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24.1.2011

Wahlen, Wähler, Wahl-O-Mat

Der Wahl-O-Mat hat sich als feste Informationsgröße in Wahlkampfzeiten etabliert. Sein Erfolg beruht auch auf einem Wandel im Wahlverhalten. Dabei bietet der Wahl-O-Mat Grundlagen für eine stärker sachpolitisch ausgerichtete Wahlentscheidung und entwickeln somit ein Gegenkonzept zu den Tendenzen der Personalisierung.

Einleitung

Seit der ersten Onlinestellung eines Wahl-O-Mat anlässlich der Wahl zum Deutschen Bundestag im Jahr 2002 sind bei den sich anschließenden Bundestagswahlen 2005 und 2009, bei den Europawahlen 2004 und 2009 sowie bei zahlreichen Landtagswahlen verschiedene Versionen dieser Internet-Applikation entwickelt und eingesetzt worden. Das Funktionsprinzip dieses Online-Tools ist vergleichsweise einfach: Der Wahl-O-Mat konfrontiert den User mit 30 bis 40 Thesen aus unterschiedlichen Politikfeldern, die im jeweiligen Wahlkampf eine Rolle spielen, etwa: "Es soll ein flächendeckender Mindestlohn eingeführt werden." Die Internetnutzer können sich zu diesen Aussagen positionieren, indem sie "stimme zu", "stimme nicht zu" oder "neutral" anklicken (respektive die These überspringen). Bevor der Wahl-O-Mat online gestellt wird, haben die Parteien ihre Positionen zu den Thesen festgelegt. Der Wahl-O-Mat kalkuliert, nachdem der jeweilige Nutzer über alle Thesen "abgestimmt" hat, welche Partei dem User mit Blick auf die Thesen am nächsten steht und wie weit entfernt andere Parteien von dieser Position liegen. Vor der Ergebnisanzeige besteht die Möglichkeit, Thesen zu markieren, die dem Nutzer besonders wichtig sind; diese werden bei der Berechnung der Nähe zu den Parteien stärker gewichtet. Außerdem wählt der Nutzer Parteien aus, die bei der Kalkulation berücksichtigt werden sollen. Am Ende hat der User die Möglichkeit, sich die Ergebnisse thesen- und parteigenau anzuschauen sowie Begründungen der Parteipositionen einzusehen.

Der Wahl-O-Mat, der von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) entwickelt und bereitgestellt wird, gehört zu den am stärksten nachgefragten Online-Angeboten im Bereich der politischen Bildung. Schon bei seinem ersten Einsatz erreichte er eine große Zahl potenzieller Wähler. Der vorläufige Höchstwert an Nutzungen war anlässlich der Bundestagswahl 2009 zu verzeichnen; unmittelbar vor jener Wahl wurde der Wahl-O-Mat rund 6,7 Millionen Mal gespielt(vgl. Tabelle der PDF-Version).

Seit 2002 sind das äußere Erscheinungsbild und das Rahmenangebot des Wahl-O-Mat modifiziert worden. Es wurden zusätzliche Auswertungs- und Informationsmöglichkeiten integriert sowie didaktische Materialien für den Schulunterricht entwickelt und eingestellt. Verändert hat sich auch die Auswahl der Parteien, die berücksichtigt werden. Bis in das Jahr 2008 wurden nur die bereits im Parlament vertretenen Parteien ins Tool aufgenommen sowie Parteien, denen aufgrund einschlägiger Umfragen Chancen zugesprochen wurden, Mandate im jeweiligen Parlament zu erlangen - in der Regel also vier bis sechs Parteien. Anlässlich einer richterlichen Intervention entschied die bpb, im Weiteren alle zur jeweiligen Wahl mit einer Landesliste zugelassenen Parteien einzuladen, die Wahl-O-Mat-Thesen zu beantworten, sodass nun mitunter weit mehr als 20 Parteien teilnehmen können. Dies hatte wiederum technische Veränderungen des Tools zur Folge. In der neuen Variante nimmt der Nutzer vor Anzeige des Ergebnisses aus der Gesamtgruppe der zugelassenen und am Wahl-O-Mat beteiligten Parteien eine Auswahl von acht Parteien vor, deren Positionen mit seinen eigenen abgeglichen werden sollen. Um trotz der Zunahme der Parteienanzahl eine ausreichende Unterscheidbarkeit zu gewährleisten, wurde zudem die Anzahl der Thesen von vormals 30 auf nun 38 erhöht. Schließlich wurde die Gewichtungsoption gestärkt.

