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27.9.2021

Vor 80 Jahren: Massaker von Babyn Jar

Am 29. und 30. September 1941 erschossen deutsche Nationalsozialisten und ihre Helfer in einer Schlucht auf dem heutigen Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew über 33.000 Jüdinnen und Juden. Die Massenerschießungen waren das größte Einzelmassaker im Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden.

Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus in Babyn Jar (auch: Babi Jar). (© picture-alliance, imageBROKER | G. Thielmann)


Vor 80 Jahren verübten Video-Icon deutsche Polizisten, SS-Männer, Wehrmachtsangehörige und einheimische Milizionäre nahe der Stadt Kiew das größte einzelne Massaker an Jüdinnen und Juden im Zweiten Weltkrieg. Mit den Massenerschießungen in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion in der zweiten Jahreshälfte 1941 begann der systematische Genozid gegen die europäischen Juden.

"Holocaust durch Kugeln"

Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg begann am 22. Juni 1941. Bis zum Oktober besetzten deutsche Truppen fast das gesamte Gebiet der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Als die Deutschen im September 1941 Kiew einnahmen, hatten sie den antisemitischen Terror bereits zu einem Genozid an den Juden ausgeweitet. Ende August 1941 ermordeten SS-Angehörige beim Massaker von Kamjanez-Podilskyj etwa 23.000 Menschen jüdische Kinder, Frauen und Männer in der westukrainischen Stadt. Auch in Berdytschiw erschossen die deutschen Besatzer alleine am 15. September mindestens 12.000 Jüdinnen und Juden. Angesichts der systematischen Massenerschießungen von Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten wird von einem "holocaust by bullets" (deutsch: "Holocaust durch Kugeln") gesprochen. Ein Großteil der Holocaust-Opfer in der Ukraine wurde erschossen. Insgesamt forderten die Massenerschießungen laut Schätzungen zwischen 1,5 und 2 Millionen Opfer. Die geplanten und gezielt durchgeführten Massentötungen waren Teil des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs gegen jüdische Menschen in Osteuropa.

Massaker im Jahr 1941

Auch in Kiew begannen die deutschen Truppen nach ihrem Einmarsch damit, die in der Stadt verbliebene jüdische Bevölkerung zu erfassen und zu verhaften. Hinter den Wehrmachtsverbänden rückten sogenannte Einsatzgruppen nach, die dem Reichsführer SS Heinrich Himmler unterstanden und den geplanten Völkermord an den Juden in die Tat umsetzten. In Kiew war dies unter anderem das Sonderkommando 4a unter SS-Standartenführers Paul Blobel. Neben den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) des Reichsführers SS beteiligten sich Wehrmachtsangehörige, Polizisten, SS-Männer und Milizionäre an der Verfolgung der Kiewer Jüdinnen und Juden.

Die deutschen Besatzer beschlossen bei einem Treffen am 27. September 1941, an dem auch Angehörige der Wehrmacht teilnahmen, die schon vorher geplante Ermordung der jüdischen Bevölkerung Kiews. Bereits am 27. September – zwei Tage vor dem großen Massaker – begannen die deutschen Besatzer in Babyn Jar mit ersten Erschießungen: An diesem Tag wurden die Polizeibataillone 45 und 303 für eine "Säuberungsaktion" und für "Absperrdienste" eingesetzt. Die genaue Zahl der Opfer dieser ersten beiden Massaker lässt sich nicht mehr feststellen. Bereits am 23. September erschossen die deutschen Besatzer in Babyn Jar einige Dutzend Sinti und Roma.

Über eine öffentliche Bekanntmachung forderten die deutschen Besatzer Jüdinnen und Juden auf Russisch, Ukrainisch und Deutsch auf, sich am 29. September am westlichen Stadtrand von Kiew zu sammeln:

"Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September 1941, um 8 Uhr Ecke der Melnik- und Dokteriwski-Strasse31 (an den Friedhöfen) einzufinden. Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen, sowie warme Bekleidung, Wäsche usw. Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschossen. Wer in verlassene Wohnungen von Juden eindringt oder sich Gegenstände daraus aneignet, wird erschossen".[1]

Mit dieser Aufforderung sollte der Anschein geweckt werden, dass eine Umsiedlung der Bevölkerung stattfinden sollte. Vom Sammelplatz aus trieben die Täter die Menschen in Gruppen in eine Schlucht, die sich damals außerhalb der Kiewer Stadtgrenzen befand. Auf Russisch heißt sie "Babij Jar" (Бабий Яр, "Weiberschlucht", oft auch als "Babi Jar" in andere Sprachen übertragen), auf Ukrainisch "Babyn Jar" (Бабин Яр).

