zurück 
28.7.2021

Jahrhunderthochwasser 2021 in Deutschland

Bei der Hochwasserkatastrophe Mitte Juli starben nach derzeitigem Stand alleine in Deutschland mehr als 180 Menschen. Die Flut verursachte zudem Sachschäden in Milliardenhöhe. Expertinnen und Experten rechnen wegen des Klimawandels mit einer Häufung extremer Wetterereignisse.

Aufgrund starker Regenfälle ist der kleine Fluss Erft in Erftstadt-Blessem über die Ufer getreten und hat massive Schäden verursacht. (© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Michael Probst)


Mitte Juli kam es in Teilen Deutschlands zu extremen Unwettern. Am schlimmsten waren Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen betroffen. Am 14. Juli und in der Nacht auf den 15. Juli fiel in Teilen der beiden Bundesländer innerhalb von 24 Stunden 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter. Der Großteil der Wassermassen prasselte in einem kurzen Zeitfenster von zehn bis 18 Stunden herab. Normalerweise fällt im gesamten Monat Juli durchschnittlich weniger Niederschlag. In der Folge des Starkregens kam es in den betroffenen Regionen zu Sturzfluten und massiven Überschwemmungen, die zu Toten und enormen Schäden führten.

Das Unwetter, das durch das Tiefdruckgebiet Bernd ausgelöst wurde, richtete auch in Teilen Belgiens, Frankreichs, der Niederlande, Luxemburg und anderen Regionen Europas und Deutschlands zum Teil erhebliche Schäden an.

Tote und Verletzte

In Deutschland meldeten die Behörden aufgrund des Jahrhunderthochwassers bislang mehr als 180 Tote (alle Zahlen im Abschnitt Stand: 27.Juli). Da noch viele Menschen vermisst werden, wird von einer steigenden Zahl von Todesopfern ausgegangen. Besonders betroffen ist Rheinland-Pfalz: Dort starben mindestens 133 Menschen, fast alle im Landkreis Ahrweiler in der Eifel. Mehr als siebenhundert Menschen wurden in dem Bundesland verletzt, 73 werden noch vermisst. In Nordrhein-Westfalen sind mindestens 47 Menschen in Folge des Unwetters gestorben.

Stark betroffen waren in Rheinland-Pfalz neben dem Ahrtal auch andere Eifel-Regionen sowie die Stadt Trier. In Nordrhein-Westfalen richtete das Hochwasser vor allem in Hagen und Wuppertal, im Kreis Euskirchen, dem Rhein-Sieg-Kreis, sowie in Teilen des Bergischen Landes große Schäden an. Auch in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen gab es Schäden und Tote. In Belgien starben mindestens 36 Menschen in Folge des Unwetters (Stand: 25. Juli).



Massive Infrastrukturschäden

Die Flutkatastrophe zerstörte in Deutschland zahlreiche Bahnstrecken, Straßen, Brücken, Mobilfunkmasten, sowie vielerorts auch die Gas-, Strom- und Wasserversorgung. Die Kosten zum Wiederaufbau der zerstörten Verkehrswege belaufen sich Schätzungen des Bundesverkehrsministeriums zufolge auf etwa zwei Milliarden Euro. Diverse Bahnstrecken werden über Monate nicht benutzbar sein.

Die gesamtwirtschaftlichen Schäden der Unwetterkatastrophe werden deutlich höher liegen, können aber noch nicht abschließend beziffert werden. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rechnet nach einer vorläufigen Schätzung alleine für versichertes Eigentum mit einer Schadenssumme von 4,5 bis 5,5 Milliarden Euro. Die Versicherungsschäden lägen damit bereits deutlich über denen des Hochwassers 2013 (2,34 Mrd. Euro) und auf einer Höhe mit der Flutkatastrophe 2002 (4,65 Mrd. Euro).

Hilfe und Wiederaufbau

Tausende Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Rettungs- und Hilfsdiensten und Technischem Hilfswerk (THW) sowie viele freiwillige Helferinnen und Helfer sind in den besonders betroffenen Hochwasser-Gebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Einsatz. Nach den unmittelbaren Rettungsmaßnahmen stehen dort nun Aufräumarbeiten und Wiederaufbau im Vordergrund.

Bund und Länder wollen Soforthilfen in Höhe von jeweils 200 Millionen Euro für die Überbrückung von akuten Notlagen der betroffenen Menschen, Betriebe und Unternehmen, die Beseitigung von Schäden und die Wiederaufbauhilfe bereitstellen. Zudem soll es z.B. in NRW Steuererleichterungen und günstige Darlehen für Hochwasser-Betroffene geben.

Diskussion um Warnsystem

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte den massiven Starkregen in seinen Modellen bereits Tage zuvor vorausgesagt und vor Hochwasser gewarnt. In den Tagen nach der Katastrophe wurde Kritik laut, die Bevölkerung der betroffenen Regionen sei durch die Behörden und Medien nicht rechtzeitig und ausreichend über die drohende Gefahr informiert worden. Die Bundes- sowie die jeweiligen Landesregierungen wiesen diese Kritik zunächst zurück. Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) betonte, dass das Warnsystem des Bundes funktioniert habe. Dieses beruht derzeit vor allem auf Warnungen per App (z.B. NINA, Katwarn) und über Medien.