Nach mehr als 15 online gestellten Versionen scheint der Wahl-O-Mat zu einem obligatorischen Bestandteil der Vorwahlöffentlichkeit geworden zu sein. Die Wahl-O-Mat-Einsätze werden von einer intensiven Medienberichterstattung begleitet. Auf das Tool wird von vielen anderen Websites verlinkt, und die jeweilige Version des Wahl-O-Mat wird von prominenten Medienpartnern gehostet. Der Begriff "Wahl-O-Mat" hat mittlerweile sogar einen Platz im Duden gefunden.

Mit seiner Funktionslogik gehört der Wahl-O-Mat zur Gruppe von Online-Tools, die in der wissenschaftlichen Debatte als Voting Advice Application (VAA) bezeichnet werden.[1] Neben dem deutschen Wahl-O-Mat hat sich in den vergangenen Jahren eine Vielzahl baugleicher oder zumindest ähnlicher Tools in anderen Ländern etabliert. Zu den - gemessen an ihrer Nachfrage - besonders erfolgreichen VAAs gehören "StemWijzer" und "Kieskompas" (Niederlande), "Wahlkabine" (Österreich), "smartvote" (Schweiz), der "VoteMatch UK" (Großbritannien) und "Yleisradiossa" (Finnland). Auch für die Wahlen zum Europäischen Parlament sind bereits Voting Advice Applications zum Einsatz gekommen ("VoteMatch EU", "EU Profiler"). Den VAAs ist gemeinsam, dass sie ihre Nutzerinnen und Nutzer auffordern, zu ausgewählten politischen Fragen Stellung zu beziehen. Auf der Grundlage eines Abgleichs mit Parteipositionen kalkulieren VAAs die Nähe zu den jeweiligen Parteien. Unterschiede bestehen freilich im Detail, etwa wie die Thesen entwickelt werden, von welcher Art von Organisation das Tool betrieben wird oder in welcher Form das Ergebnis berechnet und angezeigt wird.

Vieles spricht dafür, dass die Ausbreitung von VAAs anhält und dass sie in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen werden. Der Wahl-O-Mat und seine Verwandten werden davon profitieren, dass sich die Bedeutung der Online-Kommunikation in den kommenden Wahlkämpfen festigen und ausbauen wird. Bereits jetzt hat sich das Internet zu einer Plattform entwickelt, auf der ein großer Anteil der Wahlkampfkommunikation stattfindet und die für die Wähler zu einem immer wichtigeren Ort der Meinungsbildung vor dem Wahltag geworden ist. Das wird sich auch positiv auf das Angebot und die Nachfrage parteiunabhängiger Internet-Applikationen auswirken. Aber auch andere Entwicklungen sprechen für den weiteren Erfolg.

Wahl-O-Mat und sich wandelndes Wahlverhalten

Dem Wahl-O-Mat und den baugleichen Tools kommen Trends im Wahlverhalten entgegen, die in den vergangenen Jahren, mitunter Jahrzehnten zu beobachten sind. Insbesondere zur Frage, welche Faktoren wie auf die Wahlentscheidung wirken, liegen aufschlussreiche Befunde der Wahl- und Einstellungsforschung vor, welche die künftige Rolle der VAAs in einem für diese günstigen Licht erscheinen lassen.

