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11.8.2014

Die drei Sektoren der beruflichen Bildung – Duales System

Das duale System ist das gefragteste Modell der Berufsausbildung. Im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule werden den Auszubildenden Kenntnisse vermittelt. Sie stehen dabei in einem vertraglich geregelten Ausbildungsverhältnis und werden in einem Beruf ausgebildet, der ebenfalls vertraglich festgelegt ist. Die Ausbildungsinhalte sind bundesweit einheitlich. Jährlich werden in Deutschland über eine halbe Million junge Menschen in dualen Ausbildungsverhältnissen ausgebildet.

Schreinerwerkstatt der Don-Bosco-Berufsschule in Würzburg. Die Don-Bosco-Berufsschule unterrichtet Berufsschüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf und bietet dafür maßgeschneiderte Stundenpläne. (© picture-alliance/dpa, Daniel Karmann)



Duales System



Die duale Berufsausbildung ist in Deutschland das gefragteste Modell der Berufsausbildung. Zum 30.09.2013 wurden 530.714 neu geschlossene Ausbildungsverträge vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) registriert. Das sind 3,7 % weniger als im Vorjahreszeitraum. 59,5 % der neuen Ausbildungsverträge wurden von jungen Männern abgeschlossen. Rund 60 % aller Ausbildungsbeginne entfielen auf den Industrie- und Handelsbereich. Die duale Berufsausbildung dauert je nach Beruf zwischen zwei und dreieinhalb Jahre und endet mit Bestehen einer Abschlussprüfung, die den Absolventen die berufliche Handlungsfähigkeit in diesem Beruf bescheinigt. Die Ausbildungsinhalte und Rahmenbedingungen sind in bundesweit einheitlichen Ordnungen festgelegt.

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Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ist das anerkannte Kompetenzzentrum zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Das BIBB identifiziert Zukunftsaufgaben der Berufsbildung, fördert Innovationen in der nationalen wie internationalen Berufsbildung und entwickelt neue, praxisorientierte Lösungsvorschläge für die berufliche Aus- und Weiterbildung.

Der technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel stellt hohe Anforderungen an die Qualifikation der Fachkräfte in den Unternehmen. Maßgebliche Grundlage für diese Qualifikationen sind in Deutschland die duale Berufsausbildung und die betriebliche Weiterbildung. Die Ausbildung im dualen System ist zugleich Basis für lebensbegleitendes Lernen. Berufliche Aus- und Weiterbildung sind Investitionen in die Zukunft.

Das BIBB wurde 1970 auf der Basis des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) gegründet. Somit ist es seit mehr als 40 Jahren als Einrichtung des Bundes für die Politik, die Wissenschaft und die Praxis beruflicher Bildung tätig.

Seine heutige Rechtsgrundlage ist das Berufsbildungsgesetz vom 23. März 2005, das die Aufgaben des Instituts beschreibt. Mit seinen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie Beratungsaktivitäten trägt das BIBB dazu bei, durch zukunftsfähige Qualifikationen die wirtschaftliche und berufliche Zukunft der Menschen zu sichern und den Standort Deutschland wettbewerbsfähig zu halten.

Das BIBB wird als bundesunmittelbare, rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts aus Haushaltsmitteln des Bundes finanziert und untersteht der Rechtsaufsicht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Es hat seit 1999 seinen Sitz in Bonn.

Quelle: http://www.bibb.de/

Im dualen System schließen Auszubildende und Ausbildungsvertrieb einen Ausbildungsvertrag miteinander. Ausgebildet werden die Auszubildenden nicht ausschließlich im Betrieb, sondern an zwei Lernorten: Dem Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule. Im Ausbildungsbetrieb werden überwiegend praktische Kenntnisse vermittelt, der Berufsschulunterricht umfasst hauptsächlich theoretische Inhalte. Die Auszubildenden sind an 3-4 Tagen der Woche in ihrem Ausbildungsbetrieb und an 1-2 Tagen in der Berufsschule. In einigen Ausbildungsberufen wird der Berufsschulunterricht nicht wöchentlich, sondern in Form eines Blockunterrichts durchgeführt, der mehrere Wochen andauert. Für beide Formen des Berufsschulunterrichts werden die Auszubildenden von ihren Ausbildern freigestellt und erhalten ihre Ausbildungsvergütung weiter. Die Betriebe können frei über die Auswahl und Einstellung ihrer Auszubildenden entscheiden. Eine festgeschriebene Mindestanforderung hinsichtlich des Schulabschlusses gibt es nicht, sie wird letztendlich individuell vom Ausbildungsbetrieb festgelegt.

