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1.3.2012

Finanzierung und Vergütung vertragsärztlicher Leistungen in der gesetzlichen Krankenversicherung

Das System der Vergütung der vertragsärztlichen Leistungen ist sehr komplex. Man muss die Grundlagen des Vergütungssystems und die damit verbundenen Probleme kennen, wenn man die Hintergründe der aktuellen gesundheitspolitischen Debatten zu diesem Themenbereich verstehen will.

Die KVs erhalten von den Krankenkassen ein festes Budget für die Versorgung der Versicherten, mit dem sie beziehungsweise die Vertragsärztinnen und -ärzte auskommen müssen. (© picture-alliance/dpa)


Was kostet die vertragsärztliche Versorgung?

Für die vertragsärztliche Versorgung haben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2004 rund 21 Milliarden Euro aufgewendet. Dies entspricht etwas mehr als 15 Prozent der gesamten Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Die ambulante Versorgung verursacht damit auf den ersten Blick erheblich geringere Ausgaben als die stationäre Versorgung (46,8 Milliarden Euro, Anteil von 32 Prozent an den Leistungsausgaben).

Dieser Vergleich ist jedoch insofern nicht ganz stimmig, weil bei den Ausgaben im stationären Bereich auch die im Krankenhaus verabreichten Medikamente enthalten sind. Die von den ambulanten Ärztinnen und Ärzten verordneten Arzneimittel werden dagegen extra ausgewiesen. Wie aus der Grafik ersichtlich, war das "Tortenstück" der Arzneimittelausgaben im Jahr 2004 etwa genauso groß wie das der vertragsärztlichen Versorgung.

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit 2011
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Die Verteilung der GKV-Leistungsausgaben unterstreicht die bereits im ersten Lernobjekt zur ambulanten Versorgung betonte Schlüsselstellung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte im System der gesundheitlichen Versorgung:

Die Honorare der Vertragsärztinnen und -ärzte machen zwar nur etwa 15 Prozent der Gesamtausgaben der GKV aus, durch ihre Tätigkeit – die Verordnung von Arzneimitteln oder Heil- und Hilfsmitteln sowie die Einweisung von Patientinnen und Patienten ins Krankenhaus – beeinflussen sie jedoch einen erheblich größeren Teil der Versorgung und damit auch der Ausgaben der Krankenkassen.

Im Jahr 2003 lagen die Leistungsausgaben der GKV für ärztliche Behandlung noch bei knapp 22,9 Milliarden Euro, also um etwa 1,4 Milliarden Euro höher als 2004. Dieser Rückgang ist auf die 2004 eingeführte und 2013 wieder abgeschaffte Praxisgebühr zurückzuführen.

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Unzufriedenheit unter den Vertragsärztinnen und -ärzten

Was die Höhe und die Entwicklung der ärztlichen Honorare im Rahmen der GKV betrifft, so herrscht seit Jahren erhebliche Unzufriedenheit unter den Vertragsärztinnen und -ärzten, die auch vielen Patientinnen und Patienten nicht entgangen sein dürfte:

Die Standesvertretungen klagen über rückläufige Praxisumsätze und Arzteinkommen, die für manche Vertragsärztinnen und -ärzte existenzbedrohende Ausmaße angenommen haben sollen. Innerhalb der Vertragsärzteschaft gab und gibt es Auseinandersetzungen über die angemessene Verteilung der Honorarmittel unter den ärztlichen Fachgruppen.

Mehr als 1000 Arzthelferinnen und Ärzte protestieren im Dezember 2005 vor dem Landtag in Mainz gegen das Honorar- und Abrechnungssystem der Krankenkassen. (© picture-alliance/ dpa/dpaweb )

Ursache dieser Unzufriedenheit ist vor allem die gesetzlich vorgeschriebene Budgetierung der Honorarmittel, die die Krankenkassen den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVs) für die Vergütung der vertragsärztlichen Leistungen zur Verfügung stellen.

Neben der Budgetierung führte jedoch auch der bis Anfang 2005 noch geltende "Einheitliche Bewertungsmaßstab für ärztliche Leistungen" (EBM) immer wieder zu Problemen und Unzufriedenheit innerhalb der Ärzteschaft.

