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27.8.2007

Al-Qaida

Was als loser Zusammenschluss ohne genaue Ziele begann, entwickelte sich in den 1990er Jahren zur gefährlichsten Terror-Organisation von Islamisten: al-Qaida.

al-Qaida-Chef Osama bin Laden, Foto: AP (© AP )

Die deutsche Übersetzung für al-Qaida lautet "die Basis". Bereits gegen Ende des Afghanistankrieges 1988 versuchte Usama Bin Laden diejenigen arabischen Freiwilligen in einer neuen Organisation dieses Namens aufzufangen, die am Kampf gegen die Sowjetunion teilgenommen hatten. Seine damalige Vision war, den "Heiligen Krieg" (Jihad) gegebenenfalls in anderen Ländern fortzusetzen zu können.

Es handelte sich jedoch um einen denkbar losen Zusammenschluss ohne genau definierte Ziele, so dass al-Qaida zunächst vollkommen unbedeutend blieb. Als Organisation in der Form, in der sie die Anschläge des 11. September 2001 ausführte, entstand al-Qaida erst Mitte der 1990er Jahre aus einem Bündnis der Gruppe um Usama Bin Laden und der ägyptischen Jihad-Organisation. Seit 2001 spiegelt sich diese Vereinigung auch in ihrem neuen Namen "Qaidat al-Jihad" wieder.

1. Genese

Die Gründer der al-Qaida, der Saudi-Araber Usama Bin Laden und der Ägypter Aiman az-Zawahiri, kannten sich bereits aus Afghanistan, beschlossen aber erst 1995/96, eine gemeinsame Organisation zu gründen.


Aus Saudi-Arabien kam während des Afghanistankrieges eine verhältnismäßig große Zahl von Kämpfern. Sie radikalisierten sich jedoch erst infolge des Zweiten Golfkrieges (1990/91). Auslösendes Moment war die Präsenz nicht-muslimischer Truppen auf saudi-arabischem Territorium. Damals bildete sich eine stark antiamerikanische islamistische Oppositionsbewegung, deren militanter Flügel von Bin Laden angeführt wurde und der schließlich in der al-Qaida aufging. Bin Laden musste sein Heimatland bereits 1991 verlassen und hielt sich bis 1996 im Sudan und anschließend in Afghanistan auf. Die Entscheidung, den Kampf gegen die USA und das Regime der Familie Saud aufzunehmen, scheint jedoch frühestens Ende 1993 gefallen zu sein, als die saudi-arabische Regierung Bin Laden nahe stehende Oppositionelle verhaftete. Eine genauere Festlegung seiner Ziele und Strategien erfolgte erst aufgrund des Bündnisses mit der ägyptischen Jihad-Gruppe.

Die ägyptischen Gruppierungen zielten schon seit den 1970er Jahren ausschließlich auf den Sturz ihrer eigenen Regierung ab. Der erhöhte Verfolgungsdruck nach dem Attentat auf Präsident Sadat 1981 zwang viele von ihnen ins Exil nach Afghanistan und in den Sudan, von wo aus sie sich jedoch weiter in erster Linie auf künftige Auseinandersetzungen in ihrem Heimatland vorbereiteten. Zu einem Umdenken führte erst das Scheitern des Aufstandes in Ägypten zwischen 1992 und 1997. Ein Flügel der Jihad-Organisation unter der Führung von Zawahiri änderte seine Strategie: Statt ausschließlich gegen das Regime des Präsidenten Mubarak vorzugehen, sollten die militanten Islamisten die USA angreifen, um sie dazu zu bewegen, ihre Unterstützung für Kairo aufzugeben. Nur dann würde sich gegebenenfalls die Möglichkeit ergeben, die Macht in Ägypten zu übernehmen. Zawahiri wurde ab 1996 zum Vordenker des Strategiewechsels vom "nahen Feind" (d.h. den Regimen der Heimatländer) gegen den "fernen Feind" (d.h. die USA und den Westen).

Ab 1996/97 begannen Bin Laden und Zawahiri den Aufbau der gemeinsamen Organisation in Afghanistan. Die Gelegenheit dazu bot ihnen der Aufstieg der Taliban, die weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachten und der al-Qaida erlaubten, ihr Hauptquartier und mehrere Trainingslager auf afghanischem Staatsgebiet einzurichten.

2. Organisations- und Führungsstruktur

al-Qaida war im Jahr 2001 keine homogene Organisation, sondern vor allem die Summe von Einzelgruppierungen, die meist landsmannschaftlich organisiert waren und eine innere Homogenität bewahrten, die al-Qaida als Gesamtorganisation fehlte. Die Ägypter waren eine dieser Einheiten; die saudi-arabischen Gefolgsleute Usama Bin Ladens stellten eine weitere Landsmannschaft. Viele Teilgruppierungen formierten sich um 1998 in informellen Zusammenschlüssen wie beispielsweise der Marokkanischen Kämpfenden Gruppe. Obwohl al-Qaida versuchte, die Differenzen zwischen den einzelnen Nationalitäten abzubauen, blieb ihr Integrationsgrad niedrig. Zwischen den einzelnen Teilgruppen verlief die Zusammenarbeit keineswegs spannungsfrei. So kritisierten viele Angehörige der al-Qaida die Dominanz der Ägypter in der Organisation.