Neu geschlossene Ausbildungsverträge, jeweils zum 30.09. des Jahres (PDF-Icon Grafik zum Download 45 KB) (© bpb)

Aufgrund des obligatorischen Berufsschulbesuchs und der zunehmenden Relevanz theoretischer Ausbildungsinhalte ist ein formaler Schulabschluss jedoch zumeist die Mindestvoraussetzung. Vereinzelt setzen Ausbildungsbetriebe auch eine bestandene Abiturprüfung voraus, um eine Berufsausbildung in ihrem Betrieb beginnen zu können. Die Ausbildung endet mit einer Abschlussprüfung, die sich in eine theoretische und eine praktische Prüfung unterteilt. Die Abschlussprüfungen werden vor einem Prüfungsausschuss absolviert und entsprechen bundesweiten Standards. Der Prüfungsausschuss führt die Prüfungen nach Vorgabe der zuständigen berufsständischen Organisationen (z.B. Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer) und der jeweiligen Ausbildungs- und Prüfungsordnung durch. Das Bestehen der Prüfung bedeutet, dass dem Auszubildenden eine berufliche Handlungsfähigkeit in seinem Beruf bescheinigt wird. Er/Sie darf fortan in seinem Ausbildungsberuf als Fachkraft tätig sein. Die duale Berufsausbildung ist demnach von einer starken Verknüpfung theoretischer und praktischer Ausbildungsinhalte geprägt.

Am häufigsten wurden im Jahr 2013 Ausbildungsverträge für die Berufe Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Verkäufer/-in, Bürokaufmann/-frau, Kraftfahrzeugmechatroniker/-in und Industriekaufmann/-frau geschlossen. Unbesetzt blieben am häufigsten Ausbildungsstellen zum Restaurantfachmann/-frau, Fachmann/-frau für Systemgastronomie, Fleischer/-in, Fachverkäufer/-in im Lebensmittelhandwerk und Fachkraft im Gastgewerbe. Geschlechtsspezifisch lassen sich deutliche Unterschiede feststellen. Aus einem derartigen Ranking lässt sich jedoch keine Liste der beliebtesten oder unbeliebtesten Berufe ableiten, da die Anzahl der offenen und besetzten Ausbildungsstellen abhängig von dem Ausbildungsstellenangebot ist und daher nicht – zumindest nicht ausschließlich – vom Berufswunsch der Bewerber/-innen.

Bei Beginn der Berufsausbildung sind die Auszubildenden des dualen Systems im Durchschnitt 20 Jahre alt, Abiturienten sind mit einem Durchschnittsalter von 21,1 Jahren erwartungsgemäß älter als Auszubildende mit mittlerem Schulabschluss. Knapp 43 % der Ausbildungsbeginner/-innen im dualen System verfügten 2012 über einen mittleren Schulabschluss. Etwa jede/r Vierte hatte mindestens die Fachhochschulreife. Etwa jedes fünfte Ausbildungsverhältnis wird vorzeitig aufgelöst, wobei die Zahl der Ausbildungsabbrüche im Handwerk und in den freien Berufen leicht über denen in Industrie und Handel liegt. Ein vorzeitiger Ausbildungsabbruch kann einerseits durch den Arbeitgeber angestrebt werden. Hierzu bedarf es nach Beendigung der Probezeit jedoch besonderer Gründe, wie beispielsweise einem mehrfachen Fehlverhalten (z.B. unentschuldigtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz) des Auszubildenden. Eine Vertragslösung führt jedoch nicht unbedingt zu einem dauerhaften Ausscheiden des Auszubildenden aus dem dualen System. Häufig geht er einem Betriebs- oder Berufswechsel voraus. Die folgende Darstellung enthält daher die Vertragslösungsquote. Eine Ausbildungsabbruchquote ist deutlich niedriger und kann statistisch deutlich schwieriger erfasst werden, sie ist daher ungenauer.

