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1.9.2020

Niedriglöhne

Deutschland galt lange als Hochlohnland und war für seine ausgeglichene Einkommensstruktur bekannt. Durch einen Ausbau des Niedriglohnsektors wollte die rot-grüne Bundesregierung Anfang des Jahrhunderts mit einer lohnpolitischen Kehrtwende die hohe Arbeitslosigkeit reduzieren. Jede Arbeit sei besser als keine Arbeit, lautete das damalige Credo. Während einige Ökonomen in diesem Ausbau des Niedriglohnsektors den Hauptgrund für den Abbau der Arbeitslosigkeit sehen, verweisen Kritiker dieser Entwicklung auf eine Zunahme des Phänomens „Arm trotz Arbeit“.

Die Löhne im Friseurhandwerk gehören zu den niedrigsten in Deutschland. (© AP)


Was ist ein Niedriglohn?

Die gebräuchlichste und auch von der OECD genutzte Operationalisierung definiert den Niedriglohn im Verhältnis zu dem so genannten Median. Der Median ist der Wert, der die Zahl der Löhne in zwei Hälften teilt: die Hälfte hat einen Lohn, der niedriger ist als der Medianlohn, die andere Hälfte einen Lohn, der höher ist. Geringverdiener ist, wer ein Arbeitsentgelt von weniger als zwei Drittel des Medianlohns bzw. des mittleren Lohns bekommt. In der Regel verwenden Wissenschaftler diese Niedriglohndefinition der OECD. Im Jahr 2019 lag in Deutschland die Niedriglohnschwelle für Vollzeitbeschäftigte bei 2.267 Euro.

Entwicklung in Deutschland

Deutschland war lange für eine ausgeglichene Einkommensstruktur bekannt. Im Unterschied zum internationalen Trend ging der Anteil der gering Bezahlten in den 1980er und Anfang der 1990er Jahre sogar noch leicht zurück. Nach einer OECD Studie aus der Mitte der 1990er Jahre hatten gering bezahlte Beschäftigte in Deutschland damals auch höhere Chancen, auf einen besser bezahlten Arbeitsplatz aufzusteigen, als in OECD-Ländern mit einem größeren Niedriglohnsektor. Die Tarifbindung lag damals in Deutschland bei ungefähr 90 Prozent und die meisten der nicht tarifgebundenen Betriebe orientierten sich an den tariflichen Standards.

Aus der hohen Arbeitslosigkeit und den nach unten starren Lohnstrukturen folgerte insbesondere die neoklassische Arbeitsmarkttheorie (siehe dazu den Text zu Arbeitsmarkttheorien und –konzepte), dass Deutschland einen größeren Niedriglohnsektor schaffen müsse, damit Personen mit geringen Qualifikationen und schlechten Erwerbschancen leichter Arbeit finden können. Zu hohe Anspruchslöhne und eine zu geringe Aufspreizung der Lohnstruktur wurden dafür verantwortlich gemacht, dass Deutschland vergleichsweise hohe Anteile Geringqualifizierter und Langzeitarbeitsloser unter den Arbeitslosen hatte.

Seit Ende der 1990er Jahre hat der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland stark zugenommen. So stieg der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten in Prozent der Beschäftigten von 16,5 Prozent im Jahr 1997 auf über 24 Prozent im Jahr 2011. Einen Anteil daran hatten die Reformen der damaligen rot-grünen Bundesregierung, die den Druck erhöhten, Arbeit auch zu den schlechtesten Konditionen anzunehmen – vor allem im Bereich atypischer und prekärer Beschäftigungsverhältnisse (Leiharbeit, befristete Beschäftigung, Teilzeitarbeit, Minijobs), in denen Niedriglöhne stark verbreitet sind.

Seit 2011 ist der Anteil Niedriglohnbeschäftigter leicht gesunken. Er betrug im letzten Jahr vor Einführung des Mindestlohns in Deutschland (2014) 23,1 Prozent und im Jahr 2018 21,8 Prozent. Der Rückgang ist dabei fast allein auf die Situation in Ostdeutschland zurück zu führen, wo seit 2011 die Niedriglohnbeschäftigung um acht Prozentpunkte zurück ging, während der Rückgang in Westdeutschland marginal ist (ein Prozentpunkt).



Frauen, junge Erwachsene, Ostdeutsche, Personen mit einem Migrationshintergrund, formal Geringqualifizierte und Leiharbeitnehmer erhalten besonders häufig Niedriglöhne. Betrachtet man speziell die geringfügig Beschäftigten, so befanden sich drei Viertel von ihnen im Niedriglohnsektor. Eine Besonderheit der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland besteht aber auch darin, dass von Niedriglöhnen in hohem Maße auch Kerngruppen der Beschäftigten betroffen sind: Fast drei Viertel der Niedriglohnbeschäftigten haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder sogar einen akademischen Abschluss und gut 40 Prozent sind Vollzeitbeschäftigte. Zwar hat der Mindestlohn die Bruttostundenlöhne bei den untersten zehn Prozent überproportional steigen lassen, aber den Anteil der Niedriglohnbeschäftigten kaum gesenkt. Problematisch ist auch, dass die Lohnmobilität aus dem Niedriglohnsektor gering ist und nicht steigt.

Niedriglohnbeschäftigte finden sich überdurchschnittlich häufig in den Branchen, in denen die Tarifbindung eher niedrig ist (in der Regel Dienstleistungsbereiche), sowie in kleinen Unternehmen, welche ebenfalls eine niedrige Tarifbindung aufweisen. Von den fast acht Millionen Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland im Jahr 2018 waren 16,1 Prozent im Gesundheitswesen, 16 Prozent im Einzelhandel, 10 Prozent in unternehmensnahen Dienstleistungen, 8,1 Prozent im Gastgewerbe und 5,7 Prozent im Bereich Erziehung und Unterricht tätig. Auf diese fünf Branchen addieren sich zusammen knapp 56 Prozent aller Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland. Im Gastgewerbe ist weit mehr als jeder Zweite Beschäftigte ein Niedriglohnbeschäftigter.