In den folgenden Jahren wurde das vertragsärztliche Vergütungssystem in mehreren Schritten reformiert. Der erste Schritt – nämlich die Einführung eines neuen EBM – erfolgte zum 1. April 2005. Im Laufe des Jahres 2005 wurde ferner ein neues Instrument der Mengensteuerung eingeführt, die sogenannten "Regelleistungsvolumina".

Der letzte und größte Reformschritt folgte im Jahr 2007: Die Regelleistungsvolumina sollten dann auf Grundlage von Kennzahlen zur Messung der Morbidität der Versicherten bestimmt werden. Damit verbunden wäre auch ein Ende der strikten Budgetierung der vertragsärztlichen Vergütung in der GKV.

In den folgenden Abschnitten wird zunächst das System der Vergütung der vertragsärztlichen Leistungen in seinen Grundzügen erläutert. Anschließend wird auf die Budgetierung und die damit zusammenhängenden Fragen näher eingegangen.

Damit verständlich wird, warum die Honorierung der ärztlichen Leistungen in der GKV ein solch kompliziertes System erfordert, werden abschließend einige grundsätzliche Betrachtungen zu unterschiedlichen Vergütungssystemen mit ihren Anreizwirkungen und spezifischen Problemen angestellt.

Das System der vertragsärztlichen Vergütung im Überblick

Das vertragsärztliche Vergütungssystem ist in seinen Details ausgesprochen kompliziert. Die grundlegenden Prinzipien des Verfahrens sowie die gesundheitspolitischen und -ökonomischen Fragestellungen, die mit der Vergütungssystematik verbunden sind, werden jedoch verständlich, wenn man nur das Grundgerüst betrachtet.

Drei Grundelemente sind für das Vergütungssystem konstitutiv: die Gesamtvergütung, der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) und der Verteilungsmaßstab (früher als Honorarverteilungsmaßstab, HVM, bezeichnet).

Die Abbildung zeigt die Zusammenhänge zwischen diesen drei Grundelementen, die in den folgenden Abschnitten ausführlicher erläutert werden.

Gesamtvergütung

Quelle: IGES
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Die Krankenkassen müssen das Geld für die vertragsärztliche Versorgung bereitstellen. Dies erfolgt über die sogenannte Gesamtvergütung. Dabei handelt es sich um einen festen Geldbetrag, den die Krankenkasse "mit befreiender Wirkung" an die zuständige Kassenärztliche Vereinigung (KV) zahlt.

Mit dieser Gesamtvergütung sind für den betreffenden Zeitraum alle vertragsärztlichen Leistungen für die Versicherten dieser Krankenkasse abgegolten. "Mit befreiender Wirkung" bedeutet, dass sich darüber hinaus für die Krankenkassen keine Pflichten zur Vergütung vertragsärztlicher Leistungen ergeben.

Mit anderen Worten: Die KVs erhalten von den Krankenkassen ein festes Budget für die Versorgung der Versicherten, mit dem sie beziehungsweise die Vertragsärztinnen und -ärzte sowie die Psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten auskommen müssen. Auch wenn die Ärztinnen und Ärzte in dem betreffenden Zeitraum mehr Leistungen erbringen, als ursprünglich erwartet wurde, bleibt es bei der vereinbarten Gesamtvergütung. Man spricht daher auch von einer "Deckelung" der vertragsärztlichen Vergütung.

Weitere Informationen zu den Wirkungen und Hintergründen der Budgetierung finden Sie weiter unten im Abschnitt mit dem Titel "Der Ausgabendeckel".

Einheitlicher Bewertungsmaßstab (EBM)

Gewissermaßen an der Schnittstelle zwischen der einzelnen Vertragsärztin/dem einzelnen Vertragsarzt und seiner KV steht der "Einheitliche Bewertungsmaßstab" (EBM). Der EBM ist ein Verzeichnis aller ärztlichen Leistungen, die im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung abrechenbar sind.

Der EBM – am 1. April 2005 ist eine grundlegend überarbeitete Fassung ("EBM 2000plus") in Kraft getreten – wird in einem Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärztinnen, Ärzten und Krankenkassen (Bewertungsausschuss) zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und den Spitzenverbänden der Krankenkassen vereinbart.

Die verschiedenen Akteure und Institutionen der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen werden im Lernobjekt "Verbände und Körperschaften" vorgestellt.