Vertragslösungsquote seit 2000

Jahr Lösungsquote alt*Lösungsquote neu
2000 23,7 % ---
2001 23,7 % ---
2002 24,1 % ---
2003 21,9 % ---
2004 21,0 % ---
2005 19,9 % ---
2006 19,8 % ---
2007 ------
2008 21,5 % ---
2009 22,6 % 22,1 %
2010 23,3 % 23,0 %
2011 24,5 % 24,4 %
*Bis 2009 berechnete das BIBB die Lösungsquote nach dem Schichtmodells. Seit 2009 wird eine neue verbesserte Berechnungsmethode verwendet. Für 2007 liegen keine Daten vor.

Quelle: Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2013
http://datenreport.bibb.de/media2013/BIBB_Datenreport_2013.pdf, S. 183

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Verbundausbildung (Ausbildungspartnerschaft)

Traditionell schließen Auszubildende ihren Ausbildungsvertrag mit dem Ausbildungsbetrieb in dem sie ausgebildet werden. Wenn kleine Unternehmen nicht alleine alle Ausbildungsinhalte eines Berufes, die per Ausbildungsordnung vorgesehen sind, vermitteln können, dann können Ausbildungspartnerschaften mit weiteren Unternehmen geschlossen werden. Dies geschieht zum Beispiel, wenn Betriebe spezielle Verfahren nicht anwenden und daher nicht über entsprechende Werkzeuge oder Maschinen verfügen oder wenn einzelne ausbildungsrelevante Arbeiten durch Fremdunternehmen ausgeführt werden. Der Betrieb des Ausbildungspartners stellt dann einen (weiteren) Lernort dar, an dem die Auszubildenden ausgebildet werden. Der Auszubildende wechselt für das Erlernen spezieller Ausbildungsinhalte das Ausbildungsunternehmen. Neben einem zweiten Betrieb werden auch häufig Bildungsträger als Partner der Verbundausbildung herangezogen. Ebenso ist ein Modell möglich, indem ein Betrieb aufgrund von starkem Interesse an der Gewinnung von Fachkräften einen ausbildungsfähigen Betrieb vollumfänglich mit der Berufsausbildung eines Auszubildenden beauftragt und das Partnerunternehmen für die Ausbildungstätigkeit entlohnt. Einige Kammern unterhalten eigene Bildungszentren, in denen Auszubildende im Rahmen betriebsübergreifender Lehrgänge bestimmte Ausbildungsinhalte erlernen können, die für ihre Berufsausbildung relevant sind.

2005 wurde die Möglichkeit der Verbundausbildung in das Berufsbildungsgesetz aufgenommen. Seit-her können auch mehrere Unternehmen gemeinsam eine Berufsausbildung durchführen. Gerade kleinen und mittleren Unternehmen fällt es häufig schwer, zum ersten Mal in einem Ausbildungsberuf auszubilden. Dies kann an den betrieblichen Strukturen, der Personalsituation oder den Ausbildungskosten liegen. Um diesen Unternehmen einen Anreiz zur (Erst-)Ausbildung zu bieten, sehen einige Bundesländer eine finanzielle Förderung für die Ausbildungsbetriebe vor, die auf Antrag bewilligt werden kann.

Historie



Die duale Berufsausbildung ist nicht das Ergebnis bewusster Planung, sie ist vielmehr in einem komplexen historischen Prozess zu einem in sich gefügten Ganzen gewachsen. Betriebslehre und Berufsschule haben sich lange Zeit mehr oder weniger unabhängig voneinander entwickelt und sich erst sehr spät zu einem speziellen Qualifikationssystem, eben dem "dualen System", zusammengefunden und sind schließlich bewusst weitergestaltet worden.