Im klassischen Ann-Arbor- oder Michigan-Modell, dem "wichtigste(n) Paradigma der empirischen Wahlforschung",[2] werden drei Faktoren identifiziert, die auf die Wahlentscheidung einwirken: [3] erstens die Parteiidentifikation, also die langfristig stabile und affektive Bindung an eine Partei. Die Parteiidentifikation ist verbunden mit einer hohen Bereitschaft, zur Wahl zu gehen; sie entsteht im Rahmen von Sozialisationsprozessen und/oder durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe. Zweitens wäre die Kandidatenorientierung zu nennen, also die Einschätzung der zur Wahl stehenden Personen und ihrer Kompetenzen. Zum Kandidatenimage gehören sowohl Persönlichkeitseigenschaften (Ausstrahlung und Attraktivität) als auch politisch relevante Facetten, insbesondere die unterstellte Problemlösungskompetenz sowie das Gesamturteil über die Kandidaten.[4] Der Kandidatenorientierung wird aufgrund der Personalisierungstendenzen in "Mediendemokratien" eine zunehmende Bedeutung attestiert. Dritter Faktor ist die Sachfrageorientierung, also die Ausrichtung der Wahlentscheidung an politischen Themen (issues) und den entsprechenden Angeboten der Parteien. Wichtig ist bei der Sachfrageorientierung das Konzept der issue salience:[5] Nicht alle Themen sind für die Bürgerinnen und Bürger von gleichem Interesse; vielmehr werden seitens der Wählerschaft individuell verschieden bestimmten Sachfragen eine besondere Bedeutung (salience/Salienz) zugeschrieben. Die Parteiidentifikation hat Auswirkungen auf die Effektivität der anderen beiden kurzfristig wirkenden Faktoren. So werden beispielsweise Personen mit einer klaren Parteipräferenz die Kandidaten "ihrer" Partei positiver wahrnehmen als die Kandidaten der anderen Parteien.[6] Ohnehin gilt die Parteiidentifikation als der Faktor, der (immer noch) am besten in der Lage ist zu erklären, wer welche Partei wählt. [7]

In den westlichen Demokratien ist in den vergangenen Jahrzehnten parallel zu einem Rückgang der Mitgliedschaften in den Parteien eine Abnahme der Parteiidentifikation diagnostiziert worden.[8] Auch in Deutschland ist der Anteil derjenigen Bürger, die eine langfristig stabile Bindung zu einer Partei aufgebaut haben, im Sinken begriffen, wenngleich eine Mehrheit der Wähler noch eine zumindest schwache Parteiidentifikation aufweist.[9] Zur Erklärung der abnehmenden Parteibindung wird auf die Auflösung der traditionellen gesellschaftlichen parteigebundenen Milieus sowie auf die Bildungsexpansion verwiesen. Eine rückläufige Parteiidentifikation hat einen Anstieg der "Volatilität" zur Folge, also des Trends, von Wahl zu Wahl für unterschiedliche Parteien zu stimmen. In der Tat ist die Anzahl der Wechselwähler gestiegen.[10] Auch hat die Zahl derjenigen zugenommen, die kurz vor einer Wahl noch nicht zu einer abschließenden Entscheidung gelangt sind. Bei der Bundestagswahl 2009 waren noch eine Woche vor der Wahl 15 Prozent (2005: 11 Prozent) unsicher, was ihre Wahlentscheidung betraf, und 26 Prozent (2005: 21 Prozent) gaben an, dass sie nicht zur Wahl gehen würden oder noch nicht wüssten, ob und wen sie wählen werden.[11]

Abnehmende Parteiidentifikation geht einher mit sinkender Wahlbeteiligung. Zwar bewegt sich letztere - zumindest bei Bundestagswahlen - noch immer auf einem im europäischen Vergleich betrachtet hohen Niveau. Nichtsdestoweniger lässt sich bei Bundestagswahlen insgesamt, aber noch deutlicher bei Landtagswahlen seit den 1980er Jahren ein Rückgang der Wahlbeteiligung beobachten.[12] Nimmt die Parteiidentifikation ab, werden dem erwähnten Modell zufolge die Faktoren Kandidaten- und Sachorientierung für die Wahlentscheidung relevanter. Hierbei handelt es sich um Orientierungspunkte, die kurzfristig - auch auf die Bereitschaft zur Wahlbeteiligung - wirken können.