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Verwandte Lerntour:


Auf seiner untersten Ebene ist der EBM nach Gebührenordungspositionen gegliedert. Zu jeder Position gehört eine inhaltliche Beschreibung der betreffenden Leistung sowie eine Bewertung dieser Leistung in Punkten. Durch die Punkte wird das wertmäßige Verhältnis aller vertragsärztlichen Leistungen zueinander ausgedrückt. Das bedeutet:

Über die Punktbewertung wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die Leistungen unterschiedlich aufwendig (Zeitbedarf, technisch-apparative Voraussetzungen usw.) und schwierig sind. Zwei Beispiele aus dem am 1. April 2005 in Kraft getretenen EBM ("EBM 2000plus") verdeutlichen dieses Prinzip.

Quelle: Eigene Darstellung
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Das Belastungs-EKG wird höher vergütet als ein Ruhe-EKG weil es deutlich aufwendiger in der Durchführung ist und mehr ärztlichen Sachverstand erfordert.

Die beiden Beispiele sind nur verkürzt dargestellt. Nicht ausgewiesen wurden zum Beispiel die Abrechnungsausschlüsse, die für das Funktionieren des EBM eine wichtige Rolle spielen: Bestimmte Leistungen dürfen nicht gemeinsam abgerechnet werden. Wenn ein Belastungs-EKG abgerechnet wird, darf in derselben Sitzung nicht auch ein Ruhe-EKG abgerechnet werden.

Die Abrechnung der Vertragsärztin/des Vertragsarztes mit der KV verläuft folgendermaßen: Die Ärztin/Der Arzt dokumentiert die an der Patientin/dem Patienten erbrachten Behandlungsmaßnahmen in Form der Gebührenordnungspositionen des EBM.

Am Ende des Quartals reicht die Ärztin/der Arzt diese Abrechnungen für alle Kassenpatientinnen und -patienten bei ihrer/seiner KV ein, die ihrerseits zunächst verschiedene Prüfungen vornimmt (sachliche und rechnerische Richtigkeit, Plausibilität, gegebenenfalls Prüfung der Wirtschaftlichkeit).

Auf Basis der nach diesen Prüfungen von der KV anerkannten Leistungen beziehungsweise Punkte errechnet die KV das ärztliche Honorar in Euro, indem sie zum einen die Bestimmungen des EBM abrechnungstechnisch umsetzt und zum anderen den Verteilungsmaßstab anwendet.

Verteilungsmaßstab

Theoretisch wäre es möglich, die ärztlichen Honorare einfach durch Division aller im Bereich einer KV von den Ärtzinnen und Ärzten abgerechneten Punkte durch die Gesamtvergütung zu ermitteln. Jeder Punkt hätte dann einen einheitlichen Wert, der nur von der Gesamtmenge der von allen Ärztinnen und Ärzten dieser KV geltend gemachten Punkte und der Höhe der von den Krankenkassen gezahlten Gesamtvergütungen abhinge.

Bei einem solchen Vorgehen würde es jedoch zu vielerlei unerwünschten Auswirkungen und Fehlsteuerungen kommen, die letztlich damit zusammenhängen, dass einerseits mit der Gesamtvergütung ein festes Budget vorgegeben ist und andererseits die Ärztinnen und Ärzte aber zum Teil erhebliche Spielräume haben, die Menge der von ihnen erbrachten Leistungen auszudehnen (vgl. dazu das Lernobjekt "Ambulante ärztliche Vergütung. Teil 4").

Ohne besondere Steuerungsmechanismen bei der Honorarverteilung, würden "leicht vermehrbare" Leistungen über Gebühr häufig erbracht werden. Dies würde wegen der dadurch anwachsenden Gesamtmenge der abgerechneten Punkte bei gleichbleibend hoher Gesamtvergütung zu einem Verfall des Punktwertes führen. Das Ergebnis wäre, dass für manche Leistungen das gezahlte Honorar nicht einmal mehr die Kosten der Ärztin/des Arztes decken würde, wogegen andere Leistungen deutlich zu hoch honoriert würden.

Wenn der Punktwert infolge steigender Leistungsmengen fällt, sinkt das Einkommen der Ärztin/des Arztes. Dies hat in der Vergangenheit oft dazu geführt, dass die Ärztinnen und Ärzte noch mehr Leistungen abgerechnet haben, um ihr Einkommen stabil zu halten. In der Folge ist der Punktwert noch mehr gefallen. Dieses als "Hamsterrad-Effekt" bekannte Phänomen hat in den zurückliegenden Jahren zu erheblicher Frustration unter den Vertragsärztinnen und -ärzten geführt.