Zu Beginn wurde die Ausbildung im Handwerk von den Zünften betrieben, um eine geregelte Meisterausbildung zu etablieren und eine ausreichende Anzahl qualifizierter Nachwuchskräfte zu sichern. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Ausbildung eine rein handwerkliche Domäne. Erst 1821 wurde die erste Lehrwerkstätte außerhalb des Handwerks gegründet. 1830 bestanden bereits in mehreren deutschen Ländern berufliche Fortbildungsschulen. Die Lehrinhalte orientierten sich dabei an den Berufen der Schüler. In der Gewerbeverordnungsnovelle von 1897 wurde das duale Prinzip der Berufsausbildung – praktische Ausbildung im Betrieb, theoretischer Unterricht in der Berufsschule – erstmals festgeschrieben. Im Jahr 1923 wurde in Preußen der Begriff der "Berufsschule" eingeführt. Ab Mitte der 1920er Jahre nahm die Lehrlingsausbildung auch in der Industrie Gestalt an. Ab 1930 wurden in den Kammern Prüfungen für die Industrielehrlinge abgenommen. Die Nationalsozialisten führten 1938 die klassische Pflichtberufsschule mit den einheitlichen Bezeichnungen Berufsschule, Berufsfachschule und Fachschule ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Berufsschulrecht der NS-Zeit weitgehend beibehalten (Berufsschulpflicht, Berufsschullehrer als Landesbeamte, Landkreise bzw. Städte als Schulträger u.a.). Der Begriff duales System der Berufsausbildung wurde aber erst vom Deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen in seinem "Gutachten über das berufliche Ausbildungs- und Schulwesen" im Jahre 1964 geprägt.

Entscheidende Impulse wurden mit der Inkraftsetzung des Berufsbildungsgesetzes 1969 gesetzt. Hierin wurden die Interessen des Staates, der Arbeitgeber/-innen und Arbeitnehmer/-innen berücksichtigt. Grundlegend war, dass das So wurde das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft federführend für den Bereich der beruflichen Bildung, womit der Einfluss der Arbeitgeber/-innen auf die Ausbildung begrenzt wurde. Das Gesetz stellt den Schlussstein der Entstehung des modernen deutschen dualen Berufsbildungssystems dar, wie wir es heute kennen. Dem Bundesinstitut für Berufsbildung obliegen die zugehörigen Forschungs- und Verwaltungsaufgaben.

Rechtliche Rahmenbedingungen



Aufgrund der Dualität der Berufsausbildung und der föderalistischen Struktur Deutschlands gelten für die beiden Lernorte unterschiedliche gesetzliche Grundlagen. Das BBiG beschreibt die rechtlichen Sachverhalte zur Durchführung der Berufsausbildung, Prüfungen, Überwachung der Ausbildung, beruflichen Fortbildung und beruflichen Umschulung. Es ist somit das wichtigste Gesetz zur Durchführung und Ordnung der Berufsausbildung. Auf Grundlage des BBiG und der Handwerksordnung (HwO) wird für jeden Ausbildungsberuf eine Ausbildungsordnung erlassen, die die zentralen Ausbildungsinhalte und Rahmenbedingungen regelt. Ihr Erlass erfolgt gem. § 4(1) BBiG durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie oder das sonstige zuständige Fachministerium im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Ausbildungsordnung enthält die zentralen Regelungen für die Ausbildung des jeweiligen Berufs. Das umfasst die genaue Berufsbezeichnung, die Ausbildungsdauer (hier sind insbesondere die Möglichkeiten der verkürzten oder verlängerten Ausbildungszeit aufgeführt), das Berufsbild, den Ausbildungsrahmenplan und die Prüfungsanforderungen. Der Ausbildungsrahmenplan stellt eine gesetzliche Anleitung zur sachlichen und zeitlichen Gliederung der Vermittlung der Ausbildungsinhalte dar, d.h. in ihm ist z.B. festgelegt, welche Kenntnisse im welchem Ausbildungsjahr vermittelt werden.