Wie lassen sich nun VAAs wie der Wahl-O-Mat in diese Entwicklungen einsortieren? Der Wahl-O-Mat ist wie seine Schwester-Tools eine Applikation, welche ausschließlich politische Positionen beziehungsweise Sachfragen, also issues, in den Vordergrund stellt: Knapp 40 Thesen zu politischen Fragen, die im Wahlkampf eine Rolle spielen, werden präsentiert. Zudem können die Nutzer ihre issue-Salienz zum Ausdruck bringen, indem sie vor der Berechnung des Ergebnisses die Thesen markieren, die ihnen persönlich besonders wichtig sind. Der Wahl-O-Mat blendet die Kandidatenfrage vollständig aus; es finden sich keine Hinweise auf die zur Wahl antretenden Personen; die Thesen sprechen ausschließlich Sach- und keine Personalfragen an.

Der Wahl-O-Mat senkt für eine issue-orientierte Wahlentscheidung die "Kosten", sich sachorientiert mit Parteiprogrammen auseinanderzusetzen und diese mit den eigenen Positionen abzugleichen: Zunächst erleichtert er die Informationsrecherche und bereitet Fragestellungen, die in Parteiprogrammen oder in der politischen Diskussion zu finden sind, in einer - so der Anspruch der Thesenentwicklung - verständlichen Art auf. Der Wahl-O-Mat nimmt schließlich auf der Grundlage der Antworten zu einer Reihe von issues einen komfortablen, einfachen und daher für den User leicht nachvollziehbaren Vergleich zwischen den eigenen Positionen und den Programmen der Parteien vor. Senkt der Wahl-O-Mat die Informationskosten und gibt er Orientierung für die Wahlentscheidung, müsste er auch einen Effekt auf die Wahlbeteiligung haben.[13] Die Bereitschaft, zur Wahl zu gehen, sollte folglich durch die Wahl-O-Mat-Nutzung erhöht werden.

Wähler und der Wahl-O-Mat

Wie wirkt der Wahl-O-Mat auf seine User angesichts seiner Eigenschaft, ein issue-fokussiertes Tool zu sein? Um diese Frage zu beantworten, kann auf Untersuchungen der Wahl-O-Mat-Nutzer zurückgegriffen werden, die seit 2003 immer wieder durchgeführt worden sind.[14] Unmittelbar nach dem Spiel wird bei den Wahl-O-Mat-Einsätzen eine zufällig ausgewählte Gruppe von Nutzern gebeten, online an einer Befragung teilzunehmen. Diese umfasst Fragen zu den demografischen Eigenschaften der Nutzer, zu ihrer Motivation, den Wahl-O-Mat zu spielen, zu ihrem politischen Interesse und Engagement sowie zu den (voraussichtlichen) Effekten, welche die Nutzung des Tools mit sich bringt.

In der folgenden Analyse wird auf die Befragung zum Bundestags-Wahl-O-Mat 2009 Bezug genommen, bei der 45613 Personen den Fragebogen vollständig ausgefüllt haben. Die Befragten sind nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, auch nicht für die Online-Gemeinde. Die Befunde erlauben aber Aussagen über diejenigen, die den Wahl-O-Mat benutzen, sowie über die (vermutlichen) Wirkungen des Tools auf seine Spieler.

Dass die oben dargestellte issue-orientierte Funktionslogik des Wahl-O-Mat greift, dafür gibt es in den Befragungsergebnissen eine Reihe von Hinweisen. An zwei Befunden wird deutlich, dass der Wahl-O-Mat eine sachpolitische Ausrichtung der Wahlentscheidung unterfüttert: 64,4 Prozent der Befragten bejahen die Aussage, dass der Wahl-O-Mat ihnen dabei geholfen habe, die Unterschiede zwischen den Parteien klarer werden zu lassen - Unterschiede, die sich, da der Wahl-O-Mat nur issues behandelt, nur auf die sachpolitischen Differenzen zwischen den Parteien beziehen können. Fast die Hälfte der Befragten (48,1 Prozent) bestätigt, dass der Wahl-O-Mat sie auf bundespolitische Themen aufmerksam gemacht habe - somit auf issues, die den Wahl-O-Mat-Usern in ihrer Entscheidungsfindung zuvor nicht präsent waren. Diese Zahl liegt bei Europa- und Landtagswahlen noch deutlich höher: Dort sind es bis zu drei Viertel der Befragten, die bestätigen, dass der Wahl-O-Mat sie auf Themen der jeweiligen Landes- oder der Europapolitik aufmerksam gemacht hat.

Wie münden diese Erkenntnisse in das Wahlverhalten und in politische Beteiligung? Welche issue-bezogenen Effekte hat die Wahl-O-Mat-Nutzung? Zunächst lässt sich festhalten: Das Spielen des Tools zeitigt in der Tat Folgen auf das politische Verhalten und Handeln. Eine große Anzahl der Nutzer (70,5 Prozent) gibt an, dass sie über das Wahl-O-Mat-Ergebnis mit anderen sprechen werden. Ob die Befragten später tatsächlich über die issues und die Positionen der Parteien zu den sachpolitischen Thesen gesprochen haben, ist nicht ermittelt worden, kann allerdings aus guten Gründen vermutet werden. 52,1 Prozent der Wahl-O-Mat-Nutzer sagen, dass sie sich im Anschluss an das Spielen des Wahl-O-Mat weiter politisch informieren werden. Es ist davon auszugehen, dass es sich um eine issue-orientierte Informationssuche handelt. Entsprechend hohe Klickzahlen lassen sich auf den Informationsbuttons verzeichnen, die in der Auswertung hinter den einzelnen Thesen geschaltet sind und die Möglichkeit geben, sich zu Dossiers zu den jeweiligen Themen führen zu lassen.[15]

Trotz dieser sachpolitischen Orientierung und Aktivierung: In den Umfragen zeigen sich gleichwohl auch Grenzen der Mobilisierung durch den Wahl-O-Mat - zumindest auf den ersten Blick: So hat die Wahl-O-Mat-Nutzung scheinbar nur geringe Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung, denn lediglich 7,1 Prozent der Befragten gaben an, dass der Wahl-O-Mat sie motiviert habe, tatsächlich an der Bundestagswahl teilzunehmen, obwohl sie dies nicht vorgehabt hatten. Und obgleich die Hälfte der Befragten äußert, dass der Wahl-O-Mat ihnen bei der Wahlentscheidung geholfen habe (46,1 Prozent), sagt nur ein geringer Teil der Befragten (rund acht Prozent), dass sie ihre Wahlabsicht aufgrund der Wahl-O-Mat-Nutzung "voraussichtlich" ändern werden. Ob dies tatsächlich geschieht, kann wiederum nicht nachgehalten werden. Die Frageformulierung legt nahe, dass der reale Anteil deutlich niedriger liegt. [16]

Warum ist dieser spezielle, mobilisierende Effekt des Wahl-O-Mat, obwohl dieser sachpolitische Orientierung gibt und ein entsprechendes Aktivierungspotential hat, geringer, als man vermuten könnte? Dies hängt mit der typischen Nutzerschaft des Tools zusammen. Was die Nutzer zunächst generell auszeichnet, ist, dass sie durchschnittlich jünger sind als die Online-Gemeinde und damit deutlich jünger als die deutsche Bevölkerung. 38,4 Prozent geben an, unter 30 Jahre alt zu sein. Die Wahl-O-Mat-Nutzer sind zudem formal hoch gebildet: Rund 45 Prozent der Befragten verfügen über einen Hochschulabschluss oder sind im Begriff, diesen zu erwerben; der Anteil derjenigen mit formal niedriger Bildung ist gering; weniger als ein Drittel gibt an, einen Hauptschulabschluss/Mittlere Reife zu besitzen oder anzustreben. Was ihren Ausbildungsstand betrifft, sind die Wahl-O-Mat-Nutzer somit alles andere als repräsentativ für die Bevölkerung.