Letztere spielten in der Führungsspitze von al-Qaida tatsächlich eine zentrale Rolle. Usama Bin Laden war und ist seit 1998 der unbestrittene Führer der al-Qaida, doch sein Stellvertreter Zawahiri nimmt eine sehr prominente Position ein. Dem unmittelbaren Führungskreis gehörte mit dem "Militärchef" Muhammad Atif (Abu Hafs al-Masri) bis zu dessen Tode 2001 ein weiterer Ägypter an. Um diese drei Hauptfiguren bildete sich ein informelles Beratungsgremium, genannt Shura (= Konsultations-)-Rat, in dem der erweiterte Führungszirkel der al-Qaida in Gestalt der Leiter einzelner "Fachausschüsse" vertreten war. Bei diesen handelte es sich zunächst nur um die Zuständigkeitsbereiche führender Persönlichkeiten der Organisation, weniger um fest gefügte Institutionen.

Für die Leitung der "Fachausschüsse" und der Trainingslager sowie für die Planung von terroristischen Operationen verfügte al-Qaida über eine etwas größere Zahl von mittleren Führungskadern. Der prominenteste unter ihnen war der Kuwaiti Khalid Shaikh Muhammad, der Chefplaner des 11. September. Das Fußvolk der al-Qaida bestand aus wenigen tausend Rekruten aus der gesamten arabischen Welt. Nur in Ausnahmefällen schlossen sich Nichtaraber der Organisation an.

3. Ideologie und Ziele

Die Ideologie der al-Qaida ist eine eigentümliche Verbindung des revolutionären Denkens des Ägypters Sayyid Qutbs (1906-1966) und seiner militanten Adepten im Ägypten der 1960er und 1970er Jahre mit der Gedankenwelt der saudi-arabischen Wahhabiya. Ihre Ziele hat die al-Qaida bisher nicht genau und umfassend definiert, vermutlich, um für möglichst viele Jihadisten weltweit attraktiv zu sein. Entsprechend ihrer landsmannschaftlichen Struktur (und in der Nachfolge Sayyid Qutbs) betreibt sie in erster Linie den Sturz der Regierungen aller arabischen Länder – bis 2001 in erster Linie in Ägypten und Saudi-Arabien. Mit der Internationalisierung ihrer Strategie ab 1997 beschlossen Bin Laden und Zawahiri zusätzlich, den gemeinsamen "fernen Feind", die USA, anzugreifen, um die Amerikaner zum Rückzug aus Saudi-Arabien sowie zum Einstellen ihrer Finanzhilfen an Ägypten zu zwingen und auf diese Weise die Regime ihrer Heimatländer zu schwächen.

Darüber hinaus sind die Ziele der al-Qaida nur ungenau bekannt. Seit 2001 propagiert die Organisation auch die Vernichtung Israels als ein wichtiges Ziel. In den daraufhin befreiten Staaten der arabischen und islamischen Welt will die al-Qaida einen übernationalen islamischen Staat begründen, der von einem Kalifen geführt werden soll. Darüber hinausgehende politische Ordnungsvorstellungen hat al-Qaida bisher noch nicht publik gemacht. Es ist aufgrund der wahhabitischen Prägung Bin Ladens und vieler seiner Gefolgsleute allerdings davon auszugehen, dass der al-Qaida-Führung der Staat der Taliban in Afghanistan und das wahhabitische Saudi-Arabien im 18. Jahrhundert als Modelle dienen. Kurzfristig geht es al-Qaida insbesondere um das Ende der amerikanischen Besatzung des Irak und die Destabilisierung des neuen irakischen Staates. Von dort plant sie eine Ausweitung des Kampfes auf dessen unmittelbare Nachbarstaaten und Ägypten.

Über die "Befreiung" der arabischen und islamischen Welt hinaus zielt al-Qaida darauf ab, all diejenigen Territorien zu erobern, in denen zwar Muslime leben, die gegenwärtig jedoch von Nichtmuslimen beherrscht werden. Hierzu gehören neben Israel vor allem Tschetschenien, Ost-Timor, die südlichen Philippinen, Südthailand, Nordnigeria und einige weitere Länder. Bin Laden und Zawahiri haben keine Grenzen der Expansion benannt. Dasselbe gilt für ihre Intentionen jenseits der islamischen Welt. Zwar geht es al-Qaida um den Rückzug der USA nicht nur aus der arabischen und islamischen Welt, sondern aus der Weltpolitik insgesamt. Ob sie allerdings nach dem Erreichen ihrer unmittelbaren Ziele eine Fortsetzung des Kampfes gegen den Westen anstrebt, ist unbekannt.