Die mit einer Drohne gefertigte Aufnahme zeigt die Verwüstungen die das Hochwasser der Ahr in dem Eifel-Ort angerichtet hat. In Schuld bei Adenau waren den Angaben zufolge in der Nacht zum Donnerstag sechs Häuser eingestürzt. (© picture alliance/dpa/TNN | Christoph Reichwein)


Expertinnen und Experten und das BBK selbst regten an, das seit den 1990er-Jaren massiv ausgedünnte Netz an Warnsirenen zu modernisieren und wieder auszubauen. Diese würden auch dann funktionieren, wenn Internetverbindungen oder Mobilfunknetze zusammengebrochen sind. Zudem gibt es Forderungen, Warnungen vor Katastrophen künftig, ähnlich einer SMS, direkt an die betroffene Bevölkerung schicken zu lassen. Dieses „Cell Broadcasting“ genannte Frühwarnsystem wird zum Beispiel in den USA, Japan und in mehreren Ländern der Europäischen Union wie den Niederlanden, Litauen und Rumänien eingesetzt. Das Bundesinnenministerium will diese Technik nun auch in Deutschland einführen.

Manche Politikerinnen und Politiker forderten zudem mehr Kompetenzen beim Katastrophen- und Hochwasserschutz für den Bund. Das BBK solle demnach die Strategien zur Bekämpfung von Hochwasser in Deutschland zentral steuern können. Bislang liegt die Verantwortung für konkrete Maßnahmen gegen Hochwasser laut Grundgesetz bei den betroffenen Ländern und Kommunen. Das Bundesinnenministerium lehnt eine Kompetenzverlagerung auf Bundesebene allerdings ab.

Mögliche Ursachen der Hochwasserkatastrophe

Die Flutkatastrophe Mitte Juli ging laut Expertinnen und Experten auf mehrere Faktoren zurück. Der DWD sprach in einer ersten Einordnung von einem „Jahrhundertereignis“ – also einer Extremwetterlage, die nur etwa alle 100 Jahre erwartet wird. Zentral war dabei die extreme Regenmenge, die innerhalb kürzester Zeit auf einige Regionen niederging. Schwülwarme Luft aus Norddeutschland hatte die Wolkenmassen des Tiefdruckgebiets „Bernd“ über den Mittelgebirgen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im Eiltempo abregnen lassen.

Weil es schon in den Monaten zuvor deutlich mehr als normalerweise geregnet hatte, waren die Böden gesättigt und konnten die Wassermassen nicht mehr aufnehmen. Auch die starke Versiegelung der Böden durch Bebauung spielte in Teilen der Flutregionen eine Rolle – das Wasser konnte deshalb nicht auf natürlichem Wege absickern. Insbesondere in der von Bergen und Tälern durchzogenen Eifel kamen die geografischen Gegebenheiten hinzu: Aus den Bergen fließen bei Starkregen größere Wassermengen in kürzerer Zeit in die Bäche und Flüsse der Täler als in flacheren Regionen.

Flutkatastrophen werden häufiger

Die Häufigkeit von Starkregenereignissen hat, wie aus dem DWD-Bericht hervorgeht, in den vergangenen Jahren zugenommen. Immer wieder kam es in deren Folge zu Hochwasserkatastrophen. 1997 verursachte eine Oder-Flut in Brandenburg, Tschechien und Polen Schäden in Milliardenhöhe. In den beiden deutschen Nachbarländern verloren mehr als 100 Menschen ihr Leben. Beim sogenannten Jahrhundert-Hochwasser der Elbe 2002 starben allein in Sachsen mindestens 21 Menschen. Beim Hochwasser im Juni 2013 kamen in Deutschland und den Nachbarländern 25 Menschen ums Leben. 2016 starben in Niederbayern ebenfalls bei Überschwemmungen sieben Menschen. Nach massivem Starkregen wurde 2017 in Niedersachsen der Katastrophenalarm ausgelöst.

Um die Folgen von Überschwemmungen abzumildern, wurden in den vergangenen Jahren in einigen Teilen Deutschlands Dämme und Polder – eingedeichte Rückhalteflächen, die bei Bedarf geflutet werden können – ausgebaut. Mehrere von Hochwasserkatastrophen betroffene Bundesländer haben zuletzt angekündigt, ihre Anstrengungen im Hochwasserschutz weiter voranzutreiben. Neben dem Ausbau von Schutzanlagen kommt es dabei vor allem darauf an, die Aufnahmefähigkeit von gewässernahen Flächen zu steigern, z.B. indem Flussauen als natürliche Überschwemmungsgebiete wiederhergestellt werden.

Neben der Renaturierung von Flussläufen ist die Reduzierung der Bodenversiegelung ein wichtiges Element des Hochwasserschutzes. In der Landwirtschaft könnten Expertinnen und Experten zufolge mehr Grünflächen einen Beitrag leisten. In einem Forschungsprojekt der Universität Jena fanden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heraus, dass Böden, die mit Monokulturen bewirtschaftet werden, weniger in der Lage sind, mit Überschwemmungen fertig zu werden, wohingegen das Wasser in Böden mit mehr Artenvielfalt schneller versickern kann.

Rolle des Klimawandels

Laut Forscherinnen und Forschern ist es grundsätzlich schwierig, den Einfluss der Erderwärmung auf einzelne Wetterereignisse auszumachen. Als gesichert gilt jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit und die Intensität von extremen Wetterereignissen aufgrund des Klimawandels zunehmen. Wegen der Erderwärmung komme es häufiger zu Dürren und Hitzewellen, aber auch zu massivem Starkregen. Der Grund dafür: Je wärmer die Atmosphäre ist, desto mehr Wasser kann sie aufnehmen, so dass größere Wassermengen in kürzerer Zeit niederschlagen können.

Das veränderte Weltklima habe zudem zur Folge, dass sich Großwetterlagen häufiger länger an einem Ort festsetzen. Forscherinnen und Forscher vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gehen deshalb davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit für extreme Niederschlagsereignisse in Zukunft weiter zunehmen wird.

Mehr zum Thema:

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln