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27.10.2021

Vor 60 Jahren: Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei

Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei ein Abkommen zur temporären Anwerbung von Arbeitskräften. Viele türkische Arbeitskräfte blieben dauerhaft und wurden zum Teil der deutschen Gesellschaft.

55 türkische Gastarbeiter kommen am 27.11.1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf an. Sie sind die ersten von 400 Bergleuten aus der Türkei, die sich für ein Jahr Arbeit in Deutschland verpflichtet haben. (© picture alliance / dpa | Wolfgang Hub)


Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik und die Türkei das deutsch-türkische Anwerbeabkommen. Es regelte die zeitlich begrenzte Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei nach Deutschland. Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen etwa 870.000 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen aus der Türkei in die Bundesrepublik. Etwa eine halbe Millionen Menschen gingen im gleichen Zeitraum zurück. In den folgenden Jahrzehnten migrierten viele weitere Menschen aus der Türkei, darunter die Familien der angeworbenen Arbeitskräfte. Das wirtschaftliche Abkommen wurde somit zum Beginn eines migrationspolitischen und gesellschaftlichen Wandels.

Wirtschaftliche Ziele in den 1960ern

Anfang der 1950er-Jahre erlebte die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik einen enormen Aufschwung. Zunächst wurden im Berg- und im Straßenbau dringend Arbeitskräfte gesucht, dann in der Industrie. 1960 standen in der Bundesrepublik 150.000 Arbeitssuchenden rund 650.000 offene Stellen gegenüber. Lange Zeit konnte die westdeutsche Wirtschaft Teile des steigenden Bedarfs mit geflüchteten Arbeitskräften aus der DDR decken, was jedoch mit dem Mauerbau 1961 endete. Die Türkei befand sich seit Mitte der 1950er-Jahre in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Die Arbeitslosigkeit war extrem hoch. Als 1960 die türkische Presse berichtete, dass die Bundesrepublik 15.000 türkische Arbeiter anwerben wolle, um in den Ford-Werken in Köln zu arbeiten, waren die Bereitschaft und das Interesse groß. Ein Vorbild für das deutsch-türkische Anwerbeabkommen war das 1955 unterzeichnete deutsch-italienische Anwerbeabkommen. 1960 folgten solche mit Spanien und Griechenland, dann im Laufe der 1960er-Jahre mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien . Mit den Abkommen konnten die Arbeitslosenzahlen in den Herkunftsländern gesenkt werden. Ihre Wirtschaft profitierte zudem von den Devisen, die die Arbeiterinnen und Arbeiter in ihre Heimat schickten.

"Gastarbeiterinnen" und "Gastarbeiter"

Die Anwerbung sollte aus politischer Perspektive nicht zu einer dauerhaften Niederlassung der Arbeitskräfte führen, weshalb die Arbeitsverträge zunächst befristet waren. Hierher rührt auch die Bezeichnung „Gastarbeiter“. Die überwiegend jungen, männlichen Angeworbenen wurden zumindest in den ersten Jahren oft für harte körperliche Arbeit in der Industrie eingesetzt. Ihre Arbeitsstätten wechselten oft und sie lebten häufig in Baracken oder Sammelunterkünften auf engstem Raum. Viele kamen zunächst ohne Familie. Vor der Einreise mussten sie sich akribischen medizinischen Untersuchungen stellen, die einige von ihnen mit der Musterung beim Militär verglichen. Das in den Abkommen verankerte Rotationsprinzip sah vor, dass sie nach Ablauf der Aufenthaltsfrist in die Heimatländer zurückkehren und andere an ihre Stelle treten sollten. Viele Unternehmen setzten dieses Prinzip jedoch bald aus wirtschaftlichen Gründen aus, um gut eingearbeiteten Arbeiterinnen und Arbeiter länger zu beschäftigten.

Ölkrise und Anwerbestopp

Als Folge der Ölkrise und der daraus resultierenden wirtschaftlichen Stagnation verfügte die Bundesregierung im November 1973 einen Anwerbestopp. Dadurch sollte ein Überangebot an Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt verhindert werden. Während einige Arbeiterinnen und Arbeiter aus Südeuropa in ihre Heimatländer zurückkehrten, blieben viele türkische Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in Westdeutschland. Grund dafür waren politische und wirtschaftliche Unsicherheiten in der Türkei: Militärputsch sowie Hyperinflation. Zwischen 1974 und 1980 zogen viele Familienmitglieder aus der Türkei, mehrere Hunderttausend zumeist Frauen und Kinder nach Deutschland, sodass die Zahl der türkischen Staatsbürger auf 1,4 Millionen anwuchs. 1980 flohen aufgrund des Militärputsches Zehntausende Menschen aus der Türkei nach Deutschland, um Asyl zu beantragen – viele davon waren verfolgte Intellektuelle.

Integraler Bestandteil der Gesellschaft

Die Bezeichnungen "Gastarbeiterinnen" und "Gastarbeiter" spiegelten das politische und gesellschaftliche Klima der damaligen Bundesrepublik wider. Lange spielten Fragen der Integration wie die nachträgliche Qualifizierung der Arbeitskräfte keine Rolle in der politischen Debatte. Der Fokus in den 70er Jahren lag auf der Erhaltung des Anwerbestopps und der "Rückkehrförderung". Aus dem Versäumnis einer aktiven Integrationspolitik in den 1980er Jahren folgten strukturelle Benachteiligungen der migrierten Türkinnen und Türken, die sich bis heute auf die soziale Situation auswirken. So hatten und haben Menschen mit türkischem Migrationshintergrund beispielsweise noch immer schlechtere gesellschaftliche Aufstiegschancen. Zudem erleben und erlebten sie Ausgrenzung und Rassismus und waren immer wieder Opfer rechtextremer Gewalttaten. Die Brandanschläge in Solingen und Mölln in den 1990er Jahren und Video-Icon die Mordserie des NSU in den 2000er Jahren haben bis heute tiefe Wunden hinterlassen.

Derzeit leben etwa drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland – das heißt, sie selbst oder ihre Eltern wurden nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren – und bilden somit die größte der Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiers Rede zum Festakt der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) anlässlich des 60. Jahrestages des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am 5. Oktober 2021 setzt einen Paradigmenwechsel fort. Steinmeier wirbt dafür, die Lebensleistung der nach Deutschland gekommenen Türkinnen und Türken anzuerkennen, jeder Form von Diskriminierung und Alltagsrassismus entschieden entgegenzutreten und für Chancengleichheit für Menschen mit Migrationshintergrund einzutreten. Die Menschen der zweiten, dritten und vierten Generation hätten ihren festen Platz in der Mitte der Gesellschaft und er pointiert: "Sie sind eben nicht "Menschen mit Migrationshintergrund". Sondern Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund geworden. Und es ist höchste Zeit, dass wir uns dazu bekennen." 1995 hat sich die TGD gegründet. Sie setzt sich für die Interessen türkischstämmiger Menschen in Deutschland ein und vertritt diese gegenüber der Politik und Öffentlichkeit. Atila Karabörklü, Bundesvorsitzender der TGD, spricht zum Festakt von Dankbarkeit und Stolz der ersten Generationen, "für die Chance, ein gutes, ein besseres Leben in Deutschland führen zu können." In seiner Rede kritisiert Karabörklü aber auch die fehlende Erinnerungskultur in der Gesamtgesellschaft, die mangelnde Wertschätzung der erbrachten Leistungen und migrationspolitische Versäumnisse: "Es gibt auch eine lange Reihe schmerzhafter Erfahrungen, die ihren Platz im kollektiven Gedächtnis der Deutschtürken einnehmen und die damit auch Teil unserer gemeinsamen Geschichte sind."


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