4. Strategie und Vorgehensweisen

Die Strategie der al-Qaida ist darauf ausgerichtet, durch spektakuläre terroristische Anschläge auf amerikanische Ziele die USA zum Rückzug aus der arabischen Welt zu bewegen. Sie beschränkt sich dabei ausdrücklich nicht auf militärische Ziele, sondern hat im Februar 1998 offen erklärt, dass sie Militär und Zivilisten gleichermaßen bekämpft. Dem ersten nachweislich der al-Qaida zuzuschreibenden Anschlag auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 folgten ein Attentat auf den Zerstörer USS Cole im Hafen von Aden im Oktober 2000 und schließlich die Anschläge vom 11. September 2001. Gleichzeitig förderte sie finanziell und logistisch weitere Anschlagsplanungen, die von Gruppen und Einzelpersonen durchgeführt wurden, die nicht zum Kernbereich der al-Qaida gehörten, ihr aber dennoch eng verbunden waren. Deren Zielspektrum wich häufig von dem der al-Qaida ab. Hierzu gehörten beispielsweise Planungen für Anschläge zum Jahreswechsel 1999/2000 in den USA und in Jordanien.

Nach 2001 erweiterte al-Qaida ihre Zielauswahl und griff vermehrt jüdische und israelische Ziele an. Hierzu gehörten Attentate auf israelische Touristen in Kenia im November 2002 und auf eine Synagoge in Istanbul im November 2003. Parallel ging al-Qaida dazu über, in Kooperation mit lokalen militanten Gruppierungen Anschläge auf westliche und einheimische Ziele in Pakistan zu verüben. Möglicherweise ist sie auch für die Anschläge pakistanischstämmiger Briten in London mitverantwortlich. Darüber hinaus bemüht sich die al-Qaida-Führung, junge Muslime weltweit zu terroristischen Anschlägen gegen diejenigen Staaten zu bewegen, die die Irak-Politik der USA unterstützen, insbesondere gegen solche, die Truppen im Irak stationiert haben.

5. Entwicklungstendenzen

Die Führungsspitze der al-Qaida lebt seit dem Winter 2001/2002 weitgehend isoliert in den pakistanischen Bergen nahe der afghanischen Grenze. Sie kann nur noch eingeschränkt mit anderen Teilen der Organisation kommunizieren. Stattdessen veröffentlichen Bin Laden und Zawahiri seit Oktober 2001 Audio- und Videobotschaften, die sie über arabische Fernsehsender und das Internet veröffentlichen. So versuchen sie, ihre Anhänger weltweit anzuleiten: Neben Propaganda verbreiten sie ideologische, strategische und taktische Informationen (wie z.B. konkrete Zielvorgaben), so dass sich die al-Qaida immer mehr von einer Organisation zu einer ideologisch-strategischen Leitstelle entwickelt. Seit 2003 scheint die al-Qaida-Führung bewusst nur noch die strategische Ausrichtung vorzugeben, während lokale, autonom operierende Gruppen versuchen, in deren Sinne zu operieren. Dies gilt insbesondere für Europa, wo es seit 2003 zunehmend schwieriger wird, Anschläge und Anschlagsplanungen auf al-Qaida oder deren Umfeld zurückzuführen. Dies war beispielsweise nach den Anschlägen von Madrid im März 2004 und in London im Juli 2005 der Fall. Immer häufiger ist in diesem Zusammenhang von "homegrown-terrorism" die Rede.

Ein neuartiges Phänomen, das 2003 erstmals aufgetreten ist, ist die Entstehung von regionalen oder nationalen al-Qaida-Ablegern. In Saudi-Arabien wurde im Frühjahr 2003 al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel gegründet, die zumindest bis 2005 als integraler Bestandteil der al-Qaida Bin Ladens gelten konnte. Bei al-Qaida im Zweistromland (Oktober 2004) und al-Qaida im Islamischen Maghreb (Februar 2007) handelt es sich hingegen um eigenständige Organisationen mit eigenen Zielen und Strategien. Sie haben sich der Mutterorganisation nur angeschlossen, um ihre Rekrutierungs- und Finanzierungsmöglichkeiten zu verbessern.

Ausgewählte Literatur

Bergen, Peter L.: Heiliger Krieg Inc. Osama bin Ladens Terrornetz, Aktualisierte Neuauflage, Berlin: Berliner Taschenbuch-Verlag 2003

Gerges, Fawaz A.: The Far Enemy. Why Jihad went global, Cambridge: University Press 2005 Kepel, Gilles/ Jean-Pierre Milelli (Hrsg.): al-Qaida. Texte des Terrors, München/Zürich: Piper 2006

Musharbash, Yassin: Die neue Al-Qaida. Innenansichten eines lernenden Terrornetzwerks, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2006

Sageman, Marc: Understanding Terror Networks, Philadelphia: University of Pennsylvania Press 2004

Steinberg, Guido: Der nahe und der ferne Feind. Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus, München: Beck 2005

Wright, Lawrence: The looming Tower. Al-Qaeda and the road to 9/11, New York: Knopf 2006

Guido Steinberg

Zur Person

Guido Steinberg

Dr. Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler und arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Von 2002 bis 2005 war er Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt.


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