Für die Ausbildung in den Berufsschulen sind die Kultusminister/-innen in den 16 Bundesländern verantwortlich, die sich im Rahmen der Kultusministerkonferenz untereinander abstimmen. Der Lehrplan der Berufsschule enthält etwa ein Drittel allgemeinbildende und etwa zwei Drittel berufsbezogene Inhalte. Die Rahmenlehrpläne bauen grundsätzlich auf dem Qualifikationsniveau des Hauptschulabschlusses auf. Um auf individuelle oder regionale Gegebenheiten reagieren zu können, müssen die Bundesländer die Rahmenlehrpläne der Kultusministerkonferenz nicht unverändert übernehmen. Sie können diese auch in eigenen Lehrplänen umsetzen. Die Rahmenlehrpläne werden von Verlagen und auch auf der Webseite der Kultusministerkonferenz veröffentlicht.

Die Auszubildenden schließen mit ihrem Ausbildungsbetrieb einen Ausbildungsvertrag. Die Inhalte des Vertrags sind gesetzlich im Berufsbildungsgesetz (BBiG) vorgeschrieben. Er muss u.a. Angaben über den Ausbildungsberuf, die Dauer der Ausbildung und Probezeit, regelmäßige Arbeitszeit und Urlaubsanspruch, Ausbildungsvergütung und Bedingungen zur Vertragsbeendigung enthalten.

Entwicklung der durchschnittlichen Ausbildungsvergütung seit 2000 (PDF-Icon Grafik zum Download 50 KB) (© bpb)

Ist der Ausbildungsbetrieb an Tarifverträge gebunden, so muss er sich auch an die tariflichen Bestimmungen für Auszubildende halten. Es können z.B. die Ausbildungsvergütung, die Dauer des Urlaubs und die Regelung für die Übernahme des Auszubildenden nach dem Bestehen der Abschlussprüfung in ein Beschäftigungsverhältnis durch die Sozialpartner verhandelt werden. Aufgrund der Tarifautonomie variiert die Ausbildungsvergütung zwischen den einzelnen Branchen und Berufen. Zum Schutz der Auszubildenden können auch Ausbildungsbetriebe, die nicht tariflich gebunden sind, die Ausbildungsvergütung nicht nach eigenem Ermessen festlegen. Sie müssen mindestens 80 % der branchenüblichen tariflichen Ausbildungsvergütung leisten oder bei fehlender Tarifbindung einen Richtwert bei der zuständigen Kammer erfragen. Die Entwicklung der durchschnittlichen Ausbildungsvergütung zeigt die folgende Grafik.

Ausbildungsvergütung in 20 ausgewählten Berufen (PDF-Icon Grafik zum Download 58 KB) (© bpb)

Die Höhe der Ausbildungsvergütung wird ebenso wie Arbeitsentgelte von den Sozialpartnern, den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden, ausgehandelt. Die oben stehende Grafik zeigt ausschließlich die Höhe tariflicher Ausbildungsvergütungen. Die Ausbildungsvergütung wird dabei nicht für jeden Ausbildungsberuf einzeln ausgehandelt, sondern jeweils für Branchen. Dementsprechend können deutliche Unterschiede in der Ausbildungsvergütung von Auszubildenden bestehen, die zwar im gleichen Beruf, jedoch von Betrieben, die unterschiedlichen Branchen zugehörig sind, ausgebildet werden.

Arbeitsrechtliche Bestimmungen gelten auch für die betriebliche Ausbildung, z. B. die Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs, des Jugendarbeitsschutzgesetzes und des Mutterschutzgesetzes. Zudem gilt für Auszubildende nach Vollendung der vereinbarten Probezeit ein besonders umfassender Kündigungsschutz nach dem BBiG. Das Ausbildungsverhältnis kann durch den Ausbildungsbetrieb nicht ordentlich gekündigt werden. Auszubildende können nur gekündigt werden, wenn ein wichtiger Grund vorliegt, der eine fristlose Kündigung rechtfertigt. Fristlos darf dann gekündigt werden, wenn die Weiterführung des Ausbildungsverhältnisses für den Ausbildungsbetrieb nicht zumutbar ist. Die fristlose Kündigung muss innerhalb von zwei Wochen erfolgen.

