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30.1.2020

Lebenslagen Älterer

Die alten- und rentenpolitischen Debatten haben sich von einem sehr negativen Bild von der älteren Generation (Alter als Mangelsituation) zu einem sehr positiven Bild (Potenziale des Alters) geradezu umgekehrt. Beide Sichtweisen sind jedoch zu pauschal, da sie die Unterschiedlichkeit der Lebenslagen im Alter nicht ausreichend berücksichtigen.

Haben es nicht so eilig mit der 'Rockrente': Der Gitarrist Fritz Puppel (70) von der Band City und der Sänger Dieter "Maschine" Birr (71) von der Band Puhdys stehen im Rahmen der Tour "Rock Legenden 2014" in Berlin auf der Bühne (v.l.n.r.). (picture alliance/dpa)


Die Frage nach den Lebenslagen der älteren Bevölkerung in Deutschland ist nicht einfach zu beantworten, denn diese sind höchst heterogen und die Lebensphase "Alter" bzw. die Gruppe der "älteren" Menschen lassen sich nicht eindeutig definieren.

Gängig ist die am kalendarischen Alter orientierte Festlegung. Zur älteren Bevölkerung zählen danach die über 60- oder 65-Jährigen. Der Zeitpunkt des regulären Übergangs vom Erwerbsleben in die nachberufliche Lebensphase und der Bezug einer Altersrente geben hier den Ausschlag. Allerdings: Das kalendarische Alter ist nicht mit dem biologischen, sozialen oder psychologischen Alter identisch.

Welcher Blickwinkel und welche Definition auch immer gewählt werden: Stets ist zu berücksichtigen, dass sich die Lebensphase "Alter" infolge des demografischen und sozialen Wandels der Gesellschaft in den zurückliegenden Jahren grundlegend verändert hat und in Zukunft weiter verändern wird. Vergleicht man die heutige Situation mit der der Nachkriegszeit (bis hinein in die 1960er Jahre) so sind folgende Merkmale prägend: Hier handelt es sich um einen Trend, der im Wesentlichen durch den ungebrochenen Anstieg der Lebenserwartung verursacht und sich nach den Vorausberechnungen fortsetzen wird. Die Älteren (hier die über 65-Jährigen) machen bereits aktuell gut ein Fünftel der Bevölkerung aus. In den nächsten 40 Jahren kann mit einem Anstieg auf ein Drittel gerechnet werden. Im Unterschied zur Situation bis Mitte des 20. Jahrhunderts ist die Altersphase zu einer eigenständigen, langandauernden Lebensphase geworden, die nicht selten 30 Jahre und mehr andauert.

Mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten

Angesichts dieser Dimensionen liegt es auf der Hand, dass es "die" Lebenslage "der" Älteren nicht gibt. Es handelt sich vielmehr um eine äußerst heterogene Bevölkerungsgruppe.

Zu unterscheiden ist bei der älteren Bevölkerung vor allem zwischen Pauschale Aussagen über die Situation älterer Menschen erweisen sich deshalb als wenig aussagekräftig. Über lange Zeit war eine sog. Defizitbetrachtung vorherrschend, die Älteren in der Gesellschaft galten weitgehend als inaktive und bedürftige Personen. Diesem negativen Altersbild geradezu entgegengesetzt ist das aktuelle Bild der "Generation Silber", den gesundheitlich fitten, aktiven und finanziell wohl versorgten Alten. Beide Altersbilder verallgemeinern zu stark.

Die materielle und soziale Situation der Älteren hat sich im Vergleich zu früher erheblich verbessert. Im Durchschnitt sind die Einkommens- und Versorgungslage sowie die Wohnbedingungen der älteren Generation gut. Zugleich hat sich im Zuge der ansteigenden Lebenserwartung auch der Gesundheitszustand verbessert: Die Anzahl der Jahre in weitgehender Gesundheit und damit die Möglichkeit eigenständig zu leben, hat sich deutlich erhöht. Insgesamt sind die Älteren heute im Durchschnitt aktiver als die Generation ihrer Eltern: Sie sind besser ausgebildet und mobiler, nehmen am kulturellen, sozialen und politischen Leben teil und sind im hohen Maße sozial und familiär integriert.

Risikofaktoren

Doch es gibt auch eine Gruppe von älteren Menschen, deren Einkommens- und Lebenslage als prekär anzusehen ist. Benachteiligungen im Erwerbsleben wie niedrige Qualifikation, hohe Betroffenheit von Arbeitslosigkeit, durchlöcherte Erwerbsbiografien, schlechter Gesundheitszustand und niedriges Einkommen bleiben auch in der Lebensphase des Alters bestehen und führen zu einem erhöhten Armutsrisiko. Der Hinweis, dass sich die Vermögensbestände in Deutschland auf die Bevölkerung im höheren Alter konzentrieren, darf deshalb den Blick auf die seit einigen Jahren ansteigenden Armutsgefährdungsquoten der Älteren nicht versperren.

Ebenso wenig darf übersehen werden, dass trotz des verbesserten Gesundheitszustandes im Alter, die gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Form von chronischen und Mehrfacherkrankungen zunehmen, dies besonders in der Phase der Hochaltrigkeit (80+). Altwerden und Altsein sind zwar nicht mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit gleichzusetzen, aber mehr als ein Drittel der über 80-Jährigen und mehr als die Hälfte der über 90-Jährigen sind pflegebedürftig. Je nach dem Grad der Pflegebedürftigkeit, der Art der Versorgung, der familiären Versorgung und vor allem in Abhängigkeit von der Höhe des Einkommens befinden sich viele Pflegebedürftige in einer äußerst schwierigen Lebenslage. Dies wirkt zurück auf die pflegenden Angehörigen.

Auf einen Blick: Lebenslagen Älterer

Stand: 2016/2017

Bevölkerung über 65 Jahre17,2 Mio.
Bevölkerung über 80 Jahre4,6 Mio.
Verbleibende Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren
Männer17,8 Jahre
Frauen21,0 Jahre
Frauenanteil
80- bis 90-Jährige64 %
über 90-Jährige77 %
Familienstand der über 80-jährigen Frauen
Verwitwet67 %
Verheiratet 22 %
Familienstand der über 80-jährigen Männer
Verwitwet27 %
Verheiratet 67 %
Anteil der Pflegebedürftigen an der jeweiligen Bevölkerung
80 - 85 Jahre27 %
85 - 90 Jahre40 %
90 und mehr Jahre66 %
Anteil der zu Hause gepflegten Pflegebedürftigen
85 - 90 Jahre67 %
90 und mehr Jahre57 %
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Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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