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16.11.2016

Empirische Befunde: Die betriebliche Altersversorgung in der Privatwirtschaft

Zur betrieblichen Altersversorgung zählen die betriebliche Altersversorgung in der Privatwirtschaft und die Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst. Während die betriebliche Altersversorgung in der Privatwirtschaft überwiegend auf freiwilligen Zusagen der Arbeitgeber oder − mit zunehmender Bedeutung − auf der arbeitnehmerfinanzierten Entgeltumwandlung beruht und damit nur einen Teil der Beschäftigten erfasst, bezieht die Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst alle Angestellten und Arbeiter des öffentlichen Dienstes und vergleichbarer Bereiche durch tarifvertragliche Regelungen ein

Stickmeisterin bei der Arbeit: Die Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung hängt in einem hohen Maße von der Größe und der Branchenzugehörigkeit der Betriebe ab. Je größer der Betrieb, um so häufiger finden sich bei den Beschäftigten Versorgungsanwartschaften. (© picture-alliance/AP)



Verbreitungsgrad in der Privatwirtschaft



Die Informationen über den Verbreitungsgrad der betrieblichen Altersversorgung in der Privatwirtschaft sind begrenzt und wenig aktuell. Denn im Unterschied zur Gesetzlichen Rentenversicherung gibt es bei den Betriebsrenten keine prozessproduzierten Daten. Auch fehlt bislang ein Meldeverfahren, das die Unternehmen verpflichtet, den Statistischen Ämtern laufend Angaben über den Verbreitungsgrad von Betriebsrenten, die Höhe der Anwartschaften und die Höhe der Renten im Leistungsfall zu übermitteln. Insofern können Daten nur über (repräsentative) Befragungen erhoben werden. In Frage kommen hier der Mikrozensus oder Sondererhebungen. Die differenziertesten Befunde liefern die Sondererhebungen von Infratest bzw. die Studien "Alterssicherung in Deutschland" (ASID) mit Daten für das Jahr 2011 sowie die Trägerbefragung zur betrieblichen Altersversorgung mit Daten für das Jahr 2013.

Aktiv Versicherte mit Anwartschaften auf eine betriebliche Altersversorgung* 2001 – 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 60 KB) (© bpb)

Im Jahr 2013 hatten danach 20,1 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Anwartschaften auf eine Betriebsrente erworben. Berücksichtigt man, dass ein Beschäftigter mehrere Anwartschaften haben kann, dann sind 17,8 Mio. Beschäftigte betrieblich abgesichert.

Der Verbreitungsgrad der bAV liegt bei rund 60 Prozent der versicherungspflichtig Beschäftigten. Da geringfügige Beschäftigungsverhältnisse (Hauptbeschäftigung) nicht erfasst werden, lässt sich davon ausgehen, dass der Verbreitungsgrad bezogen auf alle ArbeitnehmerInnen bei etwa 50 Prozent liegt. Gegenüber 2001 zeigt sich dabei ein sichtbarer Anstieg (vgl. Abbildung "Aktiv Versicherte mit Anwartschaften auf eine betriebliche Altersversorgung 2001 - 2013" der aber ab 2007 nahezu zum Stillstand gekommen ist.

Anzahl der aktiven Anwartschaften der betrieblichen Altersversorgung 2001 – 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 141 KB) (© bpb)

Die Abbildung "Anzahl der aktiven Anwartschaften der betrieblichen Altersversorgung 2001 - 2013 nach Durchführungswegen" lässt erkennen, dass sich ein Großteil der Anwartschaften auf die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und auf die öffentlichen Zusatzversorgungsträger konzentriert. Hier gibt es einen hohen, tarifvertraglich abgesicherten Verbreitungsgrad. Demgegenüber bestehen bei den Beschäftigten in der Privatwirtschaft große Absicherungslücken.

