrzehnten angefallenen radioaktiven Abfalls.

Renaissance der Atomenergie als Klimaretter?

Trotz der Risiken und der ungeklärten Frage der Endlagerung wird in der Debatte um die Atomkraft immer wieder auch argumentiert, diese könne einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten, weil bei ihr keine CO2-Emissionen anfielen. Aber auch die Erzeugung von Atomstrom ist nicht frei von Treibhausgasemissionen, auch wenn sie der Stromproduktion selbst größtenteils vor- und nachgelagert sind – angefangen beim Uranabbau über die Herstellung der Brennelemente, den Bau und Rückbau der Kraftwerke bis zur Endlagerung. Aktuell gibt es in Europa eine Debatte darüber, ob Atomenergie und Gas nachhaltig sind.

Weltweit sind nach jüngsten Zahlen der Nuclear Energy Agency der OECD gegenwärtig 415 Kernkraftwerke in Betrieb (Stand: April 2021). Auf sie entfallen etwas mehr als 10 Prozent der weltweiten Stromerzeugung. 51 weitere Kraftwerke befinden sich im Bau.


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