Wehrmachtssoldaten halfen dabei, das Gelände zu umstellen und zu sichern. Die zusammengetriebenen Menschen mussten ihr Gepäck abgeben, sich bis auf die Unterwäsche ausziehen und in die mehre Meter tiefe Schlucht treten. Anschließend wurden sie dazu gezwungen sich mit dem Gesicht zum Boden hinzulegen und dann per Genickschuss ermordet. In regelmäßigen Abständen wurde der wachsende Leichenberg mit Sand und Geröll zugeschaufelt - die Schlucht wurde von den Rändern aus zugeschüttet.

Die Opfer

Über die Zahl der Opfer gibt es keine verlässlichen Angaben. Das Sonderkommando 4a gab in einem eigenen Bericht an, dass am 29. und 30 September insgesamt 33.771 Menschen ermordet wurden. Auf die Angaben des Sonderkommandos stützte sich später auch das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal. Wahrscheinlich ist aber, dass bei den Erschießungen nicht jedes Opfer registriert wurde. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geht von "mehr als 33.000 ukrainischen Juden" im Zuge des Massakers in Babyn Jar aus. Viele Opfer sind bis heute namentlich nicht identifiziert.

Babyn Jar wurde weiter als Exekutionsstätte genutzt: Sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma, ukrainische Nationalisten, vermeintliche Partisanen, Agenten und Saboteure sowie weitere jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden während der zwei Jahre andauernden deutschen Besatzung in Babyn Jar erschossen und verscharrt. Hinzu kamen weitere sogenannte "Vergeltungsaktionen" gegen die Bevölkerung der Stadt. Wie viele Menschen insgesamt in Babyn Jar ermordet und verscharrt wurden, lässt sich nur schätzen –die Zahl könnte bei etwa 65 000 liegen.[2] Die vom Obersten Sowjet gegründete Außerordentliche Staatliche Kommission zur Aufklärung der NS-Verbrechen kam 1944 zu dem Schluss, dass insgesamt über 100.000 Menschen in Babyn Jar getötet worden sein könnten, hinzu kommen 95.000 Menschen an anderen Orten in der Region Kiew. Schätzungen anhand der Bevölkerungsentwicklung von Kiew belegen, dass unter der deutschen Besatzung von den zunächst 400.000 Einwohnerinnen und Einwohnern bis Mitte 1943 weniger als 300.000 in der Stadt verblieben waren.

Vertuschung des Massenmords

Nachdem erste Berichte über den Holocaust ins Ausland drangen, versuchten die Nationalsozialisten den organisierten Massenmord zu vertuschen. In der "Sonderaktion 1005" wurden ab 1942 Leichen aus Massengräbern wie dem in Babyn Jar exhumiert und verbrannt. Unmittelbar neben der Exekutionsstätte errichteten die Besatzer einige Monate später ein Konzentrationslager; dessen Insassen wurden vor dem Abzug der Deutschen gezwungen, die Leichen der dort im Herbst 1941 und in den folgenden zwei Jahren Ermordeten zu verbrennen, um die Spuren dieser Verbrechen zu verwischen. Die "Sonderaktion 1005" machte es noch schwerer, das gesamte Ausmaß des Massakers von Babyn Jar zu erfassen und die Opfer zu identifizieren.

Juristische Aufarbeitung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Massaker von Babyn Jar nur teilweise juristisch aufgearbeitet. Vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal fand der "Einsatzgruppen-Prozess" statt, bei dem unter anderem auch der Leiter des Sonderkommandos 4a, Paul Blobel, angeklagt wurde. Er wurde für schuldig befunden und im Juni 1951 in Landsberg am Lech hingerichtet. Generalfeldmarschall Walter von Reichenau, der wenige Wochen nach den Morden von Babyn Jar die Wehrmachtssoldaten mit dem so genannten "Reichenau-Befehl" zur Unterstützung der rassenideologischen Kriegsziele des NS-Regimes verpflichtete, starb bereits 1942 an einem Schlaganfall.