In einer weiteren Hinsicht sind die Nutzer des Tools untypisch: Sie zeichnen sich durch hohes politisches Interesse und Engagement aus (vgl. Abbildung der PDF-Version). Nahezu vier Fünftel behaupten von sich, politisch interessiert zu sein. Dies spiegelt sich in den Aussagen zu ihrem politischen Verhalten wider: Fast zwei Drittel geben an, häufig über Politik zu sprechen. Ein im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung großer Anteil ist parteipolitisch oder in einer sonstigen Organisation aktiv: Sechs Prozent sind Parteimitglieder (dagegen nur rund zwei Prozent der Gesamtbevölkerung). Ihr politisches Interesse zeigt sich auch in einer ausgeprägten Bereitschaft, zur Wahl zu gehen. Mehr als 90 Prozent der Nutzer haben dies vor; die tatsächliche Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009 lag um rund 20 Prozentpunkte niedriger.

Noch eine Beobachtung ist insbesondere für die Frage nach dem Wahlverhalten aufschlussreich: Wenn es darum geht, das angezeigte Ergebnis des Wahl-O-Mat einzuordnen, wurde gefragt, ob die Nutzer überhaupt eine "klare politische Position" einnehmen. Eine deutliche Mehrheit bestätigt dies. Nur 13,3 Prozent geben an, keine parteipolitische Präferenz zu haben. Insofern scheint die überwiegende Anzahl der Nutzer des Wahl-O-Mat zu der insgesamt schrumpfenden Gruppe von Wählern zu gehören, die eine starke Parteiidentifikation besitzen. Dass der Wahl-O-Mat auf eine deutliche Parteipräferenz seiner Nutzer stößt, wird auch an der dominanten Motivation deutlich, das Tool zu spielen. Die Mehrheit der Befragten (50,6 Prozent) gibt an, den Wahl-O-Mat zu nutzen, um die eigenen politischen Positionen mit denen der ihnen nahestehenden Partei abzugleichen, was wiederum voraussetzt, dass man eine Partei als "nahestehend" identifiziert hat. Nur 22,1 Prozent sagen ausdrücklich, dass ihr Hauptmotiv, den Wahl-O-Mat zu benutzen, die Suche nach einer Orientierung für die Wahlentscheidung gewesen sei.

Vor diesem Hintergrund liest sich die Wahl-O-Mat-bedingte Steigerung der Wahlbeteiligung nochmals anders. Dass die Mobilisierung mit 7,1 Prozent doch vergleichsweise hoch ist, wird daran deutlich, dass die typischen Wahl-O-Mat-Spieler aufgrund ihres ausgeprägten politischen Interesses, ihrer hohen formalen Bildung und ihrer starken Parteiorientierung offenbar ohnehin schon zu den bereits Mobilisierten gehören.[17] Von den noch nicht Mobilisierten wird wiederum ein beachtlicher Teil vom Wahl-O-Mat aller Wahrscheinlichkeit nach zum Wahllokal gebracht.[18]

Die Funktionslogik des Wahl-O-Mat mit seiner issue-Orientierung scheint somit letzten Endes zu greifen, wenngleich sie dort an Mobilisierungsgrenzen stößt, wo sie auf bereits sich beteiligende und parteipolitisch vorgeprägte User trifft. Zugleich steht der Wahl-O-Mat dort vor Schranken, wo er mit seinen knapp 40 Thesen zwar eine breite Themendecke entfaltet, aber dennoch eine Auswahl vornimmt, bei der nie alle Themen von individueller Bedeutsamkeit berücksichtigt werden (können). Auch bei der Gewichtung vermögen die User nur bedingt den Grad der jeweiligen issue-Salienz zum Ausdruck zu bringen, also wie wichtig ihnen persönlich ein Sachthema ist.[19] Schließlich erlaubt der Wahl-O-Mat auch Inkonsistenzen in den Antwortmustern; sich widersprechende Thesenpositionen werden nicht markiert oder korrigiert. Insofern kann der Wahl-O-Mat keine valide "Empfehlung" produzieren, sondern bietet einen ersten Einstieg in eine issue-orientierte Auseinandersetzung mit den zur Wahl stehenden Parteien und ihren Positionen.