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Tipp

Wie viel verdienen Ärztinnen und Ärzte eigentlich?

Die einen meinen "Viel zu viel!", die anderen klagen "Viel zu wenig!". Anhand der Statistiken der Kassenärztlichen Bundesvereinigung über Honorare und Praxiskosten der verschiedenen Arztgruppen können Sie sich selbst ein Urteil bilden. In der rechten Randspalte unter "Zahlen & Fakten" finden Sie dazu einen Linkverweis.

Um Verwerfungen und Fehlsteuerungen in der vertragsärztlichen Vergütung zu vermindern, hat der Gesetzgeber bestimmte Forderungen an die Verteilung der Gesamtvergütung formuliert.

Die wichtigste ist die Vorgabe, dass die KVs die Gesamtvergütung vor der Verteilung in einen hausärztlichen und einen fachärztlichen Teil trennen müssen, die anschließend jeweils getrennt weiterverteilt werden. Im Übrigen müssen die KVs und die Verbände der Krankenkassen einen Verteilungsmaßstab vertraglich vereinbaren, der eine Reihe von weiteren gesetzlichen Kriterien Genüge tun muss.

Ziel des Verteilungsmaßstabes ist es, angesichts eines durch die Gesamtvergütung fest vorgegebenen Budgets, allen Ärztinnen und Ärzten beziehungsweise für alle Leistungen eine angemessene Vergütung sicherzustellen.

Um dies zu erreichen, sind Regelungen erforderlich, die steuernd auf die erbrachten Leistungsmengen einwirken. In den zurückliegenden Jahren sind von den KVs zahlreiche Verfahren angewandt worden, die dies leisten sollten. Durch das GKV-Modernisierungsgesetz ist ein bestimmtes Verfahren vorgegeben worden, nämlich die Regelleistungsvolumina.

Regelleistungsvolumina

Die Regelleistungsvolumina (RLV) sind ein Konzept zur Mengensteuerung, das auch Grundlage des nach dem Gesetz ab 2007 geltenden Vergütungssystem ist.

Protestierende Arzthelferin 2012. (© picture-alliance/dpa)

Für jede Arztgruppe – also beispielsweise die Hautärztinnen und Hautärzte oder die Orthopädinnen und Orthopäden – wird eine bestimmte Punktmenge festgelegt, die in etwa dem Behandlungsbedarf der Patientinnen und Patienten entsprechen soll, die in den Praxen der betreffenden Arztgruppe versorgt werden. Für diese Punktmenge – das arztgruppenspezifische Regelleistungsvolumen – wird ein fester Punktwert zwischen der KV und den Krankenkassen vereinbart. Für zusätzlich erbrachte Leistungen, die über das RLV hinausgehen, wird nur ein deutlich geringerer Punktwert vergütet.

Das arztgruppenspezifische RLV wird dann über ein spezielles Verfahren auf die einzelnen Arztpraxen verteilt, sodass schließlich für jede Ärztin und für jeden Arzt ein arztbezogenes RLV resultiert.

Das heißt für die einzelne Ärztin/den einzelnen Arzt: Bis zu dem durch den RLV vorgegebenen Grenzwert an Punkten erhält sie/er für ihre/seine Leistungen eine feste Vergütung und damit Kalkulationssicherheit. Ferner wird der Anreiz deutlich vermindert, durch Steigerung der Leistungsmenge zu versuchen, das eigene Einkommen zu erhöhen (und dadurch für alle Ärztinnen und Ärzte den Punktwert zu verschlechtern).

Das Vergütungssystem ab 2007: Morbiditätsbezogene Regelleistungsvolumina

Das GKV-Modernisierungsgesetz legte fest, dass die bis dahin geltende Budgetierung – also die Vorgabe eines festen Honorarbudgets für die Vertragsärztinnen und -ärzte – ab dem 1. Januar 2007 durch sogenannte morbiditätsbezogene Regelleistungsvolumen abgelöst werden sollte. Damit sollte das von der Ärzteschaft getragene Morbiditätsrisiko wieder auf die Krankenkassen verlagert werden, wo es systematisch hingehört (vgl. den Abschnitt weiter unten).