Niedriglöhne als Sprungbrett in Beschäftigung?

Mit der Ausweitung des Niedriglohnsektors war die Hoffnung verbunden, Arbeits- oder Erwerbslosen ein Sprungbrett in Beschäftigung zu bieten, sowie, dass sich diese Berufserfahrung später in höheren Löhnen widerspiegeln würde. Diese Erwartung der Befürworter des Ausbaus des Niedriglohnsektors hat sich nicht erfüllt.

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Dass der Niedriglohnsektor lediglich als Übergang oder gar als Sprungbrett gilt, erweist sich für die meisten als Illusion. Vielmehr gibt es eine Niedriglohnfalle. Die Politik sollte darauf hinwirken, dass der Niedriglohnsektor eingedämmt wird.

Quelle: M.M. Grabka/ C. Schröder, DIW Wochenbericht 14/2019, S. 249ff.


Selbst der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – lange Jahre ein Befürworter eines Ausbaues des Niedriglohnsektors – musste unterdessen konstatieren, dass der Niedriglohnsektor kein Sprungbrett, sondern eine Sackgasse darstellt.

Arm trotz Arbeit

Lange Zeit galt in Deutschland, wer einen Vollzeitjob hat, kann davon auch relativ gut leben und gehört schon gar nicht zu den "Armen". „Armut trotz Erwerbstätigkeit“ schien ein typisches Phänomen des deregulierten US-amerikanischen Arbeitsmarktes zu sein.

Wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre in Deutschland kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass Armut trotz Erwerbstätigkeit auch in Deutschland immer verbreiteter ist. Jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte erhält nur einen Niedriglohn. Allerdings bedeutet Niedriglohnbeschäftigung nicht in jedem Fall Armut. Denn die Armutsgefährdung hängt nicht nur vom eigenen Bruttolohn, sondern auch von anderen Einkünften, von der Wirkung des Steuer- und Transfersystems und vom Haushaltskontext ab. Für einen Alleinstehenden mag auch ein Einkommen im Niedriglohnbereich zum Lebensunterhalt reichen, für den Alleinverdiener einer mehrköpfigen Familie hingegen nicht.

Niedriglohnbeschäftigung im internationalen Vergleich

Im europäischen Vergleich hat Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren. Die letzten verfügbaren vergleichenden Daten sind allerdings bereits etwas älter und aus dem Jahr vor der Einführung des Mindestlohnes in Deutschland. Die vorhandenen Daten von Eurostat berücksichtigen nur Daten von Beschäftigten in Betrieben mit mehr als zehn Mitarbeitern und sind daher mit den oben referierten Daten nicht vergleichbar.



Wie die Tabelle zeigt, liegt der Anteil der Niedriglohnempfänger nur in den baltischen Staaten, in Polen, Rumänien, Montenegro, Mazedonien und Serbien höher als in Deutschland. In den größeren Volkswirtschaften wie Frankreich, Italien und Spanien liegt der Anteil erheblich unter dem Anteil in Deutschland, im Vereinigten Königreich ist er auf ähnlichem Niveau.

Zum Weiterlesen

Links
Zum Thema Niedriglohnarbeitsmarkt sowie zum Thema Working Poor – Arm trotz Vollzeitbeschäftigunggibt es jeweils eine IAB Infoplattform mit vielen Literaturhinweisen und weiterführenden Links.


Weiterführende Literatur
BMAS (2017): Lebenslagen in Deutschland. Der Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bonn.

Deutscher Bundestag (2017): Drucksache 18/12722. Der deutsche Mindestlohn gemessen an der Niedriglohnschwelle und im internationalen Vergleich. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Klaus Ernst, Susanna Karawanskij, Jutta Krellmann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 18/12527.

Deutscher Bundestag (2020): Drucksache 19/19168. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten René Springer, Jürgen Pohl, Jörg Schneider, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AFD – Drucksache 19/18250.

Gerstung, V. (2019): Niedriglohnbeschäftigung im Wohlfahrtsstaat. Der Einfluss von Ideen und Institutionen auf den Niedriglohnsektor. Wiesbaden.

Grabka, M.M. / Schröder, C. (2019). Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist größer als bislang angenommen. DIW Wochenbericht 14/2019.

Grabka, M.M. / Göbler, K. (2020): Der Niedriglohnsektor in Deutschland. Falle oder Sprungbrett für Beschäftigte? Gütersloh.

Kalina, T. / Weinkopf, C. (2020): Niedriglohnbeschäftigung 2018 – Erstmals Rückgang, aber nicht für gering Qualifizierte und Minijobber*innen. IAQ-Report 05-2020.

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2019): Den Strukturwandel meistern. Jahresgutachten 2019/20.

Schröder, G. (2005): Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder vor dem World Economic Forum in Davos.

Teitzer, R. / Frisch, N.-S. / Verwiebe, R. (2014): Arbeitsmarktflexibilisierung und Niedriglohnbeschäftigung: Deutschland und Österreich im Vergleich. In: WSI Mitteilungen 4, S. 257-266.
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Frank Oschmiansky

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Frank Oschmiansky

Frank Oschmiansky ist Diplom Politologe und Partner in der Partnerschaftsgesellschaft ZEP – Zentrum für Evaluation und Politikberatung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Implementation und Evaluation der Arbeitsmarktpolitik; Geschichte der Arbeitsmarktpolitik; atypische Beschäftigungen; Entwicklung der Sozialpolitik und Übergangssystem Schule-Beruf.


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