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16.11.2016

Wachsende Altersarmut in der Zukunft?

Die aktuellen Daten über das gegenwärtige Ausmaß der Altersarmut sagen noch wenig über die zukünftigen Entwicklungen aus. Insofern darf der Vergleich zu den anderen Betroffenengruppen nicht dazu verleiten, die Problemlage zu verharmlosen, denn womöglich verschleiert die (noch) niedrige Betroffenheit, dass längst ein Trend eingesetzt hat, der auf mittlere und längere Frist zu einem deutlichen Anstieg der Altersarmut führen wird.

Arbeiterin für Arbeits- und Hygienebekleidung: Das zukünftige Alterseinkommen wird in Niveau und Verteilung durch ein breites Bündel unterschiedlicher ökonomischer, sozial-struktureller und politischer Faktoren bestimmt, die sich insgesamt nicht verlässlich vorhersagen lassen. (© picture alliance / ZB)



Da die Rentenhöhe immer ein Spiegelbild der vergangenen Erwerbsbiografie und des jeweiligen Rentenniveaus ist, interessiert vor allem, ob die in den nächsten Jahren ins Rentenalter nachrückenden Kohorten aufgrund anderer und ungünstigerer Bedingungen zunehmend mit Alterssicherungsansprüchen rechnen müssen, die nicht mehr die Armutsrisikoschwelle erreichen.

Will man Aussagen über dieses Risiko treffen, sollte bewusst sein, dass Prognosen höchst unsicher sind. Denn das zukünftige Alterseinkommen wird in Niveau und Verteilung durch ein breites Bündel unterschiedlicher ökonomischer, sozial-struktureller und politischer Faktoren bestimmt, die sich insgesamt nicht verlässlich vorhersagen lassen.

Zu unterscheiden ist hierbei zwischen exogenen und endogenen Faktoren:

Externe Risiken: Anhaltende Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt und in den Lebensformen



Ein Blick auf die exogenen Faktoren zeigt, dass sich auf dem Arbeitsmarkt ein Risiko- und Problempotenzial aufgebaut hat [1]. An dieser Stelle sollen einige Stichworte reichen: Die Arbeitslosigkeit und insbesondere die Langzeitarbeitslosigkeit haben in den zurückliegenden Jahrzehnten die Erwerbsbiografien vieler Kohorten geprägt. Beschäftigungsverhältnisse, die nicht der Rentenversicherungspflicht unterliegen, wie Selbstständigkeit oder geringfügige Beschäftigung, haben an Bedeutung zugenommen. Die Erwerbsverläufe sind diskontinuierlicher geworden, mehrfache Wechsel zwischen regulärer und prekärer Beschäftigung, zwischen abhängiger und selbstständiger Arbeit sowie zwischen Zeiten von Erwerbstätigkeit, Nicht-Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit sind häufig. Zugleich schlagen sich die Ausweitung des Niedriglohnsektors und von Teilzeitarbeit nieder. Bei den nachrückenden Kohorten, vor allem in den neuen Bundesländern, ist deshalb zu befürchten, dass für viele Versicherten, und hier insbesondere für die Männer, die Rentenanwartschaften bzw. konkret die Zahl der Entgeltpunkte rückläufig sind [2]. In welcher Größenordnung sich Arbeitslosigkeit, Erwerbsunterbrechungen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Niedriglöhne und/oder Teilzeitarbeit in der Höhe der Rentenanwartschaften negativ niederschlagen, hängt neben der konkreten Entgeltposition entscheidend von deren Dauer ab.

Allerdings gibt es auch Hinweise auf Problementschärfungen: Widersprüchlich dürften sich die Veränderungen in den privaten Lebensformen auswirken: Der Zuwachs von Zahl und Anteil der Alleinlebenden - u. a. als Folge des späteren Heiratsalters und der geringeren Heiratshäufigkeit sowie der anhaltend hohen Scheidungsziffern - verstärkt die Verletzlichkeit durch Einkommensrisiken, da die Risikokompensation durch ein Partnereinkommen im Haushaltszusammenhang und die Skaleneffekte des gemeinsamen Wirtschaftens nicht oder nur begrenzt greift. Der Trend zur Individualisierung und Singularisierung führt auf der anderen Seite jedoch auch zu einer höheren Erwerbsbeteiligung. Auch die niedrige Geburtenrate vergrößert die Möglichkeiten einer durchgängigen Erwerbs- und Versicherungsbiografie von Frauen.