Chancen und Grenzen

VAAs wie der Wahl-O-Mat scheinen zur rechten Zeit zu kommen. Sie treffen nicht nur auf eine wachsende Rolle der Internetkommunikation in der Politik generell und im Wahlkampf speziell, sondern werden auch begünstigt vom Trend einer abnehmenden Parteiidentifikation. VAAs bieten Grundlage für eine stärker sachpolitisch ausgerichtete Wahlentscheidung und entwickeln somit ein Gegenkonzept zu den Tendenzen der Personalisierung, die sowohl in den alten, im Besonderen in den elektronischen Bildmedien, aber auch im Internet zu finden ist und die zu einer Stärkung der Kandidatenorientierung in der Wahlentscheidung führen könnte.

Applikationen wie der Wahl-O-Mat senken für eine eher issue-orientierte Wahlentscheidung die "Kosten", sich über die Parteien zu informieren und die Positionen der Parteien untereinander und mit den eigenen zu vergleichen. Der Wahl-O-Mat erlaubt es, die jeweilige issue-Salienz in die Berechnung mit einzubeziehen. Für den User lässt sich im Detail nachvollziehen, in welchen Punkten welche Partei einem am nächsten steht. Dabei sind die Grenzen markiert: Es kann nur eine Auswahl von sachpolitischen Fragen präsentiert werden. Die Bedeutung der einzelnen issues für die Wählerin oder den Wähler kann nur schematisch zum Ausdruck gebracht werden.

Der Wahl-O-Mat trifft größtenteils auf Nutzer, die eine vergleichsweise klare parteipolitische Position vorweisen. Diese haben in der Regel ihre Entscheidung für die eine oder andere Partei bereits gefällt. Nichtsdestoweniger aktiviert der Wahl-O-Mat: Er kann einen großen Teil derjenigen mobilisieren, die "eigentlich" nicht vorhatten, an der Wahl teilzunehmen. Er kann einen erheblichen Teil der Nutzer, die sich normalerweise wenig oder überhaupt nicht politisch engagieren, motivieren, sich politisch zu informieren und zu beteiligen. Bei bereits mobilisierten Nutzern stößt er ebenfalls Anschlussdiskussionen und eine sachpolitisch ausgerichtete Informationssuche an.

Es spricht einiges dafür, dass in den kommenden Jahren die issue-Orientierung der Wähler stark bleibt, wenn nicht noch stärker wird, und die Wechselwählerschaft zunimmt. In diesem Fall werden auch der Wahl-O-Mat und die anderen Voting Advice Applications an Relevanz gewinnen. Sie verdienen deswegen verstärkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit.