Übergang in die Berufstätigkeit



Der Übergang in den Beruf nach dem erfolgreichen Abschluss einer Berufsausbildung im dualen System ist idealtypisch die Übernahme durch den Ausbildungsbetrieb in ein qualifiziertes Arbeitsverhältnis oder der Übergang in eine qualifizierte Tätigkeit in einem anderen Betrieb. Von einer Übernahme ist die Rede, wenn der Auszubildende nach abgeschlossener Berufsausbildung lückenlos durch den Ausbildungsbetrieb als qualifizierte Fachkraft weiterbeschäftigt wird. Eine gesetzliche Übernahmepflicht existiert nicht. Jedoch sind häufig Übernahmeregelungen auf Basis von tarifvertraglichen Vereinbarungen getroffen worden, die zumindest eine zeitlich befristete Anstellung im Anschluss an die abgeschlossene Ausbildung vorsehen. In einigen Fällen ist die Übernahme an Bedingungen geknüpft, z.B. das Erreichen einer guten Abschlussnote. Im Tarifvertrag der Auszubildenden des öffentlichen Dienstes (TVAÖD) heißt es hierzu:

§ 16a TVAÖD

Auszubildende werden nach erfolgreich bestandener Abschlussprüfung bei dienstlichem bzw. betrieblichem Bedarf im unmittelbaren Anschluss an das Ausbildungsverhältnis für die Dauer von zwölf Monaten in ein Arbeitsverhältnis übernommen, sofern nicht im Einzelfall personenbedingte, verhaltensbedingte, betriebsbedingte oder gesetzliche Gründe entgegenstehen. Im Anschluss daran werden diese Beschäftigten bei entsprechender Bewährung in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen.

Der dienstliche bzw. betriebliche Bedarf muss zum Zeitpunkt der Beendigung der Ausbildung nach Satz 1 vorliegen und setzt zudem eine freie und besetzbare Stelle bzw. einen freien und zu besetzenden Arbeitsplatz voraus, die/der eine ausbildungsadäquate Beschäftigung auf Dauer ermöglicht.

Bei einer Auswahlentscheidung sind die Ergebnisse der Abschlussprüfung und die persönliche Eignung zu berücksichtigen. Bestehende Mitbestimmungsrechte bleiben unberührt.

Gemäß dem TVAÖD werden Auszubildende nach Bestehen der Abschlussprüfung grundsätzlich für die Dauer von zwölf Monaten übernommen und gehen danach nach Möglichkeit in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis über. Sollte es mehr (ehemalige) Auszubildende als Einstellungsmöglichkeiten geben, so werden bei der Auswahl die persönliche Eignung und die Ergebnisse der Abschlussprüfung berücksichtigt. Auch die IG Metall hat für Auszubildende der Metall- und Elektroindustrie in den Tarifverhandlungen 2012 ein grundsätzliches Recht auf unbefristete Übernahme nach der Ausbildung durchsetzen können. Für Auszubildende dieses Bereichs prüft der Betriebsrat spätestens sechs Monate vor dem erwarteten Ausbildungsende die Möglichkeit einer Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Ist dies nicht möglich, werden die Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen zunächst für zwölf Monate in ein befristetes Arbeitsverhältnis übernommen, vor dessen Ende erneut die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis geprüft werden muss. Die Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen sind nach Abschluss der Ausbildung jedoch nicht verpflichtet, bei ihrem Ausbildungsbetrieb tätig zu sein.

Die Übernahme in eine qualifizierte Tätigkeit gelingt den Auszubildenden des dualen Systems vergleichsweise gut. 61 % der Ausbildungsabsolventen aus dem Jahr 2010 wurden durch den Ausbildungsbetrieb in eine qualifizierte Tätigkeit übernommen. Dabei übernahmen große Betriebe (mehr als 500 Mitarbeitende) ihre Auszubildenden deutlich häufiger als kleine Betriebe. Zwölf Monate nach Beendigung der Ausbildung waren 83,6 % der Auszubildenden, die im Jahr 2008 ihre Berufsausbildung abgeschlossen haben, in Voll- oder Teilzeit beschäftigt. Dies konnte durch eine Befragung zwölf Monate nach Ausbildungsabschluss nachgewiesen werden. Ausbildungsbetriebe haben grundsätzlich ein Interesse an der Übernahme des Auszubildenden in ein qualifiziertes Arbeitsverhältnis, da sie die Ausbildungskosten getragen haben und mit ihren ehemaligen Auszubildenden über qualifizierte Mitarbeiter/-innen verfügen, die die betrieblichen Strukturen und Arbeitsprozesse gut kennen.