Die zu einem Zeitpunkt (in einem Jahr) gemessene Zahl der Anwartschaften lässt noch keine Aussage über den Zeitverlauf zu: Seit wie viel Jahren besteht eine Anwartschaft? Wird sie bis zum Ende der Erwerbstätigkeit weiter fortgeführt und ausgebaut? Unklar ist auch, welche Risiken bei den Betriebsrenten abgedeckt sind, welche Höhe die Anwartschaften und späteren Betriebsrenten haben und ob eine regelmäßige Anpassung der Renten an die Einkommens- und Preisentwicklung vorgesehen ist.

Befunde aus dem Mikrozensus und der Verdienststrukturerhebung



Die Datenlage zur Verbreitung von Betriebsrenten ist uneinheitlich. Einen deutlich niedrigeren Verbreitungsgrad lassen die Befunde des Mikrozensus erkennen: Nach den Ergebnissen des Mikrozensus 2009 hatten 4,4 Mio. männliche und 3,4 Mio. weibliche Arbeiter und Angestellte in den alten Bundesländern Anspruch auf eine betriebliche Altersversorgung. In den neuen Bundesländern betrugen die entsprechenden Zahlenpaare 0,7 Mio. und 0,8 Mio. Arbeitnehmer. Allerdings wussten bei der Befragung auch 2,6 Mio. Arbeitnehmer in den alten Bundesländern und 0,5 Mio. Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern nicht, ob sie Anspruch auf eine betriebliche Altersversorgung haben. Gemessen an der Gesamtzahl der Beschäftigten sind das in den neuen Bundesländern 7,8 Prozent und in den alten Bundesländern 10,2 Prozent.

Beschäftigte mit Entgeltumwandlung 2010 (PDF-Icon Grafik zum Download 129 KB) (© bpb)

Aus der Verdienststrukturerhebung des Statistischen Bundesamtes lässt sich der Anteil der Beschäftigten entnehmen, die eine Entgeltumwandlung praktizieren: 2010 waren 22,2 Prozent aller Beschäftigten − bei den Frauen 20,2 Prozent und bei den Männern 23,6 Prozent. Auch der Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern ist erheblich: Im Westen lag der Anteil bei 23,1 Prozent, im Osten bei 16,7 Prozent. Mit steigendem Alter nimmt der Anteil der Beschäftigten mit Entgeltumwandlung zu und zwar von 10,6 Prozent bei den Jüngeren (15 bis 25 Jahre) bis zu 25,5 Prozent im mittleren Alter (45 bis 55 Jahre). In der Altersklasse 55 bis 65 sinkt der Anteil dann wieder auf 22 Prozent (Abbildung "Beschäftigte mit Entgeltumwandlung 2010").

Differenziert man nach Qualifikationsstufen stehen ganz oben die Führungskräfte (37,2 %) und ganz unten die Hilfsarbeitskräfte (9 %). Noch größer ist die Spanne, wenn nach Verdienstgruppen unterschieden wird: Beschäftigte im Niedriglohnbereich haben nur zu 6,2 Prozent an der Entgeltumwandlung teilgenommen, Beschäftigte im Bereich hoher Entgelte zu zu 36,4 Prozent.

Beschäftigte mit betrieblicher Altersversorgung nach Betriebsgröße 2011 (© bpb)

Diese Ergebnisse gelten allerdings nicht für die Gesamtzahl der Beschäftigten in Deutschland. Denn die Verdienststrukturerhebung erfasst nicht die (sehr große) Zahl der Kleinbetriebe bis zu 10 Beschäftigten. Gerade in diesem Bereich sind aber die Verdienste besonders niedrig und Tätigkeiten mit niedrigen Qualifikationen besonders häufig zu finden.