Interne Risiken: Leistungsabbau in der Rentenversicherung



Die internen Faktoren, die zu einer Zunahme der Altersarmut führen können, konzentrieren sich auf das Leistungsrecht der Rentenversicherung, das in den zurückliegenden Jahren durch mehrfache Einschnitte verschlechtert worden ist. Im Mittelpunkt stehen dabei die Folgewirkungen der neu gefassten Rentenberechnungs- bzw. Rentenanpassungsformel: Um den zu erwartenden Beitragssatzanstieg zu begrenzen werden Bestands- wie Zugangsrenten in ihrem Niveau der allgemeinen Entwicklung der Arbeitnehmereinkommen nur noch teilweise folgen, was ein kontinuierliches Absinken des Rentenniveaus zur Konsequenz hat.

Im Ergebnis kommt es geradezu zwingend dazu, dass im Zeitverlauf die Renten schwächer steigen werden als der Regelbedarf der Grundsicherung, da dieser seit 2011 nicht mehr dem aktuellen Rentenwert folgt, sondern auf der Basis der alle fünf Jahre erhobenen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe bzw. zwischendurch eines Mischindexes, der sowohl die Preis- als auch die Entgeltentwicklung berücksichtigt, fortgeschrieben wird. Damit nimmt in den nächsten Jahren gleichsam automatisch der Kreis der älteren Menschen zu, deren Rente diesen Schwellenwert trotz langjähriger Versicherungspflicht und Beitragszahlung unterschreitet (vgl. ausführlich Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung).

Sinkt - wie von der Bundesregierung angenommen - das Nettorentenniveau vor Steuern von 51,6 Prozent (2010) auf 44,6 Prozent (2029) [4], und wird im Jahr 2030 das Rentenniveau bis auf die Höhe der Niveausicherungsklausel (43 %) abgeschmolzen, muss ein Durchschnittsverdiener schon 32,5 Beitragsjahre aufweisen, ein Beschäftigter mit einer Entgeltposition von 70 Prozent sogar 46,5 Jahre, um das Grundsicherungsniveau zu erreichen. Selbst ein langes Arbeitsleben und die entsprechend lange Beitragszahlung reichen dann nicht mehr aus.

Zugleich ist es mehr als fraglich, ob die zweite und dritte Ebene der Alterssicherung wirklich für die RentnerInnen mit niedrigen Renten ausgleichen können, was durch die Sparmaßnahmen bei der gesetzlichen Rente zunehmend wegbricht (vgl. Betriebliche und private Altersvorsorge). Bei der Kumulation mit anderen Alterssicherungsansprüchen und Alterseinkünften erhalten die Bezieher hoher Renten (und Pensionen) nämlich meist mehr Geld aus solchen zusätzlichen Quellen als Bezieher mittlerer bis geringer Renten.

Aus der Studie Alterssicherung in Deutschland (ASID 2011) ist eindeutig abzulesen, dass gerade bei denjenigen Älteren mit niedrigen Haushaltseinkommen der Anteil der zusätzlichen Einkommen (z. B. aus Vermögen) am gesamten Einkommen wesentlich geringer, ja verschwindend gering ausfällt als bei Haushalten von SeniorInnen mit hohen Haushaltseinkommen. Das gilt für Paare wie für Singles, dort bei Männern und noch mehr bei Frauen. Das gilt in Westdeutschland genauso wie in Ostdeutschland (vgl. Höhe und Verteilung der Gesamteinkommen im Alter).

Um Fehlinterpretationen zu vermeiden: Dieses Phänomen einer wachsenden Überschneidung von niedrigen Renten und Grundsicherungsgrenze bedeutet nicht, dass tatsächlich auch Anspruch auf Grundsicherungsleistungen besteht bzw. dass tatsächlich von einer Armutslage ausgegangen werden kann. Wie oben beschrieben, müssen sämtliche Alterseinkommen im Haushaltskontext berücksichtigt werden, um eine Aussage treffen zu können. Gleichwohl kommt es zu einem Legitimations- und Akzeptanzproblem der Rentenversicherung, wenn nach jahrzehntelanger Beitragspflicht die individuelle Rente nicht höher liegt als die vorleistungsunabhängige Grundsicherung im Alter und sich kein Unterschied mehr ergibt zu Personen, die keine oder keine entsprechend hohen Beiträge geleistet haben.

Überlagert und verschärft werden die Folgewirkungen des sinkenden Rentenniveaus durch weitere Regelungen und Leistungsdefizite der Alterssicherung. Insbesondere Mehrfach- und Langzeitarbeitslosigkeit werden zu einem zentralen Armutsrisiko, da die Rentenanwartschaften, die Arbeitslose während der Bezugszeit von Arbeitslosengeld erwerben, äußerst gering ausfallen. Für Langzeitarbeitslose, die auf die Leistung Arbeitslosengeld II nach dem SGB II angewiesen sind, wurden zwischen 2005 und 2010 vom Bund Mini-Beiträge gezahlt (denen 2009 nach zwölf Monaten Arbeitslosigkeit ein Anspruch auf 2,19 € Rente im Monat entsprach).