Diskurs über die duale Berufsausbildung



Ein Kritikpunkt des dualen Berufsausbildungssystems ist die zentrale Rolle der Betriebe. Sie entscheiden über die Annahme und Ablehnung von Bewerber/-innen und neben dem Angebot der Ausbildungsberufe auch über die Anzahl der Auszubildenden. Sie bestimmen daher den Ausbildungsmarkt maßgeblich. Einerseits sollten die Betriebe ihren Nachwuchsbedarf am besten einschätzen und frühzeitig handeln (also bedarfsgerecht ausbilden) können. Andererseits wird vor dem Hintergrund des befürchteten Fachkräftemangels darauf hingewiesen, dass es den Betrieben in der Vergangenheit gerade nicht gelungen ist, den Fachkräftebedarf richtig einzuschätzen und frühzeitig zu reagieren. Regelmäßig wird daher über die Einführung einer Ausbildungsabgabe diskutiert, die von Betrieben geleistet werden soll, die nicht in ausreichendem Maß ausbilden.

Befürworter/-innen der Ausbildungsplatzabgabe legen dar, dass auf diese Weise ein finanzieller Anreiz zur Ausbildung gesetzt werden könnte und mit den zusätzlich gewonnen Mitteln Ausbildungsplätze an anderer Stelle subventioniert werden könnten. Gegner/-innen der Ausbildungsplatzabgabe stellen sie als nicht zielführend dar, da vor allem der bürokratische Aufwand in den Betrieben erhöht werden würde. Für eine Ausbildungsabgabe sprachen sich in der Vergangenheit vor allem die Gewerkschaften und die Partei die Linke aus, Arbeitgeberverbände und die Parteien CDU und FDP äußerten sich ablehnend. In der SPD gab es in der Vergangenheit Gegner/-innen und Befürworter/-innen der Ausbildungsplatzabgabe, deren Einführung derzeit von den Sozialdemokraten jedoch nicht verfolgt wird.

Um allen Ausbildungssuchenden den Zugang zu einer Ausbildungsstelle zu ermöglichen, forderten der Deutsche Gewerkschaftsbund und die SPD-Bundestagsfraktion zuletzt die Einführung einer Ausbildungsplatzgarantie für Hauptschüler/-innen.

Florian Hagenmiller, DGB-Bundesjugendsekretär

Für viele junge Menschen ist die Situation auf dem Ausbildungsmarkt immer noch schlecht. Über 260.000 junge Menschen sind 2012 in Warteschleifen im Übergangsbereich, ohne Aussicht auf eine abgeschlossene Ausbildung. Hier wird mit der Zukunft dieser jungen Menschen gespielt.

Die schwarz-gelbe Regierungskoalition setzte im Jahr 2011 bereits auf eine Verlängerung des seit 2004 bestehenden nationalen Ausbildungspaktes, in dessen Rahmen sich die Bundesregierung und die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft auf eine gemeinsame Strategie zur Schaffung neuer Ausbildungsplätze verständigten. Die Ausbildungsabgabe wird nur bei Nichteinhaltung des Ausbildungspaktes erhoben. 2013 konnten die Ziele des Ausbildungspakts erfüllt werden: 7,2 % aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten waren Auszubildende (Ziel Ausbildungsquote: 7 %). Aufgrund der demografischen Entwicklung und dem Wandel zu einem Überangebot an Ausbildungsstellen und mangelnden Bewerberzahlen fordert die CDU eine europaweite Mobilität von Auszubildenden und einen europäischen Ausbildungspakt.

Ursula von der Leyen, Ex-Bundesarbeitsministerin (CDU)

Im Süden suchen junge Menschen verzweifelt nach Arbeit, während in Deutschland viele Lehrstellen unbesetzt bleiben. Das müssen wir zusammenbringen. Und die europäische Wirtschaft muss im eigenen Interesse Ausbildungsplätze schaffen. Wir brauchen einen Ausbildungspakt für Europa.