Die Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung hängt in einem hohen Maße von der Größe und der Branchenzugehörigkeit der Betriebe ab (vgl. "Abbildung Beschäftigte mit betrieblicher Altersversorgung nach Betriebsgröße 2011"). Je größer der Betrieb, um so häufiger finden sich bei den Beschäftigten Versorgungsanwartschaften. Zwei Extreme können diesen Zusammenhang illustrieren: In Betrieben mit 1 bis 9 Mitarbeitern haben 30 Prozent der Beschäftigten Anwartschaften, in Betrieben mit 1.000 Mitarbeitern und mehr liegt der Verbreitungsgrad bei 84 Prozent.

Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung nach Wirtschaftszweigen 2011 (© bpb)

Bei den Branchen stehen die Bereiche Kredit/Versicherungen (84 %), Verarbeitendes Gewerbe (63 %) und Bergbau/Steine/Erde/Energie (61 %) an der Spitze. Selten zu finden - mit jeweils etwa 25 Prozent der Beschäftigten - ist die betriebliche Altersversorgung in den Bereichen Gastgewerbe, sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen und Erziehung und Unterricht (außerhalb des öffentlichen Dienstes) (vgl. Abbildung "Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung nach Wirtschaftszweigen 2011").

Durchführungswege



Deckungsmittel der betrieblichen Altersversorgung nach Durchführungswegen 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 50 KB) (© bpb)

Vergleicht man die fünf Durchführungswege nach ihrer Bedeutung, so haben die Direktzusagen das größte Gewicht: Sie decken (2013) mit 279 Mrd. Euro etwa 52 Prozent der Deckungsmittel ab. Im Jahr 2013 hatten insgesamt rund 8 Mio. Arbeitnehmer eine Anwartschaft auf betriebliche Altersversorgung im Rahmen einer Direktzusage erworben oder erhalten bereits eine Betriebsrente.

Die Deckungsmittel betrugen bei Pensionskassen 135,1 Mrd. Euro (25,1 % der Deckungsmittel), bei Unterstützungskassen 3/ Mrd. Euro (6,9 % der Deckungsmittel) und bei Direktversicherungen knapp 59 Mrd. Euro (10,9 % der Deckungsmittel). In Pensionsfonds lagen Ende 2013 etwa 28,5 Mrd. Euro, was 5,3 Prozent der gesamten Deckungsmittel entspricht (vgl. Abbildung "Aufteilung der Deckungsmittel in der betrieblichen Altersversorgung").

Ausgezahlte Betriebsrenten



Der Verbreitungsgrad der Betriebsrenten die aktuell an die nicht mehr Erwerbstätigen ausgezahlt werden, liegt − in Folge der erst in jüngerer Zeit erfolgten größeren Verbreitung − deutlich niedriger als der Verbreitungsgrad der Anwartschaften: Von den über 65jährigen bezogen im Jahr 2011 31 Prozent der Männer, aber nur 14 Prozent der Frauen eine eigene Betriebsrente. In den neuen Ländern waren es sogar nur 2 Prozent der Männer und 1 Prozent der Frauen. Unterscheidet man nach Altersjahrgängen, so steigen die Betriebsrentenzahlungen bei den jüngeren Kohorten; dies aber im Wesentlichen nur bei den Männern, kaum bei den Frauen. Denn nicht alle ArbeitnehmerInnen, die Anwartschaften erworben haben, werden später auch Betriebsrenten beziehen, wenn bei einer vorzeitigen Beendigung des Arbeitsverhältnisses die Unverfallbarkeitsregelung nicht greift. Benachteiligt sind dadurch vor allem Arbeitslose sowie Frauen, die ihr Beschäftigungsverhältnis wegen der Kindererziehung aufgeben.