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    Fußnoten

    1.
    Vgl. Lorella Cedroni/Diego Garzia (eds.), Voting Advice Applications in Europe: The State of the Art, Napoli 2010.
    2.
    Oscar W. Gabriel/Silke I. Keil/S. Isabell Thaidigsmann, Kandidatenorientierungen und Wahlentscheid bei der Bundestagswahl 2005, in: Oscar W. Gabriel/Bernhard Wessels/Jürgen W. Falter (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2005, Wiesbaden 2009, S. 269
    3.
    Vgl. Angus Campbell/Philip E. Converse/Warren E. Miller/Donald E. Stokes, The American Voter, New York 1960; Harald Schoen/Cornelia Weins, Der sozialpsychologische Ansatz zur Erklärung von Wahlverhalten, in: Jürgen W. Falter/Harald Schoen (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2005.
    4.
    Vgl. Oscar W. Gabriel/Katja Neller, Kandidatenorientierungen und Wahlverhalten bei den Bundestagswahlen 1994-2002, in: Jürgen W. Falter/Oscar W. Gabriel/Bernhard Weßels (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2002, Wiesbaden 2005, S. 222.
    5.
    Vgl. Patrick Fournier/André Blais/Richard Nadeau/Elisabeth Gidengil/Neil Nevitte, Issue Importance and Performance Voting, in: Political Behavior, 25 (2003) 1, S. 51-67.
    6.
    Vgl. Frank Brettschneider, Spitzenkandidaten und Wahlerfolg. Personalisierung - Kompetenz - Parteien. Ein internationaler Vergleich, Wiesbaden 2002, S. 102-107.
    7.
    Vgl. H. Schoen/C. Weins (Anm. 3), S. 217.
    8.
    Vgl. Russell J. Dalton/Martin P. Wattenberg (Hrsg.), Parties Without Partisans: Political Chance in Advanced Industrial Democracies, Oxford 2000.
    9.
    Bernhard Wessels, Re-Mobilisierung, "Floating" oder Abwanderung? Wechselwähler 2002 und 2005 im Vergleich, in: Frank Brettschneider/Oskar Niedermayer/Bernhard Wessels (Hrsg.), Die Bundestagswahl 2005: Analysen des Wahlkampfes und der Wahlergebnisse, Wiesbaden 2009.
    10.
    Vgl. Harald Schoen, Wechselwähler in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland: Politisch versiert oder ignorant?, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 35 (2004) 1, S. 99-112.
    11.
    Vgl. Forschungsgruppe Wahlen, Politbarometer September III 2009, online: www.forschungsgruppe.de/Umfragen_und_ Publikationen/Politbarometer/Archiv/ Politbarometer_2009/September_III (20.11.2010).
    12.
    Vgl. www.bundeswahlleiter.de (20.11.2010).
    13.
    Beispielsweise, wenn er auf die Unterschiede zwischen Parteien aufmerksam macht: Diese Unterschiede zu erkennen steigert die Bereitschaft, zur Wahl zu gehen; vgl. Thorsten Faas, Das fast vergessene Phänomen. Hintergründe der Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009, in: Karl-Rudolf Korte (Hrsg.), Die Bundestagswahl 2009. Analysen der Wahl-, Parteien-, Kommunikations- und Regierungsforschung, Wiesbaden 2010.
    14.
    Vgl. zur Methode und den Ergebnissen der Befragungen die Seite der Wahl-O-Mat-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, online: www.uni-duesseldorf.de/wahl-o-mat.
    15.
    Bei dem Bundestags-Wahl-O-Mat sind diese Informationen über eine Million Mal aufgerufen worden; vgl. Fakten zum Wahl-O-Mat, online: www.bpb.de/methodik/KZ6IKY,0,Fakten_ zum_WahlOMat.html (20.11.2010).
    16.
    Dabei profitiert keine einzelne Partei signifikant von diesen Bewegungen, da sie sich zwischen den Parteien neutralisieren.
    17.
    Vgl. Stefan Marschall/Christian K. Schmidt, Preaching to the Converted or Making a Difference? Mobilizing Effects of an Internet Application at the German Elections 2005, in: David Farrell/Rüdiger Schmitt-Beck (eds.), Non-Party Actors in Electoral Politics: The Role of Interest Groups and Independent Citizens in Contemporary Election Campaigns, Baden-Baden 2008.
    18.
    16 Prozent der Wahl-O-Mat-Nutzer zur Bundestagswahl stufen sich selbst als politisch desinteressiert ein.
    19.
    Die Nutzerinnen und Nutzer können Thesen markieren, die ihnen "wichtig" sind. Eine weitere Abstufung ist bislang nicht möglich.

    Stefan Marschall

    WOM_APUZ_marshall_80.jpg Zur Person

    Stefan Marschall

    Stefan Marschall, geboren 1968 in Gerolstein, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Düsseldorf. Seit 2003 leitet er das Experten-Team des Wahl-O-Mat.


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