Tipp

Orientierung im Wissensnetz

Im Wissensnetz können Sie erkunden, wie der Begriff "Morbidität" mit anderen Begriffen und Lernobjekten vernetzt ist. Eine Anleitung dafür finden Sie in diesem Arbeitsblatt.

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Die genauen Verfahren, mit denen diese Vorgabe des Gesetzgebers umgesetzt werden konnte, sollten von den zuständigen Gremien der Selbstverwaltung entwickelt werden. Lediglich die Grundzüge waren im Gesetz geregelt:

Demnach sollte die von einer Krankenkasse zukünftig gezahlte Gesamtvergütung von der Morbidität ihrer Versicherten abhängen. Dies sollte technisch über Klassifikationsverfahren erreicht werden, wie sie in strukturell ähnlicher Form auch für den – ebenfalls ab 2007 vorgesehenen – morbiditätsbezogenen Risikostrukturausgleich eingesetzt wurden.

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Verwandte Lerntour:

"Grundprinzipien der gesetzlichen Krankenversicherung"

Warum und wie der Risikostrukturausgleich zukünftig morbiditätsabhängig durchgeführt werden soll, wird im Lernobjekt "Risikostrukturausgleich Perspektiven" der Lerntour "Grundprinzipien der gesetzlichen Krankenversicherung" erläutert. Zur Lerntour

Dabei wurden die Versicherten in Risikoklassen eingeordnet. Personen mit vergleichbarem Versorgungsbedarf gelangten in die gleiche Risikoklasse. Für die Zuordnung zu einer Risikoklasse sollten die von den Vertragsärztinnen und -ärzten dokumentierten Behandlungsdiagnosen herangezogen werden.

Für jede Risikoklasse wurde nach einem von der Selbstverwaltung (Bewertungsausschuss) festgelegten Verfahren der Behandlungsbedarf bestimmt.

Die von einer Kasse zu finanzierende Leistungsmenge ergab sich dann aus der Zusammensetzung ihrer Versicherten nach den Risikoklassen (Morbiditätsstruktur) sowie dem je Risikoklasse vereinbarten Leistungsbedarf. Änderten sich diese beiden Parameter – zum Beispiel weil die Versicherten einer Krankenkasse "kränker" wurden und einen höheren Behandlungsbedarf hatten –, musste die Krankenkasse auch entsprechend mehr Geld für die vertragsärztliche Versorgung bereitstellen.

Die Verknüpfung mit der Morbidität der Versicherten sollte jedoch nicht nur für die Festlegung der Gesamtvergütung gelten, sondern auch für die Bestimmung der arztgruppen- und sogar der arztspezifischen Regelleistungsvolumina.

Auf der Ebene der einzelnen Praxis bedeutete das dann, dass den Ärztinnen und Ärzten, deren Patientinnen und Patienten im Durchschnitt schwerer krank waren als die Patientinnen und Patienten ihrer Fachgruppenkolleginnen und -kollegen, auch ein höheres Regelleistungsvolumen zugestanden wurde.



Zusammenfassung

Für die vertragsärztliche Versorgung wurden 2004 etwa 15 Prozent der gesamten GKV-Ausgaben (absolut: 21,4 Milliarden Euro) aufgewendet.

Wegen der seit Jahren bestehenden Budgetierung der vertragsärztlichen Honorare und den damit zusammenhängenden Verteilungskämpfen, herrschte teilweise große Unzufriedenheit unter den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Beginnend mit der Einführung des neuen EBM im April 2005 wurde das Vergütungssystem in den kommenden Jahren grundlegend umgestaltet.

Das bestehende Vergütungssystem lässt sich durch drei Grundelemente beschreiben: Gesamtvergütung, Einheitlicher Bewertungsmaßstab (EBM) und Verteilungsmaßstab.

Die Gesamtvergütung ist ein zwischen Krankenkasse und Kassenärztlicher Vereinigung (KV) vereinbarter fixer Geldbetrag, den die Kasse an die KV für die ärztliche Behandlung ihrer Versicherten in dem betreffenden Zeitraum entrichtet. Mit der Gesamtvergütung sind alle Vergütungsansprüche der Vertragsärztinnen und -ärzte gegenüber der Krankenkasse abgegolten – unabhängig davon, wie viele ärztliche Leistungen tatsächlich erbracht werden.

Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) ist das Verzeichnis aller abrechnungsfähigen vertragsärztlichen Leistungen. Der EBM enthält ferner zu jeder Abrechnungsposition eine Bewertung der betreffenden Leistung in Punkten.

Die Vertragsärztin/Der Vertragsarzt dokumentiert die an der Patientin/am Patienten erbrachten Leistungen in Form der Gebührenordnungspositionen des EBM. Diese Abrechnung reicht sie/er quartalsweise der KV ein. Die KV errechnet das ärztliche Honorar in Euro, indem sie neben dem EBM den Verteilungsmaßstab anwendet.

Der Verteilungsmaßstab ist ein unter Berücksichtigung gesetzlicher Vorgaben zwischen KV und Krankenkassen vereinbartes Regelwerk, das die Aufteilung der Gesamtvergütung unter den Ärztinnen und Ärzten beziehungsweise Arztgruppen regelt. Ziel des Verteilungsmaßstabes ist es, eine angemessene Vergütung der unterschiedlichen ärztlichen Leistungen zu sichern und Fehlentwicklungen durch ungerechtfertigte Mengenausweitungen zu verhindern.

Zentrales Instrument der Mengensteuerung sind die Regelleistungsvolumina: Im ersten Schritt werden auf der Ebene von Arztgruppen Leistungsmengen definiert, die dem durchschnittlichen Behandlungsbedarf der Patientinnen und Patienten entsprechen sollen.

Diese arztgruppenbezogenen Regelleistungsvolumina werden im zweiten Schritt auf die einzelne Praxis innerhalb der Arztgruppe umgerechnet.

Bis zur Grenze des Regelleistungsvolumens werden der Ärztin oder dem Arzt alle Leistungen mit einem festen Punktwert vergütet. Darüber hinausgehende Leistungen werden mit einem deutlich geringeren Punktwert vergütet.

Seit 2007 berücksichtigt das Vergütungssystem die Entwicklung der Morbidität der Versicherten: Die von einer Kasse gezahlte Gesamtvergütung hängt von der Morbiditätsstruktur ihrer Versicherten. Auch die Arztgruppen bis hinunter zur einzelnen Praxis erhalten morbiditätsabhängige Regelleistungsvolumina.

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Quellen

Bundesministerium für Gesundheit (2011): GKV-Finanzentwicklung im 1. bis 3. Quartal 2011
http://www.bmg.bund.de/ministerium/presse/pressemitteilungen/2011-04/aktuelle-kassenzahlen.html

Literatur

Berner, Barbara (2008): Einführung in das Vertragsarztrecht. KBV-Fortbildungshefte, Heft 3, Berlin
http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003719622

Bollmann, Dieter/Sydow, Udo (2008): Abrechnung vertragsärztlicher Leistungen, Fremdkassenzahlungsausgleich und Honorarverteilung. KBV-Fortbildungshefte, Heft 12, Berlin
http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003728316

Staffeldt, Thomas (2004): Morbiditätsbezogene Regelleistungsvolumina in der ärztlichen Vergütung. In: Gesundheits- und Sozialpolitik, 11-12/2004, Baden-Baden, S. 51 - 59

Stillfried, Dominik von (2003): Morbiditätsbezogene Regelleistungsvolumen. In: Gesundheits- und Sozialpolitik, 11-12/2003, Baden-Baden, S. 8 - 23

Stillfried, Dominik von/ Ryll, Andreas (2003): Umsetzbarkeit morbiditätsbezogener Regelleistungsvolumen in der vertragsärztlichen Versorgung. In: Gesundheits- und Sozialpolitik, 11-12/2004, Baden-Baden, S. 36 - 50

Zalewski, Thomas (2008): Gesamtverträge und Gesamtvergütung. KBV-Fortbildungshefte, Heft 6, Berlin
http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003740005

Thomas Gerlinger, Wolfram Burkhardt

Thomas Gerlinger

Prof. Dr. Dr. Thomas Gerlinger ist Professor an der AG 1: Gesundheitssysteme, Gesundheitspolitik und Gesundheitssoziologie an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften Universität Bielefeld


Wolfram Burkhardt

Prof. Dr. Wolfram Burkhardt ist Professor an der Fachhochschule Frankfurt am Main - University of Applied Sciences im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit


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