In Darmstadt kam es von 1965 bis 1968 zu einem weiteren Einsatzgruppenprozess vor dem Landgericht, der sich speziell gegen die bisher nicht angeklagten Befehlshaber im Sonderkommando 4a richtete. Es war das letzte große Verfahren, das vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer angestoßen wurde. Erstmals thematisierte ein deutsches Gerichtsverfahren dabei die Mithilfe der Wehrmacht bei den NS-Kriegsverbrechen. Zu den Zeugen gehörte auch die Babyn-Jar-Überlebende Dina Pronitschwa. Sieben Täter wurden wegen Beihilfe zum Mord für schuldig befunden und zu Haftstrafen verurteilt, darunter auch Kuno Callsen, der zeitweise als Stellvertreter von Blobel fungierte. Der selbst in der NS-Zeit verfolgte Fritz Bauer starb wenige Monat vor der Verkündung des Urteils.

Erinnerungskultur

Der Massenmord in Babyn Jar nahm lange Zeit eine untergeordnete Rolle im Holocaustgedenken ein. Dazu trug auch die Sowjetunion bei, die bei den sowjetischen Opfern der NS-Terrorherrschaft keinen Unterschied zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Opfern der Vernichtungsaktionen machen wollte. Ein 1976 errichtetes Denkmal in Babyn Jar wies beispielsweise auf 100.000 ermordete "Bürger Kiews" hin. Ein anderer Grund war, dass der nationalsozialistische Massenmord an den Juden bis heute in erster Linie mit den Todeslagern im besetzten Polen in Verbindung gebracht wird, die von den Deutschen bewusst abseits der großen Zentren angelegt wurden. Der "Holocaust durch Kugeln" als Teil des NS-Vernichtungskriegs in Osteuropa wurde hingegen in der Öffentlichkeit seltener thematisiert. Zudem waren die Taten weniger gut dokumentiert als der industriell organisierte Massenmord in den Konzentrationslagern. Viele Täter schwiegen ihr Leben lang über das, was sie während des Krieges in der Sowjetunion getan hatten. Die Archive der sowjetischen Behörden waren bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991 für westliche Forscherinnen und Forscher nur schwer zugänglich.

In der Ukraine nehmen die gezielten Massenerschießungen von Jüdinnen und Juden in Babyn Jar seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991 einen größeren Stellenwert in der nationalen Erinnerungskultur ein. Die Schlucht selbst existiert nicht mehr, sie wurde 1962 von den Sowjetbehörden eingeebnet. Aufgrund des Drucks aus dem Ausland und von Überlebenden wurde am 29. September 1976, dem 35. Jahrestag der Morde, ein Denkmal eingeweiht, das zum 75. Jahrestag der Ereignisse 2016 saniert wurde. Nach und nach entstand ein Gedenkort mit mehreren Denkmälern und Erinnerungstafeln. Laut Planungen soll 2023 eine große, zentrale Holocaustgedenkstätte in der Nähe des Geländes eröffnen. Die Eröffnung könnte sich aber voraussichtlich verzögern. Es gibt in der Ukraine heftige Kontroversen um das Projekt: Sowohl um die inhaltliche Ausgestaltung als auch die Finanzierung des Bauvorhabens gibt es Auseinandersetzungen.

Die israelische Knesset ehrte Mitte 2021 Michael Sidko, der wohl letzte Überlebende des Massakers in Babyn Jar. Am 6. Oktober ist in Kiew anlässlich des 80. Jahrestages des Massakers eine Gedenkveranstaltung mit internationalen Staatsgästen geplant.

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Fußnoten

1.
Zitiert nach: Hartmut Rüß, Wer war verantwortlich für das Massaker von Babij Jar? In: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 2/1998, S. 492f
2.
Siehe: Bert Hoppe: Babyn Jar. Massenmord am Stadtrand.
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