Ab 2011 sind diese Beiträge im Rahmen der Sparmaßnahmen sogar ersatzlos entfallen, die Zeiten werden seitdem nur noch als Anrechnungszeiten berücksichtigt. Im besonderen Maße als problematisch für die Höhe der Rentenzahlbeträge erweisen sich schließlich die Rentenabschläge, die bei einem vorgezogenen Bezug von Altersrenten anfallen (vgl. Rentenberechnung). Vor allem jene älteren Beschäftigten werden und müssen die noch verbliebenen Möglichkeiten eines Renteneintritts vor der Regelaltersgrenze in Anspruch nehmen, die nach (langer) Arbeitslosigkeit im rentennahen Alter vergeblich nach einer Neuanstellung suchen und/oder aufgrund von physischen und/oder psychischen Einschränkungen nicht mehr in der Lage sind, in ihrem erlernten Beruf oder ihrer ausgeübten Erwerbstätigkeit bis zum Erreichen der abschlagsfreien Regelaltersgrenze weiterzuarbeiten. Obgleich die Beantragung einer Erwerbsminderungsrente kein Ergebnis einer freien Entscheidung ist, sondern durch den schlechten Gesundheitszustand erzwungen wird, werden auch diese Renten durch Abschläge gekürzt. Nahezu alle Erwerbsminderungsrentner sind davon betroffen (vgl. Rentenanpassung). Da sich das Risiko der Erwerbsminderung auf die Beschäftigten im unteren Einkommens- und Qualifikationssegment des Arbeitsmarktes konzentriert, weist diese Gruppe im Schnitt ohnehin nur weniger Entgeltpunkte auf, was auch durch die Zurechnungszeiten nur begrenzt ausgeglichen wird. Bei Erwerbsminderungsrentnern ist deswegen von einem besonders hohen Risiko von Altersarmut und Grundsicherungsbetroffenheit auszugehen.

Zusammengefasst bedeutet das: Externe und interne Risikofaktoren überlagern und verstärken sich. Die Anwartschaften/Entgeltpunkte werden in vielen Fällen zurückgehen und zugleich verringert sich deren "Wert“ durch das absinkende Rentenniveau. Betroffen werden neben den Erwerbsminderungsrentnern in erster Linie Langzeitarbeitslose, Beschäftigte in Niedriglohnbranchen und -regionen, Versicherte mit unterbrochenen Versicherungsverläufen sowie "kleine“ Selbstständige sein. Regional werden sich diese Risiken zunächst in den neuen Bundesländern konzentrieren. Die Gruppen sind dabei nicht isoliert zu sehen, sondern überschneiden sich gleich mehrfach.

Von entscheidender Bedeutung ist, dass die heute noch erwerbstätigen Versicherten im Vergleich zu den bereits früher geborenen Kohorten der jetzigen Bestandsrentner im Durchschnitt mehr Arbeitslosigkeitszeiten und mehr Zeiten atypischer (v. a. geringfügiger und Niedriglohn-)Beschäftigung in ihren Versicherungsbiografien angesammelt haben. D. h. auch, sie haben bis zu jeweils einem bestimmten Alter vergleichsweise weniger Entgeltpunkte in der gesetzlichen Rentenversicherung erworben [5]. Gleichzeitig nimmt die Streuung bei der Zahl der Entgeltpunkte zu [6]. Die gestiegene Frauenerwerbsquote kann diese Effekte nur teilweise kompensieren. In der Altersübergangsphase kommen zusätzlich die hohen Rentenabschläge bei vorzeitigem Renteneintritt zum Tragen. Bedenkt man zusätzlich, dass die Alterung der Gesellschaft mit einer steigenden Verbreitung von Pflegebedürftigkeit einhergeht, so steigt der Anteil der Betroffenen mit einem erheblichen zusätzlichen Geldbedarf. Da die Pflegeversicherung nur eine Teilversicherung ist, erhöht sich auch von dieser Seite her das Risiko von Altersarmut.

Von da her muss davon gesprochen werden, dass die Gefahr einer wachsenden Altersarmut virulent ist.
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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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Fußnoten

1.
Im Überblick Schmitz 2012.
2.
Vgl. u.a. Trischler 2014.
3.
Brussig/Ribbat 2014.
4.
Vgl. Bundesregierung 2015.
5.
Vgl. Trischler, Kistler 2012a.
6.
Vgl. Himmelreicher 2011.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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