Quelle:Tagesspiegel, 29.06.13

Ein weiterer Kritikpunkt am dualen System ist die frühzeitige Festlegung der jungen Auszubildenden auf einen Beruf. Durch diese frühzeitige Festlegung auf ein Berufsbild nimmt die berufliche Flexibilität ab. Diese Rigidität wird unterstützt durch Ausbildungsordnungen, deren Änderungen stets lange Veränderungsprozessen vorausgehen. Durch die tiefgehenden Unterschiede zwischen dem deutschen und anderen europäischen Berufsausbildungssystemen seien in Deutschland erworbene Qualifikationen zudem weniger übertragbar als andere. Forscher/-innen, die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) eine Studie über die Flexibilisierung der Berufsausbildung durchführten kamen zu dem Schluss, dass eine Modularisierung der deutschen Berufsausbildung, also die Zerlegung der Berufsausbildung in einzelne in sich abgeschlossene Module, die Flexibilität der dualen Ausbildung erhöhen und somit den Grad ihrer Verwertbarkeit im europäischen Ausland steigern könnte. Dabei darf nicht vergessen werden, dass gerade der hohe Spezialisierungsgrad und die enge Anbindung an Unternehmen den Ausbildungsbetrieben Anreiz zur dauerhaften Übernahme der eigenen Auszubildenden bietet, sind diese doch in einem hohen Grad auf die Tätigkeiten ihres (Ausbildungs-)Betriebs spezialisiert und kennen die betrieblichen Abläufe.

Als großer Vorteil des dualen Ausbildungssystems wird hingegen die hohe Praxisnähe gesehen. Junge Nachwuchskräfte werden frühzeitig an Unternehmen gebunden. Der Übergang von der Berufsausbildung in ein qualifiziertes Arbeitsverhältnis gelingt nach dem Abschluss einer betrieblichen Berufsausbildung vergleichsweise gut. Die Fachkräfte konnten während ihrer Ausbildungszeit durch die Betriebe kennengelernt und erprobt und in die betrieblichen Strukturen eingeführt werden. Die Vorteile des dualen Berufsausbildungssystems sind gleichzeitig Kritikpunkte des Schulberufssystems und der Ausbildungsgänge des Übergangssystems. Die duale Berufsausbildung ist ein maßgeblicher Faktor für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland. Sie bietet regelmäßig auch Jugendlichen mit mittleren Bildungsabschlüssen gute berufliche Perspektiven, so beurteilte auch jüngst die OECD das duale System. Dennoch kann die Integrationsfunktion des dualen Systems nur so gut funktionieren, wie es von den Ausbildungsbetrieben angenommen wird: Weichen Ausbildungsbetriebe z.B. zunehmend auf die Einstellung von Bachelor-Absolventen aus, so stärkt dies einerseits die beruflichen Perspektiven der Hochschulabsolventen, in gleichem Maße werden jedoch die Perspektiven junger Menschen ohne Hochschulzugangsberechtigung geschwächt.

Die Literaturhinweise und Hinweise auf weitergehende Texte finden Sie hier.
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Autoren: Kathrin Schultheis, Stefan Sell für bpb.de
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Kathrin Schultheis, Stefan Sell

Zur Person

Kathrin Schultheis

Kathrin Schultheis ist Sozialwissenschaftlerin und war von 2012 bis 2015 am Institut für Bildungs- und Sozialpolitik (IBUS) der Hochschule Koblenz beschäftigt. Seit August 2015 ist sie als Projektleiterin für das ESF-Bundesprogramm "Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier" am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung tätig.


Zur Person

Stefan Sell

Stefan Sell ist Direktor des Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) an der Hochschule Koblenz und dort Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften im Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Zuvor war er Referent für Grundsatzfragen der Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsvermittlung im Landesarbeitsamt Baden-Württemberg in Stuttgart und Referent für Arbeitsmarktpolitik im Bundeskanzleramt in Bonn. Er ist Herausgeber des sozialpolitische Informationsportals "Aktuelle Sozialpolitik": www.aktuelle-sozialpolitik.de


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