Höhe der Betriebsrenten



Schichtung der Höhe der Nettorenten der betrieblichen Altersversorgung in der Privatwirtschaft 2011 (© bpb)

Nach den Befunden der Erhebung "Alterssicherung in Deutschland" zeigt sich bei der Höhe der Nettoleistungen der betrieblichen Altersversorgung in der Privatwirtschaft eine sehr breite Streuung der Zahlbeträge: Neben sehr hohen Leistungen einerseits stehen sehr niedrige Leistungen andererseits. Zugleich wird sichtbar, dass die hohen Leistungen weit überwiegend von Männern bezogen werden: 22 Prozent der Männer, aber nur 7 Prozent der Frauen erhalten eine Betriebsrente von mehr als 700 Euro. Für den größten Teil der Männer und den weit überwiegenden Teil der Frauen fallen die Betriebsrenten aber nur sehr niedrig aus: Weniger als 200 Euro erhalten 45 Prozent der Männer und 64 Prozent der Frauen (vgl. Abbildung "Schichtung der Höhe der Nettorenten der betrieblichen Altersversorgung")

Entwicklung der durchschnittlichen Betriebsrenten (brutto) in der Privatwirtschaft 1986 - 2011 (© bpb)

Auch die Durchschnittsrenten und ihre Entwicklung zwischen 1986 und 2011 werden ausgewiesen (vgl. Abbildung "Entwicklung der durchschnittlichen Betriebsrenten (brutto) in der Privatwirtschaft"). Danach lag für Männer die durchschnittliche Betriebsrente im Jahr 2011 bei 591 Euro, bei den Frauen nur bei 207 Euro. Allerdings ist zu berücksichtigten, dass diese Durchschnittswerte durch die relativ große Gruppe der sehr hohen Betriebsrenten, die AT-Beschäftigte (außertariflich bezahlte Beschäftigte) und leitende Angestellte erhalten, rechnerisch nach oben gedrückt werden.

Leistungsvolumen



Leistungen der betrieblichen Altersversorgung in der Privatwirtschaft 1991 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 136 KB) (© bpb)

Die Leistungen der betrieblichen Altersversorgung in der Privatwirtschaft betrugen – laut Sozialbudget 2014 − im Jahr 2014 rund 26 Mrd. Euro in Deutschland. Das entspricht 2,9 Prozent aller Sozialleistungen und 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (vgl. Abbildung "Leistungen der betrieblichen Altersversorgung in Mrd. Euro und in Prozent aller Sozialleistungen 1991 - 2014"). Zum Vergleich: Die gesetzliche Rentenversicherung erbrachte im Jahr 2014 Leistungen in Höhe von 270,8 Mrd. Euro. Ihr Anteil am Sozialbudget betrug damit 30,7 Prozent. Absolut betrachtet stiegen seit 1991 die Leistungen in der betrieblichen Altersversorgung um 132 Prozent, die Leistungen in der gesetzlichen Rentenversicherung hingegen um 103 Prozent. Dies zeigt, dass die Leistungen der betrieblichen Altersversorgung überproportional gestiegen sind.

Finanzierungsformen der betrieblichen Altersversorgung in der Privatwirtschaft 2001 – 2011 (PDF-Icon Grafik zum Download 129 KB) (© bpb)

Während noch vor einigen Jahren mehrheitlich die Arbeitgeber die betriebliche Altersversorgung ihrer Beschäftigten finanziert haben, so hat mittlerweile die arbeitnehmerseitige Finanzierung der betrieblichen Alterssicherung ein hohes Gewicht bekommen (vgl. Abbildung "Finanzierungsformen der betrieblichen Altersversorgung"). Hier spielt offensichtlich die Entgeltumwandlung eine Rolle. So wurde 2011 laut einer Arbeitgeberbefragung in 33 Prozent der Betriebe die Alterssicherung ausschließlich über Entgeltumwandlung finanziert; in 52 Prozent der Betriebe gab es Anwartschaften, bei denen Arbeitgeber und -nehmer gemeinsam einzahlen. Der Anteil der ausschließlich arbeitgeberfinanzierten Alterssicherung lag 2011 bei 31 Prozent; Ende 2001 hatten die Arbeitgeber noch in 54 Prozent der Betriebe mit einer Altersversorgung diese selbst finanziert.
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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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